Till Hahn
Ausgabe 4915 | 08.12.2015 | 06:00 11

Jetzt mal echter Feminismus

Ausbeutung Nina Power interessiert sich nicht für die kleinen, feinen Schritte. Die britische Philosophin kämpft für eine Revolution

Jetzt mal echter Feminismus

Nina Power will keine Schokolade, sie will Revolution

Illustration: der Freitag; Material: iStockphoto, Fotolia

Viele Studierende sind unzufrieden nach der Rede. Gerade hat Nina Power an der Goethe-Universität Frankfurt ihr neues Buch vorgestellt. Darin geht es um Das kollektive politische Subjekt. Die einen sind enttäuscht, weil sie erwartet haben, einer britischen Gelehrten lauschen zu können, wie sie über die großen alten Männer der Philosophie spricht. Die anderen, weil sie auf das flammende Pamphlet einer scharfzüngigen Autorin gehofft hatten. Bekommen haben alle das Gleiche: Die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die ihre Kraft in den Dienst der Philosophie stellt, weil sie sich von ihr eine Perspektive zur Verbesserung der Lebensumstände von Millionen von Menschen verspricht; Frauen, Männern und allem, was dazwischen ist.

Frauen und Schokolade

Dass Nina Power selten Erwartungen erfüllt, gehört zu ihren großen Stärken. „Ich glaube, es gibt eine ziemlich reale Erwartung, dass Frauen immer ‚Schokolade‘ sagen sollen, wenn sie jemand fragt, was sie wollen“, schreibt sie in ihrem 2011 auf Deutsch erschienenen Essay Die eindimensionale Frau. Power will aber keine Schokolade, sie will Revolution. Gründe dafür gibt es genug, besonders im turbokapitalistischen England, wo sie aufgewachsen ist und heute eine Dozentur für Philosophie innehat. Was sie von anderen radikalen Feministinnen ihrer Generation, wie etwa Laurie Penny, abhebt, ist die theoretische Basis, auf der sie arbeitet. Promoviert hat sie an der University of Middlesex, bis vor einigen Jahren das Zentrum der englischen Cultural Studies. Diese englische Tradition, in der kulturelle Erzeugnisse und massenmediale Ereignisse genauso in die kritische Analyse mit einfließen wie Texte der Theoriebildung, hat sie in ihrem Denken beeinflusst. Noch mehr aber hat sie die politische Wirklichkeit Englands zu Beginn des 21. Jahrhunderts geprägt.

„Als ich anfing, habe ich beim Schreiben nicht daran gedacht, Feministin zu sein; das kam automatisch, weil ich die einzige Frau an der philosophischen Fakultät war. Mein Projekt war also eher, die Vernunft wieder für jeden in Anspruch zu nehmen – nicht nur für weiße heterosexuelle Männer“, sagt sie im Gespräch. Power ist Anfang 30, genaue Angaben macht sie nicht. Mit ihrem roten Rollkragenpullover und den streng gebundenen Haaren sieht sie aus wie eine englische Hausfrau aus einem J.-K.-Rowling-Roman. Doch der Eindruck verfliegt schnell, wenn man sie reden hört. Für jeden die Vernunft in Anspruch zu nehmen, das hieß für sie zunächst, gegen einen postmodernen, entpolitisierten Feminismus anzuschreiben. Das Ergebnis war das aufsehenerregende Essay von der eindimensionalen Frau. Die Schrift ist ein Pamphlet gegen den seit den 90er Jahren populären Sex-and-the-City-Feminismus, der unter der Befreiung der Frau eine Befreiung der Kaufkraft versteht. Teure Schuhe, schöne Kleider, einen gutaussehenden, charmanten und wenn möglich kultivierten Mann. Und falls ein solcher gerade nicht da ist, dann doch bitte einen edlen Vibrator. All das soll eine moderne, selbstbestimmte Frau brauchen, um als selbstbestimmt durchgehen zu können.

Die Philosophin Power setzt dem die radikale Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse entgegen: „Ein Feminismus ohne Politik ist so viel wert wie eine mit Strasssteinchen besetzte Smartphone-Hülle.“ Wo der Pop-Feminismus über die Must-haves der modernen Frau redet, skandalisiert Power die Arbeitsverhältnisse, die dahinterstehen; wo Lifestyle-Magazine Schminktipps für erfolgreiche Frauen verteilen, analysiert Power die Ausbeutung des weiblichen Körpers im Kapitalismus.

All das ist nicht voraussetzungslos. Es gibt schon einen Grund, warum Kolleginnen wie Laurie Penny sie gerne als Dr. Nina Power zitieren. Während in den meisten zeitgenössischen feministischen Schriften eher selten auf einen Denker verwiesen wird (in der Regel Jean Baudrillard, Michel Foucault oder Judith Butler), jongliert Nina Power mit allen wichtigeren Theorien der Gegenwart. Einerseits ist es erfreulich, die Philosophie nicht nur als Erfüllungshelferin dieses oder jenes politischen Arguments zu sehen, andererseits macht es viele ihrer Schriften schwer zugänglich. Ihr eindimensionales Essay war dabei noch recht einfach gehalten.

Die Aufsätze, die sie nun in dem Band Das kollektive politische Subjekt versammelt hat, richten sich fast ausschließlich an ein akademisches Publikum. Die Thesen, die sie hier formuliert, sind weit über den reinen Feminismus hinaus relevant. Vor allem, weil sie darlegen, dass eine Befreiung der Frau nicht ohne eine Veränderung der Produktionsprozesse zu denken ist.

Die Essays, die bisher nur verstreut in britischen Fachzeitschriften vorlagen, behandeln die Frage nach der Handlungsfähigkeit kollektiver politischer Subjekte. Gemeint sind damit Gruppen, die als Einheit im politischen Raum auftreten. Entlehnt ist der Begriff der Marx’schen Klasse. Entscheidend bei Power ist aber, dass diese kollektiven Subjekte auf zweierlei Art entstehen können: einerseits durch positive Selbstzuschreibung, andererseits durch die negative Definition, die staatliche Instanzen vornehmen. Entstanden sind alle Aufsätze im Zeitraum von 2006 bis 2010, in dem Power ihre Doktorarbeit in Middlesex schrieb. Daher rührt wohl der akademische Ton. In diese Zeit fallen auch die Unruhen, in denen sich die Studenten gegen die Verdreifachung der Studiengebühren wehrten. Auf die teils gewalttätigen Proteste der Studenten reagierte der Staat seinerseits mit Repression und Gewalt.

Schlacht um Studiengebühren

„Die Proteste waren der Zeitpunkt meiner Politisierung“, erzählt Power. Sie habe sich immer schon mit politischer Philosophie befasst und ihr sei bewusst gewesen, dass der Staat repressiv sei – in der Theorie. Aber für sie sei es etwas ganz anderes gewesen, mitzuerleben, wie die Polizei ihre besten Freunde verprügelt habe. Sie sagt wörtlich: „halb totgeschlagen“. Damals seien Protestierer ins Gefängnis gewandert, nur weil sie für ihr Recht auf Bildung stritten.

Die im Jahr 2010 verabschiedete Erhöhung der Studiengebühren auf 9.000 Pfund war die zweithöchste in der Geschichte Großbritanniens. Es folgte ein anhaltender Kampf der Studierenden mit ihren Institutionen. Es musste beispielsweise verhindert werden, dass Studenten, die bei den Protestaktionen ins Gefängnis gekommen waren, nicht mehr studieren durften. Im Gegenzug wurde eine Reihe repressiver neuer Gesetze beschlossen. Jeder Professor in Großbritannien sei dazu verpflichtet, seine Studenten bei der Polizei zu melden, wenn diese in einem Seminar „extremistische“ Äußerungen tätigen.

Was mit der Bedrohung durch islamistischen Terror gerechtfertigt wurde, dient in Wahrheit dazu, kritische Geister einzuschüchtern. Den Studenten im klassischen Sinne, der auf seinem pittoresken Campus lebt und sich bedingungslos mit „seiner“ Universität identifiziert, gibt es ohnehin kaum mehr. Heute sind Universitäten Dienstleister und ist Bildung ein Luxusgut. Viele britische Studenten müssen sich für ihr Studium hoch verschulden.

Verschuldete Studenten akzeptieren nach dem Abschluss schneller einen schlecht bezahlten Job. Ihre Möglichkeiten, sich gegen Ausbeutung zu wehren, sind gering. Deshalb denkt Power über das kollektive politische Subjekt nach: Sein Fehlen in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft ist offensichtlich. Positive Setzungen werden von staatlicher Seite nicht vorgenommen: Es gibt lediglich die Gruppe der „Arbeitslosen“, der „Kinder aus bildungsfernen Schichten“, die „alleinerziehenden Mütter“. Sie alle sind bestenfalls Objekte staatlicher Wohlfahrt. In der Regel ist selbst das ein Luxus, den sich der Staat unter den Bedingungen der Austerität nicht mehr leisten will. „Britische Gerichte sprechen ihre Urteile im Namen der Öffentlichkeit, doch diese existiert nicht mehr. Öffentlichkeit gibt es nur noch als Gegenstand von Regulierung oder Privatisierung“, sagt Power in ihrem Vortrag.

Es ist genau dieses Paradox, das die Philosophin Power interessiert: Wie ist es unter diesen Bedingungen möglich, dass sich positive, machtvolle Gruppen bilden, die mit einem gemeinsamen Willen gegen ihre Benachteiligung kämpfen? Nicht nur der in der Krise wieder erstarkende Feminismus ist ein Beispiel, auch Bewegungen wie „Black Lifes Matter“ zählen dazu, die sich gegen den strukturellen Rassismus in den USA einsetzt. Doch reicht es, einem repressiv auftretenden Staat nur ein kollektives Subjekt entgegenzustellen? Wie werden diese Subjekte agieren?

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/15.

Kommentare (11)

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Ehemaliger Nutzer 08.12.2015 | 16:48

Hallo Herr Hahn,

da ich die von ihnen beschriebene Autorin nicht selber gelesen habe, kann ich nicht wirklich beurteilen, ob ihr Text ihr gerecht wird. Aber ich finde das, was sie selbst und wie sie es schreiben, außergewöhnlich gut und denke, ich sollte beides tun, Powers und Hahn lesen.

Nil 09.12.2015 | 12:59

Vielen Dank für den Beitrag. Die nachfolgend genannte Organisation befasst sich auch mit diesen Themen. Das könnte Sie vielleicht interessieren.


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Das Integrale Forum e.V. ist eine gemeinnützige, lernende Organisation. Integral bedeutet hierbei eine umfassende, ausgewogene und ganzheitliche Weltsicht. Unsere heutigen komplexen und globalen Problemlagen können wir, wie es Albert Einstein sinngemäß formulierte, nicht auf derselben Ebene lösen, auf der sie entstanden sind.

Eine solche neue Ebene der Komplexität bietet der Integrale Ansatz, wie er beispielhaft vor allem vom amerikanischen Philosophen und interdisziplinären Denker Ken Wilbervertreten wird. Das Ziel des Integralen Forums ist die Bekanntmachung und Förderung der integralen Theorie und Praxis im deutschsprachigen Raum.

Community84 10.12.2015 | 22:35

Ich sehe das genau auch so. Irgendwie habe ich auch immer ein komisches Gefühl, wenn heute überhaupt noch vom Feminismus die Rede (sein sollte?). Wie wenn da jemand versuchen würde aus der Klamottenkoste einen antiquierten Begriff wieder heraus zu holen. Seit Alice Schwarzer, ach ja, wie lange ist das denn eigentlich hier. Feminismus gibt es doch gar nicht - Funkstille. Warum sollte es ihn geben? Ist es das antiquierte Phänomen des Hausfrauensyndroms, das es ja nicht mehr gibt. Deswegen ist auch der Feminismus gestorben. Na ja, aber die Biologie um das Kinderkriegen lässt sich ja nicht so einfach abschaffen. Es sei denn mit der Ganztagskita, am besten im Babyalter. Diese Themen eben rund um die Betreuung der Kinder und wer dann den Nachteil trägt zu Lasten der Firma. Darum kreist es immer noch. Aber der klassische Feminismus ist ausgestorben im Sinne von Gewalt oder Unterdrückung der Frau im bürgerlichen Leben. Es sei denn, da könnte doch etwas dran sein, dass die sozial eingestellten Frauen mit Feminismus, (weil ja so "weiblich" auf den gerechten Sinn im Leben ausgerichtet), in Verbindung gebracht werden. Aber nun bin ich wieder am Anfang, dass ich das wirklich - eben auch - daneben finde. Der Begriff Feminismus ist ein Fehler, eine falsche Schublade.

Lethe 11.12.2015 | 14:18

Deswegen ist auch der Feminismus gestorben.

Das glaube ich nicht. Bestimmte Konzepte sind obsolet geworden, das schon, aber die faktische Durchsetzung der Gleichwertigkeit ist immer noch Stückwerk. Es kann auf Grundlage faktischer Gleichwertigkeit glegentlich zu Ungleichbehandlung kommen. Wir haben aber die Situation, dass wir auf Grundlage faktischer Ungleichwertigkeit die gelegentliche Gleichbehandlung zu Jubelarien auf unsere ach so fortgeschrittene Gesellschaft nutzen und es bei der faktischen Ungleichwertigkeit belassen.

Ich glaube allerdings nicht, dass dieser Kampf erfolgreich geführt werden kann - und da setzt meine Kritik an - wenn der Feminismus sein Thema immer weiter ausweitet und dadurch seine Fokussierung verliert. Die Genderthematik mag faszinieren, wer immer sich davon faszinieren lässt. Das ist aber ein derart weites Feld, dass der heutige Feminsimus nur noch im Trüben fischt. Ich kenne jede Menge Frauen, die wütende Feministinnen waren, denen die Genderthematik aber am Arsch vorbei geht und die sich deshalb vom Feminismus insgesamt abgewandt haben, weil sie sich nicht mehr vertreten fühlen. Diese Abwendung schadet dem Feminismus, aber das sehe ich nicht als die Schuld dieser Frauen.

Community84 11.12.2015 | 23:09

Ja also da sind diese Frauen, zu denen ich mich ja dann zählen muss, gut beschrieben, denn genau so ist es bei mir: Die Genderthematik (das wenige das ich aus Fernsehsendungen mitbekommen habe) hat mir so gereicht, dass es mir wirklich am Arsch vorbeiging. Und davor habe ich es so empfunden, dass das Thema Feminismus gar kein Thema mehr war. Dann kam plötzlich diese Genderdiskussion. Anonsten muss ich ehrlich gesagt passen. Oder gab es schon mal eine Fernsehsendung oder sonst eine Veranstaltung, wo Frauen mit Frauen über Feminismus diskutieren oder gar Männer daran teilnehmen? Die Erwähnung mit der Gleichmacherei habe ich so verstanden, dass die Gefahr darin bestehen könnte, dass Frauen auf diese Weise mit Männern wieder in Konkurrenz treten müssen, dass sie nur noch mit männlichen Verhaltensweisen praktisch sich selbst doch eigentlich ins Lächerliche ziehen. So kann das nicht funktionieren. Ich meine damit aber nicht Freuen mit burschikosen Eigenschaften, die sich zum Beispiel für handwerkliche Tätigkeiten interessieren. Ist es eigentlich nicht irgendwie eigenartig, dass es das Thema Feminismus gibt? Den Männern ist das doch egal. Sie brauchen keinen .... Es gibt einen solchen Begriff auf die Männer übertragen gar nicht. Oder sind das bei den Männern die typischen - so war es ja zumindest mal oder ist immer noch so - Kneipengespräche, Männer unter Männern eben.