Jetzt mal echter Feminismus

Ausbeutung Nina Power interessiert sich nicht für die kleinen, feinen Schritte. Die britische Philosophin kämpft für eine Revolution
Till Hahn | Ausgabe 49/2015 11
Jetzt mal echter Feminismus
Nina Power will keine Schokolade, sie will Revolution
Illustration: der Freitag; Material: iStockphoto, Fotolia

Viele Studierende sind unzufrieden nach der Rede. Gerade hat Nina Power an der Goethe-Universität Frankfurt ihr neues Buch vorgestellt. Darin geht es um Das kollektive politische Subjekt. Die einen sind enttäuscht, weil sie erwartet haben, einer britischen Gelehrten lauschen zu können, wie sie über die großen alten Männer der Philosophie spricht. Die anderen, weil sie auf das flammende Pamphlet einer scharfzüngigen Autorin gehofft hatten. Bekommen haben alle das Gleiche: Die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die ihre Kraft in den Dienst der Philosophie stellt, weil sie sich von ihr eine Perspektive zur Verbesserung der Lebensumstände von Millionen von Menschen verspricht; Frauen, Männern und allem, was dazwischen ist.

Frauen und Schokolade

Dass Nina Power selten Erwartungen erfüllt, gehört zu ihren großen Stärken. „Ich glaube, es gibt eine ziemlich reale Erwartung, dass Frauen immer ‚Schokolade‘ sagen sollen, wenn sie jemand fragt, was sie wollen“, schreibt sie in ihrem 2011 auf Deutsch erschienenen Essay Die eindimensionale Frau. Power will aber keine Schokolade, sie will Revolution. Gründe dafür gibt es genug, besonders im turbokapitalistischen England, wo sie aufgewachsen ist und heute eine Dozentur für Philosophie innehat. Was sie von anderen radikalen Feministinnen ihrer Generation, wie etwa Laurie Penny, abhebt, ist die theoretische Basis, auf der sie arbeitet. Promoviert hat sie an der University of Middlesex, bis vor einigen Jahren das Zentrum der englischen Cultural Studies. Diese englische Tradition, in der kulturelle Erzeugnisse und massenmediale Ereignisse genauso in die kritische Analyse mit einfließen wie Texte der Theoriebildung, hat sie in ihrem Denken beeinflusst. Noch mehr aber hat sie die politische Wirklichkeit Englands zu Beginn des 21. Jahrhunderts geprägt.

„Als ich anfing, habe ich beim Schreiben nicht daran gedacht, Feministin zu sein; das kam automatisch, weil ich die einzige Frau an der philosophischen Fakultät war. Mein Projekt war also eher, die Vernunft wieder für jeden in Anspruch zu nehmen – nicht nur für weiße heterosexuelle Männer“, sagt sie im Gespräch. Power ist Anfang 30, genaue Angaben macht sie nicht. Mit ihrem roten Rollkragenpullover und den streng gebundenen Haaren sieht sie aus wie eine englische Hausfrau aus einem J.-K.-Rowling-Roman. Doch der Eindruck verfliegt schnell, wenn man sie reden hört. Für jeden die Vernunft in Anspruch zu nehmen, das hieß für sie zunächst, gegen einen postmodernen, entpolitisierten Feminismus anzuschreiben. Das Ergebnis war das aufsehenerregende Essay von der eindimensionalen Frau. Die Schrift ist ein Pamphlet gegen den seit den 90er Jahren populären Sex-and-the-City-Feminismus, der unter der Befreiung der Frau eine Befreiung der Kaufkraft versteht. Teure Schuhe, schöne Kleider, einen gutaussehenden, charmanten und wenn möglich kultivierten Mann. Und falls ein solcher gerade nicht da ist, dann doch bitte einen edlen Vibrator. All das soll eine moderne, selbstbestimmte Frau brauchen, um als selbstbestimmt durchgehen zu können.

Die Philosophin Power setzt dem die radikale Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse entgegen: „Ein Feminismus ohne Politik ist so viel wert wie eine mit Strasssteinchen besetzte Smartphone-Hülle.“ Wo der Pop-Feminismus über die Must-haves der modernen Frau redet, skandalisiert Power die Arbeitsverhältnisse, die dahinterstehen; wo Lifestyle-Magazine Schminktipps für erfolgreiche Frauen verteilen, analysiert Power die Ausbeutung des weiblichen Körpers im Kapitalismus.

All das ist nicht voraussetzungslos. Es gibt schon einen Grund, warum Kolleginnen wie Laurie Penny sie gerne als Dr. Nina Power zitieren. Während in den meisten zeitgenössischen feministischen Schriften eher selten auf einen Denker verwiesen wird (in der Regel Jean Baudrillard, Michel Foucault oder Judith Butler), jongliert Nina Power mit allen wichtigeren Theorien der Gegenwart. Einerseits ist es erfreulich, die Philosophie nicht nur als Erfüllungshelferin dieses oder jenes politischen Arguments zu sehen, andererseits macht es viele ihrer Schriften schwer zugänglich. Ihr eindimensionales Essay war dabei noch recht einfach gehalten.

Die Aufsätze, die sie nun in dem Band Das kollektive politische Subjekt versammelt hat, richten sich fast ausschließlich an ein akademisches Publikum. Die Thesen, die sie hier formuliert, sind weit über den reinen Feminismus hinaus relevant. Vor allem, weil sie darlegen, dass eine Befreiung der Frau nicht ohne eine Veränderung der Produktionsprozesse zu denken ist.

Die Essays, die bisher nur verstreut in britischen Fachzeitschriften vorlagen, behandeln die Frage nach der Handlungsfähigkeit kollektiver politischer Subjekte. Gemeint sind damit Gruppen, die als Einheit im politischen Raum auftreten. Entlehnt ist der Begriff der Marx’schen Klasse. Entscheidend bei Power ist aber, dass diese kollektiven Subjekte auf zweierlei Art entstehen können: einerseits durch positive Selbstzuschreibung, andererseits durch die negative Definition, die staatliche Instanzen vornehmen. Entstanden sind alle Aufsätze im Zeitraum von 2006 bis 2010, in dem Power ihre Doktorarbeit in Middlesex schrieb. Daher rührt wohl der akademische Ton. In diese Zeit fallen auch die Unruhen, in denen sich die Studenten gegen die Verdreifachung der Studiengebühren wehrten. Auf die teils gewalttätigen Proteste der Studenten reagierte der Staat seinerseits mit Repression und Gewalt.

Schlacht um Studiengebühren

„Die Proteste waren der Zeitpunkt meiner Politisierung“, erzählt Power. Sie habe sich immer schon mit politischer Philosophie befasst und ihr sei bewusst gewesen, dass der Staat repressiv sei – in der Theorie. Aber für sie sei es etwas ganz anderes gewesen, mitzuerleben, wie die Polizei ihre besten Freunde verprügelt habe. Sie sagt wörtlich: „halb totgeschlagen“. Damals seien Protestierer ins Gefängnis gewandert, nur weil sie für ihr Recht auf Bildung stritten.

Die im Jahr 2010 verabschiedete Erhöhung der Studiengebühren auf 9.000 Pfund war die zweithöchste in der Geschichte Großbritanniens. Es folgte ein anhaltender Kampf der Studierenden mit ihren Institutionen. Es musste beispielsweise verhindert werden, dass Studenten, die bei den Protestaktionen ins Gefängnis gekommen waren, nicht mehr studieren durften. Im Gegenzug wurde eine Reihe repressiver neuer Gesetze beschlossen. Jeder Professor in Großbritannien sei dazu verpflichtet, seine Studenten bei der Polizei zu melden, wenn diese in einem Seminar „extremistische“ Äußerungen tätigen.

Was mit der Bedrohung durch islamistischen Terror gerechtfertigt wurde, dient in Wahrheit dazu, kritische Geister einzuschüchtern. Den Studenten im klassischen Sinne, der auf seinem pittoresken Campus lebt und sich bedingungslos mit „seiner“ Universität identifiziert, gibt es ohnehin kaum mehr. Heute sind Universitäten Dienstleister und ist Bildung ein Luxusgut. Viele britische Studenten müssen sich für ihr Studium hoch verschulden.

Verschuldete Studenten akzeptieren nach dem Abschluss schneller einen schlecht bezahlten Job. Ihre Möglichkeiten, sich gegen Ausbeutung zu wehren, sind gering. Deshalb denkt Power über das kollektive politische Subjekt nach: Sein Fehlen in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft ist offensichtlich. Positive Setzungen werden von staatlicher Seite nicht vorgenommen: Es gibt lediglich die Gruppe der „Arbeitslosen“, der „Kinder aus bildungsfernen Schichten“, die „alleinerziehenden Mütter“. Sie alle sind bestenfalls Objekte staatlicher Wohlfahrt. In der Regel ist selbst das ein Luxus, den sich der Staat unter den Bedingungen der Austerität nicht mehr leisten will. „Britische Gerichte sprechen ihre Urteile im Namen der Öffentlichkeit, doch diese existiert nicht mehr. Öffentlichkeit gibt es nur noch als Gegenstand von Regulierung oder Privatisierung“, sagt Power in ihrem Vortrag.

Es ist genau dieses Paradox, das die Philosophin Power interessiert: Wie ist es unter diesen Bedingungen möglich, dass sich positive, machtvolle Gruppen bilden, die mit einem gemeinsamen Willen gegen ihre Benachteiligung kämpfen? Nicht nur der in der Krise wieder erstarkende Feminismus ist ein Beispiel, auch Bewegungen wie „Black Lifes Matter“ zählen dazu, die sich gegen den strukturellen Rassismus in den USA einsetzt. Doch reicht es, einem repressiv auftretenden Staat nur ein kollektives Subjekt entgegenzustellen? Wie werden diese Subjekte agieren?

06:00 08.12.2015
Geschrieben von

Till Hahn

Journalist und Schriftsteller. Betreibt den Blog 'die Wunde' über Kultur & Barbarei
Till Hahn

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