Mit Engelszunge und blutigen Händen

Kommunikation Die CIA versucht mit lustigen Twittermeldungen ihr Image aufzupolieren. Doch die grausamen Operationen in der Geschichte des US-Geheimdienstes überschatten ihr Vorhaben
Mit Engelszunge und blutigen Händen

Foto: Saul Loeb/ AFP/ Getty Images

Mit einem humorigen Social-Media-Debüt haben Amerikas Chefspione von der CIA die Twittersphäre in Aufruhr versetzt: „Wir können weder bestätigen, noch dementieren, dass es sich hierbei um unseren ersten Tweet handelt.“ Wie lustig! Mehr als eine viertel Millionen Menschen haben die Meldung, die bereits als „denkbar bester erster Tweet“ bezeichnet wurde, retweetet. Die Begeisterung verwundert kaum: Immerhin zeigt eine der geheimnisvollsten Organisationen der Welt sich hier selbstironisch, fröhlich und – man wagt es kaum auszusprechen – sogar nett.

Im Folgenden eine nicht ganz so nette Geschichte: Meine Eltern gehörten zu den vielen Familien aus dem englischen Süd-Yorkshire, die in den 1970ern Flüchtlinge des Pinochet-Regimes bei sich aufnahmen. Sylvia war Chilenin mit zwei Kindern. Ihr Mann war ermordet worden, sie selbst wurde gefoltert und beendete traumatisiert ihr Leben, indem sie von einem Sheffielder Hochhaus sprang.

Sylvia war nur eines der Opfer einer Junta, die am 11. September 1973 mit Unterstützung der CIA installiert wurde. Henry Kissinger hatte zuvor erklärt: „Ich kann nicht einsehen, weshalb wir einfach daneben stehen sollten, wenn ein Land aufgrund der Verantwortungslosigkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird.“

Dissidenten wurden Elektroden an den Genitalien befestigt. Tausende wurden ermordet. Gemessen an der Reaktion auf das neue Gewand der CIA scheint heute manch einer diesen Nachrichtendienst aus anderer Perspektive zu betrachten: Als „gutes Beispiel dafür, wie es selbst der ernsthaftesten aller Organisationen gelingt, sich in den Sozialen Medien einen lässigen Touch zu verleihen“, lobte der liberaldemokratische Aktivist Mark Pack. „Der CIA ist mit einem Tweet gelungen, was Millionen PR-Dollar nicht könnten“, kommentierte ein anderer Twitter-User.

Die größte Terrororganisation der Welt

Natürlich versucht nicht nur die CIA, das eigene Image aufzubessern: Auch unter Tyrannen jeder Couleuer sind PR-Kampagnen schwer beliebt: Sie sind ein Despot, der Blut an den Händen hat und seinen besudelten Ruf aufpolieren will? Dann ist Ihre erste Anlaufstelle Bell Pottinger, die PR-Agentur von Margaret Thatchers PR-Guru Lord Bell. Die Diktatoren von Bahrain und Weißrussland, die Gattin des syrischen Diktators, Pinochet selbst – sie alle haben von Bell Pottinger ihr Image auf Vordermann bringen lassen. Zu den Leistungen der Agentur zählt unter anderem die Säuberung aller peinlichen Wikipedia-Artikel und Google-Suchergebnisse. Kasachstans prowestlicher Diktator Nursultan Nazarbajew – der Dissidenten wegsperrt und streikende Ölarbeiter massakriert – ist ebenfalls Profi in Sachen PR-Kampagnen. Er heuert dazu gerne mal Tony Blair an, was dieser sich Einiges kosten lässt. Der Diktator von Äquatorialguinea hingegen setzt auf Hollywood- oder Popstars und andere Promis, um die Aufmerksamkeit von Folter, willkürlichen Inhaftierungen und Hinrichtungen abzulenken.

Die CIA mag versuchen, ihre Bilanz mit lustigem Auftreten im Netz vergessen zu machen – doch angesichts der Tatsache, dass die Welt noch immer mit den Konsequenzen ihrer vielen desaströsen Interventionen zu tun hat, sollte man sie damit nicht durchkommen lassen. Von „Terrorismus“ wird normalerweise in Bezug auf von nicht-weißen, dem Westen gegenüber feindlich gesinnten Menschen verübte Gewalttaten gesprochen. Meint man mit den Begriff jedoch terroristische Taten, die zu politischen Zwecken begangen werden, dann ist die CIA mit Sicherheit die größte Terrororganisation der Welt.

Im vergangenen Jahr, nur wenige Tage nachdem tausende Menschen durch die abscheulichen Gasangriffe des Assad-Regimes ums Leben gekommen waren, wurde bekannt, dass die CIA im Jahre 1988 Saddam Hussein bei einem Chemiewaffenmassaker behilflich war. Aus Angst vor einem möglichen baldigen militärischen Durchbruch des Iran gab der US-Auslandsgeheimdienst „in vollem Wissen, dass Husseins Militär mit Chemiewaffen und unter anderem mit Sarin angreifen würde“, die Positionen iranischer Truppen an den irakischen Diktator weiter. Ein ehemaliger US-Militärattaché in Bagdad drückte es so aus: „Die Iraker sagten uns nie, dass sie vorhatten, Nervengas einzusetzen. Das mussten sie nicht. Wir wussten es bereits.“

Das katastrophale Engagement der CIA im Irak reicht indes noch sehr viel weiter zurück. 1963 stürzte Saddams Baath-Partei gewaltsam die linke Regierung Abd al-Karim Qasims. Dabei wurden tausende Kommunisten abgeschlachtet – mit Hilfe von Listen, die die CIA zur Verfügung gestellt hatte. „Ein Zug der CIA hat uns an die Macht gebracht“, prahlte damals Ali Salihas-Sa'di, der Innenminister des neuen Regimes. Heute versinkt der Irak in Blut und liegt in Trümmern.

Listen mit den Namen von Dissidenten an Tyrannen auszuhändigen, war eine besondere Spezialität der CIA. 1965 war Indonesien Heimat der weltgrößten, sich nicht in der Regierung befindlichen kommunistischen Partei. Aus Sorge, das Land könne der kommunistischen Achse zufallen, versorgte die CIA den Putschistenführer General Suharto und dessen Schläger mit den Namen von Linken. Bis zu einer Millionen Menschen wurden mit Gewehren und Macheten abgemetzelt. Auf dem Land lagen überall verwesende Leichen, die Flüsse waren rot gefärbt von Blut. In einem internen CIA-Bericht war hinterher von einem „der schlimmsten Massenmorde des zwanzigsten Jahrhunderts“ die Rede.

Nur Hugo Chavez konnten sie nicht stürzen

Der Iran bietet das wohl ultimative Beispiel für CIA-Operationen, die für die USA nach hinten losgingen. 1953 orchestrierte der Geheimdienst – gemeinsam mit dem britischen MI6 – den Sturz des demokratisch gewählten Premierministers und Sozialreformers Mohammed Mossadegh, nachdem dieser versucht hatte, die iranische Ölindustrie zu verstaatlichen. Der Putsch wurde „unter Leitung der CIA im Rahmen der US-amerikanischen Außenpolitik“ durchgeführt, erläuterte die CIA jüngst. Mossadegh wurde ersetzt durch den repressiven Schah. Vor diesem Hintergrund überrascht kaum, dass das neue Regime, das schließlich auf den Sturz dieses CIA-Handlangers folgte, so virulent anti-westlich war. Die gesamte Region lebt bis heute mit den Folgen. Ebenso leidet Afghanistan bis heute unter den Konsequenzen der großzügigen Unterstützung der CIA für die Mudschaheddin-Kämpfer, die in den 1980ern gegen die Sowjets kämpften.

Die Anklageschrift ist erschreckend lang. In Vietnam war das Phoenix-Programm der CIA zwischen 1965 und 1972 für den Tod zehntausender Menschen verantwortlich. Brasilien, die Dominikanische Republik und Bolivien wurden allesamt zu Schauplätzen von Staatsstreichen, hinter denen die CIA steckte. Von der CIA unterstütze Todesschwadronen in Guatemala, Nicaragua und El Salvador. 1961 der Mord an Patrice Lumumba, dem ersten demokratisch gewählten Staatsoberhaupt des Kongo – die tragische Einleitung zu Jahrzehnten des Kriegs und der Diktatur, unter der Millionen Menschen starben. Nichts davon lässt sich als längst vergangen abtun. Dieser Tage sieht sich die CIA etwa mit Fragen bezüglich ihrer Rolle beim fehlgeschlagenen Putsch gegen Hugo Chavez im Jahr 2002 konfrontiert.

Der erste Tweet der CIA veranlasste die New York Review of Books dazu, einen Twitterkrieg zu lancieren und zu offenbaren, was die CIA heute so treibt. So wies das Magazin etwa darauf hin, dass die CIA sich kürzlich in eine Untersuchung eingeschaltet hat, in der es um Folter in unter Präsident Bush eingerichteten geheimen CIA-Gefängnissen geht. CIA-Mitarbeitern war erlaubt worden, Verdächtige Schlafentzug, Waterboarding und anderen Formen der Folter zu unterziehen oder sie zum Beispiel gegen Wände zu schleudern.

Es liegt durchaus im Interesse der CIA, sich ein kuscheliges neues Image zu basteln: Als Spione à la James Bond, die durchaus zu Scherzen aufgelegt sind. Angesichts des jämmerlichen Versagens des Großteils der westlichen Medien, die Taten der Behörde zu hinterfragen, denkt sie vielleicht auch, sie könne damit durchkommen. Doch das Verzeichnis der von ihr begangenen Folter, der Morde und der Putsche gegen demokratische Regierungen spricht für sich. Das ist es, was nicht vergessen werden darf - so gewitzt die neue Twitter-Kampagne auch sein mag.

Owen Jones ist Autor und Kolumnist beim Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman
15:29 12.06.2014
Geschrieben von

Owen Jones | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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