Der Babylonische Fluch

Opernpremiere Die neue Oper "Babylon" von Jörg Widmann nach einem Libretto von Peter Sloterdijk wurde an der bayerischen Staatsoper uraufgeführt

Man durfte durchaus gespannt sein, was Peter Sloterdijk, zweifellos einer der scharfsinnigsten Diagnostiker unserer Zeit, mit dem Opernprojekt "Babylon" aus dem Hut zaubern würde. Und das umso mehr, da das Sujet auf den ersten Blick durchaus beträchtliche Virulenz zu versprechen schien.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu unsere heutige Zeit in dem, was das historische Babylon in seiner dekadenten Liberalität im mythischen Kontext repräsentiert, wiederzuerkennen. In der babylonischen Hybris unsere eigene Hybris, die mit ihren wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften sich selbst als Neu-Schöpfer und Richter der Welt wähnt. Und in der Sprachverwirrung, die den Turmbau zu Babel verhinderte, jene Spezialisierung aller Bereiche mit ihrer wachsenden Unüberschaubarkeit und Unbeherrschbarkeit, und jenes ultraliberale anything goes, das in ihrer Unentschiedenheit und Unentschlossenheit eine lähmende Wirkung hat.

Sloterdijk deutete in diversen Interviews schon an, wohin die Reise gehen sollte. "Babylon" sollte eine Erlösungsgeschichte werden, eine mythische Neu- oder Umcodierung, die eine Lösung aus dem babylonischen Dilemma weist. Hätte Sloterdijk nicht selber darauf hingewiesen, man hätte schon vorher vermuten können, dass dabei Nietzsche und Thomas Mann eine Rolle spielen würden.

Gründervater des modernen Babylon

Friedrich Nietzsche ist gewissermaßen der Gründervater des modernen Babylon. Auch wenn sein Augenmerk mehr auf der griechischen als der babylonischen Antike lag, die mythische Neugründung, die er im Auge hatte, zielte auf eine Entfesselung archaisch naturhafter Kräfte und die Überwindung einer christlich moralischen Ethik.

Nietzsche war sicher nicht der erste, der im Klima fortschreitender Säkularisierung das christliche Weltbild als das alleinseligmachende in Frage stellte. Doch kaum einer hatte wohl wie er ein Gefühl für die mythischen Konstellationen, die dem jüdisch-christlichen Weltbild auf der einen Seite und antiker Naturreligionen auf der anderen Seite zugrunde liegen. Die starken Bindungskräfte des Monotheismus, die die westliche Kultur geprägt haben, empfand er als Fesseln, die man abstreifen müsse, um menschliche Potentiale freizusetzen.

Die Radikalität, mit der er sich diesem Ziel widmete, kommt nicht von ungefähr. Man mag heute immer noch über seine Selbststilisierung als Christusfigur lächeln, doch das eine hatte Nietzsche begriffen: den symbolischen Wert des Opfers als Bezeugung der Ernsthaftigkeit. Er wusste sehr gut, dass der Kreuzestod von Jesus Christus kein historischer Unfall war, sondern entscheidendes Opfersymbol der mythischen Neugründung.

Sloterdijk wiederum hat wohl einen ausgeprägten Sinn dafür wie weit die Babylonisierung im 20. Jahrhundert tatsächlich schon fortgeschritten war. Die modernen Religionen des Kapitalismus und des Sozialismus, der Wissenschafts- und Technikgläubigkeit sowie der Glaube an eine intakte Natur sind bei Licht besehen nichts anderes als ein neuer Polydeismus, dem man aus Scheu und Respekt vor dem alten Gott nur keine Personifizierung angedeihen lässt.

Man brauchte nur die Predigten des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney anzuhören, um sich klar darüber zu sein, wer sein wahrer Gott ist. Das Bekenntnis zum christlichen Gott diente nur noch dazu, die alten Bindungskräfte, die historisch noch nachklingen, zu beschwören.

Kein Vertrauen in die alte Religion

In Sloterdijks Libretto ist diese Konstellation unmissverständlich vorgezeichnet. Tammu ist die Figur, die zwischen den beiden Welten steht, zwischen jüdischem Monotheismus und babylonischer Naturreligion. Und dass Sloterdijk die babylonische Inanna und nicht die proto-christliche "Seele" zur wahren Akteurin machte, zeigt, dass auch Sloterdijk kein alszugroßes Vertrauen mehr in die alte Religion hat.

Auch in Thomas Manns Joseph Romanen spielt die mythische Bruchstelle zwischen Polytheismus und Monotheismus eine zentrale Rolle. Allerdings sah er in Nietzsches Entfesselung archaischer Kräfte ein großes Unheil und in einem größeren geistes-mythischen Kontext kann man Thomas Manns Arbeit an den Joseph Romanen durchaus als Bußopfer für Nietzsches Sündenfall betrachten.

Was Thomas Mann, der nicht eigentlich religiös war, versuchte, war eine Versöhnung von archaischen Kräften und Traditionen, die er als vital und kulturell gewachsen anerkannte, mit einem panreligiösen Humanismus, der in der Lage ist, in kritischer Selbsterkenntnis einen Ausgleich zu schaffen. So wird bei Thomas Mann das Menschenopfer am Beispiel Jakobs und Josephs symbolisch humanistisch umgedeutet. Joseph ist der Versöhner zwischen agyptischer (vulgo babylonischer) und jüdischer (vulgo christlicher) Kultur.

Das alles spielt in Sloterdijks Libretto mit rein. Und ohne Zweifel ist so manches in diesem Libretto mit einigem Hintersinn geschrieben. Dass die Sintflut merkwürdig an moderne Naturkatastrophen und die Klimadebatten erinnert, ist allzu offensichtlich. Dass heute kaum einer mehr diese Katastrophen mehr als Strafe Gottes bezeichnen würde sondern als Versündigung gegenüber der Natur, ist ein weiteres Zeichen dafür, woran wir heute glauben.

Der sich selbst stechende Skorpion

Möglicherweise thematisiert Sloterdijk im Bild des sich selbst stechenden Skorpions ein grundsätzliches Problem kulturellen Selbstbewusstseins, das in der permanenten Selbstreflektion gar nicht aus dem Schicksal ewiger Wiederkehr ausbrechen kann. Und, dass Tammu und Innana am Ende mit einem Raumschiff wegfliegen, mag vielleicht eine Utopie eines Neuanfangs jenseits dieses kulturellen Gefängnisses sein.

Und es steckt noch viel mehr in diesem Libretto. Nicht nur Texte aus der Bibel und anderer moderner Autoren werden zitiert, auch mythische Konstellationen aus diversen Opern von Orfeo über die Zauberflöte bis Tannhäuser und Turandot klingen an.

Doch was als feuilletonistisches Spiel mit historischen Konstellationen durchaus faszinierend und anregend ist, funktioniert als Oper leider nicht. Sloterdijk hat in Interviews zurecht immer wieder festgestellt, dass die Oper kein Medium des Erzählens ist, sondern immer dann bei sich selbst ist, wenn es darum geht, mythische Konstellationen zu versinnlichen.

Doch dazu müssen diese Konstellationen vor allem deutlich sein. Wagners Opern funktionieren trotz ihrer gewaltigen Länge deswegen, weil er sich über diesen Punkt vollkommen im klaren war, die archetypischen Linien hinter seinen Opern immer ganz schlicht und klar sind.

Und was Wagner auch mit phänomenalem handwerklichen Instinkt realisierte, ist, dass der Kontrollverlust, wenn er nicht ästhetisch kontaminierend werden soll, äußerster Kontrolle bedarf. Richard Strauss sagte völlig richtig über den zweiten Akt bei Tristan, dieser sei handwerklich mit eiskalter Kontrolle geschrieben. Ähnliches lässt sich auch über die Prügelszene aus den Meistersingern oder die Blumenmädchenszene aus Parsifal sagen.

Ästhetisches Problem

Das ist wohl das zentrale ästhetische Problem dieses Opernprojekts. Zu glauben, dass die Collage als künstlerisches Mittel die babylonische Sprachverwirrung adäquat versinnlichen könne. Es ist jedoch so, als ob dadurch Sloterdijk und Widmann selbst der Babylonische Fluch ereilt hat. Im vielstimmigen Gewirr der mythischen Konstellationen neutralisieren sich die Zeichen gegenseitig. Tammu ist ein merkwürdig verwaschener Mix aus androgyner Joseph und Orpheusgestalt und sinnlicher Tannhäuser und Calaf Figur. Innana eine verwirrende Verwurstung von Königin der Nacht, Venus und Leonore.

Man erlebt es relativ oft, dass die intelligentesten Feuilletonisten, sobald sie selbst künstlerisch aktiv werden, ziemlich hilflos wirken. Auch Nietzsche, der über Musik erkenntnishell wie kaum ein anderer schreiben konnte, komponierte Musik von erschreckender Mittelmäßigkeit. Kritisch und diagnostisch zu schreiben ist eben doch etwas fundamental verschiedenes, als selbst künstlerisch produktiv zu sein.

Bei Jörg Widmann hat man wiederum den Eindruck, er schmiege sich seinen Auftraggebern und künstlerischen Mitarbeitern etwas zu passgenau an. Bei allem sinnlichen Reiz, den er mit seiner Musik herzustellen weiß, hat man auf einer ganz grundlegend künstlerischen Ebene nicht den Eindruck von etwas wirklich eigenständigem.

Quelle: Youtube

Der Opernabend bietet genügend visuellen und klanglichen Oberflächenreiz, so dass man sich nicht wirklich langweilt. Auch ist der Aufwand und das Engagement aller Beteiligten beeindruckend. Den meisten Opernbesuchern scheint das schon genug zu sein.

Viele Kritiker haben sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihren Mut an Sloterdijk zu kühlen und sein Libretto mit Häme abzukanzeln. Doch so problematisch es als künstlerisches Produkt ist, als geistiges ist es zweifellos in seiner diagnostischen Hellhörigkeit virulenter und bedeutender als das ganze Spektakel, das darum veranstaltet wurde.

13:45 12.11.2012
Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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