Dresden, verheddert

Waldschlösschenbrücke Der Streit um die Brücke geht weiter. Ein nachgebesserter Entwurf auf der einen, ein neues Bürgerbegehren auf der anderen Seite - und Dresdens Historie überall

Am Abend fällt das Licht von Westen auf Dresden und die Elbe; der Fluss schimmert tatsächlich, als fließe da Gold, und die Elbwiesen schimmern mit. Wer am Pavillon vor dem Waldschlösschen steht, sieht hinter diesem Gold Dresdens Silhouette mit Albertbrücke, Frauenkirche, Kreuzkirche und Rathausturm. Jemand sagte einmal, die Dresdner hätten um der Silhouette willen die Frauenkirche wieder aufgebaut, und für einen Augenblick erschien es plausibel. Die Silhouetten der Städte stehen für ihre Vollständigkeit; und wer bis vor wenigen Wochen am Abend in den Elbwiesen spazieren ging, konnte sich nach der Stadt umwenden, den Blick im Gold baden und einen Moment lang meinen, Dresden sei heil.

Jetzt ist dort, wo sonst das Gold anrollt, ein Erdhaufen. Daraus ragt ein Kran. Daneben, am Erdhaufen vorbei, rennt ein Mann seinem Hund hinter her. Der Hund, ein dickes Tier mit hängenden Ohren, wirft sich hin und reckt die Beine in den Himmel. "Ich bin für die Brücke", sagt der Mann, während er dem Tier den Bauch krault. Seine Freundin, eine Hübsche mit dicker Ohrenmütze und Wollschal, erreicht die beiden. "Alle Brücken sind gut", fährt der Hundebesitzer fort, "auch hässliche Brücken." Die Freundin zögert , ob sie ihrem Freund seine Brücke vermiesen soll, dann sagt sie kurz entschlossen: "Ich bin für den Tunnel. Wenn Se jetzt noch mal fragen, kreuze ich an: Tunnel." Der Hund wälzt sich im Gras, das vom letzten Hochwasser dürr und struppig ist. Dann springt er auf und rennt weiter. Das Pärchen folgt dem Tier. Es hat eben, mit bemerkenswert wenig emotionalem Engagement, den Dresdner Brückenstreit ausgetragen.

Seit dem 17. November befindet sich die Waldschlösschenbrücke in Bau, und die Bauleitung hat genau über dem Schild der Bürgerinitiative ("Hier wird Dresden geschändet") die Informationstafel der Baufirmen angebracht. Doch das Gemenge geht weiter. Wer als Fremder mit dem Zug anreist und den Bahnhof eben verlassen hat, ist bereits mittendrin.

Es ist nur eine weiße, wackelige Sperrholzplatte auf der zwei Listen ausliegen. Vor der rechten Liste steht ein Schild "Dresdner", vor der linken "Nichtdresdner". Dahinter hängt ein Transparent, "Welterbe erhalten", davor gehen die Dresdner. Zum Einkaufen natürlich, nicht zum Aktivistenstand. Aber es ist nicht wie an einsamen Ständen, um die drei verzweifelte Studenten schleichen mit Kugelschreibern im Anschlag: "Würden Sie vielleicht ... für den Tierschutz?" Hier, in Dresden, treibt es in schöner Regelmäßigkeit aus der Kolonne der Einkäufer Menschen mit dicken Taschen an den weißen Tisch. Ein Mittdreißiger mit rahmenloser Brille trägt sich in die Liste "Dresdner" ein und lächelt dabei dieses bezaubernde Lächeln, das selbst routinierte Demokraten manchmal noch lächeln, wenn sie wissen, dass sie eben ihren kleinen Beitrag für die richtige Sache geleistet haben. Die richtige Sache ist heute, nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf, den Bau der gewaltigen Brücke zu stoppen, die zwischen Albertbrücke und Blauem Wunder auf klobigen Stelzen durch die Elbauen trampeln wird. "Unsere schäne Nadur" nennt es einer und eine gebildetere Dame zitiert Goethe. Auch Schiller ist dort gewandelt und hat den wunderbaren Blick besungen. Er sei 300 Jahre alt und mit dem Bau der Frauenkirche eben erst wieder gewonnen worden. Deshalb gehöre der historische Waldschlösschenblick nicht nur den Dresdnern, sondern der Welt. Es geht um etwas, das ist deutlich zu spüren.

Nun braucht es 20.000 Stimmen für ein rechtsgültiges Bürgerbegehren. Der letzte Bürgerentscheid von 2005, wonach die Dresdner mit knapper Mehrheit für den Brückenbau stimmten, verliert Ende Februar seine Verbindlichkeit. Anfang März ist die Bahn frei für ein neues Bürgerbegehren. Sollte ein zweiter Bürgerentscheid einen Tunnel anstelle der Brücke verlangen, müsste der Bau in den Elbwiesen tatsächlich seine Richtung ändern. So erklärt es Herr Fischer, der, rotnasig von Wind und Kälte, die Korrektheit der Unterschriften überwacht. So schreibt es auch die Sächsische Zeitung. Ein Bürgerentscheid ist, so zitiert jemand am Stand, der es irgendwo gelesen hat, das höchste Instrument der Demokratie.

Herr Fischer erwartet, dass die Bürger diesmal für die "Tunnellösung" stimmen. Bei der ersten Abstimmung nämlich, hätten sie eigentlich nur entschieden, dass sie gern die Elbe überqueren würden. Gefragt wurde nur, ob Bedarf nach einer Brücke bestehe, während ein Tunnel gar nicht zur Auswahl stand. Inzwischen liegt ein offiziell beauftragtes Gutachten vor, demzufolge ein Tunnel möglich ist, jedoch 3,5 Millionen Euro teurer als die Brücke käme. Ein anderes Gutachten einer Schweizer Firma veranschlagt mit 300 000 Euro deutlich weniger. Aber Geld sollte keine Rolle spielen, denn Umweltminister Tiefensee sagte zu, für eine "welterbeverträgliche" Lösung das Nötige zuzuschießen. Allein Sachsens Landesvater Milbradt hatte sich an seine Pläne und den Willen der Bürger gebunden gefühlt - die eben für die Brücke votiert hätten.

Nun, mit einem neuen Bürgerbegehren scheint die glückliche Rettung von Kultur, Natur und Welterbe nur einen Steinwurf entfernt. 20 000 Unterschriften, dann städtische Demokratie in ihrer reinsten Form. Nur ein Herr mit schütterem Haar, der sich eben laut schimpfend und mit großen Schritten dem Stand nähert, zerstört das schöne Bild. "Krieg!", poltert er, baut sich vor Fischers weißer Tischplatte auf und fährt auf geübte Weise wütend fort. Es herrsche ein "Grieg" in der Stadt, den unerträgliche Besserwisser gegen Leute wie ihn führten. Ein Krieg der selbsternannten Kulturdresdner gegen die Berufstätigen. Die einen hätten viel Zeit und seien deshalb penetrant, nervig und überall präsent, während die anderen arbeiteten und daher einen schnellen Weg über die Elbe bräuchten! Eine vernünftige Elbquerung! Er überschlägt sich fast, vor Ärger oder weil er es im Geiste so eilig hat, und sucht nach Worten. "Elbquerung. Genau." Eine Elbquerung nämlich habe Dresden bereits seit 150 Jahren geplant. Es sei ein historisches Vorhaben, das jetzt zur Vollendung komme. Er sei nicht allein, droht er. Und er hat Recht. Nach einem Stimmungsbarometer der Sächsischen Zeitung gewinnen die Dresdner an Boden, die denken wie er. Die Welterbe Welterbe sein ließen, allem zum Trotz. Auch den wunderbaren Blick und Tiefensees Geld ließen sie fahren. Es ist unbegreiflich. Obwohl die Elbwiesen 1908 von der Stadt eigens einer Brauerei abgekauft wurden, wie eine zerbrechlich wirkende Frau mit lose geflochtenem Zopf aufklärt, damit sie für unbestimmte Zeit dem Volke zur Erbauung dienten. Weder Hitler noch Ulbricht hätten sich da bis heute herangewagt, pflichten andere bei. Nur Milbradt, dieser Barbar. Weil Milbradt eben kein Dresdner sei und ihm das Gefühl für die Stadt abgehe.

Zwar sind auch Hitler und Ulbricht keine Dresdner gewesen, aber eines scheint sicher: Kaum lässt sich ein Dresdner finden, dem die Geschicke Dresdens nicht am Herzen lägen. Kaum einer, der nicht schon immer wusste, dass Dresdens Erbe auch das der ganzen Welt ist. Und dennoch haben die Dresdner sich in ihrer Liebe zur Geschichte ihrer Stadt offenbar so verwickelt, dass nichts mehr vorwärts geht. Außer dem Bau der Waldschlösschenbrücke. Der Erdhaufen mit dem Kran lässt ahnen, wo sie emporwachsen wird, um den Berufstätigen den Stau zu ersparen. Auf der Albertbrücke indes fließt nachmittags gegen vier Uhr der Verkehr ohne nennenswerte Störungen. Die Autos fahren geschätzte 50 Stundenkilometer, bremsen ab, beschleunigen wieder. Das Verkehrsaufkommen hat sich in der langen Geschichte des Brückenprojekts nicht wie erwartet entwickelt. Zur Zeit der ersten Planungen nämlich wälzte sich noch der gesamte Fernverkehr zwischen Deutschland und Tschechien über Dresdens Brücken. Heute rollt er über die fast fertige Autobahn nach Prag. Eigentlich brauche man die Waldschlösschenbrücke heute nicht mehr, hatte ein älterer Dresdner gesagt - und augenzwinkernd hinzugefügt, dass die ältesten Pläne einer Elbquerung an der fraglichen Stelle schon auf das späte 18. Jahrhundert zurückgingen. Er habe die Information aus dem Stadtarchiv. Ob die Versessenheit der Stadt nach ihrer Historie vom Trauma ihrer Zerstörung rühre? Der ältere Herr, der den Angriff auf Dresden überlebt hat und die Stadt bereits vorher kannte, sagt, sie sei älter. Seit dem Ende ihrer Hochzeit im Barock kompensierten die Dresdner den Bedeutungsverlust durch Verklärung der Vergangenheit. Was ja heute nicht mehr nötig wäre, da Dresden eine der wenigen prosperierenden Städte der neuen Länder ist. Der ältere Herr würde für die "Tunnellösung" stimmen, würde er nochmal gefragt. Schließlich liebt er sein Dresden.

Am Waldschlösschenstraße derweilen brummt es wie im Bienenkorb. In der Waldschlösschenstraße hat die Initiative "Welterbe erhalten" ihren Sitz. Hier hat man vor kurzem Eichen gefällt und eine Buche, an der Napoleon bereits vorbei geritten war. Jetzt wird schon wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben, ist zu erfahren. Die "Waldschlösschenbrücke light" steht zur Diskussion: Der Baudirektor der Frauenkirche Eberhard Burger hat in letzter Minute den Brückenentwurf nachgebessert, die Fahrbahn wird einen Meter schmaler, die Beine etwas schlanker, eine Fußgängerbrücke fehlt. So hofft man, die Unesco besänftigen zu können. Es ist, erregt sich jemand, als habe man hektisch etwas Schmirgelpapier zur Hand genommen, um einem gigantischen Klotz ein paar Zacken abzuraspeln. Die Aktivisten lassen sich davon nicht beeindrucken. Fieberhaft fügen sie aus Fertigteilen Plastiktische für Unterschriftensammlung zusammen. Eine hochgewachsene Frau, die müde aussieht, zeigt einer Mutter mit Tochter Ansichten des Waldschlösschenblicks. "Hier, die ist von 1650, ein Kupferstich", erklärt sie. "Und hier von 1838". "Schön", sagt die Mutter, "aber jetzt wollen wir lieber mal loslegen", und greift sich einen Platiktisch.

Draußen in den Elbwiesen promenieren die Spaziergänger wie eh und je, und die Sonne taucht das Gras in jenes unvergleichliche Licht. Erdhaufen mit Kran tumb mittendrin. Ein Junge lässt einen Drachen im Wind knattern. Er läuft ein paar Schritte rückwärts, der Drachen stürzt ab. "Es reicht", sagt der Junge auf die Frage nach der Brücke. "Sie sollen jetzt irgendwas machen. Weiterbauen, damit es fertig wird. Damit Ruhe ist." Die Leine verheddert sich. Er flucht.

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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