Der Letzte der Mohikaner

Italien Nach der Festnahme von Salvatore Lo Piccolo, dem Boss der Bosse, hat die Mafia ein akutes Personalproblem

Gewöhnlich tummeln sich nur ein paar verlorene Touristen in dem kleinen Park am Normannenpalast in Palermo. Doch am 5. November war er überfüllt. Die Menschen drängten sich vor dem Gebäude der Squadra Mobile und verursachten einen Rückstau bis in den Palmenhain. Anlass war eine Triumphfahrt der Polizei. Eine Fahrzeugkolonne brachte die gegen halb zehn in der Provinz Palermo festgenommenen Mafiabosse Salvatore und Sandro Lo Piccolo sowie einige ihrer Helfer in die Stadt. Wie schon bei der Festnahme des Oberbosses Bernardo Provenzano im April 2006 wollten auch dieses Mal Tausende Schaulustige sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen.

Die Menge reckte triumphierend die Fäuste, als die bereits in Abwesenheit zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilten Mörder aus den Autos geholt wurden. Junge Leute von der Anti-Mafia-Organisation Addiopizzo öffneten eine Champagnerflasche, andere spannten ein Transparent mit der Aufschrift Grazie. Die Polizei hatte mit Salvatore Lo Piccolo - genannt "der Baron" - den Mann festgenommen, der als aussichtsreichster Nachfolger von Bernardo Provenzano galt. Doch bevor Lo Piccolo seine Ochsentour durch die Hierarchie der organisierten Kriminalität krönen und auf dem Thron des Bosses der Bosse Platz nehmen konnte, war es vorbei.

"Die Cupola (das höchste Organ der Cosa Nostra - T.M.) ist vernichtet", verkündete in Rom voller Euphorie der oberste Antimafia-Jäger Piero Grassi. Innenminister Giulio Amato griff in die Kiste der starken Sprüche und ließ verlauten: "Wenn die Mafia glaubt, dass wir nur Fensterputzer seien, hat sie sich geirrt. Der Kampf gegen die Mafia hat höchste Priorität für uns."

Der Rolex-Mann

Der eigentliche Schauplatz der Handlung liegt freilich nicht in Rom, sondern im Küstengebirge westlich von Palermo und trägt den lieblichen Namen Giardinello - "Gärtchen". Keine 2.000 Leute wohnen hier. Jeder kennt jeden. Zu den regelmäßigen Besuchern eines unauffälligen Hauses der Familie Piffero möchte sich gegenüber der Presse jedoch niemand äußern. In dem einstöckigen, komplett möblierten und allein stehenden Anwesen hatten die Lo Piccolos regelmäßig Besprechungen abgehalten. Der Tipp für die Polizei kam vom so genannten Rolex-Mann, Franco Franzese, ein Drogenhändler und Schutzgeldeintreiber für Lo Piccolo, der im August verhaftet wurde. Nach Angaben des Lokalblattes La Sicilia soll er gerade dabei gewesen sein, einen Mord vorzubereiten. Die Ermittler hatten gehofft, Lo Piccolo zu fassen, und sich statt des großen Fisches mit dem Unterboss begnügen müssen, der neben Geld und Drogen auch 15 originale Rolex-Uhren bei sich trug. In der Haft wechselte Franzese die Seiten, wurde aber bisher nach Behördenangaben noch nicht offiziell als Kronzeuge anerkannt, auch wenn man seine Familie bereits in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen hat.

Franzeses Aussagen waren Gold wert. Rund um die Uhr observierte die Polizei nun das bewusste Objekt. Sie beobachtete Lo Piccolos Männer, wie sie den Ort absicherten. Als am Morgen des 5. November einige Fahrzeuge vorfuhren, entschied die Einsatzleitung auf Zugriff. Sie fand vier Männer vor: Vater und Sohn Lo Piccolo sowie die beiden Unterbosse Gaspare Pulizzi und Andrea Adamo. Zwei der vier waren mit Pistolen bewaffnet, machten davon aber keinen Gebrauch. Vielmehr versuchten sie, während Sandro Lo Piccolo auf den Hof stürzte und mehrfach "Papa, ich liebe dich!", schrie, noch schnell ein paar Dokumente die Toilette herunter zu spülen. Allerdings vergeblich. Insgesamt 200 Briefe, einige davon noch aus der Korrespondenz mit Provenzano, fielen der Polizei in die Hände, außerdem eine Karte von Palermo, in der die Einflusszonen der einzelnen Familien eingetragen waren, den Katechismus des "guten Mafioso" sowie weitere acht Pistolen, darunter eine aus Polizeibeständen. In der Küche stießen sie auf Vorbereitungen für ein Mittagessen, im Wohnzimmer auf Whisky und Zigarren, die für einige Herrenabende ausgereicht hätten. Die Schränke waren mit Unmengen von Abendgarderobe gefüllt. Ob die Cosa Nostra dort Maskenbälle veranstaltete oder schlechter gekleidete Mafiosi sich zur Audienz beim Boss standesgemäß auszustaffieren hatten, bleibt vorerst ungeklärt.

Übernachtet hatten die Lo Piccolo in einem anderen Haus, das etwa 300 Meter entfernt lag, eine Absteige vor oder nach den Treffen. Eine Fernbedienung für ein Garagentor, die bei den Lo Piccolo gefunden wurde, weist auf einen weiteren, vermutlich luxuriöseren Aufenthaltsort der beiden hin.

Nur ich und du und Rotolo

Die Ortswahl für die Treffen lässt auf historische Raffinesse schließen. Das Nachbardorf heißt Montelepre. Mafiakenner schnalzen mit den Zungen, denn hier hatte die Karriere des wohl charismatischsten sizilianischen Banditen, Salvatore Giuliano, begonnen. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg vom US-Geheimdienst als Diversant aufgebaut worden, hatte dank in der Bevölkerung verteilter Beute einen Nimbus als neuer Robin Hood und Kontakte bis in römische Regierungskreise. Durchaus im Interesse dieser Kreise hat Giuliano damals die starke sozialistische Bewegung auf Sizilien zusammengeschossen. Montelepre war sein Rückzugsraum.

Natürlich hatte Lo Piccolo nie das Format von Giuliano, er war kein Coverboy der Medien, kein Freund wichtiger Politiker und zu unbedeutend für die Ranküne der Geheimdienste. Aber er brachte ein anderes Kunststück fertig. "Er ist der einzige Boss, der als Gegner der Corleone-Fraktion von Salvatore Riina und Bernardo Provenzano den großen Mafiakrieg der achtziger Jahre überlebt hat und dem es gelungen ist, eine Mannschaft von mehreren Hundert ergebenen Soldaten zusammenzuhalten", sagt Staatsanwalt Domenico Gozzo, der mit seinen Kollegen Gaetano Paci und Francesco del Bene die Jagd auf die Lo Piccolo geleitet hat.

Lo Piccolo war nach dem Verschwinden seines damaligen Chefs so überzeugend ins Lager der Corleonesi gelaufen, dass Bernardo Provenzano ihm bald vertraut und zuletzt immer mehr Macht zugebilligt hatte. "Jetzt sind nur noch ich und du und Rotolo übrig", hatte er einige Wochen vor seiner eigenen Verhaftung in seiner Korrespondenz, den berühmten Pizzini, kleinen, Maschine geschriebenen Zettelchen, bilanziert. Als dann im April beziehungsweise Juni 2006 Provenzano und Rotolo festgenommen wurde, war Lo Piccolo der Letzte der Mohikaner. Geschickt baute er seine Position aus. Gegnerische Mafiosi wie Antonio Giambrone, Nicolo Ingarao und Bernardo Spatola ließ er aus dem Weg räumen. Er intensivierte - auch dank der "dynastischen" Eheschließungen seiner Söhne mit Töchtern und Schwestern von Mafiosi aus New Jersey - den Drogenhandel. Lo Piccolos Männer erhöhten zugleich den Druck auf Unternehmer, wieder mehr Schutzgeld zu zahlen.

Im Industrierevier an der Stadtautobahn Palermos grassierte im Sommer die Angst. Schlösser wurden verklebt und unangezündete Benzinflaschen aufs Betriebsgelände geworfen. Jeder erkannte in den Zeichen die Zahlungsaufforderung der Mafia. "Das ist bei uns geschehen und auch bei Nachbarfirmen. Wir haben uns kurz darüber unterhalten, und ich habe angeregt, dass wir uns gemeinsam einen bewaffneten Wachschutz leisten", erzählt der Unternehmer Rodolfo Guajana. Doch dazu kam es nicht. Guajana verweigerte dennoch jedes Schutzgeld, erstattete Anzeige bei der Polizei und trat der Antimafia-Organisation Addiopizzo bei. Am 31. Juli 2007 präsentierte die Cosa Nostra die Rechnung: Guajanas Baustoffhandel ging in Flammen auf. Das Attentat sorgte für Empörung. Guajana galt vielen Italienern als Held.

Der selbst bedauert heute, dass ein kollektiver Schutz der Firmen nie zustande kam, weil die Nachbarn vermutlich auf die übliche Art reagiert hätten: Dem Druck nachgeben und schweigen.

40.000 Euro Gehalt

175 Millionen Euro nimmt die Cosa Nostra allein in Palermo und Umgebung jährlich durch Schutzgelder ein, schätzt der Soziologe Antonio La Spina in der bislang präzisesten Studie dieser Art. "Nach unseren Untersuchungen zahlen 80 Prozent aller Unternehmer Schutzgeld. Einzelhändler geben im Durchschnitt 457 Euro im Monat ab, Zwischenhändler 508. Straßenhändlern werden 60 Euro im Monat abgenommen. Auftragnehmer von Bau- und Investitionsprojekten müssen zwei bis vier Prozent der Auftragssumme abführen. In der Addition ergibt das die Basis für das Funktionieren der Cosa Nostra. Mit dem Geld bezahlt sie ihre Anwälte, unterstützt die Familien der Gefangenen und hält sie so bei der Stange. Und sie zahlen sich mit diesem Geld selbst ihre Gehälter aus."

Salvatore Lo Piccolo hatte bei seiner Festnahme das Kassenbuch der Cosa Nostra bei sich. Die dort notierten Eingänge bestätigen La Spinas Recherchen. Und sie erhellen eine Novität: 40.000 Euro genehmigte sich der alte Lo Piccolo monatlich. Sein Filius bekam ein Salär von 25.000, während der Ehefrau und Mutter Rosalia di Trapani Monat für Monat 11.000 Euro zugingen. Das Geld stammte unmittelbar aus den Schutzgeldeinnahmen des traditionellen Herrschaftsgebiets der Lo Piccolos: In Partanna-Mondello, dem mondänen Badevorort Palermos, sackten die Männer der Cosa Nostra monatlich 120.000 Euro ein.

Die Verhaftung von Lo Piccolo lässt die Cosa Nostra nun für eine gewisse Zeit führungslos. Der Polizeiapparat wird jetzt wahrscheinlich auf den in Trapani herrschenden Playboy der Cosa Nostra, Matteo Messina Denaro, sowie auf Domenico Raccuglia, Boss in einem Distrikt südwestlich von Palermo, umjustiert. Beide um die 40 und die letzten großen Namen unter den Flüchtigen. Staatsanwalt Gozzo hofft, dass die Fahndungserfolge zu weiteren Aussagen gegen Mafiosi motivieren: "Wir haben gezeigt, dass wir unsere Arbeit seriös machen. Es bleibt aber Sache von Gesellschaft und Politik, gegen die Mafia vorzugehen. Nur mit Festnahmen allein lässt sich das Phänomen nicht lösen. Erst wenn sich die Mentalität ändert, wenn es niemanden mehr gibt, der von der Mafia profitiert, und niemanden mehr, der sich von ihr einschüchtern lässt, ist sie besiegt."


Die Zehn Gebote der Cosa Nostra

I.
Stelle Dich unseren Freunden nicht allein vor. Dies geht nur über die Vermittlung eines Dritten.

II.
Lass die Finger von den Ehefrauen unserer Freunde.

III.
Mach keine Geschäfte mit den Bullen.

IV.
Besuche weder Tavernen noch Klubs.

V.
Du musst der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung stehen, selbst wenn die Frau kurz vor der Entbindung steht.

VI.
Halte Verabredungen kategorisch ein.

VII.
Respektiere die Ehefrau.

VIII.
Wenn Du nach etwas gefragt wirst, sage immer die Wahrheit.

IX.
Eigne Dir keine Gelder an, die anderen oder anderen Familien gehören.

X.
Du kannst uns nicht angehören, wenn Du einen engen Angehörigen bei den Sicherheitskräften oder einen Verräter in der Familie hast.

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