Die Weite jenseits des Elfenbeinturms

Grenzübertretung Einst wurde gegen sie der Vorwurf der „Feuilletonpolitologie“ erhoben – nun drehen Franz Walter und die Göttinger Schule den Spieß mit der Zeitschrift INDES um

Hätte sich Kurt von Figura seinerzeit mit seinem Plan durchgesetzt, stünde an dieser Stelle wahrscheinlich: nichts. Es ist ein paar Jahre her, da wollte der Präsident der Universität Göttingen die Hälfte der politikwissenschaftlichen Lehrstühle an seiner Alma Mater streichen, getroffen hätte es dabei  vor allem Professoren, die auch jenseits der wissenschaftlichen Community einen Namen haben. Franz Walter etwa, oder Peter Lösche und Bassam Tibi. Forscher allesamt, die nicht nur für den Elfenbeinturm publizierten, denen Wissenschaft immer auch eine Frage öffentlicher Intervention war, die aus dem „Inzest und der hermetischen Abschottung des sozialwissenschaftlichen Juste Milieus“ (Walter) auszubrechen versuchten und dafür bereit waren, Fachvokabel und Theorieunterwerfung gegen Anschaulichkeit und Polemik einzutauschen. Und genau daraus formte sich Uni-Präsident von Figura einen der vom Kürzungsparadigma angetriebenen Vorwürfe gegen den Göttinger Fachbereich: Dort betreibe man „Feuilletonpolitologie“.

Wenn Franz Walter als Herausgeber und Katharina Rahlf als Chefredakteurin im Editorial einer dieser Tage neu auf den Markt kommenden Zeitschrift an den Streit vom Herbst 2005 erinnern und die schmähend gemeinte Etikettierung von damals ins Positive wenden, steckt darin auch ein kleiner Triumph. Nicht nur über das seinerzeit ausgesprochene Urteil, die Politikwissenschaft sei die "Schwachstelle" der Universität, das schon damals im Lichte der Publikationslisten lächerlich war. Sondern auch über eine in der wissenschaftlichen Szene immer noch verbreitete Haltung, derzufolge gerade sozialwissenschaftliche Erkenntnisse nur dann als solche gelten können, wenn sie sich einem Sound unterwerfen, der vor allem eines ist: ein Beitrag gegen die Verbreitung von Erkenntnis. INDES, wie die Zeitschrift für Politik und Gesellschaft heißt, will das Gegenteil und geht im Anspruch sogar noch darüber hinaus: Sie soll „Periodikum für politische Aufklärung“ sein, heißt es beim Verlag Vandenhoeck und Ruprecht. Man wolle, schreiben Walter und Rahlf vorweg, „eine neue Generation von Forschern und Autoren“ prägen.

Norberto Bobbio, Tony Judt, Eric Hobsbawm, Max Weber – an Vorbildern für den Wissenschaftler, den die Lust an der öffentlichen Auseinandersetzung treibt und der die Fähigkeit mitbringt, sich auch in der Weite jenseits der universitären Apparate verständlich zu machen, mangelt es nicht. Dass sich die erste Nummer von INDES in ihrem Schwerpunkt der Frage „Wo sind die Vordenker?“ widmet, hat denn auch etwas von einer gewissen Selbstbezüglichkeit – und ist doch konsequent. Die Intellektuellen, die in der gegenwärtigen Politik vermisst werden, wie Walter anhand des ausgetrockneten geistigen Potenzials in und um die Sozialdemokratie herum konstatiert, fallen schließlich nicht vom Himmel. Sie wurden, in der Regel, an Universitäten ausgebildet, an denen heute aber mehr das individuelle Funktionieren in einer Zuwendungslandschaft zählt als die – vielleicht auch etwas politisch-romantisch verstandene Rolle des aus der reinen Wissenschaft gewissermaßen in die Gesellschaft hinaufgestiegenen Intellektuellen. Umgekehrt fordert der New Yorker Professor Lawrence M. Mead in der ersten INDES-Nummer als Mittel gegen den „Scholastizismus“ in der (US-amerikanischen) Politikwissenschaft ein Ende der Überspezialisierung, mehr Hinwendung zu den Inhalten konkreter Politik und eine andere Rekrutierungskultur, die nicht auf den Wissensbetrieb beschränkt bleibt, sondern den Wert eines Politologen auch einmal daran zu messen bereit ist, dass dieser selbst „praktische Regierungserfahrung“ gesammelt hat.

Über den Zaun hinweg

Um die Flexibilität der Rollengrenzen von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Politikern geht es auch in der INDES-Kontroverse zwischen Paul Nolte und Konrad Paul Liessmann. Eine andere Grenzübertretung vermittelt die Autorenliste der ersten Ausgabe, auf der für „die andere Seite“ des Zauns zwischen Wissenschaft und Medien Redakteure wie Thomas Assheuer und Michael Schlieben das Wort ergreifen, oder der auch im Freitag schreibende Publizist Robert Misik. In der Zeitschrift betreten Politikwissenschaftler wie Oliver Nachtwey die journalistischen Felder von Reportage und Porträt, werden journalistische Bücher über die Krise der Volksparteien zusammen mit den neuesten Fachpublikationen zum Thema rezensiert.

Das alles macht natürlich noch nicht jene „neue Generation deutungsstarker, transferbegabter Sozialwissenschaftler“ und ebenso wenig die „neue Kultur des Schreibens“, die zu begründen sich INDES als hohen Anspruch selbst gestellt hat. Das hätte man von einer ersten Nummer kaum erwarten können. Und dem Verlag ist in dieser Fage auch die nötige Geduld zu wünschen. Es gibt allerdings auch keinen Grund, die INDES "an die Wand zu schmeißen", wie es Franz Walter mit den seiner Meinung nach "stinklangweiligen" und gegenüber der Sprache gleichgültigen Fachperiodika des Metiers zu tun pflegte. Auch wenn die Zeitschrift für Politik und Gesellschaft selbst noch Teil jener Baustelle ist, die zu verändern sie sich anschickt. Die männerlastige Autorenliste zeugt von einem heutigen Dilemma der Politik wie der sich mit ihr auseinandersetzenden Wissenschaft: Es sind die Frauen eher rar. Auch beißt sich noch der Wunsch, aktuelles Debattenforum zu sein, mit den Produktionszeiten einer vier Mal im Jahr erscheinenden Publikation: Gerade am Ende eines im Wortsinne bewegenden Wahljahres vermisst man einen jener Texte aus der „Göttinger Schule“ des Instituts für Demokratieforschung, die aus dem journalistischem Analyse-Einerlei und den immergleichen Zeitungskommentaren vom „Anfang vom Ende der Ära Merkel“ mit einer in der Öffentlichkeit bisher noch ungedachten Pointe hervorstechen.

Für die kommenden Ausgaben von INDES sind die Schwerpunkte bereits angekündigt. Einer soll sich der Frage widmen: Wer träumt noch von Utopia? „Vieles wird sich erst noch finden“, endet das Editorial eines Zeitschriftenprojekts, das es vielleicht nicht geben würde, hätte Kurt von Figura sich seinerzeit durchgesetzt. Der Biochemiker hat das Göttinger Präsidentenamt in diesem Jahr an eine Nachfolgerin abgegeben. Er habe gelernt, sagte von Figura bei seinem Abschied, „wie man es machen und wie man es nicht machen sollte“.

13:50 05.10.2011

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