Eine Frage der ökonomischen Vernunft

Tarifrunde in der Metallbranche Die IG Metall muss ausgerechnet in der Finanzkrise einen Lohnabschluss verhandeln. Die Arbeitgeber halten die Acht-Prozent-Forderung auch wegen der Konjunkturaussichten für zu hoch. Dabei gibt es gute Gründe für einen "kräftigen Schluck aus der Pulle".

Gegen hohe Lohnforderungen der Gewerkschaft haben die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie eine einfache Wissenschaft entwickelt: Nach dem ersten Hauptsatz der Tarifdynamik muss die Zukunft der Brache in düsteren Farben gezeichnet werden. Der zweite lautet: „Was scheren mich die Gewinne der Vergangenheit.“

Die Klagen der Arbeitgeber in der derzeitigen Verhandlungsrunde sind also nicht neu. Die IG Metall hat es in diesem Jahr dennoch schwerer als sonst: Ausgerechnet in der größten Finanzkrise seit Jahren muss die Gewerkschaft über einen Abschluss für die bundesweit rund 3,6 Millionen Beschäftigten der Branche verhandeln. Und nun sagen die Wirtschaftsforscher auch noch eine schwächere Konjunktur im kommenden Jahr voraus.

Der Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Jan Stefan Roell, hat die Forderung der Gewerkschaft mit den Worten abgetan, sie passe „überhaupt nicht in diese Zeit“. Was noch höflich formuliert ist, wenn man sich an die Tirade von Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser erinnert, der der IG Metall vorwarf, „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ zu haben. Bestätigung findet die Unternehmer-Lobby bei der veröffentlichten Meinung. Es sei „nun nicht die Zeit für Rekordabschlüsse“, warnen die Kommentatoren, „es ist die Zeit, der eigenen Klientel die Zusammenhänge zu erklären.“

Eine gute Idee. Zuhören sollten dann aber auch jene, die stets das hohe Lied der Lohnzurückhaltung singen. Die IG Metall liegt nämlich keineswegs so falsch mit ihrer Forderung – der höchsten seit 16 Jahren.

Der Aufschwung, der jetzt ans Ende kommt, war der erste in der Nachkriegsgeschichte, der bei den lohnabhängigen Menschen nicht angekommen ist. Der private Konsum konnte so die Konjunktur im Inland nicht stützen. Erste Anzeichen dafür gab es bereits im vergangenen Jahr – also lange vor der Finanzkrise, die erst ab Spätsommer 2008 auf die hiesige Realwirtschaft durchzuschlagen begann.

Wenn die Binnennachfrage schwächelt, müssen die Unternehmen für die produzierten Waren Absatz im Ausland finden. Vor allem die USA saugten in den vergangenen Jahren einen Großteil der hiesigen Produktionsüberschüsse ab – auf Basis einer enormen Verschuldung privater Haushalte, die nicht nur ihre Häuser mit Hypothekendarlehen finanzierten, sondern auch den Kauf eines neuen Autos. Bis die Blase platzte.

Lohnzurückhaltung im Inland, Schulden-Konsum im Ausland – damit haben die deutschen Metallarbeitgeber, die nur 20 Prozent ihrer Produkte an deutsche Konsumenten verkaufen aber 60 Produzent der Waren über den Export, einen prächtigen Schnitt gemacht. 2007 schossen die Netto-Gewinne um 37,5 Prozent nach oben, zwischen 2003 und 2007 stiegen sie von 14,9 Milliarden Euro auf 47,7 Milliarden Euro.

Von diesen Gewinnen will nun auch die Gewerkschaft einen Teil für die Beschäftigten. Das ist nicht nur eine Frage der „Gerechtigkeit“, wie man immer wieder hört, sondern auch eine der ökonomischen Vernunft. Das Bruttoinlandsprodukt ist von 2004 bis 2007 um knapp acht Prozent gestiegen – der private Konsum dagegen stagnierte mit einem mageren Plus von einem Prozent.

Bisher konnte der glänzende Export die Schwäche der Binnennachfrage überstrahlen. Darauf, dass in Zukunft wieder jemand im Ausland die Rolle des „Staubsaugers“ für die Produktionsüberschüsse im Inland übernimmt, können sich die Unternehmen nach dieser Finanzkrise nicht verlassen. Ein hoher Tarifabschluss in der Metall- und Elektrobranche würde also gut in diese Zeit passen – als Signal für einen Kurswechsel in der Lohnpolitik.

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