Ich dachte: Ist der verrückt?

Herbst 1989 Passkontrollen eingestellt – Wie Oberstleutnant Harald Jäger am 9. November 1989 in Berlin mit der Öffnung der Grenze Weltgeschichte schrieb

Harald Jäger ist kein Uhren-Mann. Er braucht diese rennenden Zeiger nicht, die einen für gewöhnlich durch den Tag lotsen. Er hat seine innere Uhr. Einmal die Woche fährt Jäger, 66, kurz nach Hause, um im Briefkasten nach seiner Post zu schauen. Ansonsten wohnt er mit der Frau im Bungalow, draußen in einer diesen kleinen Gartenkolonien vor den Toren von Berlin.

Auch damals, in jenem denkwürdigen Jahr 1989, hat Jäger keine Armbanduhr getragen. Nicht einmal im Dienst, wo jedes noch so kleine Detail akribisch vermerkt worden ist. Er hatte statt dessen diese Straßenuhr im Blickfeld, die er aus seiner kleinen Baracke am Ostberliner Grenzübergang Bornholmer Straße gut einsehen konnte. Dort, wo Jäger als Oberstleutnant der Staatssicherheit Tag für Tag seinen Dienst versehen hat. Und wenn man ihn fragt, wie spät es war, als er in der Nacht des 9. November 1989 für mehr als 20.000 herbeigeströmte Leute an „seinem“ Übergang die Mauer öffnen ließ, dann weiß es Jäger nicht. „Journalisten haben mir gesagt, dass es 23.20 Uhr war“, lacht er. Es gibt nur dieses Foto, auf dem die Straßenuhr zu sehen war, als sich der Schlagbaum hebt.

Die Mauer hat Jägers Leben bestimmt, im Großen wie im kleinen. Jäger ist noch keine 18 Jahre alt, als er sich im Frühjahr 1961 zur Deutschen Grenzpolizei meldet. Er will an die Grenze, er will als glühender Kommunist dabei sein, das bessere Deutschland aufzubauen. Er sieht es ja täglich: Wie Menschen, gut ausgebildete Facharbeiter, die DDR verlassen und in den Westen gehen. Und wie die anderen sehr gut vom Schmuggel leben: eine Mark West sind vier Mark Ost. Dass sich die Grenze nach 1961 immer mehr zu einer Mauer gegen die eigenen Bürger ausgebaut wird: Jäger hat es – natürlich – bemerkt. Aber er hat geschwiegen, hat weiter seinen Dienst verrichtet und sich der Parteidisziplin gebeugt. „Dass die DDR mit dem Häftlingsfreikauf durch den Westen Millionen verdiente, habe ich erst nach 1990 erfahren“, sagt er heute. Und es hat ihn damals sehr ernüchtert.

Kauderwelsch und Unvermögen

Jäger, der schon bald nach Dienstbeginn als Offizier durch die DDR-Staatssicherheit übernommen wird, kommt an die Übergang Bornholmer Straße, mitten im Prenzlauer Berg in Berlin. Er bringt es, bei seiner Entlassung 1990 ist er Oberstleutnant, bis zum stellvertretenden Chef einer so genannten Passkontrolleinheit (PKE): zuständig dafür, die Grenze hermetisch zu sichern. An diesem 9. November 1989 hat er planmäßig Dienst. Wie seine Kollegen sitzt er in der Kantine und schaut jene abendliche Pressekonferenz des SED-Politbüros, die alles verändert.

Jäger glaubt, seinen Ohren nicht zu trauen: „Sofort, unverzüglich“, stammelt Günter Schabowski auf die Frage, wann die Grenze offen sei. Sofort? „Ich dachte: Ist der verrückt? Was für ein Quatsch“, sagt Jäger. Er telefoniert seinen Vorgesetzten an, der Schabowskis Aussage ebenfalls als Unsinn abtut. Keiner der Diensthabenden bei Grenztruppen oder Staatssicherheit – bis hoch zur Generalität – kennt eine solchen Regelung. „Wenn Schabowski das heute als geplant bezeichnet, dann wäre es unverantwortlich gewesen.“ Jäger hält es vielmehr für ein Kauderwelsch, für Unvermögen.

Tausende auf den Straßen

Doch der Satz ist nun einmal in der Welt, und auch die Berliner haben ihn per Fernsehübertragung mitbekommen. Erst sind es drei, die kommen, dann fünf, dann zehn. Im 20-Minuten-Takt spuckt nun die Straßenbahn Hunderte Menschen aus, die sofort in den Westen wollen. Jägers Hilferufe auf dem Dienstweg bleiben wirkungslos – man glaubt ihm nicht. Selbst als Tausende Menschen und Hunderte Autos bis tief in die Schönhauser Allee alles blockieren und gar einen finnischen Diplomatenwagen nicht durchlassen – normalerweise ein Politikum – kommt kein neuer Befehl.

Die Generale sind in Beratungen, die Diensthabenden nicht befugt, etwas Anderes zu entscheiden. Dann endlich eine Weisung. Jäger und seine Kollegen sollen die „Rädelsführer“ im Menschenauflauf erkennen und isolieren, indem sie diesen die Ausreise gestatten. Aber: Quer über das Foto im Personalausweis soll der Ausreisestempel gesetzt werden, um eine geplante Wiedereinreise zu verhindern. Es ist das letzte Aufbäumen einer siechenden Macht. Man will die Menschen einfach aus dem Land schmeißen:„Ich wusste, dass das keine Lösung ist – aber es war für den Augenblick zumindest ein Ventil.“

Die GÜST war nicht mehr zu halten

Denn Jäger, der zweifache Familienvater, hat Angst an diesem Abend. Große Angst. „Ich war niemals zuvor und danach so hilflos in meinen Leben“, sagt er heute. „Ich stand mit dem Rücken zur Wand. Alles, was ich entscheiden würde, konnte nur falsch sein.“ Denn es zählen an diesem Abend keine Parteibeschlüsse und Geheimdienstbefehle, keine Ratschläge und Vermutungen. Jäger sieht nur die bangen Blicke der Kollegen und den Waffenschrank. Alarm für die Grenzübergangsstelle, die GÜST, auszulösen, ist eigentlich sinnlos: Es würde über eine Stunde dauern, bis alle eingetroffen sind. Er tut es trotzdem, und die Menschenmenge wächst. Am Ende gibt er den einzig richtigen Befehl, in dem er den Schlagbaum anheben lässt: „Passkontrollen eingestellt. Die GÜST war nicht mehr zu halten“, meldet er ins Operative Lagezentrum. Nun beginnt auf den Straßen Berlins eine umjubelte Nacht, die den Beginn der deutschen Einheit und das Ende der alten DDR markiert.

Dass die DDR mit jener Nacht am Ende sein würde, ist Jäger damals noch nicht klar. Er hofft vielmehr auf ein Land, das sozialistisch und demokratisch ist und in dem die Menschen reisen können, wie sie möchten. „Ich glaubte an veränderte Reiseregelungen mit einem üblichen Grenzregime. Und dass es dafür auch Beamte wie mich brauchen würde“, sagt er im Rückblick. Eine Fehleinschätzung, denn die staatlichen Strukturen brechen schnell zusammen.

Drei Monate später gibt es die Staatssicherheit nicht mehr. Jäger und Kollegen werden zunächst den Grenztruppen zugeordnet. Er hat jetzt viel Zeit, die er nutzt, um den Bungalow im Garten hochzuziehen. Er geht dann schließlich in die Arbeitslosigkeit, weil er die Uniform vom „Klassenfeind“ – dem Bundesgrenzschutz – nicht übernommen werden will. Das Wort „Deutschland“ kommt Jäger lange Zeit nicht über die Lippen. Er versucht dann eine Ausbildung zum Taxifahrer, wird Zeitungsverkäufer und wechselt die letzten Jahre vor der Rente noch zu einem Wachschutzunternehmen.

Ein Land, das es nicht mehr gibt

Jäger ist unterwegs von einem Land, das es nicht mehr gibt, das mal seins war und am Ende doch nicht mehr, und dem er ohne zu Hinterfragen bis zum Untergang gedient hat. Er ist auf dem Weg in ein Land, in dem er immer noch versucht, heimisch zu werden. Er ist im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten mit seiner Frau gereist, natürlich war er in Bornholm.

Dieser Tage, als er wieder mal zu Hause vorbeischaute, hatte er eine Einladung nach Ungarn im Briefkasten. Er soll dort mit Blick auf „20 Jahre Mauerfall“ noch einmal seine Geschichte erzählen. Er könnte vermutlich seine Frau mitbringen und zwei Tage am Balaton verbringen, vielleicht auch ein paar Tage länger bleiben. Er könnte auf der Konferenz berichten, wie er in jener Nacht Geschichte schrieb, weil er nur seinem Gewissen gefolgt ist. Aber Jäger weiß nicht, ob er hinfährt. Wahrscheinlich fährt er lieber in den Garten.

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17:35 09.11.2009
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Ausgabe 39/2020

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