Laster lohnt sich nicht

Vice Funds Das Geschäft mit Schnaps, Zigaretten und Waffen galt als krisensicher. Doch in der Krise fallen auch die Kurse der "Laster-Aktien". Nachhaltige Geldanlagen boomen dagegen

Die Firma USA Mutual mit Sitz in Milwaukee profitiert, wenn in Las Vegas ein Süchtiger sein Haus verspielt oder die US-Armee Raketen bestellt. Die Fondsgesellschaft legte im Jahr 2002 den „Vice Fund“ auf, zu deutsch Laster-Fond. Darin finden sich ausschließlich Aktien der Alkohol-, Tabak-, Glückspiel-, und Rüstungsindustrie. Während andere Fonds ihr Engagement in diesen Bereichen lieber im Kleingedruckten verstecken, wirbt USA Mutuals offensiv damit. Auf der Internetseite des Unternehmens veranschaulichen Symbole das Portfolio: Ein Fadenkreuz steht für das Geschäft mit dem Krieg.

In der Vergangenheit zahlten sich die Laster-Aktien im „Vice Fund“ aus. Noch im Jahr 2006 stieg sein Wert um rund 33 Prozent. Auch Diskussionen zur Ethik von Geldanlagen mussten die Fondsmanager nicht um den Schlaf bringen. In der reinen Logik des Marktes macht die gesellschaftliche Ächtung Laster-Aktien noch attraktiver. Die kanadische Studie „Der Preis der Sünde“ kam im Jahr 2006 zu dem Ergebnis: Weil große Institutionen wie Pensionsfonds und religiöse Organisationen sie aus ethischen Gründen meiden, sind Laster-Aktien an den Börsen unterbewertet. Anlegern ohne moralische Bedenken versprechen Laster-Aktien also hohe Renditen zum kleinen Preis.

Getrunken und gespielt wird immer – oder doch nicht?

Gegen Wirtschaftskrisen fühlten sich die Manager von USA Mutual erst Recht gerüstet: „Lasterbranchen haben das Potenzial, sich in unsicheren Zeiten besser zu entwickeln“, heißt es in der „Philosophie“ des „Vice Fund“. Die Überlegung: Getrunken, gespielt, und geraucht wird immer. Sucht sorgt für Kundenbindung. Sinkende Militäretats sind selten. Eine Untersuchung des Investmenthauses Merrill Lynch bestätigte die These. Demnach gehörten Laster-Aktien in den Rezessionen der vergangenen dreißig Jahre zu den Gewinnern. Während der Gesamtmarkt verlor, stieg ihr Wert im Schnitt zweistellig.

In der jetzigen Krise geht die Gleichung von der profitablen Unmoral dagegen noch nicht auf. Der „Vice Fund“ stürzte im vergangenen Jahr ab, verlor um 42 Prozent an Wert. Zum Vergleich: Die Aktien der fünfhundert größten US-Börsenunternehmen sanken im Schnitt nur um 38 Prozent. Noch Mitte Dezember gab sich Eric Lansky, Präsident von USA Mutual, unbeirrbar. „Alkohohl, Tabak, Glückspiel und Rüstung sind Industrien, die Investoren aus eigener Erfahrung kennen. Investoren suchen nach Wegen, dieses Wissen gewinnbringend einzusetzen.“ Anfang Januar hörte sich das schon anders an. „In der derzeitigen Marktsituation gelten die Grundmechanismen nicht“, beklagte Charles Norton, Portfolio-Manager des „Vice Fund“, im US-Magazin Business Week. Ist die Krise etwa so tief greifend, dass nicht einmal Sucht und Krieg sich rentieren?

Rüstungsindustrie – Ende des Booms?

Der Regierungswechsel in den USA sorgt für zusätzliche Verunsicherung. Die Rüstungsindustrie diskutiert bereits, welche Projekte Präsident Obama in Zukunft einsparen könnte. Zwar erklärte der alte wie neue US-Verteidigungsminister Robert Gates, es werde in den kommenden ein bis zwei Jahren keine großen Einschnitte im Militärhaushalt geben. Eine Steigerung der Militärausgaben, wie noch unter der Regierung Bush, gilt aber als unwahrscheinlich. „Die Rüstungsindustrie ist zurzeit eher ein Leidens- als ein Boomsektor“, konstatiert Dr. Peter Lock, Rüstungsexperte an der Universität Hamburg.

Neue Gewinnchancen ergeben sich eher aus der Umverteilung. Das US-Militär lässt seit Jahren an Brennstoffzellen forschen, die Panzer und Fahrzeuge unabhängig vom Benzinnachschub machen. Käme es unter Obama zur Energiewende, könnten die beteiligten Firmen auch von zivilen Anwendungen profitieren. Eine weitere Hoffnung ist die „Cybersicherheit“. Die USA wollen sich besser vor Angriffen von Hackern schützen. Die weltgrößten Rüstungskonzerne Boing und Lockheed Martin kündigten bereits an, in das Geschäftsfeld „Cybersicherheit“ einzusteigen.

Kurse der Kasinounternehmen eingebrochen

Düster sieht es dagegen für die Glückspielbranche aus. Die Aktienkurse der fünf größten börsennotierten US-Kasinounternehmen brachen vergangenes Jahr dramatisch ein, mit Verlusten zwischen 62 und 94 Prozent. In der einstigen Wachstumsmetropole Las Vegas sinken Besucherzahlen und Umsätze. Neue Großprojekte in der Wüste Nevadas sind bereits gestoppt. Das chinesische Spielerparadies Macao, in dem auch Kasinokonzerne aus Las Vegas vertreten sind, meldet ebenfalls sinkende Einnahmen. Wann das große Zocken weiter geht, bleibt unklar.

Zumindest die Alkohol- und die Tabakindustrie können hoffen, dass der Gesamtabsatz wie in vergangenen Rezessionen relativ stabil bleibt. „Wegen der Krise wird nicht weniger getrunken oder weniger geraucht“, sagt Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Teurer Alkohol werde aber tendenziell durch billigen ersetzt. Tabakfirmen können sich dagegen auf eine stärkere Markenbindung verlassen. Dafür müssen sie staatliche Restriktionen fürchten. Der neue US-Präsident Obama plant eine Erhöhung der Steuer auf Zigaretten. Einer seiner Gesundheitsberater, der Arzt Sanjay Gupta, ist ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen den Tabakkonsum.

Nachhaltige Aktien als Gewinner der Krise

Während die Gewinne der Laster-Aktien noch auf sich warten lassen, verzeichnen die Anbieter nachhaltiger Geldanlagen seit Ausbruch der Finanzkrise verstärktes Interesse. Die Thüringer Ethik-Bank konnte in 2008 wachsen und rechnet nach den vorläufigen Zahlen mit einer Steigerung des Gewinns. Auch die Bochumer GLS Bank sieht sich bestätigt: „Momentan stapeln sich bei uns die Anträge. Deshalb kann es zwei bis drei Wochen dauern, ein Konto zu eröffnen“, sagt GLS-Sprecher Christof Lützel. Beide Banken investieren das Geld ihrer Kunden nach strikten sozialen und ökologischen Kriterien. Mit Laster-Aktien handeln sie nicht.


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07:00 07.02.2009
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Ausgabe 24/2021

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