Safari ins Elend

Slumtourismus Seit "Slumdog Millionaire" zum Kinohit wurde, sind Urlauber wild darauf, für acht Dollar einen Trip durch den Schmutz von Mumbai zu buchen. Slumtourismus ist angesagt

Es ist später Nachmittag in Rio de Janeiro. Das deutsche Ehepaar, das sich einen Exklusivurlaub in einer herrlichen Villa über dem Viertel Vidigal gönnt, trinkt den Mojito aus und bereitet sich auf das allabendliche Spektakel vor.

Von unten blickt ein Dutzend Kinder, barfuß, schmutzig und in zerfetzten T-Shirts mit den verblichenen Aufdrucken von Michael Ballack und University of Wisconsin erwartungsvoll zur Villa hinauf. Regelmäßig um diese Zeit erscheinen der große, braungebrannte Senhor mit den blauen Augen und seine Senhora mit dem engelhaft blonden Haar auf ihrer Terrasse und werfen zwei, drei Handvoll Münzen und etwas Brot herunter.

Immer spätnachmittags, wenn und eine leichte Brise vom Meer etwas Kühlung verspricht, wagt sich das deutsche Ehepaar aus seinem vollklimatisierten Wohnraum auf die Terrasse, um den phantastischen Ausblick auf das pittoreske Elend in den Blech-, Karton- und Holzhütten von Vidigal zu genießen.

"Sind sie nicht süß, die kleinen Rotznasen", begeistert sich die Deutsche. "Schau, der dort", zeigt sie auf einen siebenjährigen Bengel, der sie mit breitem Grinsen anstarrt, "der hat sich sicher seit acht Wochen nicht mehr gewaschen."

"Ja, es ist viel ruhiger, als ich es mir vorgestellt habe", schwärmt die Frau. "Eine solche Ruhe in all dem Schmutz, das gibt es bei uns nicht."

Das deutsche Sozialsystem verhindert Slum-Idylle

"Ja, das sind die Vorteile der Billiglohnländer", erklärt ihr Mann. "In Deutschland sind die Löhne einfach zu hoch. Außerdem verhindert das deutsche Sozialsystem die natürliche Entwicklung solcher Slums. Aber jetzt müssen wir zum Abendessen, wenn sie uns nur rechtzeitig abholen", murmelt er dann. „Ich habe keine Lust, da runter zu gehen, um ein Taxi zu suchen. Die Hunde haben vermutlich die Tollwut."

"Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber sie holen uns doch jeden Abend ab", erwidert die Frau. Sie gehen zurück in die Kühle des Appartements und bestellen den Wagen der Tourveranstalter, der sie rechtzeitig zum Dinner an die Copacabana bringt. Dort werden sie heute Abend mehr ausgeben, als einer der vielen Altmetallsammler, die ihre zweirädrigen Karren durch Vidigal schieben, in zwei Jahren verdient.

So oder ähnlich mögen die Unterhaltungen in den neuen Feriendomizilen klingen, die der Deutsche Rolf Glaser in Rio de Janeiros Favelas plant.

Copacabana, weiße Strände und Christusstatue sind längst nicht mehr chic, allein der Slum-Tourismus ist es. Darum will Rolf Glaser, der sein Geld mit Devisengeschäften gemacht hat, 500.000 Dollar in Vidigal investieren, obwohl dieses Asyl der Trostlosigkeit keine Polizeistation hat und keine Antidrogen-Einheit, die gelegentlich zu einer Razzia im Quartier ausrückt. Dafür bietet Vidigal einen der schönsten Ausblicke Rios auf das Meer.

Glaser ist längst nicht der Erste in diesem Geschäft. Ein Fünftel der über 13 Millionen Einwohner Rios leben in den 750 Favelas der Stadt. Mitte der neunziger Jahre führte Marcelo Armstrong die ersten wagemutigen Touristen nach Rocinha, Rio de Janeiros größtes Elendsviertel. Heute schwingen sich jeden Tag Dutzende Touristen in die Minivans seiner Favela Tour, um sich am Elend der von der Globalisierung Vergessenen zu ergötzen und wie auf einer Safari durch den Serengeti-Wildpark Fotos zu schießen.


Bob Nadkarni, der schon seit 28 Jahren in Rio lebt, kümmert sich mit seiner weitläufigen Hotelanlage "The Maze" über dem Slumquartier Tavares Bastos um die Bedürfnisse der gehobenen Einkommensschichten. Bei seinen monatlichen Jazznächten treffen sich Filmemacher und der internationale Jetset. Eine Station der Polizei-Elitetruppe wacht darüber, dass kein Drogenkrieger die finanzkräftigen Gäste stören.

Seit "Slumdog Millionaire" zum internationalen Kinohit avancierte, stehen Urlauber Schlange, um bei Chris Way's Reality Tours Travel für 300 Rupien (rund $7.50) einen Trip durch das Elend und den Schmutz von Mumbais Dharavi zu buchen, den größten Slum Asiens. "Auf einem Gebiet von 175 Hektar leben über eine Million Männer, Frauen und Kinder mit Ziegen, Kühen, Hunden..., eben mit allen möglichen Tieren. Das abwechslungsreiche Labyrinth von Straßen, Moscheen, Hindutempeln, Läden, bezaubernden Märkten und Imbissstuben vermittelt eindrucksvolle und abenteuerliche Erfahrungen", schwärmte die Tourismus Review. Die Nachfrage ist so groß, dass der Reiseunternehmer inzwischen bis zu drei Ausflüge pro Tag anbieten kann. Da schauen sie dann den abgemagerten Gestalten zu, wie sie riesige Säcke hinter sich herziehen, in denen als gesammelt wird, was wieder verkauft werden könnte.

Babloo lebt schon seit Jahren hier und glaubt, zehn Jahre alt zu sein. Seine Hände sind weiß von Tip-Ex. Immer wieder führt seine linke Faust einen mit der Flüssigkeit getränkten Stofffetzen an die Nase, während er mit der andern einen Sack voller Flaschen die Straße entlang zieht. "Der ist süchtig", erklärt der Tourführer, "Eraz-Ex heißt das Zeug. Die Süchtigen geben gut die Hälfte ihrer Einnahmen aus dem Verkauf von Altpapier, Altmetall oder Plastik für den Stoff aus." Er verstehe nicht, warum "die Leute kommen und uns anschauen", sagt Babloo. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Hier die fröhlichen Touristen in ihren sauberen Shirts und Shorts und ihnen gegenüber die abgerissenen, mageren Gestalten mit ihrem gnadenlos düsteren Leben.

Am Ende ihres Ausflugs ins pittoreske Elend sind die meisten der Touristen froh, dem Gestank von heißem Teer, Urin, Unrat und Auspuffgasen wieder zu entkommen. Wenngleich sie mehr erwartet haben, möchten sie nun zurück ins Hotel zur Dusche und dem anschließenden Longdrink. Sie bedauern, nicht die an den Zeigefinger gebundenen rasiermesserscharfen Klingen gesehen zu haben, mit denen Diebe die Taschen ihrer Opfer aufschlitzen. Sie haben keinen der Bandenführer gesehen, der die mageren Einkünfte der Bettler und Sammler von Altmaterial einkassiert, um am Samstag jedem seinen Anteil auszuzahlen und dieseine Kommission einzubehalten. Auch minderjährige Prostituierte haben sich nicht blicken lassen, um von ihrer Ausbeutung zu erzählen.


Doch Gewalt, Armut und Verzweiflung gibt's auch näher. Wem Mombasa, Mumbai, Johannesburg oder Rio zu weit sind, dem offeriert in New York thepoint.org Ausflüge in die Bronx und nach Harlem, die mit ihrem Gemisch von benachteiligten und verfeindeten Bevölkerungsgruppen wie Puertoricanern, Haitianern, Iren, Italienern oder Afroamerikanern und der hohen Arbeitslosigkeit und allgegenwärtigen Kriminalität ebenfalls die Abenteuerlust zivilisationsmüder Touristen zu befriedigen versprechen.

Hollands City Safari Tours bietet in Rotterdam Ausflüge nach Spangen, wo überwiegend „gefährliche Muslime“ leben, oder zu den Geschäften an, wo Haschisch, Marihuana, Pfeifen und all die für den Drogengenuss notwendigen Utensilien offiziell verkauft werden dürfen.

Natürlich beschreiben alle, Glaser, Nadkarni oder Chris Way, ihre Geschäfte als soziale Projekte. Glaser will die Favela zu einem "normalen Teil" der Stadt machen. Er will Familien finanziell unterstützen, so dass sie ihre Hütten auch für anspruchsvollere Mieter bewohnbar machen können. Die Elendshütten sollen einmal Touristen und Austauschstudenten "bed and breakfast", die Exotik des Elends und den Kitzel der Gefahr anbieten können.

"Wir sehen uns als Brücke, die den Touristen mit der wirklichen Welt verbindet", erklärt Pater Fred Collom, der Touristen auf die Müllhalden Mazatláns führt. Tatsächlich bieten die Tourismusunternehmer den Slumbewohnern nicht viel. Ein paar erhalten eine kurze Ausbildung als Tourführer wie jene ehemaligen Bandenmitglieder, die heute Touristen zum Hauptbahnhof der indischen Hauptstadt führen, wo all die Mittellosen vom Land in der Hoffnung auf ein besseres Auskommen in der Stadt ankommen und von ihren ehemaligen Kumpanen sofort bestohlen werden.

Für Ausreden hält David Fennell, Professor für Tourismus und Umwelt an Ontarios Brock University, darum all dieses Gerede von sozialem Engagement: "Würde es ihnen gefallen, wenn jeden Tag unbekannte Leute ein- oder zweimal vor ihrem Haus anhielten, einige Fotos von ihnen machten und ein paar Überlegungen zu ihrer Lebensart anstellten? Slum-Tourismus ist nichts weiter als eine neue Marktlücke, die genutzt wird." Nach einem Besuch im Elend fühle sich der westliche Tourist besser, glaubt Fennell. Das Gesehene "bestätigt mir, wie glücklich ich doch bin – oder wie unglücklich sie sind".

15:00 05.04.2009
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