Verwischte Spuren

Arbeitskampf Vor vierzig Jahren wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Über die Rolle der Septemberstreiks von 1969 bei der Abwahl der Großen Koalition und andere Arbeiter-Geschichten

Anfang April 1966 beobachtete Heinz Brandt, ein prominenter Redakteur der Zeitschrift Metall, wie Arbeiter in einem Stuttgarter Vorortzug die Bild-Zeitung aus dem Fenster warfen. "Dieses Blatt lesen wir nimmer!", sollen die Arbeiter gerufen haben, auf dem Weg zu einem Proteststreik, der sich gegen die Berichterstattung des Boulevardblattes richtete.

Weniger als vier Jahre danach, am 3. September 1969, brannten die Bild-Zeitungskästen in den Stahlwerken der Dortmunder Hoesch AG. Linke und GewerkschafterInnen rieben sich die Augen. Viele waren begeistert. Die Forschung sprach von der "Rekonstruktion" der Arbeiterklasse. Studierende begannen nach französischem Vorbild von einem Bündnis mit den streikenden Arbeitern zu träumen. Doch was geschah im September 1969 wirklich? Und was hatten die Ereignisse dieses Monats mit jenen zu tun, die Heinz Brandt 1966 in der schwäbischen Eisenbahn beobachtet hatte?

Am 2. September 1969 hatten Stahlwerker der Hoesch AG genug von der steigenden Arbeitsbelastung. Sie legten die Arbeit nieder, es war ein wilder Streik, ein Arbeitskampf, der von der IG Metall nicht geplant war und nicht verantwortet wurde. Wie in den Jahren zuvor diskret und ohne die Öffentlichkeit einzuschalten eingeübt worden war, gaben diejenigen, die sich ungehindert durch den Betrieb bewegen konnten, vor allem Handwerker und linke Vertrauensleute, das Stichwort. Die Bewegung begann daraufhin in jenen Abteilungen, in denen vertrauenswürdige Kollegen arbeiteten und die als kämpferisch bekannt waren. Die Forderung entwickelte man unterwegs, auf dem Zug durch den riesenhaften Betrieb mit seinen insgesamt 27.000 Beschäftigten. Die Demonstration endete vor dem Gebäude der Firmenleitung. Man forderte schließlich eine Erhöhung der Löhne um zwanzig Pfennig. Als sich die Behauptung des Arbeitsdirektors, die Firmenleitung habe das Anliegen akzeptiert, als Fake erwies, um die Leute wieder an ihre Arbeitsplätze zu lotsen, fühlten sich die Streikenden bereits stark genug, um die Forderung auf 30 Pfennig zu erhöhen. Sehr schnell – es vergingen weniger als 24 Stunden – gaben die Arbeitgeber dieser Forderung nach.

Ende der Rezession

Hintergrund war das Ende einer Rezession. Etwa seit Mitte 1968 boomten die Stahlwerke wieder, Auslastung, Umsatz und Gewinne erreichten Rekordhöhe. Die Arbeitsbedingungen hingegen hatten sich doppelt verschlechtert. Zwischen 1966 und Anfang 1968 hatten die Unternehmer die erste Rezession im Wirtschaftswunderland ausgenutzt, um übertarifliche Leistungen und Arbeitsplätze abzubauen. Folgen waren: Weniger Personal, mehr Arbeit, mehr Stress. Bei Hoesch hatte, während die Betriebszeitung die Ausschüttung einer besonders hohen Dividende verkündete, die Zahl der Arbeitsunfälle im Sommer 1969 massiv zugenommen. Der Streik wurde Ausdruck einer länger angestauten Wut, die Lohnforderungen waren auch Forderungen nach Würde und Anerkennung, es war eine massive, praktische Kritik an den verschlechterten Arbeitsbedingungen.

Und spätestens als die Arbeiter am 2. September das Verwaltungsgebäude der AG stürmten, begann die Aktion auch Spaß zu machen. Und wie oft, wenn die Arbeit endlich ruht, kam man ins Reden. Im Stile der Studenten eigneten sich die Aktivisten den Lautsprecherwagen des Werkschutzes an und wandelten ihn zum "offenen Mikrophon" um. Als Bild am 3. September schrieb, die Arbeiter würden "Deutschland kaputtstreiken", machte man sich über deren Zeitungskästen her. Die (radikale) Linke war entzückt, zumal Parallelen zu den wilden Streiks in Frankreich und Italien unübersehbar waren. Doch sie war, entgegen späterer Mythen, nicht an der Entstehung dieses (und fast aller anderen September-Streiks) beteiligt. Eher war es andersherum: Die Arbeitskämpfe förderten Bemühungen, auf soziale Kämpfe Einfluss zu nehmen, die außerhalb der Universitäten stattfanden. Die Wurzeln der Streikwelle dagegen lagen viel eher in einer Tradition von diskreten, betrieblichen Arbeitskämpfen, die bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreichte.

Schiller – plötzlich ein Freund der Stahlwerker

Das Medienspektakel, das den Arbeitskampf schließlich umrankte, war vor allem dem Umstand geschuldet, dass Hunderttausende sich im Hoesch-Streik wieder erkannten. Bis zum 19. September ahmten mindestens 140.000 Beschäftigte in der Stahlindustrie und im Bergbau, an der Ruhr, der Saar, in Bremen und auf der Kieler HDW-Werft, später sogar im öffentlichen Dienst sowie in einzelnen anderen Wirtschaftszweigen das Dortmunder Beispiel nach. Oft genügte gar die Drohung mit einer Arbeitsniederlegung, um die geschockten Unternehmer zu Zugeständnissen zu bewegen. Für über acht Millionen Beschäftigte wurden schließlich in aller Eile und außerhalb der gewöhnlichen Tarifrunden Lohnerhöhungen vereinbart. Es folgten die bis jetzt einzigen wenigen Jahre der bundesdeutschen Geschichte, in denen es zu einer Umverteilung zugunsten der Löhne und zuungunsten der Gewinne kam.

Zudem ist die Rolle der Streiks bei der Abwahl der Großen Koalition bei den Bundestagswahlen vom 28. September 1969 nicht zu unterschätzen. Hoesch lag im Wahlkreis des SPD-Wirtschaftsministers Schiller, ein Rechtskeynesianer, der alles andere als ein Freund von Lohnerhöhungen war, in der heißen Phase des Wahlkampfes jedoch gleichwohl urplötzlich ein Freund der Stahlwerker wurde. In der Folge beschränkte sich die Polizei in Dortmund und anderswo auf die Verkehrsregelung. Franz Josef Strauss tobte, aber die CDU/CSU verlor am Ende die Wahl.

Die meisten der Streikenden entschieden sich am 28. September trotz aller Kritik an den Gewerkschaften für die mit diesen verbündete SPD. Dennoch artikulierten die Streiks auch etwas grundlegend Neues. Denn die Szene, die Heinz Brandt 1966 in Stuttgart beobachtet hatte, muss, dem journalistischen Eifer des damals Schreibenden zum Trotz, ganz anders eingeordnet werden als jene Szene, die sich dreieinhalb Jahre später auf einem Hof der Hoesch AG abspielte. Der Protest gegen die Bild-Zeitung war 1966 ein Krisenzeichen, und zwar auch für die Gewerkschaften.

Gefährliche, rassistische Dimension

Die Aktionen der 6.000 Metall-Facharbeiter richteten sich gegen einen Bericht der Zeitung, in dem der Arbeitgeberpräsident Schleyer mit dem Satz zitiert wurde, dass "Ausländer fleißiger als Deutsche" seien. Gleichwohl mussten die so genannten Gastarbeiter, aber auch jüngere Beschäftigte und Frauen, als erstes die Betriebe verlassen. Brandts Artikel beruhte auf einer Fehleinschätzung: Die Aktion der Stuttgarter Metaller hatte eine gefährliche, rassistische Dimension. Die IG Metall reagierte alarmiert, weil sie in der Krise eine extreme Polarisierung der Belegschaften befürchtete. Sie bemühte sich, die gröbsten rassistischen Angriffe abzuwehren. Aber sie goss auch Öl ins Feuer, indem sie für eine regulierte "Rückführung der Gastarbeiter" plädierte.

Die Stimmung änderte sich erst, als sich 1967 herausstellte, dass die von der FAZ als "Reinigungskur" bezeichnete Krisenökonomie auch für die Kernbelegschaften negative Folgen haben würden. Zudem stagnierten die Tariflöhne, weil die Gewerkschaften sich im Kontext der Großen Koalition immer stärker auf die "Konzertation" einließen. Nicht-gewerkschaftliche Streiks wurden deshalb mehr und mehr zum Ventil einer "alternativen" Lohnpolitik. Lineare Lohnforderungen, mit denen die Koppelung der Einkommen an den betrieblichen und familiären Status der Beschäftigten durchbrochen wurde, standen nun neben Protesten gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen am Band und im Akkord. Im Boom von 1969 näherten sich die Forderungen der verschiedenen Beschäftigtengruppen insofern sichtlich an. Die Stahlwerker machten nur den Anfang.

Ende des Zyklus: Fordstreik 1973

Bessere Löhne und bessere Bedingungen für alle zu erreichen, wurde zum wesentlichen Inhalt vieler Arbeitskämpfe zwischen 1969 und 1973, wobei die Gewerkschaften gezwungen waren, die Impulse der wilden Streiks gerade auch in der Tarifpolitik zu bedienen. Dennoch kam es auch während der Streiks immer wieder zu Konflikten innerhalb der Belegschaften. Die Solidarität zwischen migrantischen und deutschen Beschäftigten, die vor allem in den Kämpfen der Pierburg-Frauen zwischen 1971 und 1973 zum Ausdruck kam, war eher eine Ausnahme. Es waren die migrantisch geprägten Arbeitskämpfe der Jahre 1972 und 1973, vor allem der berühmte wilde Streik bei Ford in Köln, die am Ende dieses Zyklus standen.

Eine lang anhaltende Rezession, aber auch Reformen wie die Einführung von "Bandpausen", Programme zur "Humanisierung der Arbeit" sowie die Kanalisierung der wilden Streiks in die Form der (seitdem legalen) "Warnstreiks" haben die Spuren dieser Geschichte danach verwischt. Die neuen Arbeitskämpfe, deren Züge wir zwischen den Aktionen der Bochum Opelarbeiter von 2004 und den jüngsten KITA-Streiks heute nach und nach ausmachen können, werden sich von dieser Geschichte unterscheiden. Aber in jenen neuen Kämpfen sind immer auch die alten Kämpfe aufgehoben. Es wird nicht allein Sache der Historiker, sondern vor allem der Streikenden selbst sein, auf das zu deuten, was aus den Septemberstreiks gelernt werden kann.

Peter Birke, Jahrgang 1965, ist Historiker und arbeitet unter anderem an der Universität Hamburg. Er hat sich mit Wilden Streiks im Wirtschaftswunder (Frankfurt am Main 2007) befasst und zuletzt ein Buch über Die sozialen Kämpfe der 1968er Jahre in der Diskussion mitherausgegeben (Alte Linke Neue Linke, Berlin 2007).

Arbeitskämpfe auf eigene Faust ist eine zweitätige Veranstaltung des Forums Betrieb, Gewerkschaft und soziale Bewegung überschrieben, zu der am 3. und 4. Oktober neben Birke auch oppositionelle Betriebsräte und Zeitzeugen eingeladen sind. Weitere Infos über die Veranstaltung finden sich hier im Internet.

10:40 12.09.2009
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