Auch ein bisschen gaga

Musik-Kolumne Gruseliges Wispern, handgemachter Akkordeonrock und minimalistischer Techno: Unsere Kolumnistin hat Frauen entdeckt, die nicht länger ein Geheimtipp bleiben sollten

Bei der Fußball-WM war (für die Deutschen) nach dem Viertelfinale Schluss, bei der Musik des Jahres ist erst Halbzeit.

Entwickelte sich schon Ende 2010 der ans Klavier lehnende Dubstep eines James Blake zum absoluten Hype-Thema, übernahmen jüngst HipHopper wie Tyler The Creator oder Casper die Führung. Und bei den Frauen?

Nun, Lady Gaga hat ein zweites Album zwischen ihren türkisfarbenen Achselhaaren hervorgezogen und sonst schicken sich sicherlich wieder ein paar leicht bekleidete Mädchen an, den Sommerhit des Jahres abzuliefern.
Bei so viel körperlicher Offenbarung übersieht man schon mal ein paar andere Musikerinnen, die in den vergangenen Monaten solo oder mit Band wunderbare Platten abgeliefert haben. Völlig untergegangen hierzulande sind zum Beispiel Love Inks:

Das Trio aus Austin veröffentlichte im April ihr Debütalbum „ESP“ und immerhin die FAZ war aufmerksam genug, es zur CD der Woche zur küren.

In der dazugehörigen Lobhuddelei schrieb Alexander Müller über Love Inks: „Ihre größtenteils analog aufgenommenen Songs sprechen Herz und Hirn gleichermaßen an, sind aber alles andere als verkopft oder gefühlsduselig.“. Recht hat der Mann. Warmherzige Popmusik, in der sich Sängerin Sherry LeBlanc nicht scheut, auch mal die kalte Schulter zu zeigen, und in der die tanzbaren Melodien versponnen genug sind, um die Zeit um sich herum zu vergessen.

Ich war schon einige Wochen vorher auf die Band gestoßen, als ihr Song „Blackeye“ auf dem Blog wearsthetrousers vorgestellt wurde. Dort findet einmal wöchentlich der Frei-Musik-Freitag statt, an dem man sich eine Auswahl an Songs weiblicher Künstlerinnen umsonst runterladen kann. Love Inks waren dabei und liefen erst mal als Dauerschleife auf meinem I-Pod. Wirklich schade, dass diesem tollen Debüt nicht mehr Scheinwerferlicht vergönnt war.

Bereits ihr zweites Album hat jüngst die Musikerin Michaela Dippels veröffentlicht.

Als Ada veröffentlichte die Kölnerin 2004 ihr Debütalbum „Blondie“, 2009 erscheint „Adaptions“ als Remix-Mixtape.

Mit „Meine Zarten Pfoten“ überrascht die Musikerin nun, denn statt minimalistischen Techno-Loops und frickeligem Vibrieren, hat sie melodiösen Pop und Gesang für sich entdeckt. Das Video zu „Likely“ fühlt sich wie eine warme Gutenachtgeschichte an, nach der niemand mehr Angst im Dunkeln zu haben braucht. Und auch die anderen Tracks auf ihrem aktuellen Album sind mal lieblich, mal zart und trotzdem intelligent genug, sich nicht dem Klischee hinzugeben. Die aktuelle Ausgabe des österreichischen Magazins an.schläge hat die Musikerin unter der Überschrift „Elektronische Zärtlichkeit“ interviewt und Autorin Liz Weidinger ließ sich von Adas Songs „zwischen Techno und Pop umarmen“.

Neben dem eingangs erwähnten Dubstep-Hype gab es noch ein Genre, das seine Klauen nach Musiknerds ausstreckte: Goth-Wave, Witch-House oder Nightmare-Pop. Auch das Trio Esben and the Witch aus Brighton schienen sich dort ansiedeln zu wollen. Düster vernebelte Synthiewaves mit einer durchdringenden Hexenstimme von Sängerin Rachel Davies. Die Optik tut ihr Übriges:

Bei Byte FM warf man dem Album vor, es käme doch etwas zu spät.

Denn Zola Jesus und Beach House hätten die Kerbe schon erschöpfend ausgefüllt. Das finde ich allerdings nicht. Denn sowohl die russisch-amerikanische Zola Jesus mit ihren arienhaften Gesangs-Gewitterwolken als auch die entspannt flirrenden Beach House unterscheiden sich doch sehr von dem wispernden Grusel, den Esben and the Witch verbreiten.

Handgemachtes gibt es bei Wendy McNeill. Die Kanadierin spielt mit ihrem Akkordeon einen melancholischen Folk, ein bisschen düster, ein bisschen gebrochen und dann doch wieder glasklar. Im März ist ihr fünftes Album mit dem märchenhaften Titel „For the wolf, a good meal“ erschienen und irgendwo bin ich über einen ihrer Songs auf sie aufmerksam geworden. Mir gefällt, dass sie einerseits so selbstvergessen wirkt und andererseits den Song und ihr Instrument so völlig unter Kontrolle hat.

Leider habe ich ihr Konzert in Hamburg verpasst, fand aber neulich einen schönen Text auf kweens.de über die Musikerin, die seit einigen Jahren in Schweden lebt. Dort findet sich auch der Hinweis, das McNeill auch schon mal im Wonder-Woman-Kostüm Luftgitarre spielt oder mit den Franzosen von Nouvelle Vague bowlen geht. Definitiv eine Künstlerin, der ich gerne wieder begegnet bin.

Gleiches gilt für tUnE-yArDs – die Amerikanerin kannte ich von ihrem Debütalbum vor zwei Jahren nur als die Rotznase mit Federschmuck im Haar und Malfarbe im Gesicht. Obwohl da schon von stereogum als "artist to watch" gehandelt, blieb die Merrill Garbus auch mit dem just erschienenen Nachfolgealbum „w h o k i l l“ im Geheimtipp-Bereich.

Bayern-2-Radio Zündfunk unternahm etwas dagegen, in dem es „w h o k i l l“ zur Platte der Woche machte, „eine prachtvolle Rappelkiste: Global-Pop, Schrammel-Gitarren und schräge Loops“. Und die Empfehlung hinten dran hängte: Bitte mehrmals hören! Denn ja, ein bisschen spleening ist das schon, was tUnE-yArDs in ihrem Bandprojekt auf die Beine stellt. Aber massentauglich kann ja jede.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Auf freitag.de schreibt sie in einer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Zuletzt: Raus aus der Reserve

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14:00 11.07.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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