Dahingeschmolzen

Draußen feiern Manche verbringen ihren ganzen Sommerurlaub auf Festivals. Musik-Kolumnistin Verena Reygers ist da eher skeptisch. Ihr Besuch auf dem Melt-Festival hat sich aber gelohnt

Es gibt Leute, die verbringen ihren gesamten Jahresurlaub auf Musik-Festivals. Eine Freundin, die in einem Büro voller Anzugträger arbeitet, erzählte mir, wie ihr einer der seriösen Kollegen von seinem Urlaub berichtete. Er war in zwei Wochen auf drei Festivals unterwegs und die Begeisterung loderte noch immer unter seiner Krawatte.

Mir leuchtet das nicht ganz ein. Tagelang abgeschnitten, nur mit Zelt und Alkoholika ausgerüstet – das ist nichts für mich. Die vielen Bands, die man gebündelt in so kurzer Zeit sehen kann, dagegen sehr. Deshalb, und nur deshalb, habe ich in diesem Jahr ein Zelt organisiert, eine kleine kompakte Tasche gepackt und bin mit Gummistiefeln an den Füßen zum Melt! gefahren – ein fantastisches Line-Up vor Augen.

Besonders freute ich mich auf den Auftritt von Little Dragon.

Ihr im Juli veröffentlichtes drittes Album Ritual Union hat den perfekten Sommerparty-Sound – ein großes Glas Soul, ein paar Spritzer Elektro und Yukimi Naganos Stimme als fruchtige Cocktailkirsche oben drauf. Besonders live gilt die Frontfrau der Band aus Göteborg als Publikumsmagnet. Ich war aber leider nicht ganz so überzeugt. Der leichtfüßige Schmiss ihrer Platte stolperte auf der Bühne über die eigenen Füße und statt locker zu klingen, verlor sich der Sound im gewollten Chaos, gegen das Nagano dann ansingen musste. Klar, live will jede Band die große Rock’n Roll Nummer bringen, aber auch zwischen Dixie-Klos und Bierbuden freuen wir uns über Melodien-Bewusstsein.

Genau das bewiesen The Koletzkis. Oliver Koletzki, eigentlich ein Berliner Techno- und House DJ überraschte 2009 mit einem poppig-luftigen Album, für das MusikerInnen wie Mieze Katz von MIA. oder Axel Bosse ihre Stimmen liehen. Auch die Sängerin Fran holte sich Koletzki damals schon an Bord. Die berufliche Kollaboration führte zur privaten und aus Oliver + Fran wurden The Koletzkis. Die klingen manchmal etwas arg süß, was aber auf dem Melt! neben all den auf durchdringenden Sound angelegten Performances eine entspannte Abwechslung war. Gefiel mir auf jeden Fall besser als Bands wie Little Dragon oder auch FM Belfast, deren Live-Performance ebenfalls leicht überstrapaziert wirkte. Oder We Have Band, die die eher undankbare Aufgabe hatten, am frühen Nachmittag als eine der ersten Bands zu spielen. Unmotiviert und kantig wirkte vor allem Dede Wp mit ihren grobmotorisierten Drumstickschlägen.

Ich will ja nicht nur motzen, aber noch bevor die Sonne vor der beeindruckenden Schaufelradbagger-Kulisse des Melt! unterging, hätte ich mir ein nettes Hotelzimmer herbeigewünscht. Hatte ich doch just beim Zeltaufbau festgestellt, dass ich zwar einen wärmenden Schlafsack, aber keine Isomatte dabei hatte. Ich Super-Camperin. Es schien mir also nichts anderes übrig zu bleiben, als die Nacht durchzutanzen. Und Tanzen, ja, das kann man auf dem Melt! ganz hervorragend. Zum Beispiel zu den zahlreichen DJ-Sets, die auch dann noch laufen, wenn Festivalbesucher nach einer kurzen Nacht schon wieder oder immer noch auf den Beinen sind. Miss Kittin war dabei, aber auch Ellen Allien, Labelownerin von BPitch Control, einem der Berliner Techno-Labels frühester Stunde.

Wer nicht auf Ellen Alliens Auftritt Sonntagnacht warten wollte, konnte schon am Freitag mit Robyn um die Wette tanzen. Das schwedische Elektrorabatz-Fliegengewicht war ein Headliner des Melt!-Freitags und lieferte eine Show, bei der man schon beim Zuschauen außer Atem geriet. Auf dicken Plateau-Sohlen, die mehr nach Baustelle als nach Diskomoves aussahen, fegte die 32-Jährige über die Mainstage und bewies, was die meisten der anderen Acts entbehrten: Vollendete Bühnenpräsenz. Zwei Jahre zuvor, habe sie sich bei der ein oder anderen Nummer noch auf die Nase gelegt, erzählte mir ein Besucher. Dieses Mal ging alles glatt.

Übrigens: Das Melt! ist längst kein reines Musikfestival mehr. Auch Filme und Lesungen gab es. Der Musikjournalist Eric Pfeil las aus seinen Pop-Tagebüchern und Katja Peglow aus ihrem jüngst erschienen Buch Riot Grrrl Revisited, das über die Geschichte der punk-feministischen Bewegung Anfang der 90er aufklärt. Auch Los Superdemocraticos waren am Start. Das transnationale Autorenkollektiv stellt Alltagsszenen aus Deutschland und Lateinamerika gegenüber. Es geht um Liebe, Politik, Arbeit, Migration und Literatur. Weniger um Musik. Dafür aber malten sich Rery Maldonado und Nikola Richter einen Schnurrbart ins Gesicht oder die Lippen rot. Auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung von Ramtamtam, der jedes Festival mit zunehmender Stunde übervölkert.

Irgendwie habe ich es dann doch noch ohne Isomatte und mit Zeltphobie durch die Nacht geschafft. Belohnt wurde mein Camper-Hasenherz mit strahlendem Sonnenschein, Schwimmen im See am Tag und am Abend gab es noch so aufregende Bands wie Retro Stefson, Crystal Castles oder die großartige Planningtorock zu sehen, die auch schon beim Electronic Beats Festival im Mai in Köln überzeugte.

Ob Stadtfestivals, bei denen die Nacht im eigenen Bett endet womöglich besser sind, als die Wochenendausflüge auf Festival-Äcker und stillgelegte Tagebau-Anlagen finde ich dann kommendes Wochenende beim Hamburger Dockville-Festival heraus.

Verena Reygers schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit der Gender- und Bildungskolumne von Kathrin Rönicke.

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Ihre Freitag-Redaktion

16:35 08.08.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 4
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Ausgabe 41/2021

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