Gegen den Strom

Fiva Fiva alias Nina Sonnenberg hat sich in der deutschen Hip-Hop-Szene als Frau Respekt verschafft. Obwohl oder gerade weil sie nie sexy sein wollte?

Es ist ausgerechnet eine Frau, die an diesem Abend das unerwünschte Wort ausspricht: Fiva hat gerade ihre Show im Kölner Kulturbunker beendet, verkauft an einem Tisch ihr aktuelles Album, als ein aufwändig geschminktes Mädchen sie anspricht. Der Auftritt habe ihr wirklich gut gefallen, sagt sie, um dann hinzuzufügen: „Du warst richtig sexy!“

Seit zehn Jahren macht Nina Sonnenberg als Fiva den Job der Hip-Hop-Frau. „Sexy“ ist ein Prädikat, das sie nie benutzt hat. Genausowenig wie die Machomasche mit Kapuzenpulli, breitbeinigem Gang und Ghettopose, mit der Genre-Kollegen wie Sido oder Bushido gern eine Gangsterexistenz vorspiegeln. Mit ihrer Mischung aus poetischem Rap und souligen Samples zeigt Fiva, dass Hip-Hop vielseitig und hintergründig sein kann – also das Gegenteil dessen, was heute gemeinhin als Rap gilt.

Denn mittlerweile ist Hip-Hop-Musik vor allem „böse“, wie Fiva ironisch bemerkt: „Selbst, wenn du als Mädchen rappst, ist es erst mal böse“. Das war vor zehn, fünfzehn Jahren anders. Als Bands wie Massive Töne oder Absolute Beginner Rap als bunten Sprechgesang mit Hirn anboten. Fiva hält an dieser Tradition fest. Respekt hat sich die Münchnerin nicht durch krasse Aussagen erworben, sondern durch kontinuierliche Arbeit. „Ich liebe Professionalität“, ist so ein Satz der 31-Jährigen, der zwischen schlurfenden Typen in Baggypants und Damen in knappen Bikinis selten geworden ist im deutschen Hip-Hop.

Fiva trägt pinke Sneakers, einen Sweater mit Blumenstickerei, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Obwohl zwischen Soundcheck und Konzert nur knapp drei Stunden für einen Abstecher ins Hotel, für Abendessen und Interview bleiben, will sie weder von Zeitdruck noch Müdigkeit etwas wissen. Am Nachmittag hat sie auf Einladung des Kulturzentrums einen Workshop für Mädchen zum Thema „Rap-Texte“ gegeben. Dort trainierten junge Frauen nicht nur ihre Sprachfertigkeit, sondern auch ihr Selbstbewusstsein. Fiva selbst hat damit offenbar keine Probleme. Sie sprüht vor Offenheit und Selbstvertrauen. Auch auf der Bühne, wo sie an diesem Abend einen souveränen Auftritt zeigt. Sie sagt, sie sei eben ein „Bühnenmensch“.

Fiva-Auftritt beim on3radio festival in München, November 2008

Die Frage nach dem Frausein im Rapbusiness gehört zu jenen, die Fiva immer wieder gestellt werden – falls sie das nervt, lässt sie es sich nicht anmerken. Sie schüttelt den Kopf, nein, sie sei immer respektvoll behandelt worden. „Ich glaube, das ist das große Problem, das die Medien mit mir haben. Ich habe einfach nicht die Geschichte dazu.“ Gar keine Diskriminierungserfahrungen? „Natürlich brüllt mal wer ,Ausziehen‘ auf einem Konzert, oder brüllte – das ist aber heute nicht mehr so.“ Und falls doch, schlägt Fiva einfach mit einem Freestyle zurück. „Ich habe das Mikrofon, mir kann wenig passieren. Ich kann sagen, was ich will, ich kann sagen ‚Hau ab’.“

Trotzdem gibt es noch genügend Männer, die der Meinung sind, Frauen hätten keine Ahnung vom Hip-Hop, geschweige denn, dass sie den richtigen Flow, den Fluss in der Sprachakrobatik, hinbekämen. Fiva kann das nicht nachvollziehen. „Hör dir mal ’nen Flow von Pyranja an, da können viele andere abhauen“, zollt sie der Kollegin Respekt. Pyranja, die andere Rapperin in Deutschland, die es geschafft hat, länger als eine Platte über eine kleine Szene hinaus bekannt zu sein.

Warum generell so wenige Frauen rappen, kann Fiva auch nicht erklären. Mit ihren männlichen Kollegen träfe sie sich eigentlich immer auf Augenhöhe. „Mir ist, glaub’ ich, in meinem Privatleben Schlimmeres passiert als in der Rap-Szene.“ Was sie stört, ist die „Backstagehurerei“. Wenn nach dem Konzert Mädels auftauchen und sich Männern auf den Schoß setzen – anfangs noch mit Klamotten, ziemlich schnell aber ohne. „Ehrlich gesagt ist mir das scheißegal, ich will es bloß nicht sehen. Das interessiert mich nicht. Ich verstehe die Mädchen nicht, die anscheinend darauf stehen, mit Rappern Sex zu haben oder mit Musikern oder vielleicht auch mit jedem.“ Fiva sagt, sie sei weder katholisch noch halte sie sich für übermoralisch, aber das sei so ein Punkt: „Ich gehe dann einfach.“

Den umgekehrten Fall, willige Männer, die sich Backstage tummeln, habe sie übrigens noch nie erlebt. „Ich wundere mich auch ein bisschen“, sagt sie, senkt die Stimme und lacht. „Hey, ich bin doch gar nicht so hässlich.“ Vielleicht trauen sich die Verehrer bloß nicht hinter die Bühne. Im Kulturbunker stehen an diesem Abend jedenfalls einige Jungs beim Konzert ganz vorn und feuern Fiva an.

Während des Gesprächs vor dem Konzert wägt sie die Worte genau ab, auch wenn sie wasserfallartig aus ihr heraussprudeln. Notfalls wird mitten im Satz eine Kehrtwende gemacht, hin zu einer gekonnten Zusammenfassung dessen, was sie sagen will. Sie mag müde von dem Workshop sein oder an den bevorstehenden Auftritt denken oder an den Anruf einer Freundin, der zwischendurch das Handy klingeln lässt – ihre Konzentration stört das nicht. Es ist wie auf der Bühne, sie stimmt sich auf den DJ und ihr Publikum ab.

Als Kind übt sie Ballett

Geboren und aufgewachsen ist Fiva in München, ursprünglich will sie Tänzerin werden. Tägliche Ballettstunden trainieren ihre Disziplin. In ihrer Familie ist sie die erste, die Abitur macht, dann absolviert sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau und studiert Soziologie. Nicht, weil sie die Welt verändern will, sondern weil sie gesellschaftliche Zusammenhänge interessieren, sagt sie. „Und ich mag Statistik.“

Den Sprechgesang entdeckt sie Mitte der Neunziger. Es sind vor allem Jungs, mit denen sie damals abhängt. Jungs, die anfangen, den Trend des amerikanischen Hip-Hops zu übernehmen. Rappen, Beats machen, sprayen – und Fiva mittendrin. „Ich fand das alles so unglaublich spannend und wollte das auch können“, erzählt sie. Dass sie das einzige Mädchen ist, stört sie nicht. Schon vorher hat sie Gedichte geschrieben, die sie dann versucht, auf die Musik abzustimmen: „Als ich die ersten Mal versucht habe zu rappen, hat das beschissen geklungen – furchtbar.“

Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem sie den richtigen Dreh findet. Sie sitzt zuhause mit ihrem Kassettenrekorder in der Küche und spult das Band an den Anfang zurück, dorthin, wo nur die Beatparts sind. Sie beginnt, darüber zu rappen. Sobald der Text einsetzt, spult sie wieder zurück, beginnt erneut und irgendwann klappt es, sie freestylt – erstmal über den Kühlschrank, die Spüle, den Küchentisch. Ihre Begeisterung in diesem Augenblick ist auch heute noch spürbar: „Da hat mich ein Feuer erwischt. Das klingt zwar immer so wahnsinnig pathetisch, aber das war der geilste Moment in meinem Leben.“

Sechs Monate lang übt sie täglich, bevor sie mit ihrem Kumpel Basti „Radrum“ eine Live-Vorführung wagt. „Ich wusste dann ja, dass ich das kann“, erzählt sie, keine Sekunde habe sie sich Gedanken gemacht, dass jemand anderes nicht von ihrem Rap begeistert sein könnte. Eine Strategie, die ihr auch bei anderen Herausforderungen bis heute hilft.

Mittlerweile ist sie nicht nur als Rapperin erfolgreich, sie moderiert zwei Shows im Radio, ist eine preisgekrönte Poetry-Slammerin und veröffentlicht bald ihr zweites Buch. Sie gibt Workshops, hat mit ihrem Kollegen Radrum das Label „Kopfhörer“ gegründet. Ein Vollzeitprogramm. Dass das manchmal vielleicht doch zu viel wird, gibt sie zu, aber nicht ohne zu betonen, dass sie einfach so viele Dinge spannend finde. Und so beweg ich mich zwischen Zug und Bahnhof. Trotz Fahrplan fühl ich mich oft verfahren und planlos. Ich seh die Städte nachts, die Menschen, wie sie ausgehen. Und sie mich lesen, rappen, moderieren und auflegen, heißt es in einem ihrer Songs.

Steht sie immer unter Strom? Ja, gibt sie zu – und dass sie das manchmal auch sehr müde mache. Da scheint unter der resoluten Oberfläche der Rapperin kurz die private Nina Sonnenberg durch. Sie sagt, dass sie auch sehr leise Seiten habe und nicht das Bedürfnis, immer im Mittelpunkt zu stehen. Natürlich ist es ihr Ziel, in dem, was sie tut, noch besser zu werden, vielleicht auch bekannter, aber Berühmtsein gehört definitiv nicht zu ihren Wünschen.

Sie weiß die Anerkennung, die sie bekommt, zu schätzen. Und auch wenn es bisweilen schön wäre, mehr Geld mit der Musik zu verdienen – sie wägt genau ab, was sie für Geld macht und was nicht. „Ich kann nicht McDonald’s-Rapperin werden.“ Auf ihrer aktuellen Platte Rotwild rappt sie: Zu viele Goldjungen fischen nach Gold, nehmen den Mund viel zu voll für ein bisschen Erfolg. Wollen Goldketten, Goldzähne, Goldmädchen, Goldringe. Ich bin ein Goldfisch und muss nicht in Gold schwimmen.


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Fiva: Goldfisch

Zusammen mit den anderen Jobs kommt sie finanziell über die Runden. „Aber ich könnte nicht nur Hip-Hop machen. Zum einen aus Interesse, zum anderen würde ich da verhungern.“ Und sonst? Zweifelt sie manchmal an ihrem Weg? „Wenn ich wirklich an etwas zweifle, dann ob ich“, sie macht eine Pause, in der sie seufzend ausatmet, „mehr loslassen sollte.“ Wenn sie jedes Wochenende auf Tour ist, fragt sie sich eben doch manchmal, was sie zur gleichen Zeit in München verpasst. Die Frage nach der privaten Zukunft wird langsam, aber spürbar drängender. Ein Thema, das sie in dem Song „Profi“ verarbeitet: Baby, Baby, Baby such dir jetzt n’ Mann. Leg dich einfach hin und fang gleich damit an. Mach die Beine breit und lass ihn einfach ran und du wirst Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Mama.

Der Rand des Goldfischglases

Die Ironie fällt nicht jedem auf, und so musste sich Fiva mehrfach für die Zeilen rechtfertigen, die doch nur das Bild wiedergeben sollen, das Frauen nach wie vor von der Gesellschaft aufgedrückt bekommen. Aber auch sie kann sich nicht völlig davon frei machen, sie spürt den gesellschaftlichen Druck. „Das ist eigentlich verrückt. Aber ich komme aus Bayern, da ist das vielleicht noch mal was anderes. Es ist schon komisch, wenn man als einziger Single auf eine Hochzeit geht. Ich liebe meine Freiheit. Aber man hat immer einen Alien-Faktor.“

Es ist nicht das Hip-Hop-Business, das ihr das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören. Es ist das gesellschaftliche Leben, das Frauen ihrer Generation zu schaffen macht, wenn sie nicht den Regeln von Partnerwahl und Familiengründung folgen. Da stößt auch Fiva an den Rand des Goldfischglases.



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Fiva: Profi

Das Becken, in dem sie frei schwimmen kann, ist der Rap. Dass sich im Hip-Hop in den vergangenen Jahren Sexismus und Gangstergetue breit gemacht haben, verunsichert sie nicht. Es kommen genügend Leute zu ihren Shows, kaufen ihre Platten, hören sie im Radio. Ich will schon gar nicht mehr sagen, dass ich noch immer rap. Nach all der Zeit noch daran glaub, dass man Wert auf den Inhalt legt. Dass es noch Leute gibt, die finden, dass man Musik finden kann, außerhalb vom Internet, nebenan im Plattenladen, heißt es auf ihrer Platte. Live sagt sie an diesem Abend ihrem Publikum einfach: „Danke, dass ihr fühlt, dass im Hip-Hop noch etwas passiert!“

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12:00 25.11.2009
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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