Sie lügt nie

Musik-Kolumne Joni Mitchell hat Geburtstag. Ein Anlass für unsere Kolumnistin Verena Reygers einmal genauer auf ihr Werk zu blicken. Und auf Mitchells Spuren in der Popgeschichte

Herzlichen Glückwunsch, Joni Mitchell! Die kanadische Musikerin wird am 7. November 68 Jahre alt. Das ist zwar noch nicht das große Nuller-Jubiläum, aber durchaus ein Anlass, der Lady of the Canyon ein schriftliches Ständchen zu bringen.

Meine erste Begegnung mit Joni Mitchell verlief völlig unbewusst. Sie flimmerte kurz über den Bildschirm in einem Musikvideo von Janet Jackson und passte, obwohl selber ein Kind der späten 60er, so gar nicht in den kühl-düsteren Retro-Look des Clips ...

Janet Jackson coverte damals für ihren Song "Got ’till it’s gone" die Zeile "Don't it always seem to go that you don't know what you've got 'till it's gone", aus Mitchells "Big Yellow Taxi". Im Hintergrund sorgte Q-Tip von A Tribe Called Quest für die rappende Beschallung und macht die äußerst wichtige Feststellung: "Joni Mitchell never lies" – Joni Mitchell lügt nie.

Joni Mitchell lügt vielleicht nie, aber wie sie von der Welt wahrgenommen wurde, entsprach lange Zeit nicht der wahren Mitchell, die sich nicht in die Blumenmädchen-Ecke drängen lassen wollte. Klar, es war alles da: Die Gitarre, langes blondes Haar, ein entrückter Blick und eine Stimme, die sich in atemberaubenden Höhen bewegte. Joan Baez hatte den Protestsong, Carole King den unbeschwerten Folk-Pop, nur Joni Mitchell dachte nicht daran, sich in die Hippie-Schublade stecken zu lassen. Der Zeit-Journalist und Musik-Autor Konrad Heidkamp überschrieb in seinem Buch Sophisticated Ladies das Kapitel Joni Mitchell mit ihrem Zitat: "Ich war immer Pink, nie Mainstream." Denn trotz der Gitarre, ihre bis auf die Knochen ehrlichen Lyrics und der äußerlich sanften Gesamterscheinung, reizte Mitchell die musikalische Herausforderung.

Schon mit ihrem 1974 erschienenen Album Court and Spark näherte sich die Kanadierin und passionierte Kettenraucherin dem Jazz. Ihre Zuneigung zu diesem Genre fand einen ihrer Höhepunkte in der Zusammenarbeit mit Charles Mingus für sein letztes Album Mingus, das 1979 erschien.

Einmal Folk, nicht immer Folk!

Viele ihrer Fans stieß die musikalische Experimentierfreude Mitchells weitestgehend vor den Kopf. Einmal Folksängerin, immer Folksängerin, das wünschten sich die Leute, aber Mitchell sah sich selbst – wenn überhaupt – nur in den Anfangsjahren ihrer Karriere als Folksängerin. Die ersten musikalischen Schritte tat sie nach dem Abbruch ihres Kunststudiums, einem zur Adoption frei gegebenen Baby und einer gescheiterten frühen Ehe. Im Greenwich Village des 70er-Jahre-New Yorks stieß sie auf erblühende Folk-Szene und wurde kurzfristig ein Teil davon.

Nach meiner ersten unbewussten Begegnung mit Joni Mitchell bei Janet Jackson, hörte ich sie selbst dann erstmals auf dem Soundtrack des Films Practical Magic. In einer Szene fährt Nicole Kidman mit dem Auto durch die Nacht und in den Tag, während aus dem Radio "Case Of You" tönt.

Kidmans Geplärre kann man natürlich vergessen, aber von Mitchell war ich angefixt. "You’re in my blood like holy wine. You taste so bitter and so sweet." Unzählige Male ist dieser Song gecovert worden. Von Diana Krall über Prince bis hin zum Dubstep-Wunderknaben James Blake. Meine Lieblingsvision ist die, die K.D. Lang für ihr Coveralbum Hymns of the 49th Parallel aufgenommen hat.

Diese Version hat Klaus Walter in seiner Radiosendung Was ist Musik vor drei Wochen leider nicht gespielt, als es um die "Reifeprüfung Joni Mitchell" ging und um die vielen Mitchell-Verehrer und ihre musikalischen Widmungen.

In die Liste der Vehrer gehörten neben genannten Prince und James Blake auch Led Zeppelin und Courtney Love. Im Ankündigungstext erklärt Walter die Idee für die Sendung wie folgt: "Es gibt diesen Moment im Leben eines Mannes, da muss er sein Verhältnis zu Joni Mitchell klären. Im Leben eines Musikers ist das eine Art Reifeprüfung. Wie Joni bin ich, wie Joni darf ich sein, wie Joni will ich sein?" Und weil die Liste der Ehrehrbietungen in Walters Sendung ohnehin schon lang genug war, hatte auch diese Musikerin keinen Platz mehr für ihr Tribut an Joni gefunden:

Wen Klaus Walter in seiner Sendung aber noch hinzuzog war Björk, allerdings nicht mit dem schönen Zitat über Joni Mitchell, das er erst später fand und mir neulich per Mail schickte. Darin sagt Björk, dass sie die frühen Hippie-Platten der Mitchell hasse, aber die späteren jazz-inspirierten Alben super fände.

Tja, da blieb sie nicht die Einzige. Denn auch wenn Mitchells Popularität in den 80er und 90er Jahren sank, irgendwie präsent war sie trotzdem nach wie vor. Sie nahm weiter Platten auf, malte, entschied sich bei der Neuaufnahme ihres Songs "Both Sides Now" für imposante Orchestrierung und folgte unbeirrbar der ihr selbst auferlegten Verpflichtung Kunst. Das Alter dagegen war nie etwas, was ihr Angst machte, schreibt Konrad Heidkamp und verweist auf die Textzeile "Happiness is the best facelift", die sie Ende der 90er für ihr Album Taming the Tiger schrieb. Happy Birthday, Joni!

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15:15 07.11.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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Ausgabe 41/2021

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