Bis ans Ende der Nacht

Drama Mit seinem neuen Buch schickt „The Wire“-Autor Richard Price den Leser auf eine wilde Reise in die dunklen Ecken von New York City
Daniel Windheuser | Ausgabe 43/2015

Seit Richard Price 1974 im Alter von 24 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte, standen im Zentrum seines thematischen Universums immer die Arbeit der Gesetzeshüter sowie die Umtriebe auf der anderen Seite des Gesetzes, die diese Arbeit überhaupt erst notwendig machen. Trotzdem wird er nur selten als klassischer Krimiautor bezeichnet, vielmehr häuften sich über die Jahre die Stimmen, sowohl bei der Käuferschaft wie auch im Feuilleton, dass sein erzählerisches Talent ihn längst über derartige Genrebegriffe hinausgehoben habe.

Dies liegt nicht zuletzt an der realistischen Qualität seiner Dialoge, für die Price von Anfang an gefeiert wurde und die bereits 1986 die Aufmerksamkeit der Filmindustrie auf ihn lenkte, für die er seitdem regelmäßig Drehbücher verfasst – wie beispielsweise Die Farbe des Geldes, das ihm 1987 eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Ebenso wirklichkeitsnah wie die Sprache seiner Protagonisten ist auch die moralische Landschaft, in der sie sich bewegen. Diese nämlich ist mitnichten von den üblichen Klischees der Kriminalgeschichte geprägt, vielmehr tun hier schlechte Menschen gute Dinge und umgekehrt, und nichts ist eindeutig schwarz oder weiß. Ganz eben wie im sogenannten echten Leben.

Nicht von ungefähr fühlt man sich von diesen Aspekten an die (zu Recht) hochgelobte Serie The Wire erinnert, denn auch für diese war Price als Autor tätig. Sein achter Roman Die Unantastbaren, bejubelt in der US-amerikanischen Presse, bleibt diesem poetischen Register ebenso treu.

Dessen Hauptfigur Billy Graves leitet die Nachtschicht des New York Police Departments und ist ein Cop, der es zwar immer gut meint, aber deshalb nicht zwangsweise auch immer gut handelt. Wir begegnen ihm erstmals am St. Patrick’s Day, einer der schlimmsten Nächte des Jahres, in der die Gewalt am „spontansten und primitivsten ist“.

Das ist sein Geschäft: der tägliche Umgang mit den brutalen und oftmals bizarren Verbrechen in einem Revier, das beinahe ganz Manhattan umfasst. Diese reichen von einem ehemaligen Olympioniken, der seine Medaille von 1972 vermisst (die seine Freundin im Wäschekorb versteckt hat, damit er sie nicht in betrunkenem Zustand zum Pfandleiher trägt), bis zu einem Straßenkampf zwischen zwei Gangs, die sich mit Glühbirnen attackiert haben.

Die Nachtschicht wirkt dabei wie ein Trip in die Hölle, durch die Billy jedoch gelassen navigiert, angetrieben von der Hoffnung, er könne vielleicht rechtzeitig wieder zu Hause sein, um seine beiden kleinen Söhne zur Schule zu bringen.

In diesen ungewöhnlichen, aber routinierten Alltag schleichen sich plötzlich Geheimnisse aus der Vergangenheit ein, von denen Billy dachte, sie wären längst tot und begraben. Während der Neunziger nämlich war er Teil einer Elitetruppe, die sich selbst die Wildgänse nannte. Diese erzielte eine erstaunliche Erfolgsrate in der Verbrechensbekämpfung, was eine Reihe von schnellen Beförderungen zur Folge hatte. Doch von den heute verbliebenen fünf Mitgliedern ist Billy der einzige Beamte, der noch im aktiven Dienst steht.

Einmal im Monat treffen sie sich alle in einem Steakhouse zum Essen, unter anderem, um sich über ihre sogenannten Unantastbaren auszutauschen – Menschen, die in ihrem Zuständigkeitsbereich schamlose Verbrechen begingen und damit ungeschoren davonkamen, weil man ihnen offiziell nichts nachweisen konnte. Die persönlichen Dämonen eines jeden Polizisten, die ihn nie wirklich loslassen.

Als dann einer dieser Unantastbaren in der Leichenhalle liegt, ist das nur der Auftakt zu einer recht unangenehmen Reihe von Ereignissen für Billy. Plötzlich wird zudem seine Familie bedroht, und auch wenn der Leser vielleicht ahnen mag, wer dahintersteckt, bleiben Motivation und Auflösung der Geschehnisse bis zum Ende ein fesselndes Panoptikum der Überraschungen.

Die Leseprobe beginnt auf der nächsten Seite

Info

Die Unantastbaren Richard Price Übersetzt von Miriam Mandelkow, S. Fischer 2015, 432 S., 24,99 €, als E-Book 22,99 €

Zur Person

Richard Price wurde 1949 in der Bronx geboren. Bisher hat er neun
Bücher veröffentlicht, darunter der 2010 erschienene Roman Cash, der SPIEGEL-Bestseller war und auf Platz 1 der Krimi-Welt-Bestenliste
stand, sowie der 2011 erschienene Roman Clockers.

Viele seiner Bücher wurden verfilmt, u. a. von Spike Lee. Zudem schreibt er Drehbücher für Filme von und mit Martin Scorcese, Al Pacino und Paul Newman. 2007 gewann Price den Edgar Award für seine Arbeit an der TV-Serie The Wire, für die er monatelang bei der Polizei recherchierte. Richard Price lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Lorraine Adams, in New York


Leseprobe

Schatten der Vergangenheit

Detective Billy Graves fristet, seit er bei einem Schusswechsel einen zwölfjährigen Jungen getötet hat, seine Zeit in der Nachtschicht des Reviers Manhattan. Dann jedoch wird durch einen Mord die Routine aufgebrochen und eine dunkle Erinnerung ans Licht befördert

1:45 ... Das Knirschen der Räder in einer Seitenstraße voller kaputter Glühbirnen klang wie Popcorn kurz vorm Höhepunkt, die Nachwehen einer Kraftprobe zwischen den Skriller Hill Killaz aus den Coolidge-Siedlungen und den Stack Money Goons aus den Madisons, vier Jugendliche im St. Luke Hospital zum Wundennähen, und einem stak eine Glasscherbe aus der Hornhaut wie ein Miniatursegel. Wo sie all die Glühbirnen herhatten, blieb ihr Geheimnis. Als Billy und Moretti aus ihrer Limousine stiegen, war das Neunundzwanziger Gang-Team, sechs junge Männer in Windjacken und High Tops, schon dabei, seine Schäfchen einzusammeln, mit Plasti-Manschetten zu versehen und bäuchlings zu stapeln, als bündelten sie Weizen. Das Schlachtfeld war von zwei Gafferschichten gesäumt: Dutzenden Anwohnern auf dem Gehsteig, trotz der späten Stunde zum Teil mit Kindern im Schlepptau, und ebenso vielen Leuten, die zu beiden Seiten der engen Straße aus den Fenstern der maroden Wohlfahrtshotels hingen. Eddie Lopez, der Auswertungschef des Teams, der mit seinem rasierten Schädel und den wadenlangen Jeansshorts aussah wie ein pensionierter Schulhofrüpel, trat auf Billy zu, frische Plasti-Manschetten wie Modeschmuck an den Unterarmen. „Diese beiden Banden haben sich die ganze Woche schon auf Facebook angepisst. Wir hätten ihnen zuvorkommen sollen.“ Billy wandte sich an Moretti. „Die Kids in der Notaufnahme, gehen Sie mit einem vom Gang-Team rüber, um die zu befragen.“ „Ernsthaft jetzt? Die machen doch das Maul nicht auf.“ „Trotzdem ...“ Billy winkte ihn weiter und dachte bei sich, ein Nervbolzen weniger.

Vom anderen Ende der Straße brach aus der baumbestandenen Dunkelheit wie ein Raubtier auf Beute ein zerbeultes Ghettotaxi hervor, bremste praktisch mitten im Arrestfest und spuckte eine Mittvierzigerin im Morgenmantel aus, bevor der Wagen noch richtig zum Stehen gekommen war.

„Die sagen, mein Sohn ist vielleicht auf einem Auge blind!“ „Sieben Dollar“, sagte der Fahrer und streckte seine Hand aus dem Fenster. „Dann wollen wir mal“, murmelte Lopez Billy zu, bevor er sich in Bewegung setzte. „Miss Carter, nichts für ungut, aber wir haben Jermaine nicht aufgefordert, hier draußen um zwei Uhr nachts Skrillers zu jagen.“ „Woher wollen Sie wissen, was er hier draußen gemacht hat!“ Die Straßenbeleuchtung verwandelte ihre randlose Brille in zwei Scheiben fahlen Feuers. „Weil ich ihn kenne“, sagte Lopez. „Ich hatte bereits das Vergnügen.“ „Er hat ein Stipendium fürs Sullivan County Community College nächstes Jahr!“„Glückwunsch, aber das macht das hier nicht wett.“„Tut mir leid, Charlene.“ Eine der Frauen trat vom Gehweg herunter. „Nichts für ungut, aber im Grunde trifft Sie genauso viel Schuld wie den Jungen, der das Glas geworfen hat.“ „Bitte?“ Miss Carter winkelte den Kopf nach oben wie eine Pistole. „Sieben Dollar?“, wiederholte der Fahrer.Billy drückte ihm fünf in die Hand und wies ihn an, sich rückwärts zu verabschieden. „Ich höre Sie bei jeder Gemeindeversammlung“, sagte die Frau, „wie Sie sagen, mein Junge ist brav, der ist eigentlich gar nicht richtig in der Gang, es ist das Umfeld, es sind die Umstände, aber der Kollege hier hat recht. Statt Ihren Sohn zur Rede zu stellen, erfinden Sie immer neue Ausreden, also was erwarten Sie?“

Die Mutter des Jungen stand reglos vor Staunen da; in weiser Voraussicht fing Billy ihren Arm ab, bevor ihr linker Haken auf dem Kinn der Frau landen konnte.

Geschnalz und Gemurmel kabbelten durch die Menge. Eine Zigarette wurde auf Billys Schulter geschnippt, allerdings ließ sich auf so engem Raum nicht ausmachen, wem die gegolten hatte, also c’est la guerre. Als er einen Schritt zurücktrat, um die Asche von seinem Sakko zu wischen, klingelte sein Telefon: Rollie der Lotse. „Boss, erinnern Sie sich an die Olympiade ’72?“ „Nicht so richtig.“ „Das Massaker von München?“ „Okay ...“ „Wir haben hier jemand, der hat mit der Vier-mal-vierhundert-Meter-Staffel Silber geholt, Horace Woody?“ „Okay ...“ „Wohnt in den Terry Towers in Chelsea.“ „Okay ...“ „Die Streife hat gerade angerufen, jemand hat seine Medaille geklaut. Sollen wir das annehmen? Könnte ein Mediending werden, außerdem sitzt Mayo grad wieder an seinem Schreibtisch und führt Selbstgespräche.“ „Dann schick ihn rüber ins St. Luke zur Notaufnahme, Moretti babysitten, damit der keine Skalpelle mopst oder so.“ „Und die entwendete Medaille?“ Lopez beäugte ihn über den Kopf eines dreizehnjährigen gefesselten Money Stackers. „Hey, Sarge – kein Thema, wir schaffen das hier.“ „Stupak soll sich dort mit mir treffen“, sagte Billy in den Hörer. „Ich fahre jetzt rüber.“

Es klang wie haufenweise heiße Luft, aber er hatte noch nie einen Olympioniken aus der Nähe gesehen.

Die Terry Towers waren eine zwölfstöckige Mitchell-Lama-Klitsche an der West Side, eine Nummer besser als Sozialbau, was bedeutete, dass es ein paar defekte Fahrstühle weniger gab und die Flure nicht ganz so barbarisch stanken. Apartment 7G war klein, stickig und unordentlich, das Abendgeschirr stand um 2:45 noch immer auf dem Tisch in der Essnische. Mitten im verbauten Wohnzimmer stand Horace Woody, ein Mann weit in den Sechzigern, dank gnädiger Gene jedoch mit der Physis eines schlaksigen Teenagers gesegnet, in Boxershorts, Hände in die Hüften gestemmt, die Haut auf der straffen Brust so braun wie ein edler Kamelhaarmantel. Die Augen allerdings waren so klein wie Maraschinokirschen, und seine Fahne roch so süß, dass es Billy die Zähne kräuselte.

„Ist ja nicht so, als hätte ich keinen Verdacht, wer das verdammte Ding eingesackt hat“, lallte Woody und finsterte seine Freundin Carla Garrett an, die an einer alten TV-Konsole voller eigentümlich geformter Likörflaschen und eselsohriger Fotos in Acrylrahmen stand.

Sie war vielleicht halb so alt wie er, eher kräftig, mit nüchternem, stetem Blick. Ihre drollig frustrierten Mundwinkel bestätigten Billys Ahnung, dass es sich hier um blinden Alarm handelte, schlimmstenfalls häusliche Gewalt in Zeitlupe, aber das scherte ihn nicht groß, so fasziniert war er von der unheimlichen Jugend dieses älteren Mannes.

„Es gibt Leute“, sagte Woody, „die wollen einfach nicht, dass man in seinem Leben ein Leben hat.“

Es klopfte sachte an der Haustür, dann trat Alice Stupak ein, eins sechzig groß und gebaut wie ein Bus; mit ihrer chronischen Gesichtsrose und dem vorlauten kurzen Pony erinnerte sie Billy beharrlich an einen kampferprobten Peter Pan mit Alkoholproblem.

„Wie geht’s uns denn allerseits?“, trötete sie mit heiterer Forschheit, bevor sie sich zielsicher das Problemkind vornahm: „Wie steht’s mit Ihnen, Sir? Hatten Sie einen schönen Abend?“

Woody wich vor ihr zurück, die Augen missbilligend zusammengekniffen, wie Billy es schon öfter beobachtet hatte, hauptsächlich, aber nicht ausschließlich bei Alice’ verunsicherter männlicher Klientel. Doch so beängstigend sie auf manche wirken mochte, litt sie doch chronisch unter Liebeskummer, schmachtete ewig diesem Detective oder Feuerwehrmann, jenem Barkeeper oder Türsteher hinterher und verzweifelte endlos darüber, dass all diese potentiellen Partner sie automatisch für eine Lesbe hielten.

„Ma’am?“ Stupak nickte Woodys Freundin zu. „Wieso sind wir hier?“

Carla Garrett stieß sich von der Konsole ab und schlurfte in den hinteren Teil der Wohnung, wobei sie Billy mit gekrümmtem Finger lockte.

Das sphärisch beleuchtete Bad war ein wenig eng, geöffnete Haut- und Haarpflegeflaschen und –tuben säumten Waschbecken und Wanne, gebrauchte Handtücher hingen von allen Haken, Stangen und Ständern, und Haare lagen an Stellen, die Billy gar nicht sehen wollte. Als Woodys Freundin anfing, in einem vollen, fälligen Wäschekorb zu wühlen, klingelte Billys Handy: Stacey Taylor zum dritten Mal in zwei Tagen. Sein Magen kiekste kurz vor Schreck, als er ihren Anruf wie die anderen zuvor wegdrückte.

„Da drin hast du sie?“, bellte Woody vom Flur aus. „Ich weiß, dass du sie da drin hast.“ „Sie setzen sich jetzt wieder vor den Fernseher.“ Stupaks Stimme drang durch die geschlossene Tür.

Als die Freundin sich schließlich neben dem Korb aufrichtete, hielt sie die Silbermedaille in den Händen, so groß wie eine Untertasse.

„Wenn er säuft, will er sie versetzen und ein neues Leben anfangen. Hat er schon öfters, und was, meinen Sie, hat er dafür gekriegt?“ „Paar Riesen?“ „Hundertfünfundzwanzig Dollar.“ „Darf ich mal?“ Billy war enttäuscht von diesem Leichtgewicht, doch auch ein wenig ergriffen. „Also, die meiste Zeit ist Horace in Ordnung, echt, ich hab weiß Gott Schlimmere gehabt, nur wenn er diesen Cherry Heering zu fassen kriegt? Der Mann hat ein Schleckermaul wie ein Kind. Dem können Sie einen Fünfzig-Dollar-Cognac vor die Nase setzen oder Johnny Walker Black, und der knackt nicht mal das Siegel. Aber Alkohol, der nach lila Schokoriegel schmeckt? Vorsicht!“ „Ich will meine verfluchte Medaille zurück“, brüllte Woody jetzt von weiter weg. „Sir, was habe ich Ihnen gerade gesagt?“ Stupaks Stimme wurde flach vor Ärger. „Ein neues Leben anfangen ...“, murmelte die Freundin. „Alle Pfandleihen hier in der Gegend haben meine Kurzwahl gespeichert für den Fall, dass er reinkommt. Meine Güte, wenn er abhauen will, leihe ich ihm das Geld, aber das hier gehört zur amerikanischen Geschichte.“

Billy war die Frau sympathisch, er verstand bloß nicht, wie man so die Sinne beisammen haben und so den Haushalt vernachlässigen konnte.

„Und was kann ich jetzt für Sie tun?“, fragte er. „Gar nichts. Tut mir leid, dass man sie hergeschickt hat. Normalerweise kommt eine Streife, hauptsächlich, weil er ein berühmter Sportler war, und dann spielen wir ‘Na, wo hat sie sie diesmal versteckt’. Aber Sie sind Detective, und es ist mir peinlich, dass Sie belämmert wurden.“

Als sie die Badezimmertür aufmachten, lag Woody im Wohnzimmer ausgestreckt auf der Kunststoffcouch und blickte mit schlitzschmalen Geleeaugen auf ein stumm geschaltetes MTV.

Billy legte ihm die Medaille auf die Brust. „Fall gelöst.“ Als er mit Stupak zu den Fahrstühlen ging, sah er auf die Uhr: 3:15. Noch anderthalb Stunden, und die Chancen standen gut, dass er ungeschoren davonkam. „Was meinst du?“ „Du bist der Boss, Boss.“ „Finnerty’s?“ Billy dachte, man kann ja schließlich nicht nicht feiern, dachte, nur ein Schlückchen. „Ich wollte schon immer mal nach Irland“, rief Stupak über die Musik hinweg dem appetitlichen jungen Barkeeper zu. „Letztes Jahr hatten wir gebucht und alles, und dann kriegt meine Freundin zwei Tage vor Abflug eine Blinddarmentzündung.“ „Man kann auch allein in den Flieger steigen“, sagte er freundlich und winkte über ihre Schulter zwei Frauen zu, die gerade hereinkamen. „Ist ein freundliches Land.“

Und das war’s, der Typ beugte sich über die Theke, um die Neuankömmlinge mit Küsschen zu begrüßen, und Stupak durfte in ihr Bier erröten.

„Ich war auch noch nie in Irland“, sagte Billy. „Ich meine, wozu auch, hab ja den ganzen Tag Paddies um mich rum.“ „Ich hätte nicht ‘Freundin’ sagen sollen“, sagte Stupak.

Sein Telefon klingelte wieder, nicht Rollie, Gott sei Dank, sondern seine Frau, und Billy ging mit schnellen Schritten auf die Straße, damit sie das Getöse in der Bar nicht hörte und anfing, Fragen zu stellen.

„Hallo ...“ Seine Stimme schaltete in den Wiegenliedmodus, wie immer, wenn sie ihn mitten in der Nacht anrief. „Kannst du nicht schlafen?“ „Nein.“ „Hast du deine Trazodon genommen?“ „Ich glaube, ich hab’s vergessen, aber jetzt geht es nicht mehr, ich muss in drei Stunden hoch.“ „Wie wär’s mit ‘ner halben?“ „Geht nicht.“ „Na gut, also, du weißt ja, du kennst das, im schlimmsten Fall hast du morgen einen schwierigen Tag, aber er wird dich nicht umbringen.“ „Wann kommst du nach Hause?“ „Ich versuch mich früher abzuseilen.“ „Ich mag das nicht, Billy.“ „Ich weiß.“ Sein Telefon vibrierte wieder; Rollie Towers auf Leitung zwei. „Eine Sekunde.“ „Ich mag das wirklich nicht.“ „Sekunde ...“ Er schaltete um. „Hey, was gibt’s.“ „Gerade als man dachte, es sei wieder sicher, ins Wasser zu gehen.“ „Komm jetzt, was liegt an?“ „Happy St. Patrick’s Day“, sagte die Leitstelle.

Als Billy und der Großteil seines Teams Penn Station erreichten und von dort die schmuddelige lange Passage im unteren Geschoss, die die Long-Island-Pendlerzüge mit der Subway am anderen Ende verband, hatten die Polizisten, die als Erste am Tatort gewesen waren, Zivilfahnder sowohl der New Jersey Transit als auch der Long Island Rail Road, die Situation bereits erstaunlich gut im Griff. Unsicher, welchen Teil der hundert Meter langen Blutspur sie sichern sollten, hatten sie kurzerhand alles abgesperrt, mit Klebeband und Mülltonnen wie einen Slalomparcours. Sie hatten es außerdem wundersamerweise fertiggebracht, die meisten der gründlich alkoholisierten, heimwärts strebenden Nachtschwärmer, die während der Tat unter der Anzeigetafel gestanden hatten, einzufangen und in einen grell erleuchteten, zu einer Seite offenen Warteraum neben der Haupthalle zu pferchen. Ein rascher Blick hinein, und Billy sah, dass die Mehrheit der potentiellen Zeugen mit offenem Mund schnarchend auf harten Holzbänken saß, Kinn zur Decke gestreckt wie hungrige Küken.

„Sieht aus, als wäre er unter den Tafeln hier aufgeschlitzt worden und dann losgerannt, bis ihm hinten bei der Subway die Puste ausging“, verkündete Gene Feeley. Er hatte seinen Schlips lose herabhängen wie Sinatra bei der letzten Bestellung.

Es überraschte Billy, Feeley hier überhaupt anzutreffen, geschweige denn als ersten Ermittler am Tatort. Andererseits war das hier genau Feeleys Ding; der alte Hase verschmähte in aller Regel Einsätze, die nicht mindestens drei Tote zu bieten hatten oder einen erschossenen Cop, Schlagzeilenfutter.

„Wo ist die Leiche?“, fragte Billy. Wenn er Glück hatte, sah er seine Kinder zum Abendessen. „Folge dem gelben Backsteinweg.“ Feeley deutete auf die rotbraunen Turnschuhabdrücke, die den Weg wie blutige Tanzschrittanweisungen markierten. „Das ist einer fürs Sammelalbum, so viel ist mal klar.“

Als sie das Subway-Drehkreuz erreichten, fuhr gerade ein Express Richtung Süden ein, und auf den Bahnsteig quollen fluchend, lachend, stolpernd und Vuvuzelas trötend noch mehr stinkbesoffene Nachtschwärmer, die die stocksteife Gestalt mit den weit aufgerissenen Augen alle für eine Schnapsleiche hielten, abgesehen von den beiden mittelalten Detectives von der Kriminaltechnik, die heute mal mit der Bahn zur Arbeit gefahren waren und mit ihren Spusi-Köfferchen aussahen wie verlotterte Vertreter.

Billy schnappte sich einen Transit Detective. „Hören Sie, hier können jetzt keine Züge halten. Rufen Sie bitte Ihren Boss an?“ „Sarge, das hier ist Penn Station.“ „Ich weiß, wo wir sind, aber ich will nicht, dass alle fünf Minuten eine Horde Betrunkener durch meinen Tatort trampelt.“

Das Opfer lag auf der Seite, Hals und Oberkörper in einen Buckel gestaucht, linker Arm und linkes Bein weggestreckt, als würde der Mann versuchen, seine Fingerspitzen zu treten. Für Billy sah es aus, als hätte er versucht, über das Drehkreuz zu springen, sei mitten im Sprung ausgeblutet und erstarrt, in der Luft gestorben und wie ein Stein herabgefallen.

„Sieht aus wie ein Hürdenläufer nach seinem Sturz von einer Schachtel Wheaties“, sagte Feeley und trollte sich.

Als der Kriminaltechniker dem Opfer die Brieftasche aus der ehemals himmelblauen Jeans zupfte, löste sich Billy vom menschlichen Lavastrom und betrachtete zum ersten Mal richtig das Gesicht. Ende zwanzig, weit aufgerissene, erstaunte blaue Augen, bleistiftschmale geschwungene Augenbrauen, milchweiße Haut und pechschwarzes Haar. Von einer femininen Schönheit, die ans Perverse grenzte.

Billy starrte und starrte. Unmöglich. „Heißt der etwa Bannion?“ „Halten Sie mal das Telefon“, sagte der Techniker und zog den Führerschein raus. „Bannion, jawohl, Vorname ...“ „Jeffrey“, sagte Billy da, „scheiß mich an.“ „Wieso kommt mir der Name bekannt vor?“, fragte der Kriminaltechniker ohne echtes Interesse an einer Antwort.

Jeffrey Bannion ... Billy wollte auf der Stelle John Pavlicek anrufen, dachte dann an die Uhrzeit und beschloss, bis zum Morgengrauen zu warten, obwohl Big John wohl nichts dagegen gehabt hätte, deswegen geweckt zu werden.

Vor acht Jahren wurde ein zwölfjähriger Junge namens Thomas Rivera unter einer besudelten Matratze im Baumhaus der Nachbarfamilie Bannion in City Island gefunden. Er war zu Tode geknüppelt worden, die Bettdecke auf ihm vollgespritzt mit Sperma. John Pavlicek, Billys Anti-Crime-Partner damals Ende der Neunziger, zum Zeitpunkt des Mordes allerdings der Bronx Homicide Task Force zugeteilt, wurde zum Tatort gerufen, nachdem ein Leichenspürhund den seit drei Tagen vermissten Jungen gefunden hatte.

Jeffrey Bannions zu groß geratener, lernbehinderter jüngerer Bruder Eugene gab zu, dass er gewichst hatte – dazu gehe er immer ins Baumhaus –, behauptete jedoch, der Junge sei schon tot gewesen, als er ihn fand. Der neunzehnjährige Jeffrey sagte aus, er selbst habe an dem Tag krank im Bett gelegen und Eugene habe ihm die Tat bereits gestanden. Als die Cops den jüngeren Bannion jedoch in die Mangel nahmen, blieb Eugene nicht nur bei seiner Version, er hatte auch nicht die allergeringste Vorstellung, wie Thomas Rivera ins Baumhaus gelangt oder wie die Tatwaffe ausgesehen haben könnte, so sehr die Detectives ihn auch ermunterten oder aufs Glatteis führten. Dass ein derart minderbemittelter Fünfzehnjähriger ihnen standhalten konnte, leuchtete überhaupt nicht ein. Pavlicek hatte sich von Anfang an auf den älteren Bannion eingeschossen, nur war an seiner Grippeversion nicht zu rütteln, also kam sein jüngerer Bruder in den Robert-N.-Davoren-Jugendknast von Rikers Island, eine Petrischale voller Bloods, Ñetas und MS-13, wo er ohne das erforderliche psychologische Gutachten zu den anderen auf Station verbracht wurde, ein großer, trotteliger weißer Teenager, der wild um sich schlug, wenn er in Panik geriet, und seine Ermordung ganze fünf Tage nach Haftantritt brachte in etwa so viele Schlagzeilen ein wie die des Jungen, den er angeblich umgebracht hatte. Obwohl Pavlicek sich mit aller Kraft dagegen stemmte, wurde der Fall Rivera nach wenigen Tagen für abgeschlossen erklärt und jede weitere Ermittlung offiziell unterbunden. Kurz darauf packte Jeffrey Bannion seine Siebensachen und kam bei diversen Verwandten außerhalb des Staates New York unter. Zunächst hatte Pavlicek versucht, seinen Frust mit anderen Fällen zu betäuben – wobei er zu Thomas Riveras Eltern immer Kontakt hielt und Bannion nie aus den Augen verlor –, als er jedoch über Ecken von zwei Übergriffen auf Minderjährige erfuhr, in Kleinstädten, in denen Jeffrey jeweils zu der Zeit gewohnt hatte, und keiner der beiden Fälle zu einer Festnahme führte, flammte seine Besessenheit wieder auf, und er wollte diesen Jungen unbedingt drankriegen. Irgendwann zog Bannion nach New York zurück und wohnte mit drei Freunden zusammen in einem Haus in Seaford auf Long Island. Pavlicek, noch immer hinter ihm her wie Javert, wandte sich sowohl an die Sieben im benachbarten Wantagh als auch die Detectives von Nassau County, doch entweder war der Junge seither sauber oder mit dem Alter noch ausgebuffter geworden. Das Letzte – und Haarsträubendste –, was man von ihm gehört hatte, war, dass er sich in einem Dutzend Gemeinden von Long Island als Hilfspolizist beworben und insgesamt drei Ausbildungsangebote erhalten hatte. „Mein Vorgesetzter will wissen, wie lange hier noch dicht ist“, sagte der Transit Detective, als er zurückkam. „Wir machen so schnell wir können“, sagte Billy. „Er sagt, das Blut soll bis halb sechs weg, gilt auch für die Leiche. Dann geht das hier richtig los mit den Pendlern.“ Saubermachen oder bewahren ... Saubermachen oder bewahren ... Irgendjemand wird sich beschweren; irgendjemand beschwert sich immer.

Als der nächste Schwung aus der 2 in die Penn Station wankte, glotzte eine Jugendliche Bannion an, blickte dann fragend ihrem Freund in die Augen, fuhr herum, kotzte auf den Bahnsteig und fügte der Mischung noch ihre DNA bei.

„Ungünstige Nacht für so was“, sagte der Transit Cop.

Billy trat zurück in die düstere Passage und starrte das Band entlang. Vom halb geronnenen Blut abgesehen verriet der Schlachtplatz – ein Trümmerfeld aus Bonbonpapier, Styroporbechern, dem ein oder anderen Kleidungsstück und einer zerschmissenen Schnapsflasche, die gerade mal eben vom klebrigen Etikett zusammengehalten wurde – zu viel und rein gar nichts.

Als die Kriminaltechnik weiter eintütete und knipste, als die Detectives von LIRR und Transit und Billys eigene Mannschaft sich den Warteraum vornahmen und zwischen den halbwachen potentiellen Zeugen umhergingen wie eine Schwadron ambulanter Pfleger, meinte Billy auf dem Rangers-Trikot eines schlafenden Pendlers Blut zu entdecken. Er setzte sich neben ihn auf die Holzbank, der junge Mann hatte den Kopf so weit zurückgebogen, dass es aussah, als hätte ihm jemand die Kehle durchgeschnitten. „Hallo.“ Billy stupste ihn an.Der junge Mann kam zu sich und schüttelte den Kopf wie eine Zeichentrickfigur nach einem Schlag mit dem Amboss. „Wie heißt du?“ „Mike.“ „Mike was?“ „Was?“ „Wo hast du dir die Blutflecken geholt, Mike?“ „Ich?“ Sein Kopf zuckte noch immer hin und her. „Du.“ „Wo ...“, blickte auf sein Trikot, dann: „Ist das Blut?“ „Kennst du Jeffrey Bannion?“ „Kenne ich ihn?“ Billy wartete, einundzwanzig, zwei ...„Wo ist er?“, fragte der Junge. „Du kennst ihn also? Jeffrey Bannion?“ „Und wenn?“ „Hast du gesehen, was passiert ist?“ „Was? Wie, was passiert?“ „Er wurde erstochen.“ Der Junge sprang auf. „Was? Die murks ich ab.“ „Wen?“ „Was?“ „Wen willst du abmurksen?“ „Woher soll denn ich das wissen? Wer’s getan hat. Überlassen Sie die mir.“ „Hast du es gesehen?“ „Was gesehen?“ „Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen? Wo war er, mit wem unterwegs?“ „Er ist wie ein Bruder für mich.“ „Mit wem war er ...“ „Woher soll ich das wissen. Bin ich `ne Schwuchtel?“ „Eine was? Wo wohnst du?“ „Strong Island.“ „Genauer.“ „Seaford.“ „Wer war sonst noch dabei, zeig mir deinen Trupp.“ „Meinen Trupp?“ „Wer hier in diesem Warteraum war heute Nacht mit dir unterwegs, von denen, die nach Seaford zurückfahren.“ „Ich verpfeif hier doch keinen.“ „Verpfeifen? Ich will wissen, wer seine Freunde sind.“ Mike drehte den Kopf, als steckte der auf einer rostigen Spule, und nahm die Hälfte der stumpfäugigen Pendler um sich herum in den Blick. „Ey“, schmetterte er. „Habt ihr gehört, was passiert ist?“ Nicht einer drehte sich um. „Hat irgendjemand heute Nacht irgendwas bei sich?“, fragte Billy. „Von wegen Gras?“ „Von wegen Waffen.“ „Alles ist eine Waffe.“ „Wo ist noch mal das Blut her?“ „Was für Blut.“ Der junge Mann fasste sich ins Gesicht. „Hat irgendjemand in deinem Tru – hat irgendjemand heute Nacht mit jemandem Zoff gehabt?“ „Heute Nacht?“ Der Junge blinzelte. „Heute Nacht fahren wir in die City.“

Billy beschloss, ihn und alle anderen zur Ausnüchterung nach Midtown South zu schicken und sie dann erneut zu befragen. Er vermutete, dass diese Befragungen zu nichts führten. Er war sich außerdem ziemlich sicher, dass die Spurensicherung, nachdem die halbe Ostküste wie Gnus durch den Tatort gestampft war, ebenfalls nutzlos sein würde. Er setzte aufs Überwachungsvideo.

06:00 04.11.2015
Geschrieben von

Daniel Windheuser

I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
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Daniel Windheuser

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