Renovieren statt reformieren

Vor der UN-Generalversammlung Der neue UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat bisher vor allem Irritationen produziert

Zu Hause in Seoul trage er den Spitznamen "schlüpfriger Aal", teilte Südkoreas einstiger Außenminister auf einer seiner ersten Pressekonferenzen als UN-Generalsekretär salomonisch mit. Und man wusste nicht recht, was er damit sagen wollte. Dass er der bekannte Teflon-Diplomat bleiben wolle, auch als Chef der Weltorganisation? Glatt und schwer zu fassen. Bis heute lassen sich darauf keine klaren Antworten geben. Wofür steht Ban Ki Moon? Welches sind seine Ideale, wagt er sich an eine Vision für die künftige internationale Gemeinschaft? Nach gut acht Monaten im Amt bleibt das Profil des neuen UN-Generalsekretärs unscharf. Die ersten Monate seien "keine Flitterwochen" gewesen, räumt er selbst ein.

Noch keine 48 Stunden inthronisiert, unterlief dem ranghöchsten UN-Diplomaten gleich ein schwerwiegender Fauxpas. Jeder Staat entscheide selbst, wie er das mit der Todesstrafe halte, kommentierte er am 1. Januar 2007 die Hinrichtung Saddam Husseins. Freilich ächten die Vereinten Nationen "die Tötung per Gesetz" seit ihrer Gründung vor 62 Jahren grundsätzlich. Also musste Sprecherin Michèle Montas die Aussage ihres neuen Chefs umgehend dementieren.

Wenn am 18. September nun der erste Bericht an die 62. Generalversammlung fällig ist, müsste der neue Hausherr auf der 38. Etage des Wolkenkratzers in Midtown Manhattan eigentlich für außergewöhnlich günstige Startbedingungen danken. Im Unterschied zu den meisten seiner sieben Vorgänger war die Amtsübernahme bereits drei Monate vor Mandatsantritt geregelt. Die Wahl verlief konfliktarm, weil sich die USA und China im Personalpoker frühzeitig auf Ban als Kompromissfigur geeinigt hatten und die übrigen Vetomächte auf Einwände verzichteten. In New York gilt der Südkoreaner denn auch als Freund, wenn nicht Diener Amerikas. Er dürfte substanzielle Vorstöße für die überfällige ideelle Erneuerung der Weltorganisation schuldig bleiben, stattdessen - wie von der Bush-Regierung gewünscht - eher Personal abbauen und das UN-Budget abschmelzen.

Fehlgriff erster Güte

Besonders eindrucksvoll sind die Irritationen, die von Bans Personalentscheidungen ausgehen. Die Ernennungen von Asha-Rose Migiro aus Tansania zu seiner Ersten Stellvertreterin, der Mexikanerin Alicia Bárcena Ibarra zur obersten UN-Managerin und des Inders Vijay Nambiar zum Kabinettschef des Generalsekretärs schienen wohl klare Gesten an die Länder des Südens, tatsächlich aber hatte ein innerer Zirkel von südkoreanischen Vertrauten darüber befunden, wer in der höchsten Gunst stand und wer nicht. Gerade eine Woche im Amt, schickte Ban Ki Moon 60 leitenden Mitarbeitern im Generalsekretariat die Aufforderung, freiwillig ein Rücktrittsgesuch einzureichen. Wer zögerte, wurde abgemahnt, und das öffentlich.

Als Fehlgriff ersten Ranges galt die Nominierung von Britanniens Ex-Premier Tony Blair zum Sondergesandten des Nahost-Quartetts, die Washington und Ban konspirativ einfädelten. Weder die EU noch Russland sahen sich rechtzeitig informiert, um möglicherweise laut zu fragen, ob ein euphorischer Parteigänger des Irakkrieges geeignet sei, zwischen Israelis und Palästinensern Frieden zu stiften.

Damit nicht genug - vorgeblich um die Effizienz zu steigern, wollte Ban die bisher selbstständige, von einem Vize-Generalsekretär geleitete Abrüstungsabteilung herab stufen und in die UN-Hauptabteilung für Politische Angelegenheiten eingliedern, an deren Spitze pikanterweise seit März der Amerikaner Lynn Pascoe steht. Dieser Schritt sorgte umgehend für Entrüstung und Widerstand - sollte Abrüstung in den Vereinten Nationen trotz aller Dementis keine Priorität mehr genießen? In einer Situation, da das Überleben der Menschheit davon abhängt, ob die angehäuften Waffenberge endlich abgetragen werden - ein verheerendes Signal. Die 117 Mitglieder umfassende Blockfreien-Gruppe lehnte die Pläne nachdrücklich ab. Also musste ein ob der Proteste sichtlich überraschter UN-Chef zurückrudern. Ausgerechnet das Abrüstungsdepartment zu degradieren, es wäre ein symbolischer Vorgang gewesen, um der UNO einen Imageschaden ohnegleichen zu verschaffen. Abrüstung gehört laut Charta zum Selbstverständnis der Weltorganisation. Als sie 1945 entstand, war sie umgehend mit den verheerendsten Destruktivkräften der Menschheitsgeschichte konfrontiert. Auf ihrer ersten Generalversammlung - im Schatten des nuklearen Infernos von Hiroshima und Nagasaki - gab es nicht den geringsten Zweifel, dass die Vereinten Nationen unablässig darauf drängen würden, Kernwaffen und alle sonstigen Massenvernichtungswaffen aus den Arsenalen all ihrer Mitglieder zu verbannen. Überall auf dem UN-Gelände zwischen 42. und 48. Straße an der First Avenue trifft man auf Abrüstungssymbole: Im Park schmiedet eine überlebensgroße Figur "Schwerter zu Pflugscharen", auf dem Vorplatz zwischen General Assembly Hall und Dag-Hammarskjöld-Bibliothek kündet ein verknoteter Pistolenlauf vom Engagement gegen Waffengewalt. In Hörweite mahnt die japanische Friedensglocke an jedem 21. September, dem Weltfriedenstag, zur Friedfertigkeit der Völker untereinander, vor dem Sitzungssaal des Sicherheitsrates beklagt Pablo Picassos Guernica die Leiden des Bombenkrieges.

Als der 63-jährige Karrierediplomat Ban Ende 2006 den Amtseid ablegte, formulierte er als sein Credo: "Ich möchte harmonisieren und Brücken bauen". Dieses Bekenntnis zur Neutralität schien verweht, als der Generalsekretär bald darauf in einem Interview ungewöhnlich offen Partei für die USA ergriff: "Niemand kann bestreiten, dass Amerika erheblichen Anteil an der Stabilisierung des Irak hat. Wir müssen diesen Beitrag der Vereinigten Staaten und die damit verbundenen Opfer zu schätzen wissen", befand er in krassem Gegensatz zu Vorgänger Kofi Annan, der den Krieg als illegal gegeißelt hatte.

Asbestverseucht und baufällig

Möglicherweise zahlt sich diese Gefolgschaft aus. Ban bekam, was Annan hartnäckig verweigert wurde. Zum Amtswechsel gab es endlich grünes Licht für den "Capital Master Plan" zur Generalsanierung der UN-Zentrale. Vorrangig die USA hatten den Etatzuschuss dafür immer wieder blockiert, obwohl der fünfeinhalb Jahrzehnte alte Komplex mehr als baufällig ist. Die drei großen Gebäude am East River sind asbestverseucht und dringend renovierungsbedürftig. Permanenter Geldmangel hat dazu geführt, dass Sicherheit und Energieverbrauch längst nicht mehr den Mindeststandards entsprechen. Zudem verursacht hoffnungslos überalterte Technik ständige Reparaturen an maroden Fahrstühlen und Rolltreppen. Abgewetzte Sitzpolster und ausgetretene Teppichböden bezeugen unübersehbar langjährigen Verschleiß. Für eine Milliarde Dollar soll ab Januar 2008 für sieben Jahre saniert und rekonstruiert werden.

Die Vollversammlung wird inzwischen einen Block von ihrem bisherigen Sitz entfernt in ein anderes Gebäude umziehen. Optimisten hoffen, dass sie gegen Ende der Generalüberholung 2012 in eine nicht nur rundum renovierte, sondern vielleicht auch reformierte Organisation zurückkehren können.

UN-Hauptsitz in New York: Die Vereinten Nationen kauften das Sieben-Hektar-Areal an der Turtle Bay in Mid Town Manhattan 1946 mithilfe einer Rockefeller-Schenkung von 8,5 Millionen Dollar. Nach Bauplänen so berühmter Architekten wie Wallace K. Harrisson und Le Corbusier entstand von 1947 bis 1952 der Gebäudekomplex aus Glas und Marmor, der außer dem 39-geschossigen Sekretariat die Konferenzhalle und die 1961 angebaute Dag-Hammarskjöld-Bibliothek umfasst.


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