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Politik : Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: Repräsentation bedeutet nicht, für andere zu sprechen

Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung will ein Leitmedium für den Osten sein. Aber der Osten ist kein monolithischer Raum, der auf eine Leitstimme wartet. Warum die Vielfalt der Stimmen die bessere Antwort auf die ostdeutsche Medienwüste ist

Die erste Ausgabe der „Ostdeutschen Allgemeine Zeitung
Ein Medium, das ostdeutsche Perspektiven sichtbar machen will, braucht deshalb vor allem eines: Glaubwürdigkeit

Foto: Sebastian Kahnert/picture alliance/dpa

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Als ich 2022 meinen Podcast „Ostwärts: Gespräche über ostdeutsche Identitäten“ startete, wurde ich oft gefragt: Warum dieses Thema? Warum wieder der Osten? Meine Antwort war und ist: Weil zu oft über ihn gesprochen wird und zu selten aus ihm heraus. Nun tritt mit der Ostdeutsche Allgemeine Zeitung ein Projekt an, das eine Lücke füllen will. Ein ostdeutsches Leitmedium solle entstehen, selbstbewusst, meinungsstark, mit klarem Standort im Osten und zugleich überregionalem Anspruch.

Der Impuls dahinter ist nachvollziehbar. Die großen Medienhäuser sitzen mehrheitlich im Westen – in Essen, Hamburg oder Hannover – und verantworten Redaktionen in Erfurt, Dresden oder Rostock. Wer über Repräsentation spricht, spricht deshalb auch über Eigentum, Macht und Perspektive.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob es ein ostdeutsches Medium geben darf. Natürlich darf und soll es das. Die Frage ist vielmehr, was geschieht, wenn ein Medium sich selbst zur Leitinstanz erklärt? „Leitmedium“ klingt nach Orientierung, vielleicht sogar nach Stellvertretung. Aber der Osten ist kein monolithischer Raum, der auf eine Leitstimme wartet. Er ist vielfältig, widersprüchlich, fragmentiert und lebendig. Wer könnte für „den Osten“ sprechen, ohne ihn zugleich zu verkürzen?

Die Initiatoren der Zeitung verweisen auf reale Schieflagen. Die ARD-Tagesschau sendet aus Hamburg, große ostdeutsche Regionalzeitungen gehören Konzernen wie der Funke Mediengruppe oder der Mediengruppe Madsack. Diese Strukturen sind historisch gewachsen und sie prägen Blickrichtungen, Netzwerke und Karrieren bis heute. Wer das kritisiert, argumentiert nicht ressentimentgeladen, sondern demokratietheoretisch: Öffentlichkeit ist nie machtfrei.

Brüche und Aufbrüche in Ostdeutschland

Gleichzeitig muss sich ein neues Medium an seinen eigenen Maßstäben messen lassen. Wenn mit Florian Warweg ein Hauptstadtreporter verpflichtet wird, der zuvor für RT Deutsch und später für die NachDenkSeiten gearbeitet hat, dann geht es nicht um Ost oder West. Es geht um journalistische Standards. Beide Plattformen stehen seit Jahren in der Kritik: die eine als Instrument russischer Staatspropaganda, die andere wegen wiederholter Nähe zu verschwörungsideologischen Narrativen.

Ein Medium, das ostdeutsche Perspektiven sichtbar machen will, braucht deshalb vor allem eines: Glaubwürdigkeit. Gerade dort, wo Vertrauen in Institutionen historisch fragiler ist, entscheidet Transparenz über Wirkung. Wer Leitmedium sein möchte, darf Zweifel an der eigenen professionellen Integrität nicht als Nebensache behandeln.
Vielleicht liegt hier der Kern der Debatte: Repräsentation allein genügt nicht. Entscheidend ist, wie sie gestaltet wird, redaktionell, strukturell und ethisch.

Ich schreibe das nicht als außenstehende Beobachterin. Seit mehreren Jahren spreche ich mit Menschen über ihre ostdeutschen Prägungen, über Brüche, Aufbrüche und das lange Echo der 1990er-Jahre. Mich interessiert, warum so viele Biografien zwischen Unsichtbarkeit und Zuschreibung pendeln. Warum Herkunft oft erst im Kontrast spürbar wird. Und warum Repräsentationsfragen nicht nur statistisch sind, sondern existenziell.

Mein Podcast war nie als Gegenöffentlichkeit gedacht. Eher als Gesprächsraum.

Zuhören ist politisch

In langen, offenen Gesprächen entsteht ein Erfahrungsarchiv, das Ambivalenzen nicht glättet. Viele meiner Gäste erzählen weniger von der DDR selbst als von der radikalen Umwertung nach 1990. Identität entsteht hier nicht aus Nostalgie, sondern aus Transformation: aus Anpassung und Widerstand, aus Aufbruch und Verlust. Wer die politischen Spannungen der Gegenwart verstehen will, kommt an diesen Erfahrungen nicht vorbei. Was heute als Politikverdrossenheit oder Systemmisstrauen beschrieben wird, ist oft tief in biografischen Entwertungs- und Beschleunigungserfahrungen verankert.

Was ich in diesen Gesprächen gelernt habe: Zuhören ist politisch. Repräsentation bedeutet nicht, für andere zu sprechen. Sondern Räume zu schaffen, in denen sie selbst sprechen können und gehört werden. Der Podcast funktioniert, weil er Ambivalenz zulässt. Weil er ostdeutsche Erfahrungen weder heroisiert noch problematisiert, sondern in ihrer Normalität ernst nimmt. Und weil er zeigt, dass ostdeutsche Identitäten plural sindgenerationell, sozial, migrantisch, urban und ländlich zugleich.

Genau darin liegt auch die Chance für die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Sie könnte sich als lernendes Medium begreifen. Als Redaktion, die nicht vorgibt, den Osten zu definieren, sondern sich seiner inneren Vielfalt aussetzt. Die investigative Kraft mit biografischer Tiefe verbindet. Die strukturellen Benachteiligungen sichtbar macht, ohne sich in Defiziterzählungen zu erschöpfen.

Der Osten braucht viele Stimmen

Selbstbewusstsein entsteht durch Qualität, durch Sorgfalt und durch die Bereitschaft, auch im eigenen Haus kritisch zu prüfen, welche Stimmen eingebunden und welche Standards gesetzt werden; nicht durch Abgrenzung. Und Qualität entsteht durch den Mut, Widerspruch nicht als Schwäche, sondern als demokratische Stärke zu begreifen.

Der Osten braucht keine publizistische Monokultur, sondern viele Stimmen: Medien, Podcasts, Initiativen und Redaktionen, die aus unterschiedlichen Erfahrungen sprechen und sich zugleich in die gesamtdeutsche Debatte einbringen. Vielfalt ist nicht nur ein Wert, sie ist die Voraussetzung dafür, dass Öffentlichkeit lebendig, kritisch und anschlussfähig bleibt.

Mein Wunsch ist keine ostdeutsche Parallelöffentlichkeit. Ich wünsche mir eine neugierige, offene Öffentlichkeit, die Zuhören, Nachdenken, Diskutieren und Dialog fördert. Also einer Öffentlichkeit, die Einheit in der Vielfalt lebt.

Nine-Christine Müller, 1989 in Jena geboren, hat viele Jahre in Thüringen gelebt, ehe sie für ihr Studium nach Dresden und später nach Istanbul zog. Mittlerweile wohnt sie in Berlin. Sie ist die Gründerin und Moderatorin des Podcasts „Ostwärts: Gespräche über ostdeutsche Identitäten“.