Archiv gegen das Vergessen

Zur Ausstellung Die Ausstellung „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“ beleuchtet verschiedene Aspekte der Erinnerungskultur mit Auftragsarbeiten zeitgenössischer Künstler*innen und exemplarisch ausgewählten Exponaten aus dem Archiv der Akademie der Künste
Archiv gegen das Vergessen
Cemile Sahin | Bad People Bad News

Akademie der Künste, Berlin. Foto: Stephanie Steinkopf/OSTKREUZ

Erinnern als Überlebenstechnik, Archive als Ort der Transformation: Die „Gedächtnisarbeit“ der Künstler*innen dieser Ausstellung offenbart den Umgang mit Vergangenem als Grundvoraussetzung für das Gestalten von Zukunft. Sie drückt eine Dringlichkeit der Fragen danach aus, was eine Gesellschaft erinnert, vergisst oder verdrängt; wie Geschichte verfügbar gemacht wird und wie kollektive Erinnerung eingeübt und organisiert ist. Die Kunst greift in die Archive ein und legt selbst Archive an. Sie holt Aufbewahrtes ans Tageslicht, fragt nach Auswahl- und Ausschlussprozessen, und sie wählt selbst aus, dokumentiert, hält Bilder und Stimmen fest, damit sie gesehen und gehört werden.

Einzelpositionen zeitgenössischer Künstler*innen

Mit den Methoden der bildenden und der darstellenden Kunst, der Literatur, des Films und der Musik eröffnen die 13 Auftragswerke jede für sich einen eigenen Erzählraum, aber knüpfen auch auffallende Querverbindungen untereinander. Inszeniert in großformatigen Rauminstallationen, in Video- und Klang- Arbeiten machen die künstlerischen Positionen die Grammatik von Erinnern und Vergessen sichtbar, sie gehen auf Spurensuche, leisten Trauer- und Traumaarbeit, setzen sich ein für archivische Fürsorge und demonstrieren die Macht der Erzählung.

Mit Arbeiten von Mirosław Bałka, Candice Breitz, Ulrike Draesner, Arnold Dreyblatt, Thomas Heise, Susann Maria Hempel, Alexander Kluge, Eduardo Molinari, Matana Roberts, Cemile Sahin, Cécile Wajsbrot, Jennifer Walshe, Robert Wilson.

Künstlerische Positionen aus dem Archiv der AdK

In der künstlerischen Erinnerungsarbeit erweist sich das Archiv zugleich als Ressource und als Methode. Es gibt der Materialfülle des Erinnerten einen Ort und Struktur, und es fordert die Auseinandersetzung mit dem Gedächtnis, das Lesen zwischen den Zeilen heraus. Ausgewählte Objekte, Entwürfe und Kunstwerke von 15 Künstler*innen aus dem Archiv der Akademie laden ein, Erinnerungen im Werk aufzuspüren, Speichermedien zu erkunden, archivische Methoden nachzuvollziehen und der Frage nach der Erinnerungspolitik und dem Verhältnis von individuellem und kollektivem Gedächtnis nachzugehen. Sie werden buchstäblich ins Licht gerückt. Es sind keine Erinnerungsgegenstände, doch sie zeugen von der Erinnerung als Triebfeder künstlerischen Schaffens.

Walter Benjamins programmatischer Text Ausgraben und Erinnern gibt den Denkrahmen vor: Das Gedächtnis als Medium zur Erkundung der Gegenwart. Einar Schleefs Tagebuchbilder, die Arbeitskurven von Käthe Kollwitz, Modelle zum Echolot von Walter Kempowski, die Bildvorlagen von George Grosz, Edgar Reitzʼ Produktionstagebücher oder Inge Deutschkrons Brief an ihren Vater sind einige der Positionen, die sich zu einer Konstellation künstlerischer Verfahrensweisen fügen: „Erinnern ist Arbeit.“ (Einar Schleef)

Diskussionsrunden statt, mit den Künstler*innen der Ausstellung und Gästen wie Aleida Assmann, Sharon Macdonald, Max Czollek und Julian Heynen.

Zum Gesamtprogramm von „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“

Veranstaltungsaufzeichnungen

Resonating Struggles: Paul and Eslanda Robeson in East Berlin

Gespräch | Livestream vom 1.6.2021

Zwischen antirassistischer Bewegung, Postkolonialismus und Kaltem Krieg: Der Musiker und Schauspieler Paul Robeson und die Anthropologin Eslanda Robeson waren US-Bürgerrechtsaktivist*innen, für die die Akademie der Künste der DDR ein Archiv gründete. Über den Nachklang ihres Freiheitskampfs und dekoloniale Perspektiven auf den Sozialismus sprechen Matana Roberts (Komponistin, Künstlerin), Doreen Mende (Kuratorin, Theoretikerin), Kira Thurman (Historikerin, University of Michigan) und George E. Lewis (Komponist, Prof. of American Music, Columbia University).

Durch das Herz hindurchgehen. Eine Einführung

Gespräch | Livestream vom 2.6.2021

Cécile Wajsbrots dystopischer Roman Zerstörung beleuchtet die Angst vor der Wiederholung der Geschichte und die Folgen, die die Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses und privater Erinnerung für die menschliche Existenz haben kann. Für den Akademie-Schwerpunkt „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“ hat sie sich mit dem Nachlass von Imre Kertész im Archiv der Akademie der Künste auseinandergesetzt. Die Filme von Jeanine Meerapfel können als eine Archäologie der sozialen und emotionalen Bindungen gelesen werden. In ihnen überlagern sich biographische und gesellschaftspolitische Erzählungen. Mit kurzen Auszügen aus Im Land meiner Eltern (1981) und ihrem aktuellen Filmprojekt Eine Frau lädt sie Cécile Wajsbrot zu einem interdisziplinären Dialog über die Rolle ein, die Erinnerung und Vergessen in ihrer künstlerischen Arbeit spielen, und wie der Blick auf die Vergangenheit die Zukunft bestimmt.

Vorher führen Johannes Odenthal und Werner Heegewaldt in das große Ausstellungsprojekt ein, das der künstlerischen Auseinandersetzung mit Gedächtnis und Archiven gewidmet ist.

Räumliche und zeitliche Bilder des Erinnerns und Vergessens

Vortrag und Gespräch | Livestream vom 8.6.2021

Das menschliche Gedächtnis ist selbst-reflexiv. Es ist also in der Lage, sich bei laufendem Betrieb selbst zuzusehen und diese Vorgänge zu analysieren. Eine besondere Rolle spielt hier die Kunst. Sie ist ein besonderer Monitor und Spiegel der Selbstreflexion und entwickelt in diesem Fall einen wichtigen Metadiskurs für die Dynamik von Erinnern und Vergessen.

Aleida Assmann ist eine der führenden Forscher*innen zum kulturellen Gedächtnis. In ihrem Vortrag widmet sie sich den räumlichen und zeitlichen Bildern des Erinnerns und Vergessens. In ihren Antwortbeiträgen gehen Sharon Macdonald, Direktorin des Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage, und Cristina Baldacci, Kunsthistorikerin an der Università Ca' Foscari Venedig und ehemalige Fellow am ICI Berlin, auf die Beziehung von Kunst zu umstrittener Erinnerung und das Archiv als künstlerische Strategie ein.

15:21 30.06.2021

Ausstellung: Weitere Artikel


Wie erinnern wir uns?

Wie erinnern wir uns?

Schwerpunkt Von Mai bis November 2021 beleuchtet das Programm der Akademie der Künste zu „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“ die Aktualität der künstlerischen Auseinandersetzung mit Gedächtnisspeichern und Erinnerung als künstlerischer Methode
Zeugnis vergangener Zeiten

Zeugnis vergangener Zeiten

Bilderkeller Erst 2018 wurde der Bilderkeller öffentlich gemacht. Neben den Ausstellungssälen und dem Brandenburger Tor sind die Wandmalereien der einzige originale Rest des historischen Pariser Platzes. Nun können die Besucher*innen sie vor Ort besichtigen
Haus mit langer Historie

Haus mit langer Historie

Netzschau „Mit [der] Ausstellung hat die Akademie neue Kunst aus Archiven entstehen lassen. Künstler*innen setzen sich in 13 Auftragsarbeiten mit Vergangenem und dem Umgang der dazu archivierten Informationen mit gegenwärtigem Blickwinkel auseinander.“

Durch das Herz hindurchgehen | Gespräch

Video Cécile Wajsbrots dystopischer Roman "Zerstörung" beleuchtet die Angst vor der Wiederholung der Geschichte und die Folgen, die die Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses und privater Erinnerung für die menschliche Existenz haben kann ...


Das Gedächtnis arbeitet an uns | Gespräch

Video Kluge setzt sein eigenes Archiv in einen Austausch mit den Archiven von Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Bertolt Brecht. In seiner Rauminstallation fügen sich Kluges Bildobjekte und Texte zu einer Konstellation über das Erinnern und Vergessen


Resonating Struggles | Discussion

Video A conversation about the reverberations of their struggle for freedom and decolonial perspectives on socialism with Matana Roberts, Doreen Mende, Kira Thurman, and George E. Lewis


Images of Remembering and Forgetting | Talk

Video Human memory is self-reflexive, meaning it is capable of observing itself at work and analyzing these processes. In this context, art has a unique role to play as a particular form of monitor and mirror