In Kooperation mit Zeppelin Museum Friedrichshafen

30 Jahre Zeppelin Museum

Das Zeppelin Museum feiert sein 30-jähriges Jubiläum im Hafenbahnhof. Zu diesem Anlass stellt sich das Museum auch seiner eigenen Geschichte und arbeitet die Verstrickungen zwischen der politischen Nutzung von Zeppelinen und NS-Staat erstmals auf

Ausstellungsansicht „Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus“

© Zeppelin Museum Friedrichshafen 2026; Foto: Tretter

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Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus

Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus

Zeppelin Museum Friedrichshafen

Seestraße 22 | 88045 Friedrichshafen

Vom 22. Mai 2026 bis 4. April 2027!

Leitend bei den Verstrickungen zwischen der politischen Nutzung von Zeppelinen und NS-Staat sind dabei Gefühlte Wahrheiten, ein Phänomen, das auf subjektiven, emotionalisierten Annahmen beruht: Aussagen, die wir irgendwo mal gehört und nicht hinterfragt, die sich im Laufe der Zeit verstetigt haben und unabhängig belegbare Fakten konsequent verdrängen. Sie ziehen sich als Leitfaden durch die Ausstellung und das Museum; sie dienen als Gerüst, um verklärende Erzählungen der Zeppelingeschichte zu dekonstruieren.

Gefühlte Wahrheitenbestimmen bis heute auch das Bild der Zeppeline als nostalgisch verklärte Technik. So hält sich etwa der Glaube, Zeppeline und die Konzerne, die sie bauten, seien unpolitisch gewesen. Doch ob in der Kaiserzeit oder der Weimarer Republik – Zeppeline waren bereits vor der NS-Zeit ideologisch und politisch stark aufgeladen. Das Museum sieht sich häufig mit der Aussage konfrontiert, der Baubetrieb in Friedrichshafen und seine Mitarbeiter*innen seien „unpolitisch“ oder dem NS-Staat sogar missliebig gewesen. Eines der Hauptargumente für diese „Entlastung“ der Zeppelin-Luftschifffahrt nach dem Zweiten Weltkrieg ist ihre angebliche Ablehnung durch die Machthabenden des NS-Staats. Auch das selbst konstruierte, von anderen verfestigte und bis heute weitergetragene, undifferenzierte historische Bild Hugo Eckeners als konsequenter Gegner, gar als Widerstandskämpfer, des Nationalsozialismus ist Bestandteil „gefühlter Wahrheiten“ vom Zeppelin als entpolitisierter und unschuldiger Technik.

Neuste Forschung über die Rolle der Zeppeline im Nationalsozialismus zeigt ein anderes Bild: Das so genannte goldene Zeitalter der Luftschifffahrt mit LZ 127 Graf Zeppelin, LZ 129 Hindenburg und dem Schwesterschiff LZ 130 Graf Zeppelin war durch deren Bedeutung für die NS-Propaganda geprägt. Ihre Inszenierung reichte von den Hakenkreuzen an den großen Leitwerken der Luftschiffe bis hin zu Propagandafahrten, den Auftritten bei Reichsparteitagen, den Olympischen Spielen in Berlin 1936 und anderen politischen Großereignissen. Auch auf ihren fahrplanmäßigen Passagierfahrten nach Brasilien und in die USA repräsentierten die Zeppeline ab 1933 das NS-Regime und wurden so zu Botschaftern behaupteter deutsch-nationaler technischer Überlegenheit. Ab 1933 waren die Zeppeline und die Menschen, die sie bauten und betrieben, also auf die ein oder andere Weise in den NS-Staat und seine propagandistische Selbstdarstellung eingebunden. Dass dies ausschließlich unfreiwillig und ohne Begeisterung geschah, ist ein Beispiel verklärender Erzählungen, die in der Zeit nach 1945 entstanden und bis heute wirksam sind. So wurde der faktenbasierte Blick auf die Zeppelin-Luftschiffe getrübt und die Technik mit überwiegend positiven Sympathiewerten überdeckt. Diese „Gefühlten Wahrheiten“ blenden historische Zusammenhänge und deren politische Dimensionen aus. Sie stützen sich auf liebgewonnene, teilweise geschichtsverfremdende Narrative. Auch Narrative über „unpolitische Technik“ oder eine „unfreiwillige“ Einbindung des Unternehmens in den NS-Propaganda-Apparat sind heute noch in der Selbstwahrnehmung und Außendarstellung des Industrie- und Rüstungsstandorts Friedrichshafen wirksam.

Aus diesem Grund verfolgt das Zeppelin Museum in seiner neuen Sonderausstellung „Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus“ einen dezidiert glokalen, multiperspektivischen und interdisziplinären Ansatz – also eine Verbindung des weiten historischen Kontextes vor dem Spiegel lokaler Unternehmensgeschichte. Die eigene Sammlung wird gezielt auf diesen Kontext hin befragt und setzt den „gefühlten“ historischen Narrativen erinnerungskulturelle bzw. historische Praxis entgegen. Die Definition von „Schlüsselpersonen“ und „Schlüsselereignissen“ schafft dabei eine notwendige Konzentration, die jene globale Ebene einführt und eine Auseinandersetzung erst konkret möglich macht.

Die Ausstellung ermöglicht so einen differenzierten Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945 im Kontext historischer Kontinuitäten.Sie spürt den graduellen politischen Verschiebungen und Verschärfungen in der Gesellschaft nach, die, ähnlich unserer Gegenwart, gefühlt überall sind. Diese Mechanismen aufzuzeigen und sich beschönigenden Narrativen und Leerstellen dekonstruierend entgegenzustellen, ist das erklärte Ziel der Ausstellung.

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