Die Einordnung und Neubewertung geschieht auf mehreren Ebenen. Einerseits nimmt die Vermittlung als Teil des kuratorischen Teams eine zentrale Rolle ein. Sie bietet methodische Zugänge zur Geschichtsvermittlung sowie zu gegenwärtigen Diskursen der Medienkompetenz, der Erinnerungskulturen und der politischen Bildung. Andererseits wird die historische Forschungsarbeit auf glokaler Ebene geleistet und schafft es so, auch neue Forschungserkenntnisse präsentieren zu können.
Die Schlüsselereignisse setzen bereits vor der Zeit des Nationalsozialismus an. Denn schon während der Kaiserzeit profitierten die deutschen Zeppeline von ihrer starken politischen und emotionalen Aufladung. Im Ersten Weltkrieg waren sie als Bomber und Aufklärer militärische Werkzeuge und Symbole imperialer Ambitionen. In der Weimarer Republik etablierten Zeppeline den ersten fahrplanmäßigen transatlantischen Luftverkehr und verkörperten einen dezidiert deutschen Anspruch auf Weltgeltung durch technischen Fortschritt. Die internationale Begeisterung für Zeppeline und ihre Wandelbarkeit als Symbole machten sie auch für den NS-Staat zu überaus nützlichen Propagandawerkzeugen. Dieser einleitende Ausstellungsschwerpunkt fragt daher nach dem Einfluss des Nationalsozialismus auf das Unternehmen und den Fahrbetrieb, auf die politische Inszenierung der Zeppeline, die Mitarbeitenden und die Passagier*innen.
Propagandafahrten bilden einen weiteren Ausstellungsschwerpunkt. Sie geben Aufschluss über die Rolle und Verstrickungen der Zeppeline im NS. Die Propagandafahrten von LZ 127 Graf Zeppelin, LZ 129 Hindenburg und dem Schwesterschiff LZ 130 Graf Zeppelin II zu den Reichsparteitagen der NSDAP 1933 und 1936, zum „Tag der nationalen Arbeit“ 1933, den Olympischen Spielen in Berlin 1936, einer 30-stündigen Wahlpropagandafahrt oder der so genannten Sudetenfahrt im Rahmen der gewaltsamen Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938, sind Gegenstand dieses Schwerpunkts und fungieren als Schlüsselereignisse der historischen Rekonstruktion.
Ein zentrales Schlüsselereignis stellt die Katastrophe von Lakehurst am 6. Mai 1937 dar. Ihr widmet das Museum einen eigenen Schwerpunkt, denn mit der LZ 129 Hindenburg verbrannte nicht nur ein Zeppelin,sondern auch ein Symbol des NS-Staates, den die Propaganda gezielt als technisches „Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst“ inszeniert hatte. Die Überführung der Todesopfer und ihre Beisetzungen inszenierte das Regime im Sinne eines nationalsozialistischen Opferkultes. Die Beerdigungen der Luftschiffer fanden mit militärischen Ehren und allgegenwärtiger Staatssymbolik statt: Kranzschleifen diverser NS-Organisationen und Würdenträger sind heute Teile der Sammlung des Zeppelin Museums und werden in der Ausstellung zu sehen sein.
Auch die eigene Museumsgeschichte wird kritisch beleuchtet. Im Mittelpunkt steht dabei das 1938 eröffnete Werksmuseum der Luftschiffbau Zeppelin GmbH, das anlässlich des 100. Geburtstags des Grafen Zeppelin neu gebaut wurde. Das Museum wurde von den Nationalsozialisten dazu genutzt, die propagandistische Wiederbelebung des Grafen als nationales und militärisches Vorbild während der NS-Diktatur mit einer technischen Fortschrittserzählung der Zeppeline zu verbinden. Sowohl die Vorläufer als auch die Nachfolger dieses Museums bewegen sich im Spannungsfeld kommunal- und industriepolitischer Interessen. Auf Ebene der Museen spiegeln sich also die Konflikte gegensätzlicher Deutungsmuster und deren inhärente Gefühlte Wahrheiten bis heute. In seiner Vermittlungsarbeit greift das Zeppelin Museum Fragestellungen nach der Relevanz von Museen in der Gegenwart auf.
Neben Schlüsselereignissen sucht das Museum die Aufarbeitung auch entlang von Schlüsselpersonen. Denn die Nationalsozialist*innen durchdrangen innerhalb kürzester Zeit die gesamte Gesellschaft. So auch die Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Anhand von Einzelschicksalen von Mitarbeitenden bis hoch zu den Konzernspitzen können exemplarisch die Kontinuitäten und der Wandel in der Diktatur beschrieben werden. Aus dieser Perspektive lassen sich somit auch strukturelle Veränderungen durch das NS-Regime und tragende Elemente der Diktatur auf Betriebsebene untersuchen. Eine Neubewertung der bis dato mehrheitlich auf seiner Autobiografie basierenden Geschichte Hugo Eckeners, geleistet durch den Konstanzer Historiker Jürgen Klöckler, wird ebenso erstmals präsentiert werden.
In der Ausstellung werden rund 200 Exponate gezeigt, die größtenteils aus der Sammlung des Museums stammen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf historischem Bild- und Aktenmaterial. Quellen werden als Reproduktionen teilweise erstmals öffentlich ausgestellt und in Form von Blätterelementen nachvollziehbar und transparent zugänglich. Dafür haben unzählige Archive, besonders das Bundesarchiv, aber auch das Landesarchiv Baden-Württemberg und viele weitere, Akten erstmals digitalisiert und für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Sie werden ergänzt durch hochkarätige Leihgaben der Familie Endrass, des Stadtarchivs Friedrichshafen und von Sylk Schneider.