Deutschlands Enfant terrible

Zur Ausstellung Die retrospektive Ausstellung präsentiert ein buntes Porträt des großen deutschen Filmemachers im Spiegel seiner Zeit: Die Bundeskunsthalle präsentiert sein Œuvre als beispielloses Gesellschaftsdokument in Kombination mit Archiv- und Quellenmaterial
Gisela Fackeldey, Eva Mattes und Katrin Schaake in DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, BRD 1972
Gisela Fackeldey, Eva Mattes und Katrin Schaake in DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, BRD 1972

Foto: Rainer Werner Fassbinder Foundation

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle präsentiert Rainer Werner Fassbinders Werk, sowie seine Biografie anschaulich mit der damaligen deutschen Lebensrealität verknüpft. Dokumente, Briefe, Archivalien, Fotografien, Zitate, persönliche Gegenstände, Kostüme und Filmkompilationen ermöglichen eine Kontextualisierung.

Fassbinder, 1945 direkt nach der deutschen Kapitulation geboren, erlebte die emotionalen und realen Auswirkungen der Nachkriegszeit unmittelbar – sie fließen direkt und indirekt in sein Bild- und Tonwerk ein.Seine Theaterstücke, Filme und Serien legen als Seismograf die gesellschaftlichen und zwischenmenschliche Verhältnisse offen, viele seiner Bilder und Themen – wie Antisemitismus, Migration,

Rollenklischees oder Queerness – sind radikal, innovativ, außergewöhnlich und bahnbrechend. Sie führen, manchmal subtil, manchmal laut/demonstrativ zur Reflexion der gesellschaftlichen Zustände. Gerade zutiefst ehrliche, zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Gefüge wurden von ihm in großer Intensität als Abbilder der Gesellschaft visualisiert, so war es für ihn „immer wichtig, Filme zu drehen über Menschen und deren Verhältnis zueinander, deren Abhängigkeit voneinander und von der Gesellschaft“.

Fassbinders Exponiertheit, seine kreative Unangepasstheit und künstlerische Radikalität führten zu inzwischen legendären Filmen, Fernseh- und Theaterstücken, wie Angst essen Seele auf, Die Ehe der Maria Braun, Acht Stunden sind kein Tag, Berlin Alexanderplatz oder Querelle, die sich in das kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben haben. Er war in seinem kurzen Leben äußerst produktiv: Er schrieb, drehte oder inszenierte 45 Spielfilme und 25 Theaterstücke, seine Bildsprache changierte von Beginn an virtuos zwischen Theater, Film/Fernsehen und Zeitdokument.

Fassbinder lebte und forderte Intensität. Seine manchmal sperrige, kritische Haltung bei gleichzeitig liebevoller Darstellung und Zeichnung der Menschen, ohne Rücksicht auf ihre jeweiligen Milieus, war von beispielloser, aber auch zutiefst respektvoller Konsequenz. Das schon zu seinen Lebzeiten oft kontrovers diskutierte Werk Fassbinders hat bis heute nichts von seiner Relevanz, Intensität und Strahlkraft verloren. Es zu verstehen bedeutet, sich und andere zu verstehen und zu tolerieren.

Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle, Bonn, in Zusammenarbeit mit dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main, und der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin

06.01.2022, 08:25

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