Dies ist ein Buch der Trauer über das, was nicht möglich war. Der
Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns
alle. Über das, was wir versäumten, was wir nicht vermochten, wofür
die Kraft nicht reichte, wofür der Mut fehlte.
Dies ist ein Buch über unseren Größenwahn und unsere Hilflosigkeit.
Über das Unheil, das wir kommen sahen und doch nicht verhindern
konnten. Über das Unheil, das wir nicht kommen sahen, weil
wir es nicht sehen wollten, im Osten nicht und nicht im Westen. Über
die Gefahr, die wir leugneten, die Sicherheit, die wir uns vorgaukelten,
die Veränderungen, die wir nicht wahrhaben wollten.
Dies ist ein Buch über meine Freundin, der nicht zu helfen war.
Das jedenfalls sagen die Expertinnen.
Dies ist ein Buch über die Selbstbehauptung der Ukraine und die
Selbstzerstörung Russlands.
Dies ist ein Buch über das, was wir nicht ändern können, und das,
was wir anders hätten machen müssen. Über das, womit wir uns abfinden
müssen, und das, womit wir uns nicht abfinden können.
Dies ist ein Buch der Reue über das, was wir unversucht ließen.
Dies ist ein Buch über unsere Träume und über die Wirklichkeit.
Über unsere Träume, die nicht wahr wurden und vielleicht nicht
wahr werden konnten.
Am 5. März 2022 nehmen wir in Leipzig Abschied von Dir, im engsten
Kreis, wie es heißt. Deine Schwester hat Uhrzeit und Adresse per
WhatsApp geschickt. Alle stehen unter Schock: unter dem Schock
Deines Todes und dem Schock des Krieges, der zur selben Zeit begonnen
hat. Unter dem Schock der neuen Wirklichkeit in unser aller
Leben, des Endes aller Hoffnungen. Es wird lange dauern, bis ich
über diesen Abschied schreiben kann.
Du hast entschieden.
Ich bin mit einem überfüllten Zug von Berlin nach Leipzig gekommen,
aber dieses Mal hast Du nicht am Anfang des Bahnsteigs
gestanden. Ich wollte im Blumenladen noch einen Strauß Tulpen für
Dich kaufen. Im Leipziger Hauptbahnhof gibt es einen sehr schönen
Blumenladen. Ich habe dort oft Blumen gekauft, wenn ich Dich besuchen
kam, im Krankenhaus oder in Deiner Wohnung. Aber heute
gibt es dort keine roten Tulpen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass
es rote Tulpen sein müssen wie vor ein paar Tagen, als wir die kleine
Zeremonie für Dich in Berlin abhielten im Skulpturenpark am Haus
der Kulturen der Welt, am HKW, wie Deine Berliner Kollegin in der
Mail geschrieben hatte. Sie hatte diesen Ort gewählt, weil sie sich
daran erinnerte, Dich hier irgendwann noch einmal froh erlebt zu haben.
Wir standen in der Dämmerung auf der Wiese unweit des Kanzleramts
zwischen Bäumen, eine Handvoll Frauen und mein Mann,
standen bei einer Skulptur und stellten Kerzen auf ihre rundlichen
Formen. Ich legte meine roten Tulpen dazu. Manche sagten etwas.
Ich kannte keine von ihnen. Ich war die Einzige, die nicht nur traurig
war, sondern auch zornig.
Jetzt im Leipziger Hauptbahnhof gibt es keine roten Tulpen, und
die Blumenverkäuferin ist unfreundlich, einfach so, normal unfreundlich.
Und ich bin dünnhäutig, ich ertrage das nicht. Warum
sind Sie so unfreundlich? Frage ich die Verkäuferin unter Tränen. Ich
laufe hinaus aus dem Laden, ohne Blumen, und nehme auf dem Vorplatz
ein Taxi. Ich weiß nicht, in welcher Richtung die Villa Apfelbaum
liegt, wo der Abschied stattfinden soll. Der Taxifahrer hält vor
Blumenläden, aber nirgendwo gibt es rote Tulpen. Es gibt gelbe,
weiße, rosafarbene und sogar violette, nur rote gibt es nicht. Erst irgendwann
im dritten oder sechsten Blumenladen. Es ist ein Vietnamese,
und die roten Tulpen sind extra langstielig, XXL, rote Riesentulpen.
Das erscheint mir passend.
Die Villa Apfelbaum ist ein zweistöckiger klassizistischer Bau, der
eine Art Herrenhaus gewesen sein könnte. Er liegt im Süden von
Leipzig jenseits der Bahnstrecke, wo die Stadt schon ausfranst. Daneben
ein flacher Neubau aus Holz mit großen Glasfronten, die den
Blick in den gepflegten Garten freigeben. Dort jätet jemand tief gebeugt
zwischen Torfmulch und ersten Blümchen, die ein eingestecktes
Schild für kaukasische Veilchen erklärt. Jenseits eines Zauns beginnt
Gehölz.
Im Vorraum stehen eine Handvoll Menschen, Deine Mutter, Deine
Schwester, engste Freunde. Es ist kühl. Es wird leise gesprochen:
über Dich, über Deinen Tod und über den Krieg, der alles zunichtemacht,
über das Grauen, das Russland verbreitet. Jemand sagt, dass
Du jetzt in der Welt der Geister bist, um dort dafür zu sorgen, dass
der Krieg beendet wird. Weil es hier nicht mehr möglich war.
Ich denke, dass Du, wenn Du bis zum Beginn des Krieges gelebt
hättest, vielleicht etwas hättest tun können mit Deinen Russischkenntnissen.
Du hättest eine Aufgabe finden können und dann zurück
ins Leben. Ich stelle mir vor, dass der Krieg Dich gerettet hätte.
Aber das ist Unsinn. Der Krieg hätte Dich nur noch mehr niedergedrückt.
Du hattest Dich mit Russland verbunden, seit mehr als dreißig
Jahren, auch wenn Du in den letzten Jahren zunehmend ernüchtert
warst, Dir keine Illusionen machtest, wie wir alle, die wir
Russland kannten und doch bis zuletzt hofften.
Zehn Tage sind seit dem 24. Februar vergangen. Jeden Morgen wache
ich mit dem doppelten Schmerz auf, Dein Tod ist darin nicht von
Russlands Krieg zu trennen. Nur langsam sinkt die neue Wirklichkeit
ein. Die Nachrichten beginnen jetzt immer mit dem Frontbericht:
Vor drei Tagen hat die russische Armee Cherson eingenommen,
schwere Kämpfe toben bei Charkiw, Mariupol ist nahezu vollständig
eingeschlossen. Aber die Ukraine leistet Widerstand. Ich verstehe,
dass das eine gute Nachricht ist. Die Prognosen für einen raschen
russischen Sieg bewahrheiten sich nicht. Aber ich kann die gute
Nachricht nicht fühlen.
Im Vorraum sind Stehtische aufgebaut, mit Tee und Süßigkeiten.
Mir kommt Iran in den Sinn, wo bei Beerdigungen Kuchen und Gebäck
gereicht werden, um die Trauer zu versüßen. Man trauert dort
ganz anders, laut und wild, heulend und wehklagend, mit Körper
und Seele. Für so eine leise, stille, innerliche Trauer wie hier würde
man sich dort schämen. Hat man die Tote etwa nicht geliebt?
Vom Andachtsraum geht ein großes kreisrundes Fenster nach hinten
hinaus ins Grün. Darin hängt ein kleines Kreuz, im Kreuzpunkt
ein Auge aus türkisfarbenem Glas, gegen den bösen Blick. Ich setze
mich in eine der Stuhlreihen und halte den Band mit Anna Achmatowas
Gedichten im Schoß wie das Kirchengesangbuch.
In den Wochen seit Deinem Tod habe ich von ihren Versen gelebt.
Unablässig sage ich sie mir auf, abends beim Einschlafen, morgens
beim Aufwachen und nachts, wenn ich wachliege. Sie begleiten mich
tagaus und tagein.
Die «Mitternächtlichen Verse» der russischen Dichterin kenne ich,
seit Du sie in Deiner Magisterarbeit so hellsichtig gedeutet hast. Achmatowa
erlebte alle Schrecken des 20. Jahrhunderts in Russland:
Revolution und Bürgerkrieg, beide Weltkriege, die Blockade von Leningrad.
Sie verlor ihren Mann an die Bolschewiken, die Freundinnen
und Freunde an Stalins Terror, ihr Sohn verschwand im Gulag.
Achmatowa besang das Grauen in verbotenen Versen. Sie verlieh, so
verstand sie es, ihrem Volk eine Stimme. Eigentlich war die Grande
Dame der russischen Poesie Halbukrainerin, ihr Vater stammte aus
der Ukraine.
Nach Deinem Tod nehme ich die zweibändige Werkausgabe aus
dem Regal mit der russischen Literatur.
Анна Ахматова
Сочинения
Anna Achmatowa, Werke, erschienen 1986, gebunden, der Einband
weiß meliert. In Band 1 habe ich auf den Seiten 230 – 234 mit Bleistift
Notizen an den Rand geschrieben: Hinweise, Stichworte, Gedanken
aus jener Zeit, als wir gemeinsam diese Gedichte lasen.
Seit Deinem Tod trage ich Band 1 mit mir herum, seit Wochen.
Abends lege ich ihn auf meinen Nachttisch, morgens nehme ich ihn
mit ins Bad und in die Küche. Wenn ich die Wohnung verlasse, stecke
ich ihn in meine Handtasche, obwohl er zu groß ist und sich die Tasche
nicht mehr schließen lässt. Er begleitet mich, wohin ich gehe. Er
ist mein Fetisch.
Eigentlich brauche ich das Buch nicht, ich kenne die «Mitternächtlichen
Verse» seit langem auswendig, die sieben Gedichte, davor der
Vierzeiler «Anstelle eines Vorworts».
Die Trennung ertrage ich wohl nicht schlecht, aber ein Treffen mit Dir
kaum.
Und am Ende die Zeilen über den gemeinsamen Traum.
Ich sage mir die Gedichte herauf und herunter, ich flüstere sie mir
vor.
Auf dem Novemberasphalt wirst Du nicht lange warten, im Adagio Vivaldis
treffen wir uns wieder.
Ich murmele sie vor mich hin, sie sind meine Gebete, meine Litanei.
Zu zweit können wir nicht sein, jene Dritte lässt uns nie allein.
Ich spreche sie unter der Dusche. Auf dem Fahrrad schreie ich sie
gegen den Wind. Ich rezitiere sie den Sternen. Sie sind mein Schmerz
und mein Trost.
Was geht es uns eigentlich an, dass sich alles zu Asche wandelt.
Ich sage sie Dir auf, damit Du Dich erinnerst, wer wir waren und was
wir geteilt haben. Im Buch steckt das alte Foto von uns beiden auf
einer Party, tanzend, mit geschlossenen Augen. Eine Studentenbude,
Bierflaschen im Bücherregal, Kiefernholz, Ikea, meine schwarze Le-
derjacke, Du im hellen Mantel. Wir haben beide die Augen geschlossen.
Wir sind jung und schön.
Die Schönheit ist sehr jung, doch nicht aus unserem Jahrhundert …
Wärme, Glück, wie gerne ich damals mit Dir auf Partys gegangen
bin, meine große, schöne, besondere Freundin.
Aber dann führt Dich Deine Unruhe, zum Schicksal geworden, fort von
meiner Schwelle zu den eisigen Gestaden.
Meine Vertraute, mein Rätsel. Habe ich damals so über Dich gedacht?
Nein, rätselhaft erscheinst Du mir erst jetzt, im Nachhinein. Damals
warst Du einfach, wie Du warst, und dass es Räume gab, zu denen
ich keinen Zutritt bekam, erschien mir selbstverständlich. Ich akzeptierte
es, fraglos, ohne Schmerz. Es machte Dich nur noch ein wenig
reizvoller, Deine Selbständigkeit, Deine Größe, das Gefühl, dass Du
nie bedürftig warst. Ich wurde als Freundin nicht gebraucht, aber
dann irgendwie doch, und das reichte mir.
Wie Entlassene aus dem Gefängnis wissen wir etwas Schreckliches voneinander,
wir sind im Höllenkreis, aber vielleicht sind das auch nicht
wir.
Irgendwann setzt sich Deine Schwester zu mir. Ich könne jetzt zu Dir
hineingehen, sagt sie.
Der Sarg steht in einem kleinen Nebenraum. Er ist aus hellem, rötlichen
Holz, Kirsche vielleicht, und steht zum Kopfende leicht aufwärts.
Er ist sehr groß, ein Sarg XXL. Auch hier geht der Blick durch
ein bodentiefes Fenster in den Garten, aber Du hast den Kopf zur anderen
Seite geneigt, Dein Gesicht nach links. Es ist nicht Deines.
Deine Schwester hatte mich vorbereitet. Nach zehn Tagen, hatte der
Bestattungsunternehmer ihr gesagt, hätten da schon Prozesse eingesetzt.
Sie sagte Prozesse. Man solle sich dafür wappnen.
Du trägst eine graue Strickjacke und bist bis zur Brust zugedeckt.
In den Händen hältst Du einen Stoffhund. Mich befremdet das. Für
mich bist Du nicht eine Frau mit Plüschtier. Aber das stimmt nicht.
Ich weiß, dass dieser Stoffhund Dir wichtig war. Ich glaube, Andrej
hatte ihn Dir geschenkt.
Ich setze mich auf einen der Stühle neben dem Sarg. Du bist da,
und Du bist nicht da. Ich weiß nicht, ob Du da bist. Es ist schwer, mit
Dir in Verbindung zu kommen. Ich bin allein mit Dir. Ich habe nicht
das Gefühl, mit Dir allein zu sein. Andere sind da. Ich sehe sie auf
den leeren Stühlen sitzen. Andrej, Deinen russischen Mann, den
lustigen Andrej mit seinen lieben, immer lachenden Augen, seiner
Art zu sprechen, als habe er eine heiße Kartoffel im Mund, seiner Art,
Dich zu lieben, wie man Dich wohl lieben musste, als die Heilige, die
Du für ihn warst. Uneingeschränkte Verehrung. Andere sitzen da, ich
weiß nicht, wer, ich erkenne sie nicht, versuche es gar nicht.
Ich stehe auf und gehe um Dich herum, um den Sarg. Nun sehe
ich, dass Deine rechte Gesichtshälfte gerötet ist wie nach einer Verbrennung.
Ich streiche Dir über das Haar. Es fühlt sich an wie immer.
Ich meine, ich erinnere mich nicht, Dir jemals über das Haar gestrichen
zu haben außer vielleicht in Gedanken, aber Deine Haare fühlen
sich auch jetzt noch lebendig an. Es gibt keinen Unterschied zwischen
den Haaren einer Lebenden und den Haaren einer Toten,
denke ich.
Deine schönen dunklen Locken hatten sich in den letzten Jahren
verändert, und manchmal, wenn wir uns sahen, erschrak ich darüber.
Sie wurden mit jedem Wiedersehen grauer, aber das war es nicht.
Alle meine Freundinnen wurden grau, auch ich, schon lange, wir
alle. Aber bei anderen hatte dieses Grau eine Frische, gerade bei den
Dunkelhaarigen. Diese plötzliche Helligkeit konnte etwas Entschiedenes
haben. Aber Deine Haare waren seltsam schwach geworden,
es fehlte die Spannkraft. Matt und kraftlos hingen sie um Deinen
Kopf, die vormals wilden Locken.
Ich berühre Deine Hände. Sie sind kalt und rot wie von einem Ausschlag,
die schönen langen Finger zusammengekrümmt, noch schmaler
als im Leben. Sie halten den Stoffhund. Einmal in diesem letzten
Jahr hast Du mir erzählt, wie Deine Mutter Dir die Hände massierte,
die schmerzenden, kribbelnden, tauben Hände, die Du, wie Du sagtest,
kaputt gemacht hattest.
Ich habe die roten Tulpen auf die Decke gelegt zu den Blumen, die
andere Dir mitgebracht haben: kleine gebastelte Gebinde von zwei,
drei Blümchen in blassen Farben, zart und persönlich. Es sind vorsichtige,
liebevolle, traurige Gesten. Daneben brüllen meine zwanzig
extra langstieligen XXL-Tulpen, rot, grob und grell wie der Zorn, der
sich in meine Trauer mischt. Ich möchte laut trauern, laut und hadernd
voller Groll und Protest.
Ich setze mich wieder auf den Stuhl. Du verfolgst mich, aber ich
kann mich Dir nicht nähern. Ich weiß nicht, wer Du bist. Bist Du
wirklich die hier im Sarg mit dem Gesicht aus Leiden und Tod? Zu
der anderen habe ich den Kontakt verloren, zu der, die Du warst, vorher,
zu der, zu der ich immer in Verbindung stand, egal wie weit wir
voneinander entfernt waren. Damals, vor einem Jahr, als Du im
Koma auf der Intensivstation lagst, schrieb ich Dir jeden Tag eine
Nachricht, um Dich zu halten. Aber jetzt gibt es keine Verbindung
mehr. Manchmal schaue ich mir im Internet ein Foto von Dir an. Dort
erkenne ich Dich.
Ich kann mich Dir nicht nähern, weil ich um Verzeihung bitten
müsste. Ich bin mit mir nicht im Reinen und nicht mit Dir. Ich denke,
dass Du mir Vorwürfe machen müsstest, so wie ich mir Vorwürfe
mache, die lange Liste der Versäumnisse, wannwowie ich anderes,
mehr hätte tun sollen, das Unterlassungssündenregister:
zu wenig Besuche,
zu wenig gekümmert, zu Dir gefahren, Dich gebeten zu bleiben,
nicht geholfen, ein anderes Leben zu organisieren,
zu selten Geld angeboten,
nicht zur Buchvorstellung eingeladen,
gemeinsame Reisen angekündigt und dann doch nicht gemacht,
immer geglaubt, dass noch Zeit bleibt.
Totenklage
Ich hatte eine Freundin.
Sie war groß und stark und schön.
Ich hatte eine Freundin fürs Leben.
Ich bewunderte sie,
sie sprach so gut Russisch,
sie hatte dunkle Locken,
und es ging immer um alles.
Sie hatte die schönsten Hände,
schlanke lange Finger, mit denen
sie die Dinge hielt,
zart und zupackend und geschickt,
wenn sie Dinge berührte,
wenn sie mit meinen Kindern spielte, bastelte,
die Fingerfarben auf dem Papier verteilte
mit ihren langen, schönen Fingern.
Sie hatte eine Aura,
ihre Augen leuchteten,
und wenn sie lachte, klang es,
als sei sie selbst von ihrem Lachen überrascht.
Ich hatte eine gute Freundin,
wenn ich sie anrief, sagte sie: Ich habe heute Nacht von dir geträumt.
Ich hatte eine Freundin fürs Leben,
sie liebte Literatur und Kunst und Menschen.
Sie war leidenschaftlich und großzügig,
sie begeisterte sich für die Ideen und Pläne der anderen,
sie hatte Kraft ohne Ende,
wie aus einer geheimen Quelle,
und alles, was sie berührte, mit ihren Händen, mit ihren Gedanken,
wurde schön.
Ich hatte eine Freundin,
die wurde geliebt,
von Männern und von Frauen,
vergöttert von ihrem Mann und umschwärmt von einer Schar von
Jüngerinnen,
geliebt von Frauen und von Männern, auch wenn
sie das oft nicht zu bemerken schien.
Ich hatte eine Freundin,
die verzieh, die verstand,
eine Freundin fürs Leben, wir tranken und tanzten
und lachten und quatschten die ganze Nacht,
und die Zeit reichte nie.
Ich hatte eine Freundin seit dreißig Jahren und mehr,
wir waren erst ganz am Anfang,
sie organisierte meine Hochzeit, wurde Patin meiner Tochter, und
wir wollten zusammen alt werden.
Ich hatte eine Freundin fürs Leben.
Wann fing das alles an?
Irgendwann
vor sehr langer Zeit.
Irgendwann
zu Beginn jener
glücklichen neunziger Jahre.
Und vielleicht
noch viel früher.
Ich hatte meine Freundin im dritten Studienjahr bei einem Theaterfestival
in Hamburg kennengelernt: Theater der Welt. Im Juni 1989
war das, kurz bevor die Welt eine andere wurde. Theatergruppen aus
aller Welt kamen nach Deutschland, auch aus der Sowjetunion.
Die Russen waren die Sensation des Festivals, ihre Stücke schmerzhaft
eindringlich und waghalsig wahrhaftig. Alles war politisch und
auf eine Weise existentiell, von der das westdeutsche Theater nur
träumen konnte. Der schwere rote Vorhang des Hamburger Thalia
Theaters öffnete sich und gab den Blick frei auf das Weltgeschehen,
die Vorabendveranstaltung einer neuen Epoche, auf der Bühne der
letzte Akt des Kalten Krieges.
Wir ahnten es. Wir spürten es. Da kam etwas Großes in Bewegung,
wie Landmassen, die sich zu verschieben begannen, mit tektonischer
Wucht, wir sahen die ersten Risse. Alle fühlten die Macht dieses Aufbruchs,
des nahen Berstens, die Kraft einer Gesellschaft, die erstarrt
gewesen war, so lange wir denken konnten. Die Sowjetunion erschien
uns wie ein gefesselter Riese, wie Gulliver im Zwergenland, der gerade
merkte, wie lächerlich dünn seine Fesseln waren.
Aus Leningrad kam der Regisseur Lew Dodin mit dem Maly Teatr
und dem Stück:
«Brüder und Schwestern».
Es dauerte mehr als acht Stunden, und jede war unerträglich dicht.
Eine Kolchose im Norden Russlands, die Kriegs- und Nachkriegsjahre.
Brüder und Schwestern.
Mit diesen Worten hatte Josef Stalin am 3. Juli 1941 zu seinem Land
gesprochen, zwölf Tage nach dem deutschen Überfall, zwölf Tage
nachdem deutsche Panzer über die Grenze gerollt waren, das Morden
begonnen hatte, zwölf Tage, in denen Stalin geschwiegen hatte,
irgendwo auf seiner Datsche, vermutlich betrunken, die Deutschen
verfluchend, Hitler und vielleicht seine eigene Gutgläubigkeit.
Brüder und Schwestern.
Nun sprach Stalin zu den Völkern der Sowjetunion, in der es seit der
Revolution nur Genossinnen und Genossen gegeben hatte.
Genossen! Bürger! Brüder und Schwestern!
Die Aufführung ging über zwei Abende, die Bühne voller Menschen.
Männer, Frauen, Alte, Kinder. In einer Szene kehrt ein Mann aus dem
Krieg zurück in seine Kolchose. Er setzt sich auf eine Bank, um sich
herum seine Frau, Kinder, Brüder und Schwestern.
Aus einem Stoffbündel nimmt er ein Geschenk, eingeschlagen in
ein Tuch. Langsam wickelt er es aus. Alle blicken auf seine Hände,
auf das Tuch, auf das, was es freigibt:
ein Laib Brot.
Die Gespräche verstummen.
Alle starren auf das Brot.
Und dann, in die Stille hinein,
fragt das kleinste Kind:
Und was ist das?
Ein Kind, vier oder fünf Jahre alt, das in seinem Leben noch nie ein
Brot gesehen hat.
Jahre des Hungers, Jahre der Grütze, Kascha.
Nach dem Krieg werde man sich satt essen, hatten sich die Frauen
während des Krieges gesagt. Doch nach dem Krieg wurde der Hunger
schlimmer. Man nahm den Bauern von ihren mageren Ernten.
Missstände, Korruption, Parteiterror. Und das alles auf offener Bühne
im kapitalistischen Westen.
Etwas brach auf, und wir sahen die Kraft und die Schönheit dieses
Aufbruchs, sahen, was für eine besondere Theatertruppe das war,
eine Gemeinschaft, zusammengewachsen in einem schöpferischen
Prozess.
Meine Freundin und ich waren die Assistentinnen, die Künstlerbetreuerinnen,
bald oben hinter den Kulissen, bald unten im Saal. Wir
übersetzten für die Schauspieler, Bühnenarbeiter, Beleuchter, organisierten
Essen, Maske, Auftritte, Fernsehtermine, Stadtrundfahrt.
Alle liebten die Russen, alle liebten es, die Russen zu lieben, die
Feinde von gestern, die Fremden. Wir flirteten mit den Schauspielern,
wir tanzten auf der Premierenfeier. Sie waren ein paar Jahre älter
als wir und alle schon verheiratet, Kinder zu Hause in Leningrad.
Wir waren Mädchen für alles, zeigten ihnen nachts unsere Stadt, die
Reeperbahn, die Clubs, in die wir tanzen gingen. Sie waren die Stars,
und wir lebten in einem freien Land.
Meine Freundin hatte mich damals angesprochen: Mach doch mit.
Ich konnte kaum ein paar Worte Russisch, eine Hochstaplerin, die
sich als Dolmetscherin ausgab. Sie dagegen hatte schon ein halbes
Jahr in Moskau studiert und redete frei drauflos. Sie übernahm Verantwortung,
wie selbstverständlich, eine Anführerin. Ich bewunderte
sie. Ich wollte ihre Freundin sein, nie zuvor hatte ich eine Freundschaft
so sehr gewollt.
Sie hatte eine Aura. Jeder konnte das sehen, dachte ich. Aber sie
fand sich zu groß und glaubte, die Männer interessierten sich mehr
für mich. Wir sprachen selten darüber, auch später. Fast nie.
Nach dem Festival in Hamburg reiste das Malyi Teatr weiter zu
einem Gastspiel nach München, und meine Freundin fuhr der Truppe
einfach hinterher. Sie hatte vorher in München gelebt und dort noch
eine WG, in der sie pennen konnte, aber dazu kam es gar nicht, weil
sie zwei Nächte mit den Schauspielern durchmachte.
Ich fuhr wie verabredet zu meinem Freund und kam mir langwei-
lig vor. Ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt gefragt hatte, ob ich
mitkommen wolle, oder ob sie einfach aus einer Laune heraus losgefahren
war. So war es in unserer Freundschaft: Sie machte die coolen
Aktionen, sie kannte die spannenden Leute, die Künstler, und ich
kam mir immer ein bisschen spießig vor.
Damals interessierten sich plötzlich viele für Russland. Mitte der
achtziger Jahre hatte Gorbatschow Glasnost und Perestrojka ausgerufen.
Fast kam es in Mode, Russisch zu lernen.
Aber meine Freundin und ich studierten nicht deshalb russische
Literatur. Nicht wegen Gorbatschow und Glasnost, eher im Gegenteil.
Wir studierten, was wenig Sinn machte und keine Karriere versprach,
nicht Jura oder BWL oder Medizin. Wir suchten das andere,
das Verborgene und Verbotene, das Abseitige und Gebrochene, wir
suchten den Rand Europas, nah und fremd zugleich.
Wir waren damals zu viert, Anfang der neunziger Jahre, vier junge
Frauen, Anja, Vika, meine Freundin und ich. Wir hatten zusammen
studiert und gingen nun auf das Examen zu. Slawistik, Germanistik,
der Poststrukturalismus war in Mode. Wir trafen uns in einer Küche
oder einem WG-Zimmer, saßen am Tisch oder auf dem Boden, der
mit Büchern und Papieren übersät war. Wir redeten und tranken:
Tee, Wein, Bier und Wodka. Wir lebten in einer Welt, bevölkert von den
Helden der Romane Dostojewskijs, der Erzählungen Tschechows, geplagt
von verqueren Theorien, die uns sehr umständlich lehrten, dass
alles unsagbar und immer auch irgendwie das Gegenteil richtig ist.
Wir redeten in einer Geheimsprache. Wir lasen gemeinsam die Texte,
die wir allein nicht verstanden, und diskutierten, was wir geschrieben
hatten, teilten Gedanken, begeisterten uns, verwarfen Ideen.
Ich buk häufig Pflaumenkuchen, vermutlich, um irgendwie mit
der Wirklichkeit in Verbindung zu bleiben. Meine Freundin schien
das nicht nötig zu haben.
Bevor ich zu schreiben beginne, gehe ich hinunter in den Keller,
um die Magisterarbeit meiner Freundin zu suchen. Ich finde sie in
einer Kiste weit hinten im Keller, darin meine Abizeitung, mein Surfschein
und ihre Arbeit: ein schweres Werk, im Copyshop gebunden,
dunkelgrauer Einband, DIN A4, 129 Seiten, einseitig bedruckt. Als
ich es aufschlage, steht da quer über die erste Seite in ihrer schönen,
schwungvollen Handschrift in kyrillischer Schrift die Widmung:
А вы, мои друзья, Und ihr, meine Freunde
последнего призыва! des letzten Aufgebots!
Dir Christiane, für’s
tätige Begleiten.
März ’93
Wir, die Freundinnen des letzten Aufgebots, waren Mitte zwanzig,
und meine Freundin schrieb ihre Magisterarbeit über den letzten Gedichtzyklus
von Anna Achmatowa. Meine Freundin war jung, aber
sie schrieb über die letzten Gedichte einer alten Frau, einer Dichterin,
die dabei war zu verstummen, die ihre Zeit für abgelaufen hielt, seit
langem, die sich fühlte, als habe der Tod sie vergessen, als werde sie
für irgendetwas damit bestraft, weiter leben zu müssen, während alle
ihre Freundinnen, die Weggefährten und selbst das letzte Aufgebot
schon lange nicht mehr am Leben waren.
Ihr, meine Freunde des letzten Aufgebots!
Euch zu beweinen, blieb mir das Leben erhalten. …
Eure Namen in die ganze Welt zu rufen.
Ach, was heißt Namen!
Ganz gleich – Ihr seid mit uns!
Alle auf die Knie, alle!…
Und die Leningrader gehen wieder
durch den Rauch in Reihen –
die Lebenden mit den Toten:
für den Ruhm gibt es keine Toten.
Den Herbst des Jahres 1989 verbringe ich in Leningrad in einem Studentenwohnheim
an der Schiffbauerstraße, vierzehn Stockwerke
Platte. Aus unserem Zimmer im 10. Stock sieht man vorbei an weiteren
Plattenbauten das Meer. Ende August ist der Sommer am Finnischen
Meerbusen schon zu Ende, die Tage werden rasch kürzer.
Andernorts in Europa hat das Ende des Sozialismus begonnen.
In den Gärten der deutschen Botschaften in Prag und Budapest
kampieren DDR-Bürger, während ich in Leningrad jeden Morgen mit
dem überfüllten Trolleybus zur Universität auf die Wassiljewski Insel
fahre, eingezwängt zwischen Menschen, die das Überleben in überfüllten
Trolleybussen von Kindheit an geübt haben. Sie wissen, dass
man sich nicht klein, sondern breit machen muss und auf keinen Fall
die Luft anhalten darf. Ich dagegen versuche ohne Sinn, Rücksicht zu
nehmen, Berührung zu vermeiden, wo sie doch nicht zu vermeiden
ist. Die Leningrader drängeln nicht aggressiv, aber stoisch und ohne
Scham, eine Masse, die sich an jeder Haltestelle neu formiert.
Steigen Sie aus?, wenn die Babuschka vom hinteren Fenster zur
Tür durchkommen muss.
Steigen Sie aus?, und dann muss man Platz machen, obwohl dafür
gar kein Platz ist und jede Bewegung Luftnot bedeutet. Überall wogt
Fleisch, überall berührt es mich, bedrängt mich, breite Hintern und
weiche Busen, harte Rücken, knochige Hüften, Knie, Ellbogen, Bäuche,
Schwänze. Eine Leibesübung in Sozialismus.
Und so lerne ich, dass am besten überlebt, wer sich nicht wehrt,
sondern sich ganz und ohne Widerstand der Masse hingibt. Währenddessen
reift in Deutschland die Revolution, friedlich.
Die Universität am Ufer der Newa, hier haben sie alle studiert: Strawinskij
und Gogol, Lomonossow und Lenin und viel später ein gewisser
Wladimir Wladimirowitsch Putin. Dreistöckige Prachtbauten
aus dem frühen 18. Jahrhundert, aber im Hinterhof verrosten Lkws,
die Reifen platt, zwischen Gerümpel und Schrott. Drinnen knarzt das
Parkett, sind die steinernen Treppenstufen in der Mitte ausgetreten
von Studentenschuhen aus 250 Jahren.
Nach dem Unterricht sitze ich in der Bibliothek und übersetze
Achmatowa, während sich die Blicke von Marx, Engels und Lenin
von der Stirnwand des Lesesaals in meinen Rücken bohren.
Die Stadt wunderschön im Licht der tiefstehenden Sonne, aber unwirtlich
und kalt, die Zentralheizung noch nicht eingeschaltet, obwohl
es nachts schon friert. Ich bekomme eine Erkältung nach der
anderen, rauche schon am Morgen die erste Zigarette, so habe ich nie
zuvor und nie später geraucht, starke, grobe sowjetische Zigaretten,
Marke Kosmos, manchmal sogar Papirossy, Marke Belomorkanal,
angeblich die stärkste Zigarette der Welt, benannt nach dem Weißmeerkanal,
bei dessen Bau im Norden Russlands Abertausende von
Zwangsarbeitern zu Tode geschunden wurden.
Wunderschön, die Stadt, aber heruntergekommen, überall Mangel,
es fehlt an allem. Es sind die letzten Jahre der Sowjetunion, eines
scheiternden Systems, und nichts funktioniert. Das Wohnheim ist
neu, aber durch die schlecht abgedichteten Fenster pfeift vom Meer
der Wind. Von den zwei Liften hat einer nie funktioniert, weil sie den
Schacht schief gebaut haben. An dem anderen hängt meistens ein
Schild: remont, in Reparatur. Oft gehe ich bis in den 10. Stock zu Fuß.
Wir hausen zu fünft in zwei Zimmern, im Vorraum Kühlschrank
und Kochplatte. Wenn man das Licht anmacht, huschen Kakerlaken
groß wie Briketts in Ecken und Ritzen. In dem winzigen Bad ist die
Klospülung defekt. Um zu spülen, muss man mit dem Arm tief in
das Wasser des Spülkastens greifen und den glitschigen Gummipfropfen
per Hand anheben, damit es abfließen kann.
Wir sind drei Deutsche und zwei Sowjetbürgerinnen: Larissa, eine
blasse Blondine aus Nowgorod, und Olga, eine feurige Ukrainerin
aus Donezk. Sie studieren an der Historischen Fakultät, ihr Fach: Geschichte
der KPdSU. Sie gelten als ideologisch gefestigt, sodass man
sie dem Kontakt mit Weststudentinnen aussetzen kann.
Olga ist eine Sowjetbürgerin wie aus dem Bilderbuch, sie sieht aus
wie eine der Frauen auf den Propagandaplakaten des sozialistischen
Realismus: lange strohblonde Zöpfe, leuchtend blaue Augen, dazu
ist sie Proletarierkind, Tochter eines Steigers im Kohlerevier des Donbas.
Sie verbringt jeden Sommer als Pionierführerin auf der Krim,
im berühmtesten Pionierlager der Sowjetunion: Artek am Schwarzen
Meer. Sie schwärmt von der Arbeit mit den Kindern, von Sonne und
süßen Trauben, Ausflügen, Tanzwettbewerben, Solidarität. Den Rest
des Jahres ist sie Studentin in der schönsten Stadt der Welt. Eine Enthusiastin.
Wir freunden uns an. Olga spricht schnell und engagiert, mit starkem
ukrainischen Akzent, sie lacht viel, sie begeistert sich. Sie liebt
ihr Leben und ihr Land, die Sowjetunion, in der es Pionierlager an
der Schwarzmeerküste und Studienplätze in Leningrad gibt. Sie hat
im Grunde nichts gegen den kapitalistischen Westen, sie kann sich
einfach nicht vorstellen, dass es dort schöner sein sollte. Ihr Freund
Wolodja, einer ihrer Dozenten, ein feiner Leningrader Intellektueller,
ist ihrem Temperament in keiner Weise gewachsen. Später, viel später,
wird sie einen Spanier lieben und ihm nach Madrid folgen, aber
da gibt es die Sowjetunion schon lange nicht mehr, der Sozialismus
ist gescheitert, wir haben den Kontakt verloren, und in Donezk tobt
der Krieg.
Olga liebt Donezk, ihre Heimat, manchmal kommen Freunde von
dort zu Besuch ins Wohnheim nach Leningrad. Dann spielt irgendjemand
Gitarre, und wir singen bis tief in die Nacht Bergarbeiterlieder.
Olga liebt Ballett, wir gehen abends zusammen ins Kirow-Theater,
«Dornröschen» oder «Schwanensee» oder «La Sylphide». Alles klassisch,
alles schön, alles perfekt. Nicht von dieser Welt.
Einmal kommt eine Truppe aus den Niederlanden zu Gast, na
gastroly, eine zeitgenössische Inszenierung, modernes Ballett. Ich
nehme Olga mit in die Vorstellung. Sie ist entsetzt: Was soll das?
Diese Verrenkungen, wie sie es nennt. Sie ist aufrichtig ratlos: Findest
Du das schön? Sag ehrlich, findest Du «Schwanensee» nicht auch viel
schöner? Warum soll ich mir das ansehen, wenn es nicht schön ist?
Schönheit ist wichtig, weil der Alltag so hässlich ist. Aber Kultur ist
in dieser Zeit politisch, mit der Kultur beginnt der Wandel. Sie erobert
die Freiräume, im Theater, Kino, bei den Buchverlagen. Mit der
Kunst, der Literatur, der Musik beginnt die Veränderung. Alles ist
neu und aufregend, alles macht Hoffnung.
Diese vier Monate sind ein großes Eintauchen in die russische Kultur,
immer wieder in die Eremitage, die Museen, Ausflüge zu den Zarenschlössern
der Umgebung und abends ins Theater, ins Kino, das
neue sowjetische Kino mit Filmen wie «Reue» von Tengis Abuladse,
der in allegorischer Form mit dem Stalinismus abrechnet, Rockkonzerte,
Lesungen, Oper oder Hinterhofbühne. Ein Kellertheater inszeniert
ein Stück nach der absurden Prosa von Daniil Charms, auf
einer anderen Bühne wird eine Fassung von Dostojewskijs «Verbrechen
und Strafe» gegeben.
In der Kapelle am Schlossplatz, wo einst der Hofchor des Zaren
sang, gibt es das erste geistliche Chorkonzert seit der Revolution von
1917: Rachmaninow «Allnächtliches Wachen». Den Menschen im Publikum
stehen Tränen in den Augen.
Der Wandel geschieht schnell, jeden Tag gibt es etwas Neues, Aufregendes,
werden die Grenzen des Erlaubten noch ein wenig weiter
verschoben. In einem Seminar an der Philosophischen Fakultät meiner
Universität geht es um Berdjajew und Heidegger. Heidegger in
der Sowjetunion.
Im Frühsommer 1989 hat zum 100. Geburtstag von Anna Achmatowa
ein Museum eröffnet: in der Wohnung im Haus an der Fontanka,
wo sie mehr als dreißig Jahre lang gelebt hat. Möbel, Teppiche,
Handschriften, Erstausgaben, Fotos und Zeichnungen. Der Sessel, in
dem die Dichterin saß, wenn sie ihre Verse vor Freunden rezitierte,
damit die sie sofort memorierten und im Gedächtnis bewahrten. Der
Ofen, in dem sie die Zettel mit ihren Gedichten verbrannte, damit die
Geheimpolizei sie nicht fand.
Aus dem Lautsprecher tönt die tiefe, kräftige Stimme der Achmatowa.
Sie liest ihre Verse und schildert jene berühmte Szene, als sie in
den Jahren des stalinistischen Terrors in der Schlange vor einem Leningrader
Gefängnis anstand, in der Hoffnung, Auskunft über ihren
verhafteten Sohn zu erhalten. Siebzehn Monate habe sie damals in
Schlangen vor Gefängnissen verbracht, unter Frauen, denn es waren
vor allem Frauen, die dort warteten, um Bittgesuche einzureichen,
Pakete abzugeben, um irgendetwas über das Schicksal ihrer verschwundenen
Ehemänner, Söhne oder Brüder zu erfahren.
Achmatowa erzählt, wie eine der Frauen die Dichterin erkannte,
sie ansprach und fragte:
Und Sie können das beschreiben?
Und wie Achmatowa ihr antwortete: Das kann ich.
So entstand der Zyklus «Requiem».
Der Mann im Grab, der Sohn im Knast. Betet für mich!