Leseprobe : Rote Tulpen

Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine. Wie in jedem Krieg überschneiden sich politische und persönliche Schicksale, in diesem Buch aber ganz besonders. Lesen Sie hier das erste Kapitel, das von der Trauer um eine enge Freundin erzählt

Foto: pidjoe/Getty Images
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Die Träume, die wir hatten

Die Träume, die wir hatten

Christiane Hoffmann

Hardcover

300 Seiten

26 €

In Kooperation mit C.H.Beck

Die Träume, die wir hatten

Dies ist ein Buch der Trauer über das, was nicht möglich war. Der

Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns

alle. Über das, was wir versäumten, was wir nicht vermochten, wofür

die Kraft nicht reichte, wofür der Mut fehlte.

Dies ist ein Buch über unseren Größenwahn und unsere Hilflosigkeit.

Über das Unheil, das wir kommen sahen und doch nicht verhindern

konnten. Über das Unheil, das wir nicht kommen sahen, weil

wir es nicht sehen wollten, im Osten nicht und nicht im Westen. Über

die Gefahr, die wir leugneten, die Sicherheit, die wir uns vorgaukelten,

die Veränderungen, die wir nicht wahrhaben wollten.

Dies ist ein Buch über meine Freundin, der nicht zu helfen war.

Das jedenfalls sagen die Expertinnen.

Dies ist ein Buch über die Selbstbehauptung der Ukraine und die

Selbstzerstörung Russlands.

Dies ist ein Buch über das, was wir nicht ändern können, und das,

was wir anders hätten machen müssen. Über das, womit wir uns abfinden

müssen, und das, womit wir uns nicht abfinden können.

Dies ist ein Buch der Reue über das, was wir unversucht ließen.

Dies ist ein Buch über unsere Träume und über die Wirklichkeit.

Über unsere Träume, die nicht wahr wurden und vielleicht nicht

wahr werden konnten.

Am 5. März 2022 nehmen wir in Leipzig Abschied von Dir, im engsten

Kreis, wie es heißt. Deine Schwester hat Uhrzeit und Adresse per

WhatsApp geschickt. Alle stehen unter Schock: unter dem Schock

Deines Todes und dem Schock des Krieges, der zur selben Zeit begonnen

hat. Unter dem Schock der neuen Wirklichkeit in unser aller

Leben, des Endes aller Hoffnungen. Es wird lange dauern, bis ich

über diesen Abschied schreiben kann.

Du hast entschieden.

Ich bin mit einem überfüllten Zug von Berlin nach Leipzig gekommen,

aber dieses Mal hast Du nicht am Anfang des Bahnsteigs

gestanden. Ich wollte im Blumenladen noch einen Strauß Tulpen für

Dich kaufen. Im Leipziger Hauptbahnhof gibt es einen sehr schönen

Blumenladen. Ich habe dort oft Blumen gekauft, wenn ich Dich besuchen

kam, im Krankenhaus oder in Deiner Wohnung. Aber heute

gibt es dort keine roten Tulpen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass

es rote Tulpen sein müssen wie vor ein paar Tagen, als wir die kleine

Zeremonie für Dich in Berlin abhielten im Skulpturenpark am Haus

der Kulturen der Welt, am HKW, wie Deine Berliner Kollegin in der

Mail geschrieben hatte. Sie hatte diesen Ort gewählt, weil sie sich

daran erinnerte, Dich hier irgendwann noch einmal froh erlebt zu haben.

Wir standen in der Dämmerung auf der Wiese unweit des Kanzleramts

zwischen Bäumen, eine Handvoll Frauen und mein Mann,

standen bei einer Skulptur und stellten Kerzen auf ihre rundlichen

Formen. Ich legte meine roten Tulpen dazu. Manche sagten etwas.

Ich kannte keine von ihnen. Ich war die Einzige, die nicht nur traurig

war, sondern auch zornig.

Jetzt im Leipziger Hauptbahnhof gibt es keine roten Tulpen, und

die Blumenverkäuferin ist unfreundlich, einfach so, normal unfreundlich.

Und ich bin dünnhäutig, ich ertrage das nicht. Warum

sind Sie so unfreundlich? Frage ich die Verkäuferin unter Tränen. Ich

laufe hinaus aus dem Laden, ohne Blumen, und nehme auf dem Vorplatz

ein Taxi. Ich weiß nicht, in welcher Richtung die Villa Apfelbaum

liegt, wo der Abschied stattfinden soll. Der Taxifahrer hält vor

Blumenläden, aber nirgendwo gibt es rote Tulpen. Es gibt gelbe,

weiße, rosafarbene und sogar violette, nur rote gibt es nicht. Erst irgendwann

im dritten oder sechsten Blumenladen. Es ist ein Vietnamese,

und die roten Tulpen sind extra langstielig, XXL, rote Riesentulpen.

Das erscheint mir passend.

Die Villa Apfelbaum ist ein zweistöckiger klassizistischer Bau, der

eine Art Herrenhaus gewesen sein könnte. Er liegt im Süden von

Leipzig jenseits der Bahnstrecke, wo die Stadt schon ausfranst. Daneben

ein flacher Neubau aus Holz mit großen Glasfronten, die den

Blick in den gepflegten Garten freigeben. Dort jätet jemand tief gebeugt

zwischen Torfmulch und ersten Blümchen, die ein eingestecktes

Schild für kaukasische Veilchen erklärt. Jenseits eines Zauns beginnt

Gehölz.

Im Vorraum stehen eine Handvoll Menschen, Deine Mutter, Deine

Schwester, engste Freunde. Es ist kühl. Es wird leise gesprochen:

über Dich, über Deinen Tod und über den Krieg, der alles zunichtemacht,

über das Grauen, das Russland verbreitet. Jemand sagt, dass

Du jetzt in der Welt der Geister bist, um dort dafür zu sorgen, dass

der Krieg beendet wird. Weil es hier nicht mehr möglich war.

Ich denke, dass Du, wenn Du bis zum Beginn des Krieges gelebt

hättest, vielleicht etwas hättest tun können mit Deinen Russischkenntnissen.

Du hättest eine Aufgabe finden können und dann zurück

ins Leben. Ich stelle mir vor, dass der Krieg Dich gerettet hätte.

Aber das ist Unsinn. Der Krieg hätte Dich nur noch mehr niedergedrückt.

Du hattest Dich mit Russland verbunden, seit mehr als dreißig

Jahren, auch wenn Du in den letzten Jahren zunehmend ernüchtert

warst, Dir keine Illusionen machtest, wie wir alle, die wir

Russland kannten und doch bis zuletzt hofften.

Zehn Tage sind seit dem 24. Februar vergangen. Jeden Morgen wache

ich mit dem doppelten Schmerz auf, Dein Tod ist darin nicht von

Russlands Krieg zu trennen. Nur langsam sinkt die neue Wirklichkeit

ein. Die Nachrichten beginnen jetzt immer mit dem Frontbericht:

Vor drei Tagen hat die russische Armee Cherson eingenommen,

schwere Kämpfe toben bei Charkiw, Mariupol ist nahezu vollständig

eingeschlossen. Aber die Ukraine leistet Widerstand. Ich verstehe,

dass das eine gute Nachricht ist. Die Prognosen für einen raschen

russischen Sieg bewahrheiten sich nicht. Aber ich kann die gute

Nachricht nicht fühlen.

Im Vorraum sind Stehtische aufgebaut, mit Tee und Süßigkeiten.

Mir kommt Iran in den Sinn, wo bei Beerdigungen Kuchen und Gebäck

gereicht werden, um die Trauer zu versüßen. Man trauert dort

ganz anders, laut und wild, heulend und wehklagend, mit Körper

und Seele. Für so eine leise, stille, innerliche Trauer wie hier würde

man sich dort schämen. Hat man die Tote etwa nicht geliebt?

Vom Andachtsraum geht ein großes kreisrundes Fenster nach hinten

hinaus ins Grün. Darin hängt ein kleines Kreuz, im Kreuzpunkt

ein Auge aus türkisfarbenem Glas, gegen den bösen Blick. Ich setze

mich in eine der Stuhlreihen und halte den Band mit Anna Achmatowas

Gedichten im Schoß wie das Kirchengesangbuch.

In den Wochen seit Deinem Tod habe ich von ihren Versen gelebt.

Unablässig sage ich sie mir auf, abends beim Einschlafen, morgens

beim Aufwachen und nachts, wenn ich wachliege. Sie begleiten mich

tagaus und tagein.

Die «Mitternächtlichen Verse» der russischen Dichterin kenne ich,

seit Du sie in Deiner Magisterarbeit so hellsichtig gedeutet hast. Achmatowa

erlebte alle Schrecken des 20. Jahrhunderts in Russland:

Revolution und Bürgerkrieg, beide Weltkriege, die Blockade von Leningrad.

Sie verlor ihren Mann an die Bolschewiken, die Freundinnen

und Freunde an Stalins Terror, ihr Sohn verschwand im Gulag.

Achmatowa besang das Grauen in verbotenen Versen. Sie verlieh, so

verstand sie es, ihrem Volk eine Stimme. Eigentlich war die Grande

Dame der russischen Poesie Halbukrainerin, ihr Vater stammte aus

der Ukraine.

Nach Deinem Tod nehme ich die zweibändige Werkausgabe aus

dem Regal mit der russischen Literatur.

Анна Ахматова

Сочинения

Anna Achmatowa, Werke, erschienen 1986, gebunden, der Einband

weiß meliert. In Band 1 habe ich auf den Seiten 230 – 234 mit Bleistift

Notizen an den Rand geschrieben: Hinweise, Stichworte, Gedanken

aus jener Zeit, als wir gemeinsam diese Gedichte lasen.

Seit Deinem Tod trage ich Band 1 mit mir herum, seit Wochen.

Abends lege ich ihn auf meinen Nachttisch, morgens nehme ich ihn

mit ins Bad und in die Küche. Wenn ich die Wohnung verlasse, stecke

ich ihn in meine Handtasche, obwohl er zu groß ist und sich die Tasche

nicht mehr schließen lässt. Er begleitet mich, wohin ich gehe. Er

ist mein Fetisch.

Eigentlich brauche ich das Buch nicht, ich kenne die «Mitternächtlichen

Verse» seit langem auswendig, die sieben Gedichte, davor der

Vierzeiler «Anstelle eines Vorworts».

Die Trennung ertrage ich wohl nicht schlecht, aber ein Treffen mit Dir

kaum.

Und am Ende die Zeilen über den gemeinsamen Traum.

Ich sage mir die Gedichte herauf und herunter, ich flüstere sie mir

vor.

Auf dem Novemberasphalt wirst Du nicht lange warten, im Adagio Vivaldis

treffen wir uns wieder.

Ich murmele sie vor mich hin, sie sind meine Gebete, meine Litanei.

Zu zweit können wir nicht sein, jene Dritte lässt uns nie allein.

Ich spreche sie unter der Dusche. Auf dem Fahrrad schreie ich sie

gegen den Wind. Ich rezitiere sie den Sternen. Sie sind mein Schmerz

und mein Trost.

Was geht es uns eigentlich an, dass sich alles zu Asche wandelt.

Ich sage sie Dir auf, damit Du Dich erinnerst, wer wir waren und was

wir geteilt haben. Im Buch steckt das alte Foto von uns beiden auf

einer Party, tanzend, mit geschlossenen Augen. Eine Studentenbude,

Bierflaschen im Bücherregal, Kiefernholz, Ikea, meine schwarze Le-
derjacke, Du im hellen Mantel. Wir haben beide die Augen geschlossen.

Wir sind jung und schön.

Die Schönheit ist sehr jung, doch nicht aus unserem Jahrhundert …

Wärme, Glück, wie gerne ich damals mit Dir auf Partys gegangen

bin, meine große, schöne, besondere Freundin.

Aber dann führt Dich Deine Unruhe, zum Schicksal geworden, fort von

meiner Schwelle zu den eisigen Gestaden.

Meine Vertraute, mein Rätsel. Habe ich damals so über Dich gedacht?

Nein, rätselhaft erscheinst Du mir erst jetzt, im Nachhinein. Damals

warst Du einfach, wie Du warst, und dass es Räume gab, zu denen

ich keinen Zutritt bekam, erschien mir selbstverständlich. Ich akzeptierte

es, fraglos, ohne Schmerz. Es machte Dich nur noch ein wenig

reizvoller, Deine Selbständigkeit, Deine Größe, das Gefühl, dass Du

nie bedürftig warst. Ich wurde als Freundin nicht gebraucht, aber

dann irgendwie doch, und das reichte mir.

Wie Entlassene aus dem Gefängnis wissen wir etwas Schreckliches voneinander,

wir sind im Höllenkreis, aber vielleicht sind das auch nicht

wir.

Irgendwann setzt sich Deine Schwester zu mir. Ich könne jetzt zu Dir

hineingehen, sagt sie.

Der Sarg steht in einem kleinen Nebenraum. Er ist aus hellem, rötlichen

Holz, Kirsche vielleicht, und steht zum Kopfende leicht aufwärts.

Er ist sehr groß, ein Sarg XXL. Auch hier geht der Blick durch

ein bodentiefes Fenster in den Garten, aber Du hast den Kopf zur anderen

Seite geneigt, Dein Gesicht nach links. Es ist nicht Deines.

Deine Schwester hatte mich vorbereitet. Nach zehn Tagen, hatte der

Bestattungsunternehmer ihr gesagt, hätten da schon Prozesse eingesetzt.

Sie sagte Prozesse. Man solle sich dafür wappnen.

Du trägst eine graue Strickjacke und bist bis zur Brust zugedeckt.

In den Händen hältst Du einen Stoffhund. Mich befremdet das. Für

mich bist Du nicht eine Frau mit Plüschtier. Aber das stimmt nicht.

Ich weiß, dass dieser Stoffhund Dir wichtig war. Ich glaube, Andrej

hatte ihn Dir geschenkt.

Ich setze mich auf einen der Stühle neben dem Sarg. Du bist da,

und Du bist nicht da. Ich weiß nicht, ob Du da bist. Es ist schwer, mit

Dir in Verbindung zu kommen. Ich bin allein mit Dir. Ich habe nicht

das Gefühl, mit Dir allein zu sein. Andere sind da. Ich sehe sie auf

den leeren Stühlen sitzen. Andrej, Deinen russischen Mann, den

lustigen Andrej mit seinen lieben, immer lachenden Augen, seiner

Art zu sprechen, als habe er eine heiße Kartoffel im Mund, seiner Art,

Dich zu lieben, wie man Dich wohl lieben musste, als die Heilige, die

Du für ihn warst. Uneingeschränkte Verehrung. Andere sitzen da, ich

weiß nicht, wer, ich erkenne sie nicht, versuche es gar nicht.

Ich stehe auf und gehe um Dich herum, um den Sarg. Nun sehe

ich, dass Deine rechte Gesichtshälfte gerötet ist wie nach einer Verbrennung.

Ich streiche Dir über das Haar. Es fühlt sich an wie immer.

Ich meine, ich erinnere mich nicht, Dir jemals über das Haar gestrichen

zu haben außer vielleicht in Gedanken, aber Deine Haare fühlen

sich auch jetzt noch lebendig an. Es gibt keinen Unterschied zwischen

den Haaren einer Lebenden und den Haaren einer Toten,

denke ich.

Deine schönen dunklen Locken hatten sich in den letzten Jahren

verändert, und manchmal, wenn wir uns sahen, erschrak ich darüber.

Sie wurden mit jedem Wiedersehen grauer, aber das war es nicht.

Alle meine Freundinnen wurden grau, auch ich, schon lange, wir

alle. Aber bei anderen hatte dieses Grau eine Frische, gerade bei den

Dunkelhaarigen. Diese plötzliche Helligkeit konnte etwas Entschiedenes

haben. Aber Deine Haare waren seltsam schwach geworden,

es fehlte die Spannkraft. Matt und kraftlos hingen sie um Deinen

Kopf, die vormals wilden Locken.

Ich berühre Deine Hände. Sie sind kalt und rot wie von einem Ausschlag,

die schönen langen Finger zusammengekrümmt, noch schmaler

als im Leben. Sie halten den Stoffhund. Einmal in diesem letzten

Jahr hast Du mir erzählt, wie Deine Mutter Dir die Hände massierte,

die schmerzenden, kribbelnden, tauben Hände, die Du, wie Du sagtest,

kaputt gemacht hattest.

Ich habe die roten Tulpen auf die Decke gelegt zu den Blumen, die

andere Dir mitgebracht haben: kleine gebastelte Gebinde von zwei,

drei Blümchen in blassen Farben, zart und persönlich. Es sind vorsichtige,

liebevolle, traurige Gesten. Daneben brüllen meine zwanzig

extra langstieligen XXL-Tulpen, rot, grob und grell wie der Zorn, der

sich in meine Trauer mischt. Ich möchte laut trauern, laut und hadernd

voller Groll und Protest.

Ich setze mich wieder auf den Stuhl. Du verfolgst mich, aber ich

kann mich Dir nicht nähern. Ich weiß nicht, wer Du bist. Bist Du

wirklich die hier im Sarg mit dem Gesicht aus Leiden und Tod? Zu

der anderen habe ich den Kontakt verloren, zu der, die Du warst, vorher,

zu der, zu der ich immer in Verbindung stand, egal wie weit wir

voneinander entfernt waren. Damals, vor einem Jahr, als Du im

Koma auf der Intensivstation lagst, schrieb ich Dir jeden Tag eine

Nachricht, um Dich zu halten. Aber jetzt gibt es keine Verbindung

mehr. Manchmal schaue ich mir im Internet ein Foto von Dir an. Dort

erkenne ich Dich.

Ich kann mich Dir nicht nähern, weil ich um Verzeihung bitten

müsste. Ich bin mit mir nicht im Reinen und nicht mit Dir. Ich denke,

dass Du mir Vorwürfe machen müsstest, so wie ich mir Vorwürfe

mache, die lange Liste der Versäumnisse, wannwowie ich anderes,

mehr hätte tun sollen, das Unterlassungssündenregister:

zu wenig Besuche,

zu wenig gekümmert, zu Dir gefahren, Dich gebeten zu bleiben,

nicht geholfen, ein anderes Leben zu organisieren,

zu selten Geld angeboten,

nicht zur Buchvorstellung eingeladen,

gemeinsame Reisen angekündigt und dann doch nicht gemacht,

immer geglaubt, dass noch Zeit bleibt.

Totenklage

Ich hatte eine Freundin.

Sie war groß und stark und schön.

Ich hatte eine Freundin fürs Leben.

Ich bewunderte sie,

sie sprach so gut Russisch,

sie hatte dunkle Locken,

und es ging immer um alles.

Sie hatte die schönsten Hände,

schlanke lange Finger, mit denen

sie die Dinge hielt,

zart und zupackend und geschickt,

wenn sie Dinge berührte,

wenn sie mit meinen Kindern spielte, bastelte,

die Fingerfarben auf dem Papier verteilte

mit ihren langen, schönen Fingern.

Sie hatte eine Aura,

ihre Augen leuchteten,

und wenn sie lachte, klang es,

als sei sie selbst von ihrem Lachen überrascht.

Ich hatte eine gute Freundin,

wenn ich sie anrief, sagte sie: Ich habe heute Nacht von dir geträumt.

Ich hatte eine Freundin fürs Leben,

sie liebte Literatur und Kunst und Menschen.

Sie war leidenschaftlich und großzügig,

sie begeisterte sich für die Ideen und Pläne der anderen,

sie hatte Kraft ohne Ende,

wie aus einer geheimen Quelle,

und alles, was sie berührte, mit ihren Händen, mit ihren Gedanken,

wurde schön.

Ich hatte eine Freundin,

die wurde geliebt,

von Männern und von Frauen,

vergöttert von ihrem Mann und umschwärmt von einer Schar von

Jüngerinnen,

geliebt von Frauen und von Männern, auch wenn

sie das oft nicht zu bemerken schien.

Ich hatte eine Freundin,

die verzieh, die verstand,

eine Freundin fürs Leben, wir tranken und tanzten

und lachten und quatschten die ganze Nacht,

und die Zeit reichte nie.

Ich hatte eine Freundin seit dreißig Jahren und mehr,

wir waren erst ganz am Anfang,

sie organisierte meine Hochzeit, wurde Patin meiner Tochter, und

wir wollten zusammen alt werden.

Ich hatte eine Freundin fürs Leben.

Wann fing das alles an?

Irgendwann

vor sehr langer Zeit.

Irgendwann

zu Beginn jener

glücklichen neunziger Jahre.

Und vielleicht

noch viel früher.

Ich hatte meine Freundin im dritten Studienjahr bei einem Theaterfestival

in Hamburg kennengelernt: Theater der Welt. Im Juni 1989

war das, kurz bevor die Welt eine andere wurde. Theatergruppen aus

aller Welt kamen nach Deutschland, auch aus der Sowjetunion.

Die Russen waren die Sensation des Festivals, ihre Stücke schmerzhaft

eindringlich und waghalsig wahrhaftig. Alles war politisch und

auf eine Weise existentiell, von der das westdeutsche Theater nur

träumen konnte. Der schwere rote Vorhang des Hamburger Thalia

Theaters öffnete sich und gab den Blick frei auf das Weltgeschehen,

die Vorabendveranstaltung einer neuen Epoche, auf der Bühne der

letzte Akt des Kalten Krieges.

Wir ahnten es. Wir spürten es. Da kam etwas Großes in Bewegung,

wie Landmassen, die sich zu verschieben begannen, mit tektonischer

Wucht, wir sahen die ersten Risse. Alle fühlten die Macht dieses Aufbruchs,

des nahen Berstens, die Kraft einer Gesellschaft, die erstarrt

gewesen war, so lange wir denken konnten. Die Sowjetunion erschien

uns wie ein gefesselter Riese, wie Gulliver im Zwergenland, der gerade

merkte, wie lächerlich dünn seine Fesseln waren.

Aus Leningrad kam der Regisseur Lew Dodin mit dem Maly Teatr

und dem Stück:

«Brüder und Schwestern».

Es dauerte mehr als acht Stunden, und jede war unerträglich dicht.

Eine Kolchose im Norden Russlands, die Kriegs- und Nachkriegsjahre.

Brüder und Schwestern.

Mit diesen Worten hatte Josef Stalin am 3. Juli 1941 zu seinem Land

gesprochen, zwölf Tage nach dem deutschen Überfall, zwölf Tage

nachdem deutsche Panzer über die Grenze gerollt waren, das Morden

begonnen hatte, zwölf Tage, in denen Stalin geschwiegen hatte,

irgendwo auf seiner Datsche, vermutlich betrunken, die Deutschen

verfluchend, Hitler und vielleicht seine eigene Gutgläubigkeit.

Brüder und Schwestern.

Nun sprach Stalin zu den Völkern der Sowjetunion, in der es seit der

Revolution nur Genossinnen und Genossen gegeben hatte.

Genossen! Bürger! Brüder und Schwestern!

Die Aufführung ging über zwei Abende, die Bühne voller Menschen.

Männer, Frauen, Alte, Kinder. In einer Szene kehrt ein Mann aus dem

Krieg zurück in seine Kolchose. Er setzt sich auf eine Bank, um sich

herum seine Frau, Kinder, Brüder und Schwestern.

Aus einem Stoffbündel nimmt er ein Geschenk, eingeschlagen in

ein Tuch. Langsam wickelt er es aus. Alle blicken auf seine Hände,

auf das Tuch, auf das, was es freigibt:

ein Laib Brot.

Die Gespräche verstummen.

Alle starren auf das Brot.

Und dann, in die Stille hinein,

fragt das kleinste Kind:

Und was ist das?

Ein Kind, vier oder fünf Jahre alt, das in seinem Leben noch nie ein

Brot gesehen hat.

Jahre des Hungers, Jahre der Grütze, Kascha.

Nach dem Krieg werde man sich satt essen, hatten sich die Frauen

während des Krieges gesagt. Doch nach dem Krieg wurde der Hunger

schlimmer. Man nahm den Bauern von ihren mageren Ernten.

Missstände, Korruption, Parteiterror. Und das alles auf offener Bühne

im kapitalistischen Westen.

Etwas brach auf, und wir sahen die Kraft und die Schönheit dieses

Aufbruchs, sahen, was für eine besondere Theatertruppe das war,

eine Gemeinschaft, zusammengewachsen in einem schöpferischen

Prozess.

Meine Freundin und ich waren die Assistentinnen, die Künstlerbetreuerinnen,

bald oben hinter den Kulissen, bald unten im Saal. Wir

übersetzten für die Schauspieler, Bühnenarbeiter, Beleuchter, organisierten

Essen, Maske, Auftritte, Fernsehtermine, Stadtrundfahrt.

Alle liebten die Russen, alle liebten es, die Russen zu lieben, die

Feinde von gestern, die Fremden. Wir flirteten mit den Schauspielern,

wir tanzten auf der Premierenfeier. Sie waren ein paar Jahre älter

als wir und alle schon verheiratet, Kinder zu Hause in Leningrad.

Wir waren Mädchen für alles, zeigten ihnen nachts unsere Stadt, die

Reeperbahn, die Clubs, in die wir tanzen gingen. Sie waren die Stars,

und wir lebten in einem freien Land.

Meine Freundin hatte mich damals angesprochen: Mach doch mit.

Ich konnte kaum ein paar Worte Russisch, eine Hochstaplerin, die

sich als Dolmetscherin ausgab. Sie dagegen hatte schon ein halbes

Jahr in Moskau studiert und redete frei drauflos. Sie übernahm Verantwortung,

wie selbstverständlich, eine Anführerin. Ich bewunderte

sie. Ich wollte ihre Freundin sein, nie zuvor hatte ich eine Freundschaft

so sehr gewollt.

Sie hatte eine Aura. Jeder konnte das sehen, dachte ich. Aber sie

fand sich zu groß und glaubte, die Männer interessierten sich mehr

für mich. Wir sprachen selten darüber, auch später. Fast nie.

Nach dem Festival in Hamburg reiste das Malyi Teatr weiter zu

einem Gastspiel nach München, und meine Freundin fuhr der Truppe

einfach hinterher. Sie hatte vorher in München gelebt und dort noch

eine WG, in der sie pennen konnte, aber dazu kam es gar nicht, weil

sie zwei Nächte mit den Schauspielern durchmachte.

Ich fuhr wie verabredet zu meinem Freund und kam mir langwei-

lig vor. Ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt gefragt hatte, ob ich

mitkommen wolle, oder ob sie einfach aus einer Laune heraus losgefahren

war. So war es in unserer Freundschaft: Sie machte die coolen

Aktionen, sie kannte die spannenden Leute, die Künstler, und ich

kam mir immer ein bisschen spießig vor.

Damals interessierten sich plötzlich viele für Russland. Mitte der

achtziger Jahre hatte Gorbatschow Glasnost und Perestrojka ausgerufen.

Fast kam es in Mode, Russisch zu lernen.

Aber meine Freundin und ich studierten nicht deshalb russische

Literatur. Nicht wegen Gorbatschow und Glasnost, eher im Gegenteil.

Wir studierten, was wenig Sinn machte und keine Karriere versprach,

nicht Jura oder BWL oder Medizin. Wir suchten das andere,

das Verborgene und Verbotene, das Abseitige und Gebrochene, wir

suchten den Rand Europas, nah und fremd zugleich.

Wir waren damals zu viert, Anfang der neunziger Jahre, vier junge

Frauen, Anja, Vika, meine Freundin und ich. Wir hatten zusammen

studiert und gingen nun auf das Examen zu. Slawistik, Germanistik,

der Poststrukturalismus war in Mode. Wir trafen uns in einer Küche

oder einem WG-Zimmer, saßen am Tisch oder auf dem Boden, der

mit Büchern und Papieren übersät war. Wir redeten und tranken:

Tee, Wein, Bier und Wodka. Wir lebten in einer Welt, bevölkert von den

Helden der Romane Dostojewskijs, der Erzählungen Tschechows, geplagt

von verqueren Theorien, die uns sehr umständlich lehrten, dass

alles unsagbar und immer auch irgendwie das Gegenteil richtig ist.

Wir redeten in einer Geheimsprache. Wir lasen gemeinsam die Texte,

die wir allein nicht verstanden, und diskutierten, was wir geschrieben

hatten, teilten Gedanken, begeisterten uns, verwarfen Ideen.

Ich buk häufig Pflaumenkuchen, vermutlich, um irgendwie mit

der Wirklichkeit in Verbindung zu bleiben. Meine Freundin schien

das nicht nötig zu haben.

Bevor ich zu schreiben beginne, gehe ich hinunter in den Keller,

um die Magisterarbeit meiner Freundin zu suchen. Ich finde sie in

einer Kiste weit hinten im Keller, darin meine Abizeitung, mein Surfschein

und ihre Arbeit: ein schweres Werk, im Copyshop gebunden,

dunkelgrauer Einband, DIN A4, 129 Seiten, einseitig bedruckt. Als

ich es aufschlage, steht da quer über die erste Seite in ihrer schönen,

schwungvollen Handschrift in kyrillischer Schrift die Widmung:

А вы, мои друзья, Und ihr, meine Freunde

последнего призыва! des letzten Aufgebots!

Dir Christiane, für’s

tätige Begleiten.

März ’93

Wir, die Freundinnen des letzten Aufgebots, waren Mitte zwanzig,

und meine Freundin schrieb ihre Magisterarbeit über den letzten Gedichtzyklus

von Anna Achmatowa. Meine Freundin war jung, aber

sie schrieb über die letzten Gedichte einer alten Frau, einer Dichterin,

die dabei war zu verstummen, die ihre Zeit für abgelaufen hielt, seit

langem, die sich fühlte, als habe der Tod sie vergessen, als werde sie

für irgendetwas damit bestraft, weiter leben zu müssen, während alle

ihre Freundinnen, die Weggefährten und selbst das letzte Aufgebot

schon lange nicht mehr am Leben waren.

Ihr, meine Freunde des letzten Aufgebots!

Euch zu beweinen, blieb mir das Leben erhalten. …

Eure Namen in die ganze Welt zu rufen.

Ach, was heißt Namen!

Ganz gleich – Ihr seid mit uns!

Alle auf die Knie, alle!…

Und die Leningrader gehen wieder

durch den Rauch in Reihen –

die Lebenden mit den Toten:

für den Ruhm gibt es keine Toten.

Den Herbst des Jahres 1989 verbringe ich in Leningrad in einem Studentenwohnheim

an der Schiffbauerstraße, vierzehn Stockwerke

Platte. Aus unserem Zimmer im 10. Stock sieht man vorbei an weiteren

Plattenbauten das Meer. Ende August ist der Sommer am Finnischen

Meerbusen schon zu Ende, die Tage werden rasch kürzer.

Andernorts in Europa hat das Ende des Sozialismus begonnen.

In den Gärten der deutschen Botschaften in Prag und Budapest

kampieren DDR-Bürger, während ich in Leningrad jeden Morgen mit

dem überfüllten Trolleybus zur Universität auf die Wassiljewski Insel

fahre, eingezwängt zwischen Menschen, die das Überleben in überfüllten

Trolleybussen von Kindheit an geübt haben. Sie wissen, dass

man sich nicht klein, sondern breit machen muss und auf keinen Fall

die Luft anhalten darf. Ich dagegen versuche ohne Sinn, Rücksicht zu

nehmen, Berührung zu vermeiden, wo sie doch nicht zu vermeiden

ist. Die Leningrader drängeln nicht aggressiv, aber stoisch und ohne

Scham, eine Masse, die sich an jeder Haltestelle neu formiert.

Steigen Sie aus?, wenn die Babuschka vom hinteren Fenster zur

Tür durchkommen muss.

Steigen Sie aus?, und dann muss man Platz machen, obwohl dafür

gar kein Platz ist und jede Bewegung Luftnot bedeutet. Überall wogt

Fleisch, überall berührt es mich, bedrängt mich, breite Hintern und

weiche Busen, harte Rücken, knochige Hüften, Knie, Ellbogen, Bäuche,

Schwänze. Eine Leibesübung in Sozialismus.

Und so lerne ich, dass am besten überlebt, wer sich nicht wehrt,

sondern sich ganz und ohne Widerstand der Masse hingibt. Währenddessen

reift in Deutschland die Revolution, friedlich.

Die Universität am Ufer der Newa, hier haben sie alle studiert: Strawinskij

und Gogol, Lomonossow und Lenin und viel später ein gewisser

Wladimir Wladimirowitsch Putin. Dreistöckige Prachtbauten

aus dem frühen 18. Jahrhundert, aber im Hinterhof verrosten Lkws,

die Reifen platt, zwischen Gerümpel und Schrott. Drinnen knarzt das

Parkett, sind die steinernen Treppenstufen in der Mitte ausgetreten

von Studentenschuhen aus 250 Jahren.

Nach dem Unterricht sitze ich in der Bibliothek und übersetze

Achmatowa, während sich die Blicke von Marx, Engels und Lenin

von der Stirnwand des Lesesaals in meinen Rücken bohren.

Die Stadt wunderschön im Licht der tiefstehenden Sonne, aber unwirtlich

und kalt, die Zentralheizung noch nicht eingeschaltet, obwohl

es nachts schon friert. Ich bekomme eine Erkältung nach der

anderen, rauche schon am Morgen die erste Zigarette, so habe ich nie

zuvor und nie später geraucht, starke, grobe sowjetische Zigaretten,

Marke Kosmos, manchmal sogar Papirossy, Marke Belomorkanal,

angeblich die stärkste Zigarette der Welt, benannt nach dem Weißmeerkanal,

bei dessen Bau im Norden Russlands Abertausende von

Zwangsarbeitern zu Tode geschunden wurden.

Wunderschön, die Stadt, aber heruntergekommen, überall Mangel,

es fehlt an allem. Es sind die letzten Jahre der Sowjetunion, eines

scheiternden Systems, und nichts funktioniert. Das Wohnheim ist

neu, aber durch die schlecht abgedichteten Fenster pfeift vom Meer

der Wind. Von den zwei Liften hat einer nie funktioniert, weil sie den

Schacht schief gebaut haben. An dem anderen hängt meistens ein

Schild: remont, in Reparatur. Oft gehe ich bis in den 10. Stock zu Fuß.

Wir hausen zu fünft in zwei Zimmern, im Vorraum Kühlschrank

und Kochplatte. Wenn man das Licht anmacht, huschen Kakerlaken

groß wie Briketts in Ecken und Ritzen. In dem winzigen Bad ist die

Klospülung defekt. Um zu spülen, muss man mit dem Arm tief in

das Wasser des Spülkastens greifen und den glitschigen Gummipfropfen

per Hand anheben, damit es abfließen kann.

Wir sind drei Deutsche und zwei Sowjetbürgerinnen: Larissa, eine

blasse Blondine aus Nowgorod, und Olga, eine feurige Ukrainerin

aus Donezk. Sie studieren an der Historischen Fakultät, ihr Fach: Geschichte

der KPdSU. Sie gelten als ideologisch gefestigt, sodass man

sie dem Kontakt mit Weststudentinnen aussetzen kann.

Olga ist eine Sowjetbürgerin wie aus dem Bilderbuch, sie sieht aus

wie eine der Frauen auf den Propagandaplakaten des sozialistischen

Realismus: lange strohblonde Zöpfe, leuchtend blaue Augen, dazu

ist sie Proletarierkind, Tochter eines Steigers im Kohlerevier des Donbas.

Sie verbringt jeden Sommer als Pionierführerin auf der Krim,

im berühmtesten Pionierlager der Sowjetunion: Artek am Schwarzen

Meer. Sie schwärmt von der Arbeit mit den Kindern, von Sonne und

süßen Trauben, Ausflügen, Tanzwettbewerben, Solidarität. Den Rest

des Jahres ist sie Studentin in der schönsten Stadt der Welt. Eine Enthusiastin.

Wir freunden uns an. Olga spricht schnell und engagiert, mit starkem

ukrainischen Akzent, sie lacht viel, sie begeistert sich. Sie liebt

ihr Leben und ihr Land, die Sowjetunion, in der es Pionierlager an

der Schwarzmeerküste und Studienplätze in Leningrad gibt. Sie hat

im Grunde nichts gegen den kapitalistischen Westen, sie kann sich

einfach nicht vorstellen, dass es dort schöner sein sollte. Ihr Freund

Wolodja, einer ihrer Dozenten, ein feiner Leningrader Intellektueller,

ist ihrem Temperament in keiner Weise gewachsen. Später, viel später,

wird sie einen Spanier lieben und ihm nach Madrid folgen, aber

da gibt es die Sowjetunion schon lange nicht mehr, der Sozialismus

ist gescheitert, wir haben den Kontakt verloren, und in Donezk tobt

der Krieg.

Olga liebt Donezk, ihre Heimat, manchmal kommen Freunde von

dort zu Besuch ins Wohnheim nach Leningrad. Dann spielt irgendjemand

Gitarre, und wir singen bis tief in die Nacht Bergarbeiterlieder.

Olga liebt Ballett, wir gehen abends zusammen ins Kirow-Theater,

«Dornröschen» oder «Schwanensee» oder «La Sylphide». Alles klassisch,

alles schön, alles perfekt. Nicht von dieser Welt.

Einmal kommt eine Truppe aus den Niederlanden zu Gast, na

gastroly, eine zeitgenössische Inszenierung, modernes Ballett. Ich

nehme Olga mit in die Vorstellung. Sie ist entsetzt: Was soll das?

Diese Verrenkungen, wie sie es nennt. Sie ist aufrichtig ratlos: Findest

Du das schön? Sag ehrlich, findest Du «Schwanensee» nicht auch viel

schöner? Warum soll ich mir das ansehen, wenn es nicht schön ist?

Schönheit ist wichtig, weil der Alltag so hässlich ist. Aber Kultur ist

in dieser Zeit politisch, mit der Kultur beginnt der Wandel. Sie erobert

die Freiräume, im Theater, Kino, bei den Buchverlagen. Mit der

Kunst, der Literatur, der Musik beginnt die Veränderung. Alles ist

neu und aufregend, alles macht Hoffnung.

Diese vier Monate sind ein großes Eintauchen in die russische Kultur,

immer wieder in die Eremitage, die Museen, Ausflüge zu den Zarenschlössern

der Umgebung und abends ins Theater, ins Kino, das

neue sowjetische Kino mit Filmen wie «Reue» von Tengis Abuladse,

der in allegorischer Form mit dem Stalinismus abrechnet, Rockkonzerte,

Lesungen, Oper oder Hinterhofbühne. Ein Kellertheater inszeniert

ein Stück nach der absurden Prosa von Daniil Charms, auf

einer anderen Bühne wird eine Fassung von Dostojewskijs «Verbrechen

und Strafe» gegeben.

In der Kapelle am Schlossplatz, wo einst der Hofchor des Zaren

sang, gibt es das erste geistliche Chorkonzert seit der Revolution von

1917: Rachmaninow «Allnächtliches Wachen». Den Menschen im Publikum

stehen Tränen in den Augen.

Der Wandel geschieht schnell, jeden Tag gibt es etwas Neues, Aufregendes,

werden die Grenzen des Erlaubten noch ein wenig weiter

verschoben. In einem Seminar an der Philosophischen Fakultät meiner

Universität geht es um Berdjajew und Heidegger. Heidegger in

der Sowjetunion.

Im Frühsommer 1989 hat zum 100. Geburtstag von Anna Achmatowa

ein Museum eröffnet: in der Wohnung im Haus an der Fontanka,

wo sie mehr als dreißig Jahre lang gelebt hat. Möbel, Teppiche,

Handschriften, Erstausgaben, Fotos und Zeichnungen. Der Sessel, in

dem die Dichterin saß, wenn sie ihre Verse vor Freunden rezitierte,

damit die sie sofort memorierten und im Gedächtnis bewahrten. Der

Ofen, in dem sie die Zettel mit ihren Gedichten verbrannte, damit die

Geheimpolizei sie nicht fand.

Aus dem Lautsprecher tönt die tiefe, kräftige Stimme der Achmatowa.

Sie liest ihre Verse und schildert jene berühmte Szene, als sie in

den Jahren des stalinistischen Terrors in der Schlange vor einem Leningrader

Gefängnis anstand, in der Hoffnung, Auskunft über ihren

verhafteten Sohn zu erhalten. Siebzehn Monate habe sie damals in

Schlangen vor Gefängnissen verbracht, unter Frauen, denn es waren

vor allem Frauen, die dort warteten, um Bittgesuche einzureichen,

Pakete abzugeben, um irgendetwas über das Schicksal ihrer verschwundenen

Ehemänner, Söhne oder Brüder zu erfahren.

Achmatowa erzählt, wie eine der Frauen die Dichterin erkannte,

sie ansprach und fragte:

Und Sie können das beschreiben?

Und wie Achmatowa ihr antwortete: Das kann ich.

So entstand der Zyklus «Requiem».

Der Mann im Grab, der Sohn im Knast. Betet für mich!

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Christiane Hoffmann ist ausgewiesene Kennerin Russlands und lebte als Korrespondentin selbst einige Jahre dort. Ihr Werk profitiert von eigenen Erfahrungen und ihrer Expertise als Journalistin

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