„Sein Enthusiasmus ist ansteckend“

Vorwort Dirk Gratzel brennt für eine Idee – weniger zu verbrennen! Ich kenne niemanden, der so hartnäckig daran arbeitet, seinen eigenen Beitrag zur Erderwärmung zu reduzieren. Ein Vorwort von Eckart von Hirschhausen
„Sein Enthusiasmus ist ansteckend“
„Dieses Buch von Dirk Gratzel wird Sie nicht »neutral« lassen“

Foto: Christof Stache /AFP/Getty Images

Dirk Gratzel ist im positiven Sinne »verrückt« – weil er für jeden, mit dem er spricht, die Maßstäbe »verrückt«, nach denen wir uns selber gerne als die Guten definieren: Ich habe doch schon dreimal auf eine Plastiktüte verzichtet, dann habe ich mir den Wochenendtrip nach New York doch auch verdient. Dirk Gratzel will weder sich noch anderen weiter in die Tasche lügen und fällt auf – einigen sicher auch auf die Nerven. Wie viel gilt der Prophet im eigenen Land? Einige der ersten größeren Presseartikel zu seinem Projekt erschienen in englischen Zeitungen.

Dirk und ich haben uns vor einiger Zeit zufällig in einem Restaurant kennengelernt und merkten schnell, an wie vielen Punkten wir uns schon hätten begegnen können. Wir brennen beide für das Thema Nachhaltigkeit, wobei dieses Wort so wenig beschreibt, worum es geht: Wir müssen nicht »das Klima retten«, sondern uns! Als Arzt weiß ich, dass die Grundlage von Gesundheit weder in einer Tablette, einer Operation oder sonst einer medizinischen Intervention liegt. Die ganze Hochleistungsmedizin nützt uns nichts, wenn die biologischen Basics für unser Leben nicht mehr gegeben sind: Wasser, Essen, Luft und erträgliche Temperaturen. Deshalb habe ich von Anfang an die Demonstrationen von Fridays for Future unterstützt, die Scientists for Future mitgegründet und inzwischen eine eigene gemeinnützige Stiftung: Gesunde Erde – Gesunde Menschen.

Zusammen mit der Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und dem Aktionsbündnis Health for Future versuche ich die verschiedenen Ideen und Kräfte zu bündeln, um schnell eine Veränderung im Denken und in der Politik zu ermöglichen. Die ist bitter nötig, denn die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr, vor der wir stehen. Und das Ausmaß, in dem jetzt und erst recht in den nächsten Jahren unser Wohlergehen und unser Wohlstand für immer kippen kann, ist den wenigsten bewusst. Psychologisch versiert, weiß Dirk Gratzel auch, dass wir Menschen uns nur ungern mit unangenehmen Wahrheiten länger beschäftigen, vor allem wenn sie abstrakt, weit weg und wenig emotional dargestellt werden. Deshalb hat er begonnen, eine andere Geschichte zu erzählen: die Geschichte seines Lebens.

Da keiner die so gut erzählt wie er, möchte ich nicht zu viel verraten, außer: Es ist eine klassische Heldenreise. Dirk hat den Ruf gehört, dass sich etwas ändern muss. Er hat vor dem Problem gestanden, dass es noch keine wirklich brauchbaren Ideen gibt, sodass unser Fußabdruck nicht nur runtergeht, sondern wir in Deutschland wirklich nachhaltig und klimaneutral leben können. Und er hat gegen alle Widerstände Wege gesucht und gefunden, sich und die Welt zu verändern.

Ein Waldspaziergang mit Dirk öffnet einem die Augen für das Wunder der Natur und unseren menschlichen Einfluss, im zerstörerischen wie im positiven Sinn. Die Veränderungen, die anstehen, tun uns gut. Es geht nicht um Verzicht, sondern um Gewinn an Lebensqualität und Gesundheit. In der Corona-Krise war die Klimadiskussion scheinbar ganz weit weg – dabei fielen markante Sätze wie: »Wirtschaftliche Interessen dürften den Schutz von Menschenleben nicht überlagern.« Warum gibt es dann eine Million Neuzulassungen für SUVs, die nie ein Gelände sehen, kein Tempolimit und in Deutschland als letztem Land der Europäischen Union noch Tabakwerbung? Wenn Politiker neuerdings auf Virologen hören können, warum dann nicht auch auf Klimaforscher und Umweltmediziner?

Versuche ich gerade, die Corona-Krise zu instrumentalisieren? Nein. Als Arzt sucht man nach den Ursachen für eine Erkrankung. Und im besten Fall vermeidet man Risiken schon vorher. Globale Epidemien werden häufiger, so gesehen war es für die Fachleute keine Frage von ob, sondern eher eine von wann, dass nach Ebola, SARS, MERS und HIV neue Viren von Tieren auf Menschen überspringen. Der Ursprung des neuartigen Coronavirus ist dem Umstand geschuldet, dass wir Wildtiere und ihre natürlichen Lebensräume zu anderen Zwecken missbrauchen. Wie der Chef des Berliner Naturkundemuseums, Johannes Vogel, es noch deutlicher formuliert: »Dieses Virus ist auch der Preis unserer Ausbeutung der Natur. Erreger überspringen Artgrenzen, wenn wir natürliche Ressourcen respektlos ausbeuten. Machen wir so weiter, scheitern wir.« Auf einer Tagung des Auswärtigen Amts zu »One Health« erlebte ich vor Corona-Zeiten, wie sich globale Gesundheitsgefahren nicht an unsere Denkmuster halten und nicht an Zuständigkeiten einzelner Ressorts und Disziplinen. Endlich kamen Virologen und Artenschützer, Humanund Tiermediziner, Kommunikationsexperten und Klimaforscher zusammen, um ihre jeweiligen Puzzleteile der Erkenntnis aus ihrem Gebiet zusammenzutragen. Aus heutiger Sicht schon fast zum Schmunzeln: Der Charité-Virologe Christian Drosten konnte auf dem Kongress praktisch unerkannt und ohne zehn Kameras und Mikros vor der Nase reden.

Nach meinem Vortrag über die Frage, wie man bei bedrohlichen Erkenntnissen psychologisch aus der Lähmung ins Handeln kommt, lernte ich Kim Gruetzmacher kennen. Sie ist Program Manager für die globalen Gesundheitsthemen für die Wildlife Conservation Society, eine der großen weltweiten Naturschutzorganisationen. Sie veranschaulichte mir, wie wir Menschen diesen Planeten plattmachen. »Stell dir vor, wir würden alle Wirbeltiere auf der Erde auf eine Waage stellen. Was glaubst du, wie viel Anteile hätten Wildund Nutztiere im Verhältnis zu uns?« Ich hatte keinen Schimmer und staunte nicht schlecht, als ich erfuhr: Vor 10000 Jahren hatten die paar Menschen einen Gewichtsanteil von etwa ein Prozent und Wildtiere 99 Prozent. Dann wurden wir sesshaft, begannen unsere extrem erfolgreiche Vermehrung, Ackerbau und Viehzucht. Damit haben wir die Verhältnisse komplett auf den Kopf gestellt. Die Wildtiere haben gerade mal noch ein Prozent der Biomasse für sich. Dafür machen Menschen 32 Prozent aus und 67 Prozent ihre Nutztiere. Und die – jetzt mal deutlich gesprochen – trampeln, fressen, kacken und pupsen alles aus dem Gleichgewicht. Gruetzmacher weiter: »Die Wildtiere werden gejagt, wie Drogen gehandelt, auf Märkten blutig übereinandergelegt und gegessen. Es gibt noch 600 000 Viren, die auf den Menschen übertragbar sind. Deshalb müssen wir endlich diesen perversen Wildtierhandel weltweit stoppen.«

Ein gesundes Wildtier hat ja gar kein Interesse, Menschen kennenzulernen. Es läuft weg, flieht oder fliegt davon, wenn es eine Fledermaus ist. Nur in Horrorfilmen kommen die vampirig gierig auf uns zu. Wir sind aber die Gier, wir sind für die Tiere der Horrorfilm. Sie werden so eingeschränkt in ihren natürlichen Lebensräumen, dass sie buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stehen, gestresst und anfällig werden und sich »rächen« an uns, indem sie uns auf ihren letzten Metern noch ihre Viren dalassen, bevor sie für immer verschwinden. Oder wir irgendwann.

Dieses Buch von Dirk Gratzel wird Sie nicht »neutral« lassen. Entweder Sie werden erfasst von den sprudelnden Gedanken, das eigene Leben zu neutralisieren. Oder Sie werden denken: Das, was der kann, kann ich niemals. Das dachte ich auch, als ich ihn das erste Mal traf. Aber Vorsicht: Sein Enthusiasmus ist ansteckend. Inzwischen haben wir gemeinsam ein kleines Stück Wald gekauft, um die Ideen eines ökologischen Umbaus in der Praxis zu belegen, oder wie er es in einer E-Mail beschreibt: »Ziel ist eine Parzelle klimastabilen Waldes, an dem sich möglichst unsere Enkel in fünfzig Jahren noch erfreuen können.«

Dirk denkt über den Tellerrand – und über den Waldrand hinaus. Das schätze ich außerordentlich an ihm. Und genau das braucht es heute, damit wir die historische Chance nutzen, die letzte Generation zu sein, die an dem Ausmaß der Klimaveränderungen etwas ändern kann, bevor Kipppunkte erreicht und überschritten sind.

Wir können nur schützen, was wir schätzen.

In diesem Buch nimmt er auch Sie, liebe Leser, mit auf seine Entdeckungsreise.

Dabei wünsche ich Ihnen angesichts dieser Horizonterweiterung viel Freude, viele persönliche Einsichten und Ideen, um selbst nicht länger Teil des Problems zu sein – sondern Teil der Lösung zu werden!

Herzlich, Ihr

Eckart von Hirschhausen

16:32 31.08.2020

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