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Leseprobe Arbeit ist der Kern unserer modernen Gesellschaft. Warum arbeiten wir immer mehr, obwohl wir so viel produzieren wie noch nie und gesundheitlich darunter leiden? Unsere Steinzeit-Vorfahren arbeiteten, um zu leben und nicht andersrum und waren gesund
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Foto: ALBERTO PIZZOLI/AFP via Getty Images

Einleitung
Die ökonomische Problemstellung

Die erste industrielle Revolution entströmte den rußgeschwärzten Schornsteinen dampfkraftgetriebener Fabrikanlagen; die zweite speiste sich aus elektrischen Steckdosen; die dritte kam in Gestalt des elektro­nischen Mikroprozessors. Heute befinden wir uns mitten in einer vierten industriellen Revolution, geboren aus der Zusammenführung einer An­zahl neuer digitaler, biologischer und physikalischer Technologien. Diese Revolution werde, so sagt man uns, um ein Vielfaches umweltschonender sein als ihre Vorgängerinnen. Immerhin weiß noch niemand sicher, wie sie sich manifestieren wird, abgesehen von der Gewissheit, dass immer mehr Arbeitsgänge in unseren Fabriken, Büros und Wohnungen von automatisierten robotischen Systemen übernommen werden, die durch Algorithmen lernfähiger Rechner gesteuert werden.

Die Aussicht auf eine automatisierte Zukunft verdichtet sich in der Fantasie mancher Menschen zur Utopie einer robotischen Dienstleistungswelt. Andere sehen darin eher einen fatalen Schritt auf dem Weg in eine kybernetische Dystopie. Für viele jedoch wirft die Aussicht auf eine automatisierte Zukunft vor allem eine unmittelbare Frage auf: Was pas­siert, wenn ein Roboter meinen Job übernimmt?

Für diejenigen von uns, die in ihrem Beruf bislang noch nicht Gefahr laufen, durch Technik ersetzbar zu sein, manifestiert sich der Siegeszug jobverschlingender Roboter im Alltäglichen: in der Kakophonie robo­tischer Begrüßungen und Anweisungen aus den Lautsprechern der auf­ gereihten Selbstbedienungskassen unserer Supermärkte oder in den um­ ständlichen Algorithmen, die uns bei unseren Ausflügen ins digitale Universum führen, oft aber auch irreführen.

Für die Hunderte Millionen Erwerbslosen, die in der Wellblech­-Peri­pherie der Schwellen-­ und Entwicklungsländer von der Hand in den Mund leben – Länder, in denen das Wirtschaftswachstum zunehmend durch die Paarung modernster Technik mit mobilem Kapital vorange­trieben wird und daher wenig neue Arbeitsplätze schafft –, ist die Auto­matisierung ein noch ungleich akuteres Problem. Das gilt auch für viele angelernte Arbeitskräfte in den Industrieländern, für die der Streik die einzig verbleibende Chance zur Rettung ihrer Jobs vor Automaten und Robotern ist – deren größter Vorzug darin besteht, dass sie nie streiken. Und auch wenn es jetzt noch nicht danach aussehen mag, zeichnet sich ein ähnliches Schicksal auch für manche hochqualifizierte Berufe ab. Wenn künstliche Intelligenz die Aufgabe, künstliche Intelligenz zu programmieren, jetzt besser lösen kann als ein Mensch, dann deutet dies darauf hin, dass unsere Erfindungsgabe uns den bösen Streich gespielt hat, unsere Fabriken, Büros und Arbeitsumgebungen in Werkstätten des Teufels zu verwandeln, die uns die Hände in den Schoß legen lassen und unserem Leben Sinn und Struktur rauben.

Wenn das stimmt, tun wir gut daran, uns Sorgen zu machen. Immer­ hin arbeiten wir, um zu leben, und leben, um zu arbeiten, und sind so gestrickt, dass wir uns in fast jedem Beruf Sinn, Erfüllung und Stolz holen können, sei es aus der monotonen rhythmischen Gymnastik des Schrub­bens von Fußböden oder sei es aus dem Ausbaldowern von Steuer­schlupflöchern. Außerdem prägt die Arbeit, die wir machen, unsere Persönlichkeit, entscheidet über unsere Zukunftsaussichten, bestimmt darüber, wo und mit wem wir den Großteil unserer Zeit verbringen, beeinflusst unser Selbstwertgefühl, prägt viele unserer Wertvorstellungen und trägt auch zur Ausrichtung unserer politischen Loyalitäten bei. Das geht so weit, dass wir gerne Loblieder auf Leistungsträger anstimmen und die Faulheit von Drückebergern beklagen und dass alle unsere Politiker, gleich welcher Couleur, sich gebetsmühlenartig zum Ziel der Vollbe­schäftigung bekennen.

Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass wir genetisch darauf ange­legt sind, zu arbeiten, und dass die Entwicklung unserer Spezies durch eine einzigartige Verschränkung von zweckgerichteter Intelligenz und Arbeit­samkeit geprägt worden ist, die uns die Fähigkeit verliehen hat, Gesell­schaften zu organisieren, die so viel mehr sind als die Summe ihrer Teile.

Unsere Ängste vor einer automatisierten Zukunft kontrastieren mit dem Optimismus vieler Denker und Träumer, die schon seit den ersten Geburtswehen der industriellen Revolution fest daran glaubten, die Automatisierung der Arbeit könne der Schlüssel zu einem wirtschaft­lichen Schlaraffenland sein. Dazu gehörten Leute wie Adam Smith, der Begründer der Volkswirtschaftslehre, der 1776 von «nützlichen Maschi­nen [...] zur Erleichterung und Abkürzung der Arbeit» schwärmte, oder Oscar Wilde, der sich ein Jahrhundert später eine Zukunft ausmalte, in der «Maschinen alle notwendige und unangenehme Arbeit verrichten» würden. Keiner jedoch arbeitete diese Utopie so gründlich aus wie John Maynard Keynes, der einflussreichste Volkswirtschaftler des 20. Jahrhun­derts. 1930 wagte er die Voraussage, dank Kapitalvermehrung, ständig weiter wachsender Produktivität und des technischen Fortschritts könn­ten oder müssten wir gegen Anfang des 21. Jahrhunderts im Eingangsbereich zu einem «gelobten Land» ankommen, mit einer Wirtschaft, die die Grundbedürfnisse aller Menschen mühelos stillen würde und in der infolgedessen niemand mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten werde.

Die Schwellenwerte in puncto Produktivität und Kapitalvermehrung, die nach Keynes’ Berechnungen den Zugang zu diesem «gelobten Land» ermöglichen würden, haben wir schon vor einigen Jahrzehnten erreicht, doch offensichtlich ist die Menschheit noch nicht so weit, dass sie die Fortschrittsdividende einstreichen könnte. Die meisten von uns arbeiten noch genauso fleißig wie unsere Großeltern und Urgroßeltern, und un­sere Regierungen starren heute noch ebenso gebannt auf die Parameter Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung wie vor Jahrzehnten. Und damit nicht genug: Private und staatliche Pensionskassen ächzen unter der Last ihrer Zahlungsverpflichtungen an eine immer älter werdende Rentnerbevölkerung, und von vielen von uns wird erwartet, dass wir bis zu zehn Jahre länger arbeiten als unsere Großelterngeneration vor 50 Jah­ren; trotz aller unerhörten Fortschritte in Technik und Produktivität ver­zeichnen einige der fortgeschrittenen Volkswirtschaften der Welt, etwa Japan und Südkorea, nach amtlichen Angaben Hunderte unnötiger Todes­fälle infolge überstundenbedingter Erschöpfung.

Anscheinend ist die Menschheit also noch nicht bereit, ihre kollektive Dividende einzufordern. Wenn wir ergründen wollen, warum das so ist, müssen wir uns erst einmal klarmachen, dass unsere Beziehung zur Arbeit sehr viel interessanter und verwickelter ist, als die meisten herkömmlichen Volkswirtschaftler uns glauben machen.

Nach Überzeugung von Keynes würde die Ankunft der Menschheit in dem von ihm erträumten wirtschaftlichen Schlaraffenland der größte Triumph unserer Spezies sein, hätten wir dann doch nicht weniger ge­schafft, als «die wichtigste, allerdringlichste Aufgabe der Menschheit» zu lösen – «nicht nur der Menschheit, sondern des gesamten biologi­schen Königreichs von den Anfängen des Lebens in seinen primitivsten Formen».

Das akute Problem, das Keynes hier im Auge hatte, tauchte in der klassischen Volkswirtschaftslehre als das «ökonomische Problem» auf, manchmal auch unter der Bezeichnung «Knappheitsproblem». Es besagt: Wir sind rationale Wesen mit unersättlichem Appetit, und da die Erde einfach nicht genug Ressourcen hergibt, um allen Menschen alle Wün­sche zu erfüllen, herrscht eine immerwährende Knappheit. Die Vorstellung, unsere Bedürfnisse seien unbegrenzt, unsere Ressourcen jedoch allesamt begrenzt, residiert nah am pochenden Herzen der «Wirtschafts­lehre», definiert als die Lehre von der Art und Weise, wie Menschen mit knappen Ressourcen haushalten, in dem Bestreben, die eigenen Bedürf­nisse und Wünsche zu erfüllen. Dasselbe Prinzip liegt auch unseren Märkten und unseren Finanz-­, Beschäftigungs-­ und Geldsystemen zu­ grunde. Für den klassischen Ökonomen ist es also die Knappheit, die uns dazu bringt, zu arbeiten, denn nur durch Arbeit – indem wir herstellen, produzieren und mit knappen Ressourcen handeln – kommen wir dem Ziel näher, die Kluft zwischen unseren anscheinend grenzenlosen Wün­schen und unseren begrenzten Mitteln zu überbrücken.

Das Knappheits­-Paradigma zeichnet ein wenig erfreuliches Bild von unserer Spezies. Es will uns lehren, die Evolution habe uns zu selbstsüchtigen Geschöpfen gemacht, verdammt dazu, für immer Geiseln unerfüll­barer Bedürfnisse zu bleiben. Während diese Grundannahmen über die menschliche Natur vielen in unserer industrialisierten Welt offenkundig und selbstverständlich erscheinen mögen, stoßen sie bei vielen anderen, etwa bei den Ju/’Hoansi­«Buschmännern» der südafrikanischen Kala­hari, die bis zur Jahrtausendwende noch als Jäger und Sammler lebten, auf Unverständnis.

Seit den frühen 1990er Jahren dokumentiere ich die oft traumatisch verlaufenden Begegnungen der Ju/’Hoansi mit einer scheinbar unaufhaltsam expandierenden Weltwirtschaft. Es ist eine Geschichte mit vielen brutalen Kapiteln, und sie spielt entlang einer Frontlinie zwischen zwei grundlegend verschiedenen Lebensweisen, die auf jeweils höchst unter­schiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Philosophien gründen und auf höchst unterschiedlichen Annahmen zum Wesen der Knappheit beruhen. Den Ju/’Hoansi erscheinen die Marktwirtschaft und die ihr zu­ grunde liegenden Annahmen über die menschliche Natur ebenso rätsel­haft wie unbefriedigend. Sie sind damit nicht allein. Auch andere Gesell­schaften, die bis ins 20. Jahrhundert hinein als Jäger und Sammler lebten, von den Hadzabe Ostafrikas bis zu den Inuit der Arktis, haben sich sehr schwer damit getan, den Normen eines auf immerwährender Knappheit beruhenden Wirtschaftssystems einen Sinn abzugewinnen und sich ihnen anzupassen.

Als Keynes erstmals sein wirtschaftliches Schlaraffenland beschrieb, war die Erforschung von Jäger­- und­ Sammler­-Gesellschaften kaum mehr als ein Seitenarm der als wissenschaftliche Disziplin gerade erst im Ent­stehen begriffenen Sozialanthropologie. Selbst wenn Keynes den Wunsch gehabt hätte, mehr über Jäger und Sammler zu erfahren, hätte er nicht sehr viel gefunden, das die damals vorherrschende Auffassung in Frage gestellt hätte, das Leben sei in solchen primitiven Gesellschaften ein stän­diger Kampf gegen das Verhungern. Und er hätte auch nichts gefunden, das Zweifel an der Überzeugung gesät hätte, dass die Menschheit allen ge­legentlichen Rückschlägen zum Trotz eine Geschichte des ständigen Fortschritts schrieb und dass unser Bedürfnis, zu arbeiten, zu produzie­ren, zu bauen und zu tauschen, angespornt von unserem gleichsam ange­borenen Bedürfnis, das Problem der wirtschaftlichen Knappheit zu lösen, die diesen Fortschritt antreibende Kraft ist.

Doch wie wir jetzt wissen, stimmt es gar nicht, dass Jäger und Sammler wie die Ju/’Hoansi ständig am Rand des Verhungerns lebten. In Wirklich­keit waren sie normalerweise wohlgenährt, hatten eine höhere Lebens­erwartung als die meisten Ackerbau-­Gesellschaften, arbeiteten selten mehr als 15 Stunden die Woche und verbrachten einen Großteil ihrer Zeit da­mit, sich zu regenerieren und ihre Hobbys zu pflegen. Wie wir ferner wis­sen, war ihnen dies möglich, weil sie nicht routinemäßig Nahrungsmittel einlagerten oder horteten, kaum Interesse am Erwerb von Vermögens­ werten oder Status hatten und im Wesentlichen nur arbeiteten, um ihren kurzfristigen materiellen Bedarf zu decken. Während die «Wirtschafts­lehre» besagt, wir seien allesamt dazu verdammt, in der Zwickmühle zwi­schen unseren unbegrenzten Bedürfnissen und unseren begrenzten Mit­teln zu leben, begnügten sich die Jäger und Sammler mit einigen wenigen materiellen Bedürfnissen, für deren Stillung ein paar Stunden Arbeit genügten. Das Wirtschaftsleben dieser Gesellschaften gründete auf der Prämisse, dass stets für alle genug da ist, und nicht auf der Angst vor einer Verknappung. Wir haben guten Grund zu der Annahme, dass unsere Vorfahren während mindestens 95 Prozent der 300000­jährigen Ge­schichte des Homo sapiens als Jäger und Sammler lebten, was die Vermu­tung nahelegt, dass unsere Annahmen über die Angst vor dem Mangel und unsere Einstellung zur Arbeit erst nach dem Übergang zum Acker­bau entstanden sind.

Die Einsicht, dass sich während der längsten Zeit unserer Geschichte als Menschheit unsere Vorfahren nicht so viele Sorgen über Knappheit gemacht haben, wie wir es heute tun, sollte uns daran gemahnen, dass wir unter Arbeit sehr viel mehr verstehen als nur das, was wir tun, um gegen das Knappheitsproblem anzugehen. Das ist etwas, das uns allen bewusst ist: Wir bezeichnen gewohnheitsmäßig zweckgerichtete Aktivitäten aller Art jenseits unserer Erwerbstätigkeit als «Arbeit». Wir können zum Bei­spiel an unseren Beziehungen arbeiten, an unserer körperlichen Fitness oder sogar an unserer Freizeitgestaltung.

Wenn Volkswirtschaftler «Arbeit» als den Aufwand an Zeit und Ener­gie definieren, den wir treiben, um unsere Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen, lassen sie zwei offenkundige Probleme außer Acht. Das erste ist, dass vielfach das Einzige, was Arbeit von Freizeitbeschäftigung unter­scheidet, der Kontext ist, einschließlich der Frage, ob wir für das, was wir tun, bezahlt werden oder ob wir dafür bezahlen. Einen Elch zu erlegen, ist für einen vorzeitlichen Jäger Arbeit, für viele heutige Jäger hingegen eine aufregende und oft sehr teure Freizeitaktivität; eine Zeichnung anzu­fertigen, ist für einen Künstler Arbeit, dagegen für Millionen Hobby­künstler ein Freizeitvergnügen. Die Pflege von Beziehungen zu poli­tischen Strippenziehern ist für einen Lobbyisten Arbeit, während für die meisten von uns die Pflege unserer Freundschaftsbeziehungen etwas ist, das uns Freude bereitet. Das zweite Problem ist, dass über den Energie­aufwand hinaus, den wir treiben, um unsere grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen – nach Nahrung, Wasser, Luft, Wärme, Gemeinschaft und Sicherheit –, nur ein sehr geringes Maß an Einigkeit darüber besteht, wel­che Dinge wir zum Leben wirklich brauchen. Unsere Grundbedürfnisse verzahnen sich oft so eng mit unseren Wünschen, dass sich beide nicht mehr entwirren lassen. So mancher wird steif und fest behaupten, ein Frühstückscroissant mit einer guten Tasse Kaffee dazu sei ein Grund­bedürfnis; für andere ist es vielleicht ein Luxus.

Die Definition von «Arbeit», auf die sich wohl die meisten von uns einigen könnten – Jäger und Sammler ebenso wie Derivatehändler in Nadelstreifen und Subsistenzbauern mit schwieligen Händen –, besagt, Arbeit sei jede zweckgerichtete Verausgabung von Energie für die Bewältigung einer Aufgabe oder die Erreichung eines Ziels. Von dem Moment an, als Menschen erstmals begannen, die Welt um sie herum aufzuteilen und die Erfahrungen, die sie dabei machten, in Begriffe, Worte und Ideen zu gießen, hatten sie mit Sicherheit eine Vorstellung von «Arbeit» oder einen Begriff davon. Zusammen mit Liebe, Eltern­schaft, Musik und Totenklage ist Arbeit eines der wenigen Konzepte, an denen sich Anthropologen ebenso entlanghangeln konnten wie Rei­sende, die es in fremde Gestade verschlug. Überall dort, wo eine fremde Sprache oder verwirrende Sitten und Gebräuche die Kommunikation erschweren, kann die simple Tat, jemandem praktische Hilfe bei der Lösung eines Problems zu leisten, Misstrauen oder andere Hemmnisse viel schneller beseitigen, als gestammelte Worte es könnten. Eine hel­fende Handreichung ist ein Ausdruck guten Willens und öffnet, wie ein Tanz oder ein Lied, die Tür zu sinnstiftenden Gemeinsamkeiten und einem Gleichklang der Erfahrungen.

Wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden, die menschliche Existenz werde für immer und ewig im Zeichen des Knappheitsproblems stehen, bewirkt das mehr, als nur die Definition von «Arbeit» über den Zweck der bloßen Existenzsicherung hinaus zu erweitern. Es öffnet uns vielmehr ein neues Sichtfenster, durch das wir unsere tiefe historische Beziehung zur Arbeit neu betrachten können, von den Anfängen des Lebens bis zu unserer geschäftigen Gegenwart. Es wirft auch eine Reihe neuer Fragen auf: Warum messen wir Heutigen der Arbeit eine so viel größere Bedeutung bei, als unsere jagenden und sammelnden Vorfahren es taten? Warum bleiben wir im Zeitalter eines nie da gewesenen Über­flusses so fixiert auf das Schreckgespenst der Knappheit?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir weit über die Grenzen der herkömmlichen Volkswirtschaftslehre hinausgehen – in die Welt der Physik, der Evolutionsbiologie und der Zoologie. Noch wich­tiger ist vielleicht, dass wir der Frage mit einer sozialanthropologischen Sichtweise zu Leibe rücken. Nur die sozialanthropologische Erfor­schung von Gesellschaften, die bis ins 20. Jahrhundert hinein als Jäger und Sammler lebten, versetzt uns in die Lage, die Steinwerkzeuge, die Felszeichnungen und die Knochenfragmente zum Leben zu erwecken, die die einzigen noch reichlich vorhandenen materiellen Zeugen dafür sind, wie unsere nichtsesshaften Vorfahren lebten und arbeiteten. Der sozialanthropologische Ansatz ist auch der einzige, der uns überhaupt die Chance bietet, herauszufinden, wie die unterschiedlichen Spielarten von Arbeit, mit denen wir unseren Lebensunterhalt bestreiten, unsere Wahr­nehmung und Deutung der Welt prägen. Dieser breit aufgefächerte An­satz eröffnet uns überraschende Einsichten in die weit in die Vergangen­heit zurückreichenden Wurzeln dessen, was oft als dezidiert moderne Herausforderung gesehen wird. Er offenbart uns zum Beispiel, dass und wie unser Verhältnis zu Maschinen an die Beziehung der ersten Acker­bauern zu ihren Zugpferden und den anderen Lasttieren, die ihnen die Arbeit erleichterten, erinnert und anknüpft und auf welch bemerkenswerte Weise unsere Ängste vor der Automatisierung an die Ängste erin­nern, die in Sklavenhalter-­Gesellschaften so vielen Menschen schlaflose Nächte bereiteten.

Wenn wir darangehen, die Geschichte unseres Verhältnisses zur Arbeit abzustecken, kristallisieren sich zwei einander mehrfach schneidende Pfade heraus, denen zu folgen sich vorrangig anbietet.

Der erste Pfad zeichnet die Geschichte unserer Beziehung zur Energie nach. Arbeit beinhaltet in ihrer grundlegenden Form immer einen Energietransfer, und die Fähigkeit, bestimmte Arten von Arbeit zu leisten, unterscheidet lebende Organismen von toter, unbeseelter Materie. Denn nur lebende Organismen laden sich aktiv mit Energie auf zu dem aus­drücklichen Zweck, zu leben, zu wachsen und sich zu reproduzieren. Beim Beschreiten dieses Pfades stellt sich heraus, dass wir nicht die ein­zige Spezies sind, die routinemäßig überschüssige Energie besitzt oder die in eine apathische, niedergedrückte und demoralisierte Stimmung gerät, wenn sich ihr kein Ziel bietet und sie keine sinnvolle Arbeit hat. Daraus ergibt sich eine ganze Reihe weitergehender Fragen zum Wesen der Arbeit und zu unserem Verhältnis zu ihr. Beispielsweise die Frage, ob auch Lebewesen wie ein Bakterium, eine Pflanze oder ein Kutschpferd arbeiten? Wenn ja, wie und wodurch unterscheidet sich ihre Arbeit von der der Menschen und der von Menschen gebauten Maschinen? Und was verrät uns dies über unsere Art zu arbeiten?

Dieser Pfad beginnt in dem Moment, da zum ersten Mal eine chao­tische Ansammlung unterschiedlicher Moleküle durch Einwirkung von Energie zu einem lebenden Organismus zusammenwuchs. Der Pfad wei­tete sich ständig und mit zunehmendem Tempo in dem Maß, wie das Leben sich über die Erdoberfläche ausbreitete und im Zuge seiner Fort­entwicklung neue Energiequellen erschloss, darunter Sonnenstrahlung und Sauerstoff, Feuer, fleischliche Nahrung und schließlich fossile Brenn­stoffe, die wir für uns arbeiten lassen können.

Der zweite Pfad verläuft entlang der evolutionären und kulturellen «Reise» der Menschheit. Zu den frühen physischen Meilensteinen dieser Reise gehören grobe Steinwerkzeuge, Herdstellen und «Kieselperlen». Spä­tere Meilensteine erscheinen in Gestalt von leistungsfähigen Kraftmaschi­nen, Megastädten, Wertpapierbörsen, Agrarfabriken, Nationalstaaten und weltumspannenden Netzwerken energiehungriger Rechenmaschi­nen. Zugleich liegen am Rande dieses Pfades aber auch viele unsichtbare Meilensteine, in Form von Ideen, Konzepten, Ambitionen, Hoffnungen, Gewohnheiten, Ritualen, Praktiken, Institutionen und Geschichten – die Bausteine unserer Kulturen und unserer Geschichte. Wenn wir diese Reise Revue passieren lassen, können wir nachvollziehen, mit welch be­merkenswerter Planmäßigkeit unsere Vorfahren die Fähigkeit entwickel­ten, zahlreiche neue Fertigkeiten unterschiedlichster Art zu erwerben, bis hin zu dem Punkt, dass wir mittlerweile in der Lage sind, Sinn, Freude und höchste Zufriedenheit aus unterschiedlichsten Aktivitäten – wie Pyramiden bauen, Löcher graben und Papier vollkritzeln – zu schöpfen. Wir lernen daraus auch, wie die Arbeiten, die unsere Vorfahren verrich­teten, und die Fertigkeiten, die sie sich dabei nach und nach aneigneten, ihre Wahrnehmung der sie umgebenden Welt und ihre Interaktionen mit ihr geprägt haben.

Die Punkte, an denen diese beiden Pfade konvergieren, sind die wich­tigsten, wenn es darum geht, ein Verständnis für unser heutiges Verhält­nis zur Arbeit zu gewinnen. Der erste dieser Konvergenzpunkte wurde erreicht, als die Menschen das Feuer zu beherrschen lernten, was viel­leicht schon vor einer Million Jahren passierte. Indem sie lernten, einen Teil ihres Energiebedarfs an die Flammen zu delegieren, verschafften sie sich den Vorteil, nicht mehr so viel Zeit für die Nahrungsbeschaffung aufwenden zu müssen, sich in der kalten Jahreszeit warmzuhalten und ihren Speisezettel erheblich zu erweitern, alles Errungenschaften, die die Entwicklung eines zunehmend energiehungrigen, zunehmend leistungsfähigeren menschlichen Gehirns vorantrieben.

Der zweite entscheidende Schnittpunkt liegt erst verhältnismäßig kurz zurück und war nach allem, was wir wissen, sehr viel umwälzender. Es begann vor rund 12 000 Jahren damit, dass unsere Vorfahren auf die Idee kamen und sich angewöhnten, Nahrungsmittel einzulagern und mit dem Anbau von Nutzpflanzen zu experimentieren, ein Schritt, der ihre Bezie­hungen zu ihrer Umwelt, zueinander, zum Problem der Knappheit und zur Arbeit transformierte. Bei der Beschäftigung mit diesem Überschnei­dungspunkt zeigt sich auch, ein wie großer Teil der formalen volkswirt­schaftlichen Architektur, in die wir unser Arbeitsleben heute organisa­torisch einbetten, auf den Ackerbau zurückgeht und wie eng unsere Vorstellungen von Gleichheit und Status mit unserer Einstellung zur Arbeit verknüpft sind.

Ein dritter Überschneidungspunkt findet sich dort, wo die Menschen sich in Städten zu sammeln begannen; das geschah vor rund 8000 Jahren, als manche Ackerbau-­Gesellschaften es schafften, so große Nahrungs­überschüsse zu erwirtschaften, dass damit eine wachsende Stadtbevölkerung versorgt werden konnte. Und auch diese Etappe verkörpert ein wichtiges neues Kapitel in der Geschichte der Arbeit, definiert nicht etwa durch die Notwendigkeit, in Feldarbeit investierte Energie in Feldfrüchte umzuwandeln, sondern vielmehr durch das gebieterische Bedürfnis, Energie zu verausgaben. Die Geburt der ersten Städte legte den Keim für die Entstehung und Entwicklung einer ganz neuen Palette von Fertigkei­ten, Berufen, Arbeitsabläufen und Gewerben, die unter den Bedingungen einer Subsistenzwirtschaft oder in Jäger­- und­ Sammler­Gesellschaften un­denkbar gewesen wären.

Die Entstehung großer Dörfer, aus denen später Kleinstädte und am Ende Großstädte wurden, leistete auch einen wichtigen Beitrag dazu, dass sich die Dynamik der Sparsamkeit und des Knappheitsproblems grundlegend veränderte. Weil die physischen Bedürfnisse der meisten Stadtbewohner von Bauern befriedigt wurden, die in der ländlichen Umgebung Nahrungsmittel erzeugten, verlegten sie ihre rastlose Ener­gie auf das Streben nach Status, Wohlstand, Vergnügungen, Muße und Macht. Die Städte wurden sehr schnell zu Retorten der Ungleichheit, ein Prozess, der beschleunigt wurde durch den Umstand, dass zwischen den Stadtbewohnern nicht mehr die engen verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Bindungen bestanden, wie sie für kleine ländliche Dorfgemeinschaften typisch waren. Infolgedessen verknüpften Stadtbewohner ihre gesellschaftliche Identität in zunehmendem Maß mit ihrer Arbeit und schmiedeten ihre sozialen Bindungen eher innerhalb der Gruppe derjenigen, die im selben Metier wie sie selbst tätig waren.

Den vierten Überschneidungspunkt markiert das Aufkommen von Fa­briken, Eisenhütten und anderen Ruß und Rauch ausstoßenden Arbeitsstätten, entstanden dank der erlangten Fähigkeit westeuropäischer Völ­ker, die in fossilen Bodenschätzen gespeicherte Energie zu gewinnen und zu nutzen und aus ihr einen bis dahin nicht vorstellbar gewesenen mate­riellen Wohlstand zu schöpfen. In dieser Etappe, die im frühen 18. Jahr­hundert beginnt, sehen wir eine abrupte Expansion beider Pfade. Auf beiden geht es zunehmend enger zu, entsprechend der rapiden Zunahme der Zahl und Größe von Städten und einem starken Wachstum sowohl der menschlichen Bevölkerung als auch der von unseren Vorfahren domestizierten Tier­- und Pflanzenpopulationen. Ein weiterer Grund für den immer dichteren Verkehr auf beiden Pfaden war die Potenzierung unserer Fixiertheit auf Knappheit und Arbeit – paradoxerweise nach Anbruch eines Zeitalters, das uns einen wachsenden Überfluss an Dingen bescherte. Noch ist es zwar zu früh, ein Urteil zu fällen, aber es fällt schwer, sich des Verdachts zu erwehren, dass künftige Historiker nicht mehr zwischen der ersten, zweiten, dritten und vierten industriellen Re­volution unterscheiden, sondern dass sie stattdessen die gesamte Ära, in­nerhalb derer sich diese Revolutionen vollzogen, als eine der entschei­denden für die Beziehung unserer Spezies zur Arbeit einstufen werden.

16:57 23.03.2021

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