»Ich wechsle gern die Kollektive«

Interview Corinna Harfouch spricht im Gespräch mit Arno Widmann über Queen Lear, die Arbeit mit dem Regisseur Christian Weise, ihre – nach wie vor große – Lust auf Neues und ihre Angst vor dem Ende der Utopie
Svenja Liesau, Corinna Harfouch und Oscar Olivo in „Queen Lear“.
Svenja Liesau, Corinna Harfouch und Oscar Olivo in „Queen Lear“.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Sie sind gerade bei den Vorbereitungen zu Queen Lear ...

Nicht wirklich. Noch bin ich in Hannover. Wir proben hier die Dramatisierung des Romans Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber. Daraus reißen Sie mich gerade heraus. So ist das am Theater. Über Queen Lear habe ich natürlich mit Christian Weise und Christian Tschirner (AdR: Soeren Voima) gesprochen, aber im Augenblick bin ich noch mitten drin im Heldinnenepos.

Herr Weise sagte, Sie beide hätten schon öfter darüber gewitzelt, wann Sie denn endlich alt genug wären, King Lear zu spielen. Queen Lear ist da doch erstmal nur die halbe Miete.

Ich habe bei Christian Weise ja schon mehrere Männer gespielt. Ich war auch diesmal davon ausgegangen, dass es wieder ein Mann werden würde. Dann wurde die gesamte Familienaufstellung verändert. Das verstand ich zunächst nicht so recht. Aber es wurde mir erklärt und jetzt versuche ich mich da hinein zu begeben. Ich versuche jetzt, bei ihm einfach mal eine Frau zu spielen.

Enttäuschend.

Eine Frau zu spielen ist doch keine Enttäuschung. Das soll ein Stück für heute sein. Unser Blick auf Geschlechterrollen hat sich verändert. Jedenfalls versuchen wir, ihn zu ändern. Die Autoren fanden es unerträglich, dass, von der guten Cordelia abgesehen, King Lears Töchter rein negative Figuren sind. So haben sie aus ihnen Männer gemacht, Inzwischen leuchtet mir das ein.

Sie können ja davon ausgehen, das wird nicht schiefgehen.

Natürlich gibt es in allen klassischen Stücken Stellen, von denen man sich besser nicht trennt. Aber Theater ist eine flüchtige Gegenwartskunst. Wir sollten uns bemühen, immer – egal womit – etwas über unsere Gegenwart zu erzählen. Der Sinn unserer Arbeit ist, für diese Gegenwart zu forschen, zu sprechen und zu spielen.

Diese Arbeit ist nicht nur ein hehres Programm. Sie macht doch auch Spaß?

Ich bin in einem Alter, in dem ich nichts mehr mache, an dem ich nicht auch Spaß habe. Natürlich stellt sich in jeder Arbeit dann auch einmal der Unspaß ein. Irgendwann wird es furchtbar lästig, irgendwann sehr schwer. Irgendwann muss man einfach nur sehr fleißig sein. Während jeder Arbeit gibt es sehr unfrohe Momente, aber ich würde niemals eine Arbeit annehmen, bei der ich mir nicht verspreche, dass sie mich unterhält und mich weiterbringt.

Was meinen Sie mit »weiter bringt«?

Meine Hoffnung ist immer die, dass ich etwas mache, das ich noch niemals gemacht habe. Ich habe keinen Spaß an Arbeiten, bei denen ich nur – ich sage mal – hervorzaubere, was ich ohnehin schon kann. Das kommt vor. Aber das Gegenteil strebe ich an.

Je mehr Neues Sie schon getan haben, desto schwieriger wird es, Neues zu finden.

Das Heldinnenepos mache ich mit der britischen Regisseurin Lily Sykes. Vor zwei Jahren machten wir Orlando. Das war etwas ganz ent-scheidend Neues für mich. Die Regisseurin Lily Sykes hat auch eine Clownsausbildung. Davon macht sie Gebrauch. Nicht mit großen Schuhen und roter Nase, sondern sie erzählt die Geschichten leicht. Auch und gerade die Schwersten. Das deutsche Theater ist damit verglichen ja oft ein richtiger Traktor. Vor allem aber erzählt sie ganz unzynisch, naiv. Sie macht ein freundliches Theater. Das wird in deutschen Theaterkreisen nicht so gern gesehen, (wir habe ja immer dieses Anspruchsmissverständnis), vom Publikum dafür um so mehr…. Wir Schauspieler*innen werden ja oft dazu erzogen, die Leute anzuschreien, ihnen etwas beizubringen, sie vor den Kopf zu hauen. Bei uns geht man gerne davon aus, das Publikum für bescheuert zu halten. Ganz heftig ausgedrückt. So habe ich dank Lily Sykes noch einmal eine ganz andere Seinsweise auf dem Theater kennen lernen dürfen. So etwas bringt mich weiter.

Und Queen Lear am Maxim Gorki Theater?

Ich freue mich auf die für mich neue Spielweise, die das Gorki für sich entwickelt. Ich werde neue Kolleginnen und Kollegen kennenlernen.

Ist das nicht immer so?

Seit der Wende bin ich nirgends mehr fest an einem Theater. Das hatte damals einen ganz persönlichen Grund. Dann entdeckte ich: Für mich ist genau das richtig. Ich wechsle gerne die Kollektive. Das hatte ich bis dahin nicht gewusst.

Schildert King Lear eine Wende?

Das Stück beschreibt eine Situation, in der das Unterste nach oben gekehrt wird. Das Schreckliche ist, dass es – außer Cordelia – darin keine positive Kraft gibt. Lear – ob King oder Queen – ist das auch nicht. Er hat diese Schlangeneier ausgebrütet, die jetzt alles zerstören. Sie sind sein Werk. Sie sind unfähig, über ihren persönlichen Wahnsinn, ihre eigenen Begierden hinaus, etwas für andere zu tun oder gar eine Gesellschaft gestalten zu wollen. In diesem Stück gibt es überhaupt keine Utopie. Das ist die krasse Zuspitzung, auf die wir, wenn wir nicht aufpassen, heute zutreiben?

Gar keine Utopie?

Eine findet sich doch verborgen im Stück. Sie ist aber nicht sehr ermutigend. Wenn Lear mit seinen Freunden beisammen ist und sie nichts mehr haben, dann sind sie auf gewisse Weise frei. Frei von ihren Machtgelüsten. Sie haben nichts mehr, wonach sie streben können und sie haben nichts mehr, was sie glauben, verteidigen zu müssen. Ich empfinde es als eine Art Utopie, dass die Welt jetzt einmal stoppt. Sie kommen auf völlig andere Lebensformen. Bis die Tragik wieder in dieses lustige Narrenleben einbricht und sie am Ende alle tot sind.

Sie tragen einen syrischen Namen, den Ihres ersten Ehemannes, des Informatikers Nabil Harfouch. Wie sehen Sie auf das Geschehen in Syrien?

Zunächst einmal bin ich froh, dass meine unmittelbare Familie inzwischen in Kanada lebt. Die Informationen und Bilder aus Syrien ergreifen mich sehr. Sie kommen mir beängstigend nahe. Vor kurzem sah ich Für Sama, einen Dokumentarfilm von Waad al-Kateab und Edward Watts. Sie müssen ihn sich unbedingt ansehen. Sehen Sie mal in die Arte-Mediathek. Sama ist ein Baby und der Film erzählt, was in Syrien passiert, um diesem Baby, wenn es einmal groß ist zu zeigen, in welche Welt es hineingeboren wurde. »Sama, Du sollst verstehen, warum wir kämpften«, sagt Waad al-Kateab an einer Stelle. Wir sehen dazu das lächelnde Gesicht eines Babys. Bilder von der Revolution, wackelnde Aufnahmen mit einer Handkamera. Sie sehen, wie die Menschen aufatmen. Sie sehen ihren Glauben an die Möglichkeit eines guten Lebens. Dann der Krieg: Bomben, Explosionen und Tote. Kinder werden getötet, Kinder werden geboren. Sie ist mit der Kamera immer ganz dicht dran. Dieser Film rüttelt mich hin und her.

Haben Sie geweint, als Sie den Film anschauten?

Viel und immer wieder. Während der Bombardements bekommt Waad al-Kateab zwei Kinder. Oft dachte ich: Ich kann nicht mehr. Aber dann sagte ich mir: Das ist ja wohl das Mindeste, dass Du die Erschütterung durch diesen Film erträgst. Du darfst nicht wegrennen.

16:07 14.02.2022

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