Sie haben über fünf Jahre an dem Film gearbeitet. Wie hat die Ungewissheit über den Zeitpunkt des Abrisses den Film beeinflusst?
Die Ungewissheit war bei diesem Film ein stetiger Begleiter, vor allem auch für die Menschen, die wir vor der Kamera hatten. Das meiste für den Film haben wir in den Jahren 2022–2024 gedreht. Am Anfang war noch nicht sicher, was genau mit der Brücke passieren wird. Über allem schwebte das Damoklesschwert von Auszug und Abriss, das dann im Laufe des Drehs auch zur Gewissheit für die Menschen wurde. Zwischen unseren Drehblöcken vergingen manchmal Monate. Das brachte oft Überraschungen mit sich, weil zum Beispiel Menschen, mit denen wir schon etwas gedreht hatten, spontan weggezogen sind.
Und als 2023 die Kündigungen kamen, wussten viele der Anrainer*innen oder Clubmenschen lange nicht, ob und wo es für sie weitergeht. Selbst als alle Gebäude schon abgerissen waren, lief noch eine Klage, die den Neubau hätte stoppen oder verändern können. Insofern war auch lange nicht abzusehen, wie es für die Brücke selbst – und damit auch für den Film – ausgehen würde.
Warum erzählen Sie die Geschichte der Sternbrücke über die Menschen und nicht über Abriss und Neubau?
Die Abrisse und den Neubau fand ich schon auch sehr faszinierend, und ein paar Bilder davon sind im Film zu sehen. Grundsätzlich interessiert mich bei meinen Dokumentarfilmen aber nicht so sehr ein Thema, sondern ein bestimmter Ort und seine Menschen. Und wenn ich bei der Recherche vor Ort mit interessanten Menschen ins Gespräch komme, will ich sie natürlich auch im Film haben. Hier an der Sternbrücke gab es die Großstadt wie unter einem Brennglas: so viele unterschiedliche Menschen auf so engem Raum. Das ist auf jeden Fall ein guter Ausgangspunkt für einen Film.
Was interessiert Sie an Menschen und Lebenswelten, die oft übersehen werden?
Mich interessieren die Nischen in der Großstadt. Bei der Recherche an der Sternbrücke bin ich als allererstes im Kiosk unter der Brücke mit Menschen ins Gespräch gekommen und habe von dort aus meine Fühler ausgestreckt. Das hat auch den Film geprägt: Einige der Protagonist*innen befanden sich in einer für sie existenziell bedrohlichen Situation, sie lebten und arbeiteten prekär an der Brücke. Wenn wenig Geld da ist, wird auch einfach mal improvisiert. Und das ist viel interessanter als das reibungslos Verlaufende.
Einige, wie zum Beispiel Martina aus dem Kiosk, hatten ihren eigenen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und die Dinge vor Ort. Im Unterschied zu den Forderungen der Initiative Sternbrücke beispielsweise sind das Perspektiven, die sonst nicht so sehr im öffentlichen Diskurs vorkommen. Und die Menschen in den Nischen haben oft auch einfach einen guten Humor. Das ist etwas, was ich in jedem meiner Filme versuche einzufangen.
Was erzählt die Sternbrücke als Mikrokosmos über Hamburg – und vielleicht auch über andere Städte?
Die Sternbrücke stand wie wenige andere Punkte in dieser Stadt für eine Subkultur, vor allem auch eine musikalische, die sehr spezifisch für Hamburg ist. Gleichzeitig steht sie auch für ein universelles Phänomen, vergleichbar der Situation in vielen Großstädten: Es gibt die teuren, etablierten Lagen zum Leben und Arbeiten, die sich nicht alle leisten können. Und dann gibt es Gegenden, die nicht so beliebt sind und in denen deswegen Menschen mit weniger Geld ihre Nische zum Leben und Arbeiten finden können.
Die alte Sternbrücke war ein schrabbeliger, sehr lauter Ort mitten in der Stadt. Also hatten hier immer mehr Musikclubs ein Zuhause gefunden, ein nicht-kommerzieller Kunstraum sowie kleine Imbisse, die froh waren, überhaupt einen Platz bekommen zu haben, auch wenn die Mietverträge immer nur befristet verlängert wurden. Das waren hier kleine Freiräume, Orte, an denen etwas entstehen konnte, ohne dass es so geplant war.
Warum brauchen Städte diese Orte, die sich einer vollständigen Planung entziehen?
Solche Flächen schaffen Freiräume für Experimente und helfen damit bei der Entwicklung von Neuem, sowohl im kulturellen als auch in anderen Bereichen. In vielen Städten kann man auch die informelle Aneignung von vakantem Stadtraum durch die unterschiedlichsten Gruppen beobachten. Das ist ein wichtiges Korrektiv zur zunehmenden Durchregulierung öffentlicher Räume. Denn wo können beispielsweise junge Menschen mit der Idee eines Kulturorts noch hin? Dass das damals hier, direkt unter einer Brücke, also einer Infrastruktureinrichtung, ging, war natürlich auch Zufall und sehr speziell. Grundsätzlich brauchen wir Orte und Flächen, die sich der Logik der Renditeoptimierung entziehen und an denen etwas Unvorhergesehenes stattfinden kann.
Welche Bedeutung hatte die Sternbrücke für die Menschen?
Die alte Sternbrücke hat ein starkes Zugehörigkeitsgefühl ausgelöst. Für viele ist sie elementarer Teil ihrer Jugend, weil sie zahlreiche Nächte in den Clubs unter der Brücke verbracht haben. Für andere war sie ein Transitort, an dem sie im Alltag immer wieder vorbeigekommen sind. Und natürlich hat diese Brücke die Menschen, die unmittelbar an ihr gewohnt oder unter ihr gearbeitet haben, noch viel mehr geprägt. Für manche war dieser Ort die Existenzgrundlage.
Ich selbst hatte ja auch eine Verbundenheit aus dem Alltag mit der Sternbrücke. Und als ich davon erfuhr, dass ihre Existenz bedroht ist, habe ich den starken Impuls verspürt, diesen Film zu machen. Dennoch bin ich bis heute davon überrascht, welche große Bedeutung eine alte Brücke für so viele Menschen haben kann, weit über das Viertel hinaus. Die Sternbrücke war mehr als nur eine Straßenkreuzung mit viel Verkehr: Sie war ein vertrauter architektonischer Anker im täglichen Leben, Teil einer verbindenden Stadtidentität. Und das ist wieder ein universelles Phänomen: Die Identifikation mit einer Stadt oder einem Stadtteil passiert über unterschiedliche Ebenen. Für die einen ist es ein Verein, ein Dialekt oder ein Lebensgefühl, meist sind es aber Orte und Bauwerke – und da nicht unbedingt immer die offensichtlichsten –, die stark identifikationsstiftend sind.
Hat sich Ihr Blick auf den Film verändert, seit die neue Sternbrücke Realität ist?
Zum Teil ja. Der Transport der neuen Brücke hatte eine Art Volksfestcharakter: Zahlreiche Menschen sind sogar extra angereist, um den Transport vor Ort zu sehen. Viele waren begeistert von der logistischen Leistung des Brückentransports mitten durch ein Wohngebiet, einige auch von der neuen Brücke selbst. Und dieser riesige Körper aus Stahl ist ja auf eine Art auch faszinierend. Gerade deshalb ist mein Film wichtig: Er zeigt, dass neben der Geschichte von der neuen Brücke auch noch andere Geschichten existieren.
Ein ehemals denkmalgeschütztes Bauwerk sowie sieben Gebäude wurden abgerissen, Menschen mussten wegziehen, Kulturorte weichen. Ganz klar: Auch jede andere Lösung hätte Umbrüche und Veränderungen mit sich gebracht. Aber wenn ich die neue Brücke jetzt sehe, finde ich nach wie vor, dass die Planung des Neubaus mit Rücksicht auf den Stadtteil und das gesamte architektonische Stadtbild viel ganzheitlicher und mit mehr Sensibilität hätte stattfinden müssen.
Was könnte Sternbrücke Forever in zwanzig Jahren über unsere Zeit erzählen?
Die Ressource Raum wird in den Ballungszentren weiterhin sehr knapp und umstritten sein. Im besten Fall gibt es in der Zukunft grundsätzlich eine integrierte Stadtentwicklung unter Berücksichtigung aller Akteur*innen und mit Sensibilität für das jeweilige Umfeld. Sieht man den Film dann, wundert man sich im Rückblick vielleicht, warum das nicht schon damals umgesetzt wurde.
Vielleicht gelingt es dem Film ja, ein Panorama aus gesellschaftlichen Facetten und individuellen Charakteren abzubilden. Schön wäre es natürlich, wenn in zwanzigJahren deswegen immer noch viele Lust haben, den Film zu gucken, einfach um die Menschen und Atmosphäre der alten Sternbrücke zu erleben. Auf jeden Fall ist der Film Dokument eines besonderen Ortes, der bereits jetzt unwiderruflich verschwunden ist.