Nick Reimer
27.12.2012 | 17:25 21

Als die Flüsse schäumten

Umwelt Eines steht fest: Der Natur geht es heute deutlich besser. Erinnerungen an die Umweltverschmutzung im Ostblock

Nach den positiven Seiten des Lebens zu suchen, machte manches erträglicher. Also musste es ja für irgendetwas gut sein, dass es mich 1985 ins Gaskombinat Schwarze Pumpe verschlagen hatte, genauer: in die Brikettfabrik Ost. Ausgesucht war das nicht. Ich war “Delegierter“, jemand der Erfahrungen in der sozialistischen Produktion sammeln sollte. Und das musste doch wohl irgendeinen Sinn ergeben – Lehren fürs Leben.

Einige waren recht offensichtlich. Zum Beispiel, dass man seine Wäsche nicht auf der Leine trocknen sollte, sondern über der Stuhllehne. Die Luft in Schwarze Pumpe stank nicht nur penetrant, sie war auch so getränkt vom Kohlestaub, dass man die draußen getrockneten Kleider gleich wieder waschen musste. Der Kohlestaub klebte zäh im Gewebe. Da mochte man kaum darüber nachdenken, wie eine Lunge aussieht nach längerem Aufenthalt.

Nach fast 30 Jahren wirkt das ein bisschen surreal, die Welt war ja eine andere, auch im Westen. Ozonloch, Waldsterben, der kaputte Rhein, der Müll-Irrsinn der Wegwerfgesellschaft, die Dünnsäureverklappung, der Atomstaat: Die Grünen etablierten sich ja nicht ohne Grund. Anders als im Westen konnte man sich in der Deutschen Demokratischen Republik aber nicht gegen die Umweltzerstörung wehren. Früher war alles besser? Wer im sozialistischen Teil Deutschlands groß geworden ist, der wird um nichts auf der Welt tauschen wollen mit dem Gestern.

Modern marode

Ich lernte jedenfalls damals in Schwarze Pumpe, dass der Sozialismus an seiner Basis ganz schön im Argen lag: Die Rohkohle hatte sich in die Förderbänder gefressen, die Flansche hielten zusammen, weil sie mit Drähten geflickt waren, ein Drittel der Brikettpressen stand still, weil ständig etwas kaputt war. Das modernste Gaskombinat der DDR war ein verdrecktes Provisorium, in dem immer etwas in die Luft flog, Ersatzteile fehlten und die Planerfüllung allenfalls als Satire betrachtet wurde.

In meiner Schicht waren drei Kollegen schon nach dem Frühstück besoffen, zwei andere waren erst gar nicht gekommen. Der Meister pflegte ab Schichthälfte ein Nickerchen zu machen. Nach der Schicht verausgabte er sich bei der Schwarzarbeit – mit einem Kumpel auf dem Bau.

Dabei war hier in der Lausitz alles deutlich weniger schlimm als im anderen Braunkohlerevier, im Mitteldeutschen bei Leipzig. Brikettfabriken wie die in Espenhain waren dort schon zu Kriegszeiten in Betrieb. Entsprechend alt und verschlissen war die Technik. Außerdem ist die Kohle dort wesentlich schwefelreicher, was den sauren Regen zur Folge hatte, der nahezu den kompletten Baumbestand im Erzgebirge vernichtete. Mitte der achtziger Jahre gab es auf dem gesamten Gebirgskamm keinen einzigen Flecken mehr, in dem gesunder Wald zu finden war. Offiziell galten Ende der achtziger Jahre 54 Prozent des DDR-Waldes als krank.

Natürlich machte der saure Regen keinen Umweg für die Städte. Hier griff er die Bausubstanz an, das Kronentor des Dresdner Zwingers genauso wie die Wohnung daheim im Universitätsstädtchen Freiberg. Wobei die Menschen hier vor allem unter der „vitaminreichen Luft“ litten, wie der Volksmund spöttelte: „A-, B- und C-Luft“ – Arsen, Blei und Cadmium. Aktenkundig gab es in Freiberg die höchste Missgeburtenrate Mitteleuropas. Aber die Akten wurden von der Stasi wie ein Staatsgeheimnis überwacht.

Die Italiener hatten Ende der siebziger Jahre eine Fabrik an der Freiberger Mulde gebaut, in der Autobatterien eingeschmolzen wurden. Natürlich hatte das in der kleinen Bergarbeiterstadt mächtig für Furore gesorgt: Die Mädchen waren wochenlang auf der Pirsch, um sich einen Luigi oder Toni zu angeln. Sie wollten raus aus dem Nest in die große weite Welt. Manche schafften es bis nach Sizilien. Und wurden dort reichlich unglücklich.

Das italienische Werk an der Freiberger Mulde funktionierte ebenfalls nicht so, wie es sollte. Angeblich waren die Emissionen viel zu hoch. Als wir beim Rat der Stadt nach Messergebnissen fragten und Untersuchungen forderten und Bodenwerte, interessierte sich die Stasi für uns. Im November 1982 war die „Anordnung zur Sicherung des Geheimschutzes auf dem Gebiet der Umweltdaten“ erlassen worden, die faktisch verbot, nach Daten zur Umweltsituation auch nur zu fragen.

Bei den Flüssen musste man das gar nicht. Es reichte die „optische Analyse“. Flüsse gab es vor der Papierfabrik, vor dem Chemiewerk, vor der Wäscherei. Danach gab es Kloaken. Von den 2.900 Flusskilometern der DDR waren 2.400 praktisch tot. In Weißenborn gab es zum Beispiel die erste Papierfabrik an der Freiberger Mulde. Ab da war der Fluss 300 Kilometer ein stinkender Abwasserleiter mit tanzendem Schaum. Greenpeace nahm nach der Wende Proben: „Die Mulde führt Wasser mit wenig Sauerstoff und einer hohen organischen Belastung (pro Liter bis zu 100 Milligramm)“, heißt es in der Elbestudie von 1990. So hatten wir uns das nach der optischen Analyse auch schon zusammengereimt.

Selbstverständlich gab es auch intakte Natur. Die Naturschützer der DDR verwiesen stolz darauf, das Land beheimate die höchste Seeadler-Brutkonzentration Europas. Im Jahr 1984 waren es 110 Paare im sozialistischen Deutschland. Bei den Kapitalisten in der BRD waren es ganze fünf. Meine Mutter drängte mich auch, so oft es ging in den Zellwald zu fahren – der gesunden Luft wegen.

Der Mief aus Brikettschornsteinen, Industrieschloten und Trabi-Abgasen hatte mich als Kind ständig mit Bronchitis gequält. In Schwarze Pumpe musste ich da wieder durch. „Wenn Pumpe dreckt, sieht man hier nüschte“, sagte die Herbergsmutter des AWK 3, des Arbeiterwohnkomplexes, in den man mich quartiert hatte. „Wenn Pumpe dreckt“ bedeutete: Der Wind stand schlecht. Zum Gestank kam dann eben jener Ruß und Staub, der jeden Waschgang zu Nichte machte. Trotzdem ist es im Rückblick fast unvorstellbar, dass man von dem Wohnkomplex aus das Gaskombinat tatsächlich nicht mehr erkennen konnte. Das 800 Hektar große Areal mit seinen drei Kraftwerken, drei Brikettfabriken, zwei Kokereien, mit den Kohlebunkern, dem Gefängnis – oder „Umerziehungslager“, wie sie hier sagten –, seinen Schaltwarten und den Druckvergasungsanlagen lag kaum 500 Meter weit weg und konnte doch gar nicht zu übersehen sein.

Fettiger Film

Aber vielleicht war es ja besser, hier gar nicht so genau hingucken zu müssen. Die Möbel im Arbeiterwohnkomplex 3 waren mit einer fettigen Filmschicht überzogen, die Fenster mit Klebestreifen abgedichtet, der den Staub draußen halten sollte. Die Wände bestanden aus Spanplatten, was schlafraubend war, wenn sich die Nachbarn stritten. Unter der Dusche saß der Schichtleiter, in der Hand eine Wodka-Flasche, den Kopf auf der Brust, und schlief. Zwei Jobs waren auch nicht die Lösung.

Die Menschen in Schwarze Pumpe wurden regelmäßig medizinisch untersucht. Was sie für Krankheiten hatten, erfuhren sie aber nicht. Immerhin hätten sie in der Zeitschrift Das deutsche Gesundheitswesen 1984 lesen können: Am stärksten stiegen die Meldungen zum Nationalen Krebsregister der DDR in jenen Bezirken, die durch Braunkohletagebau und Großkraftwerke unter den größten Umweltbelastungen litten. Aber vermutlich war unter den Schwarze Pumpern niemand, der das Ärzteblatt abonniert hatte.

Die Förderung von Rohbraunkohle stieg in der DDR von 258 Millionen Tonnen im Jahr 1980 auf 296 Millionen im Jahr 1984. Das Gaskombinat Schwarze Pumpe war jetzt der größte Braunkohlebetrieb der Welt. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik werden heute 170 Millionen Tonnen abgebaut, das meiste davon im Rheinland in den drei Großtagebauen Garzweiler, Hambach und Inden.

Aber die DDR wollte ihren Braunkohleabbau bis 1990 auf mindestens 325 Millionen Tonnen jährlich steigern. Im Nachhinein ist deshalb offensichtlich, was mir das Leben mit der Erfahrung in der sozialistischen Arbeitswelt in Schwarze Pumpe sagen wollte: Ich musste dringend etwas dagegen unternehmen.

Kommentare (21)

MopperKopp 27.12.2012 | 17:34

Der Natur geht es also bestens, hoffentlich weiß sie das auch, ansonsten müsste es ihr jemand mal dringend nahebringen.

Ist es mit der regional intakten Natur nicht so: Reiche Staaten sourcen umweltschädigende Fertigung aus, man schaue sich beispielsweise mal Produktionsstätten entsprechender Konzerne an. Wenn man an anderer Stelle vollbrachte Umweltzerstörung reimportieren könnte, dann bekäme der schöne Schein (nicht nur hier) einen gewaltigen Riss.

luggi 27.12.2012 | 22:08

Hab' den Artikel am Sonntag in der Printe gelesen und mich gefragt, warum Nick Reimer nicht Energieminister der DDR geworden ist. Vielleicht waren es ja die beschränkten Möglichkeiten, in einfachen Zusammenhängen zu denken? Dreckschleudern gab es nur in der DDR? Junge Junge, du hast keine Ahnung. Aber polemische "Kritik" zum Wohlgefallen ... für wen eigentlich?

Anfang der 70-er Jahre gab es eine dramatische Zäsur. Wie andere Länder musste die DDR auf den "Erdölschock" reagieren. Energieversorgung war angesagt ... Nutzung der bisherigen Basis und Neubau und Erschließung neuer Ressourcen. Energie gibt es nicht zum Nulltarif.

Wenn der Artikel etwas Sachverstand hätte, dann würde er darüber berichten, wie nachträglich Entschwefelungsanlagen eingebaut wurden ... aber dazu fehlten wohl einige Buchstaben und Sachverstand.

Und einer der literalen Höhepunkte: "Die Menschen in Schwarze Pumpe wurden regelmäßig medizinisch untersucht. Was sie für Krankheiten hatten, erfuhren sie aber nicht." Das nenn' ich Fingersaugjournalismus. Oder es könnte sein, dass der eine oder andere Arzt in Schwarze Pumpe dem einen oder anderen Patienten nicht mitteilen wollte, dass der Patient unter einer Psychose litt ... damals? Egal.

Güterverkehr auf Schiene und Straße und Personen in den ÖPNV, das waren schon umweltschonende Maßnahmen ... aber wer blind ist ...

Die bundesdeutsche Müllmafia war sich für eine Mülldeponie für die Kieler Abfälle nicht zu Schade und pfiff auf allen zehn Fingern auf den Gesundheitszustand der Brüder und Schwestern.

Und. Ich möchte einmal wissen, wieviel Kilowattstunden die BRD vom Braunkohlestrom aus der DDR eingekauft hat. Und dann haben wir den Start für eine Polemik. Das oben Geschriebene ... naja ... die Printe, auf der das stand, erzeugt auch wieder Umweltprobleme ... materielle und geistige.

Rupert Rauch 28.12.2012 | 12:31

"gefragt, warum Nick Reimer nicht Energieminister der DDR geworden ist."

Weil man dazu ein schleimiger Streber sein musste. Quertreiber wurden aussortiert.

"nur in der DDR? Junge Junge, du hast keine Ahnung."

Hat er das behauptet? Oder bist du nur sauer, weil deine (N)ostalgie angegriffen wurde?

 

"Anfang der 70-er Jahre gab es eine dramatische Zäsur. Wie andere Länder musste die DDR auf den "Erdölschock" reagieren."

Ja, und wie auch der Artikel schön zeigt, hat sie es auf ihre Weise getan. Ineffizient und schmutzig, mit der Stasi im Rücken, um die Sauereien zu verstecken. Genauso erinnere ich das auch.

"Energie gibt es nicht zum Nulltarif."

Hat auch niemand behauptet, aber man könnte mit den Problemen offen umgehen. Das war in der hierarchischen und verlogenen DDR-Planwirtschaft aber nicht erwünscht.

"berichten, wie nachträglich Entschwefelungsanlagen eingebaut wurden"

Hast du Quellen dazu? Meines Wissens schob man die Verschmutzung im Erzgebirge, zumindest zum Ende der DDR, auf die ebenfalls planwirtschaftenden Tschechen. Die wohl windgünstig direkt an der Grenze gebaut hatten und offensichtlich ohne Schwefelfilter. Ob das stimmt? Keine Ahnung, das Thema wurde ja unter der Decke gehalten und nach der Wende spielte es keine Rolle mehr.

"andere Arzt in Schwarze Pumpe dem einen oder anderen Patienten nicht mitteilen wollte, dass der Patient unter einer Psychose litt ... damals? Egal."

Was für ein unerträglicher Zynismus deinerseits. Ich habe Menschen erlebt, die man in der DDR regelrecht verheizt hat. Wer z.B. Wehrdienst verweigern wollte, wurde gerne in die Staubverarbeitung geschickt, das kürzte die Lebenszeit sicher so um die 20 Jahre. Du kannst nicht in der DDR gelebt haben oder du warst ein treues begünstigtes Stasi-Kind, von denen muss man sich das Schönreden auch heute noch ständig anhören.

"Güterverkehr auf Schiene und Straße und Personen in den ÖPNV, das waren schon umweltschonende Maßnahmen"

*lol* das war notgedrungen, es fehlte nicht nur Erdöl, man hat es auch nicht geschafft die Bevölkerung mit Autos zu versorgen. Und die, die man baute, waren weder sparsam noch umweltfreundlich, sie stanken zum Himmel, auch die Busse. Ich erinnere mich genau.

"auf den Gesundheitszustand der Brüder und Schwestern."

Weil der Westen auch jede Menge Mist gemacht hat, ist es falsch auf die Fehler der DDR zu verweisen? Die im Westen haben immerhin eine grüne Bewegung gehabt und konnten die Probleme letztlich politisch beseitigen.

 

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2012 | 13:05

die einen erblinden so, andere anders ...

ein stasikind war absolut überrascht, 93 auf dem weg in die fjorde norwegens die grenzwälder zur tschecheslowakei wiederzusehen, es kann nicht sagen, in welchem skandinavischen land genau, aber ein "genauso" und riesige augen, weil immer klar war, im speckgürtel um berlin lebt sichs sauber, die saubersten seen der ddr, gesunde wälder, pilze, die eßbar waren in hülle und fülle (tschernobyl kam irgendwie nicht alarmierend ins bewußtsein) und nie-geld-haben, aber dennoch beweglich sein könnend... die andren hatten nen skoda, gar nen lada oderoder, wir nen trabbi, immer und das stasi-kind weigerte sich, in den beigen zu steigen, weils den grünen, den es "von geburt an" kannte nicht missen wollt, auch, wenn die eltern schon viel länger auf dies beige folgemodell gewartet hatten...

nuja, das stasi-kind radelte sicher durch brandenburgische alleen, von denen heute nur noch als führend in der unfalltotenstatistik die rede ist...

der süden, auch der osten waren mies dran, man schaute sich schwedt an, mocht aber niemalsnich dorthin, der bauernhof in der nähe von leuna war wunderbar und wenn wir mitm grünen trabbi hinfuhren, blieb die welt in ordnung, die zugfahrten zur oma ließen anderes naheliegendes erspähen, aber dem stasikind erschienen die ersichtlichen bauten wie einstmals der kahlo new york vielleicht, fremd, interessant und unbewohnbar ... besichtigen-ja, dort leben-nein...

der speckgürtel, diese landschaft, dies "sauber" wurd dem stasikind mit der wende zerstört, stück für stück frißt sich der grenzwald in meine "heimat", der sauberste see der ddr hatte für eine weile durch wendemaßnahmen keinen fischbestand mehr so wirklich, abm-kräfte, ex-stasis wurden dann dochnochmal zur renaturierung eingesetzt...

es wird gepflastert, gehaun, gefahren, ... zerstört und verpestet, der süden blüht auch wieder und der speckgürtel verliert an gewicht, als frönte er einer magersucht...

 

nuja, muß nu autofahren...

:oops:

 

Rupert Rauch 28.12.2012 | 14:33

Ich bin weit davon entfernt, die jetzige Situation schönzureden. Die Welt geht vor die Hunde, Rohstoffe werden sinnlos und verschwenderisch verheizt, die direkten Umweltprobleme rücksichtslos in die dritte Welt verlagert.

Aber machen wir uns nichts vor: in der Planwirtschaft machte man letztlich nichts besser, dafür aufgrund der extremen Ineffizienz und der Möglichkeit Protest zu unterdrücken, vieles schlechter. Bei nahezu gleicher Verschwendung holte man nur einen Bruchteil des Wohlstandes heraus.

Es macht keinen Sinn diese Zeit romantisch zu verklären und sich zurechtzulügen. Seien wir froh, dass sie vorbei ist und gestalten wir lieber die Zukunft. Diese Aufgabe wird uns noch voll in Anspruch nehmen und vergessen wir dabei nie: eine zentrale Planwirtschaft ist offenbar keine sinnvolle Alternative zum Kapitalismus, so gern ich den los wäre...

 

Rupert Rauch 28.12.2012 | 15:42

Ich bin mittlerweile in BaWü. Ganz nett hier und nicht ganz so kalt wie im Vorerzgebirge.

Die DDR-Arbeitswelt habe ich auch größtenteils nur mittelbar erlebt. Dafür recht kritisch, meine Eltern waren nicht gerade systemkonform.

Episoden mit angetrunkenen Kollegen (wie im Artikel) usw. kenne ich aber nicht. In Sachsen wohl eher unüblich, der Schnapskonsum konzentriert sich im Norden vermutlich mehr, wenn ich dem Klischee glauben schenken darf. Kein allgemein ostdeutsches Problem.

Mein Vater arbeitete sehr viel und im Schichtdienst, auch weil der Verdienst extrem mickrig war und meine Mutter wegen den 4 Kindern zu Hause blieb und uns nicht in den Kindergarten geben wollte. Dort war ich nur kurze Zeit untergebracht, an die ich keine besonders guten Erinnerungen habe (war aber von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich).

In der DDR war weder alles gut noch alles schlecht, aber die Umweltprobleme sind mir überdeutlich im Gedächtnis geblieben. Nicht nur weil wir im Vorerzgebirge wohnten und die Verkahlung direkt mitbekamen, auch die Flüsse waren allesamt stinkende schäumende Abwässer. Von der Elbe über die Mulde bis hin zu dem Bach in unserer Nähe, der unerträglich stank und in den die Färberei ungeklärt ihren Schmutz entsorgte, die Farbe wechselte also von Tag zu Tag.

Ich erinnere mich an einen Besuch bei Königstein und wie wir an der Elbe standen und die Dreckbrühe bei jeder Welle einen widerlichen Dreckfilm am Ufer hinterliess. Das war ökologische Untergangsstimmung. Als ich zum ersten Mal bei Bekannten einen Fluß mit Fischen sah, hat mich das umgehauen, ich wusste gar nicht, dass es sowas noch gab!

Na ja, die Zeit ist vorbei. Zum Glück, ebenso die Repressionen die einige Bekannte von uns ertragen mussten, die allgegenwärtige Korruption (gibst du mir, gebe ich dir), von der vor allem die Funktionäre und Handwerker profitierten.

Ich weine ihr keine Träne nach, die DDR war gut gemeint und wie das so ist mit gut gemeinten Sachen, sie sind meisten schlecht gemacht.

 

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2012 | 16:05

der vater meiner tochter (irgendwannmal doppelt so alt wie ich ;-) ) hatte "die andre seite", allerdings eben speckgürtel+berlin mit "allem drum und dran"...das bedauerlichste an alledem (repressionen) war für ihn aber, daß er mit niemandem bessere gespräche/diskussionen usw über das, was ihn am vordringlichsten interessierte (malerei, kunst, literatur) als mit irgendwelchen kunstverständigen stasileuten, die ihn verhörten, ihm den ausweis wegnahmen, ihm seinen arbeitsplatz wegnahmen, auf daß er sich aufm bau kaputtschuftet usw, ihm ortsverbote erteilten (berlinverbot) usw... ein mädchen, daß mit in dem keller hockte, wo die permanent-party stattfand, wurd in den akten als im geführt, ohne gewußt zu haben, daß sie, wenn dochmal was zu haus erzählt von ihren unternehmungen, dieses in akten landete... nie hatte diese minderjährige, die ebenfalls jana hieß irgendwas unterschrieben und doch "für die stasi" gearbeitet... so war es gut, daß meine eltern keine "guten eltern" waren, wir sprachen größtenteils nicht miteinander und ich fuhr einfach mit leuts von der "jungen gemeinde" weg, egal was sie sagten und ich hielt mich die meiste zeit bei meiner lehrerin auf, die zwei häuser weiterwohnte und als kunstlehrerin etwas ander(ere)s lebte... naja, denk, nur deshalb kann ich davon ausgehen vielleicht, nicht in irgendwems akte als "im" aufzutauchen, ka... meine eltern waren beide programmierer , statistiker usw... aber nunja, stasi heißt immer stasi, egal, was, egal wo und egal inwieweit... über kunst, literatur, malerei war mit denen jedenfalls nicht zu reden, selbst, wenn ich hätt kommunizieren wollen mit denen ;-) ...

meine großeltern lebten in der nähe von greiz/gera, ein kuhdorf weiter draußen, so bekam ich in den sommerferien die grenzwälder wegen meines bedarfs an guten stiften öftermal zu sehen... mein opa ist der einzige mensch, den ich als das, was ich unter einem "kommunisten" verstehe, erlebt habe, er hatte auch arge probleme in seinem betrieb, der die "lichterbögen" in feinstausdrechselei herstellte, an die meine eltern nur über ihn kamen ;-) bzw über die kleine werkstatt, die er sich in seiner garage eingerichtet hatte ... ;-)

lg

luggi 28.12.2012 | 23:27

Ich bin in der Nähe der schlimmsten umweltpolitischen Hölle aufgewachsen, die es in der DDR gab. Da ist dein arzgebargsches Schwefelsäureländlein fast ein Naherholungsgebiet gewesen!

In deiner DDR habe ich nicht gelebt. Deine war phantasielos und nihilistisch. Das hat mir nicht gefallen.

Und.

Vielleicht mögen Schleimer deutsche Minister werden, aber nur in der BRD ... die (Schleimer) schaffen es ja auch zum Bundespräsidenten.

Stasikind war ich leider nicht ... aber zum Kommunisten hat es gereicht. Und die sind für geschlossene Stoffkreisläufe.

Und.

Dein Argument zum ÖPNV konterkariert dich selbst.

Und wie kommst du darauf, dass man es nicht geschafft hat, die Bevölkerung mit Autos zu versorgen? Du bist nicht ganz grün, gell?

Lieschen 29.12.2012 | 11:49

sehr schöner Beitrag, dafür vielen Dank! 

Bei uns (Erzgebirgskamm) hieß die Dreckluft "Böhmischer Nebel". Es stank dann immer nach faulen Eiern. In das kleine Flüsschen, das durch den Ort fließt, wurde das Abwasser ausdem örtlichen Walzwerk vermutlich mehr oder weniger ungefiltert eingeleitet. Das Wasser sah aus wie die berücktigte "Vita Cola" - der Geschmack war wahrscheinlich auch ähnlich.

Wirklich, wer dieses beschissene kleine Drecksland in der Rückschau verteidigt, wie dieser Pittiplatsch oben, hat entweder ein Rad ab oder war in der Zone selber Polit-Krimineller.

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2012 | 12:09

oh, ich gäb viel drum, dies weserbergland zu verteidigen, es ist schön hie und ich bin auf der suche nach nem bezahlbaren hüttchen...

es gibt viel, einige sogar für nen appel, vielleicht auch nochn ei. die hütten liegen gar am fluß, an der weser, drumherum hügel, höhere hügel, als berge gingen sie allerdings keinem südländer durch, ich weiß ;-) ...

diese hütten an der weser, die gibts mit land, viel land, wie gesagt, für nen appel, grad die, die direkt an den fluß grenzen - ohne ei... riesenhütten sinds teils, einige voll "modern" ausgestattet, heizungsanlage neu, fenster neu, dach neu gedeckt, gedämmt + kamine, die schon der kommenden abgasnorm entsprechen ... tolle preiswerte (nicht: billige!) hütten/grundstücke...

aber ach, die weser und das grohnde, akw-s sind beeindruckende bauten, find ich, nicht unschön anzuschaun, find ich und so schön gelegen, find ich und rundherum die nötigen medizinischen einrichtungen, bad pyrmont - die heilkurstadt mit tausenden (leicht übertrieben) an rehakliniken... naja, wo mensch sich von der letzten chemo erholen kann zb...

der ith muß zwischen uns und weser gelagert sein, eine hügelkette, aber nicht klein, so suchen wir und suchen und schauen uns hütten an und....verdammter pißdreck, nirgens findest solch schnäppchen mit fluß gar noch, wie an der weser... mann, da wär selbstversorgen drin, da diese großen flächen direkt am schäumenden... 15000 im schnitt... wär ich um die 60 schon, dann würd ichs tun, ja, scheiß auf krebs und co, ein paar jahre noch so schön wohnen und leben, ja, sichs leisten können ...ja, wär ich um die 60 eben ... shite...

apatit 30.12.2012 | 17:54

“Als die Flüsse schäumten“ Und die Fische strahlten, so wie am Kernkraftwerk Fukushima? Die dann so bestrahlt in den Pazifik schwimmen, besser taumelten und dann so lecker paniert auf unsere Tische kommen! Oder wie ist es mit den Kali-Abwässer in der Werra? Die Fische entwickeln sich, wenn noch vorhanden, zu Salzheringe natürlich im Alumantel. ( Richtig erkannt HADIE )!!!

goedzak 30.12.2012 | 20:30

Der derzeitige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, er heißt Haseloff - ja, muss man nicht kennen - hat vor ein paar Tagen in einem Interview gesagt, dass es ihm, der bis 1989 Akademiker in Vollbeschäftigung war, zu DDR-Zeit schlechter ging als heute den Hartz-IV-Empfängern. Eine struntzdumme Äußerung, die auf nichts als ein paar Zahlenvergleichen beruht. - Vorhersehbar dann auch die Reaktionen. Großes empörtes Geschrei hie, große hämische Zustimmung da. Beide Seiten bewegen sich im vorgebenen Rahmen einer Diskussion um Einkommensquantitäten.

Die in diesem Artikel hier aufgeführten Fakten sind, nehme ich jedenfalls an, nicht zu bestreiten, ebensowenig wie die von Haseloff in Vergleich gebrachten Zahlen zum Einkommen von Akademikern in der DDR damals und von miet- und energiekostenunterstützten Hartzlern heute. Das oben gezeigte Foto ist kein Fake. Vorhersehbare Reaktionen: woanders/heute war/ist's ja genauso schlimm (die einen); neeeeiiiin, das ist Beschönigung/Romantisierung (die anderen). Also, bitte, Leute!

Andererseits, der Artikel bekommt genau den thread, den er verdient. Die DDR/der Sozialismus waren die Inkarnation des Bösen. Gute Vorlage für einen Hollywood-Thriller mit Rettung-vor-der-Zerstörung-der-schönen-Welt-durch-einen-durchgeknallten-Bösewicht-Finale. "Der (?!?) Natur (?!?) geht es heute (?!?) deutlich besser (?!?)."

Die schöne liebe Mutter Natur, ach ja. Von einem dialektisch-historisch geschulten Ex-Bürger der DDR hätte ich ja doch ein wenig mehr Historisierung und Kontextualisierung erwartet.

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Ehemaliger Nutzer 30.12.2012 | 20:53

http://www.youtube.com/watch?v=hKBusvfq0eM&feature=player_embedded

 

I pity the news paper man
Who cannot understand
The way that he's been tricked to lie
With methods underhand
Who takes his cues from falsity
From those who peddle death
Who cover up the truth of things
With each mendacious breath

I pity the newspaper man
Who waves his arms and smiles
Whose arguments construct his truths
With journalistic guile
Who carefully selects his source
To back his twisted cause
Whose face reveals his inner pain
His falseness and his flaws

I pity the newspaper man
His every living hour
His isolated loneliness
His emptiness and power.
The man who as a columnist
Kills children every day
Who puts himself beyond attack
And hides himself away

I pity the newspaper man
In his eco-friendly house
Whose cowardice is plain to see
Whose totem is the louse
The man whose ignorance is clear
Who sells his soul for gain
Whose banner is stupidity
Whose badge a yellow stain

So leave him to the media hacks
And leave him to his friends
To those who push Uranium shares
And their own selfish ends
To experts who are bought and sold
Who lie with every breath
Whose project poisons all the world
With radioactive death

30 Sept 2011

 

gesungen und eigenbegleitet von prof dr chris busby ...

der "newspaperman" is der auch im freitag geschätzte herr monbiot, ne giftschleuder sondergleichen, aber hey, der "guardian" is ne linke qualitätsprinte wie der freitag hmm :roll:  )

im verlinkten blogeintrag is herr busby leicht gesammelt, mehr gibt google her, bestimmt auch herrn monbiot...