Wolfgang Michal
28.06.2012 | 11:30 4

Der Markt soll’s richten

Tollkühn Joost Schmiers und Marieke van Schijndel plädieren in ihrer Streitschrift dafür, das Urheberrecht einfach komplett abzuschaffen

Der Markt soll’s richten

Viele kleine kreative Marktteilnehmer...

Montage: Der Freitag

Immer wenn sich die Lösung eines Problems als besonders zäh und schwierig erweist, taucht mit Sicherheit ein guter Mensch auf und bietet an, den gordischen Knoten mit einem gezielten Hieb zu durchschlagen. Dieser gute Mensch stammt in unserem Fall aus den Niederlanden und heißt Joost Smiers. Zusammen mit seiner Kollegin Marieke van Schijndel hat der an der Kunsthochschule Utrecht lehrende Politikwissenschaftler eine Streitschrift verfasst, in der die beiden Autoren unbefangen und frech erklären, das beste Urheberrecht sei gar kein Urheberrecht.

Potzdonner! Das lässt einen aufhorchen. Und man denkt, die Welt könnte so einfach sein, wenn die Leute nur den Mut hätten, die Verhältnisse, die als unantastbar gelten, radikal infrage zu stellen. Oder, wie es die proletarische Comicfigur Werner mit einer Pulle Flens in der Faust auszudrücken pflegte: „Hau wech den Scheiß!“

Oh Gott, werden unsere politischen Bedenkenträger sofort sagen, geht das denn? Können Urheber ohne ein komplexes Urheberrecht überhaupt atmen, leben und ordentlich Geld verdienen? Ja, es geht, sagen Smiers und van Schijndel. Es geht sogar besser als mit Urheberrecht.

In ihrer Beweisführung umreißen die Autoren vier klare Gedanken: 1. Das Urheberrecht sei nichts anderes als ein frivoler Deck- und Tarnname der Verwerterindustrie, um die Künstler besser ausbeuten zu können. 2. Alle gut gemeinten Ratschläge für eine Reform des Urheberrechts würden die Lage nur verschlimmbessern. Es sei absolut vergebliche Liebesmüh, ein untaugliches Recht irgendwie retten zu wollen. 3. Die Politik müsse Rahmenbedingungen schaffen, die verhindern, dass sich marktbeherrschende Verwerter bilden können. Alles Übrige regle der Markt. 4. Es gibt schon Wege ins Paradies.

Ausgeblendet

Nimmt man diese stringente Beweisführung genauer unter die Lupe, wird es aber doch wieder komplizierter. Denn die Autoren haben sorgfältig ausgeblendet, was ihre Argumentationskette stören könnte.

Smiers und van Schijndel gehen davon aus, dass kreative Schöpfungen zum Allgemeingut der Menschheit gehören und deshalb auch nicht privatisiert werden sollten. Jeder Mensch müsse zu jeder Zeit auf die Schöpfungen der anderen zugreifen und sie nutzen und verändern können. Schließlich stünden wir auf den Schultern von Riesen, und das heißt, all unsere Werke sind in Wahrheit kollektive Schöpfungen der bisher lebenden Generationen. Ein Urheberrecht, das diese tiefe (und banale) Wahrheit leugne und die Wissbegier der Menschen durch exklusive Verwerterrechte, Urheberpersönlichkeitsrechte und drakonische Strafen einenge und von jeglicher Kommunikation abschneide, sei nichts anderes als Zensur. Es fessle die Gesellschaft und hindere sie an ihrer Entfaltung. Ja, selbst den Künstlern verschaffe das Urheberrecht kein ausreichendes Einkommen. Es schütze letztlich nur die Profite der „Kreativindustrie“ und die Interessen einiger Superstars.

Smiers und van Schijndel treiben ihre Dämonisierung des Urheberrechts schließlich so weit, dass sie allen Ernstes (und auch ein bisschen wahrheitswidrig) behaupten, niemand dürfe unter dem Regime des bestehenden Rechts etwas schreiben, filmen oder spielen, das auch nur „in einem winzigen Detail“ an ein früheres Werk erinnere oder erinnern könnte. Allein der Rechteinhaber habe darüber zu bestimmen, was mit einem Werk gemacht werden darf. „Wir anderen dürfen dem Werk also zum Beispiel nicht widersprechen.“ (sic!)

Und damit auch keiner auf die Idee kommt, das Urheberrecht durch Reformen doch wieder salonfähig zu machen, entlarven die beiden Autoren im zweiten Schritt alle gut gemeinten Versuche als „unbefriedigende Alternativen“. Dazu zählen sie die Vorschläge der Piratenpartei ebenso wie die Ausweitung der sogenannten Schrankenregelungen (Fair Use, Tauschlizenz, Kulturflatrate) die Einführung von Creative Commons-Lizenzen oder die Stärkung der Urheber gegenüber ihren Verwertern.

Zwischen Wahn und Märchen

Sämtliche Anstrengungen, das Urheberrecht an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts anzupassen, könnten „die grundsätzlichen und praktischen Probleme nicht lösen“. Heraus kämen allenfalls Flickschusterei, verwirrende Paragrafen und staatlich verordnete Bürokratie. Warum sollte man derart unsinnige Irrwege einschlagen? „Es gibt nämlich ein besseres Instrument, um sehr vielen Künstlern und ihren Werkmittlern zu einem angemessenen Einkommen zu verhelfen und zugleich sicherzustellen, dass unser an frei zugänglicher künstlerischer Kreativität und an frei nutzbarem Wissen reiches Gemeinwesen nicht privatisiert wird. Dieses Instrument ist der Markt.“

Holla! Mit dieser unerwarteten Lösung verblüffen uns die beiden Autoren, die wir bis dahin eher zu den Utopisten und idealistischen Schwärmern gerechnet hätten. Smiers und van Schijndel plädieren dafür, den Markt nach der Abschaffung des Urheberrechts allein über das bestehende Wettbewerbsrecht zu regulieren. Wollen uns die beiden damit veräppeln? Wollen sie das Übel – wie Till Eulenspiegel – mit den eigenen Waffen schlagen? Nein, Smiers und van Schijndel glauben fest daran, dass sich durch eine konsequente Anwendung des Wettbewerbsrechts – das eine Zerschlagung beziehungsweise Entflechtung marktbeherrschender Konzerne beinhaltet – Chancengleichheit und Gerechtigkeit herstellen ließe.

Für Urheber und Verwerter sollten „level playing fields“ geschaffen werden, was sich zunächst so anhört wie eine Mischung aus tabula rasa und kambodschanischer Umerziehung. Alle Marktteilnehmer hätten – ähnlich wie nach einer Währungsreform – das gleiche Startkapital zur Verfügung und könnten damit munter drauflos produzieren. Da jeder in diesem wahrhaft freien Markt jedes Werk kopieren, verändern und verwerten dürfte, entstünde mit der Zeit eine kreative Vielzahl von Kleinunternehmen und Kleinkünstlern. Konzerne könnten sich nicht bilden, da sie – mangels Urheberrecht – keine exklusiven Schutzrechte an sich reißen können. Der freie Markt, die sozialen Netzwerke und die gesellschaftliche Moral würden außerdem dafür sorgen, dass Diebe, Betrüger und Trittbrettfahrer entlarvt und an den Pranger gestellt würden. Fairness würde so belohnt, Qualität würde sich durchsetzen.

Das klingt für manche wie ein Märchen, für andere wie heller Wahn, doch genau mit dieser naiven „Schockstrategie“ wollen die Autoren einen „Paradigmenwechsel“ beim Nachdenken über das Urheberrecht erzwingen. Einige Beispiele, die sie im vierten Kapitel anführen, sollen den Ruf nach Abschaffung des Copyrights untermauern.

Es ist zu hoffen, dass dieses tollkühne Buch, das in den Niederlanden bereits vor drei Jahren erschienen ist, der festgefahrenen Debatte in Deutschland wieder neues Leben einhaucht. Denn wer so fröhlich die kapitalistische Logik ignoriert, die Kräfte des Marktes idealisiert und an die Anständigkeit einer urheberrechtslosen Gesellschaft glaubt, dem muss man einfach zuhören – mit einem leisen und wehmütigen „Yes, we can“ auf den Lippen.

Kommentare (4)

Tiefendenker 29.06.2012 | 23:10

Erstmal Danke an WOLFGANG MICHAL fürsen diskussionswürdigen Beitrag!!!

Was Smiers und van Schijndel da versuchen ist alles andere als ein großer Wurf und ein radikales Herangehen, sondern schlichtweg ein Widerspruch in sich selbst. Die beiden beweisen damit nur, dass sie die neoloiberale Ideologie mit ganz großen Löffeln gefressen haben.

Wie kann man allen ernstes den Widerspruch des Verwertungszwangs auf den Märkten einerseits und das Schwinden der Vewertungspotenziale durch die moderne Technik andereseits auflösen wollen, indem man dann doch nur ein noch einfältigeres, plakatives Marktdenken vorschiebt? Merken die beiden noch was???

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Es gibt nur eine vollständige Lösung, nämlich nicht das Urheberrecht abzuschaffen, sodnern den Kapitalismus, der den Verwertungszwang systemkonform einschließt und überhaupt erst notwendig macht.

Müssten die Werke der Urheber nicht die "Warenform" annehmen, sondern könnten in einer Universalbibliothek (gilt analog für Patente usw.) der ganzen Menschheit zur Verfügung gestellt werden, dann würde daraus auch ein potenziell viel größerer Nutzen und somit "Reichtum" für alle Menschen entstehen, anstatt Profit für wenige. Dieser Gedanke ist konsequent!!!

Wir sollten uns lieber dafür einsetzen Ware und damit auch Geld und somit Lohnarebit als geselslchaftliche Formen zu überwinden und sie durch eine Verwaltung der Dinge und des notwendigen Aufwandes zu ersetzen. Das Urheberrecht kann dann bleiben und bräuchte nur so umformuliert werden, wie es der kreativen Entwicklung förderlich wäre (inkl. Zitatrecht, Entfremdung und Veränderungsrecht). Dann entsteht unbgerenzet Freihet anstatt eines stark regulierten, von den Verwertungsinteressen diktiertes Beschneiden eines eh begrenzten Freiraumes. Das ist ein Unterschied.

Nur die heutigen Nutzniesser wollen uns immer gern etwas anderes Glauben machen.

Was Smiers und van Schijndel da an den Tag legen ist das typsiche Denken zur systemimmaneten Widerspruchsbearbeitung.

Die Unsichtbaren Deutschen 01.07.2012 | 21:56

Der Markt hat der Kunst sehr viel weitergeholfen. Shakespeare hätte es ohne den Markt gar nicht gegeben. Seinerzeit war sein Theater das Äquivalent der heutigen Populärkultur. Das Theater von Shakespeare ist sehr gewalttätig wie heute die Actionthriller. Das frühere System der Patronage durch Könige, Fürsten und Päpste ordnete die Arbeitszeit der Künstler religiöser Malerei, Portraitbilder der Mächtigen u.a. zu.

Erst der Markt hat die Bereicherung von einzelnen Künstlern hinter dem Rücken der Produzenten möglich gemacht.

Sie müssen einmal darauf achten, was sie kritisieren. Der Zweck des Urheberrechtes ist es geistige Arbeit als Ware anbietbar zu machen auf dem Markt.

Das Urheberrecht ist nicht so gemacht, dass die Schöpfungshöhe z.B. gegen einen bestimmten Anteil an der Güterproduktion in Wert gesetzt werden kann, ohne einen Markt für die Monetarisierung zu verwenden.

Die Wertschöpfung über die Schöpfungshöhe ist überhaupt nicht klar, wieviel Wert enthält "Hamlet" ?

Hamlet = 1000 Ein-Familienhäuser

Hamlet = 3 spanische Hotels

Ich habe den Eindruck, dass Sie erst einmal diese Frage beantworten sollten, ob es eine natürliche Möglichkeit gibt geistige Arbeit zu quantifizieren. In  jeder Volkswirtschaft muss Arbeitszeit verteilt werden. Ein Künstler müsste in einer kommunistischen Gesellschaft einen guten Grund haben, weshalb er lieber TV-Shows, Lieder und Romane produzieren will als sich an der Arbeit zu beteiligen.

Nun könnte eine kommunistische Gesellschaft auf den Berufskünsstler verzichten und nur noch Amateur-Künstler zulassen, um sich nicht mit dem Wertproblem auseinanderzusetzen. Die Amateur-Künstler produzieren einfach geistige Produkte mit Investitionsmittel aus eigenem Haushaltsmittel.

Bei einfachen Gütern wie Songs und Romanen wird das klappen. Was ist aber mit aufwändigen Filmen, TV-Shows, Fernsehserien. Oder Patenten, Geschäftsprozessen etc., sie haben ein winziges Publikum und können keine Anreize durch "soziale Ehre" und Berühmtheitsversprechungen machen.