Marc Ottiker
29.01.2013 | 01:00

Film als Nachschlagewerk

Moderne Die Filmedition Suhrkamp weckt den Cineasten im Leser und umgekehrt. Zu entdecken gibt es Welten wie die von Werner Fritsch

In den Wirren um den Suhrkamp-Verlag gerät schnell mal aus den Augen, dass der Verlag zwar primär über seine Bücher bekannt geworden ist, aber seit gut drei Jahren auch mit einer exquisiten Filmedition aufwarten kann. Dabei orientiert sich das Selbstverständnis der Reihe an einem Ausspruch des verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld, der einmal anmerkte, sein Verlag verlege keine „Bücher, sondern Autoren“. In der Tat ist eine Autorschaft ja spätestens seit Bertolt Brecht (Suhrkamp-Autor) nicht auf das Verfassen von Schriften zu beschränken, exemplarisch hierfür steht Alexander Kluge (Suhrkamp-Autor). Das „Buch“, oder sagen wir besser: der Text, prägt also diese Reihe und geht eine Symbiose mit dem Cineastischen ein.

Ein Blick auf die Werkliste lässt dem Cineasten mitunter den kurzen Atem stocken. Jean-Luc Godards legendäre Histoire(s) du cinéma mit einem Essay von Klaus Theweleit findet sich da neben Chantal Akermans Beschäftigung mit Prousts Roman Die Gefangene, buchstäblich editiert mit Texten von Birgit Kohler, Thilo Wydra und Ulrich Peltzer. Dann Max Frisch. Citoyen, der Max Frisch-Film des Dokumentaristen Matthias von Gunten, einem der feinsinnigsten Ethnographen Schweizerischer Eigenart. Sein Film Reise ins Landesinnere aus dem Jahr 1988, ein Porträt der Schweiz am Vorabend grundsätzlicher Umbrüche, ist mir noch immer unvergesslich.

Oder Ich bin keiner von uns. Filme, Porträts und Interviews von und mit Hans Magnus Enzensberger. „Etwa 300 Minuten“ heißt es, angesichts der auf den zwei DVDs vermuteten Trouvaillen von Verlagsseite lapidar. Und natürlich besagter Alexander Kluge. Neben den mittlerweile berühmten Nachrichten aus der ideologischen Antike sind Die Früchte des Vertrauens eine der besten Beiträge über die Finanzkrise. Auf den vom Verlag ebenfalls mit knochentrockenem Understatement angepriesenen „Vier DVDs mit Materialien. 658 Minuten“ verknüpft Kluge auf begeisternde Weise und mittels handverlesenen Gesprächspartnern (auch Joseph Vogl ist dabei) Geschichte mit Analyse. DVDs entpuppen sich hier als eigenständiges Medium. Film als Nachschlagewerk.

Das Erzählen gelernt

Die jüngste Veröffentlichung hebt zwei besondere Schätze ans Licht. Das sind die Gewitter der Natur und Faust Sonnengesang, beide von Werner Fritsch. Mit Cherubim und Nico – Sphinx aus Eis näherte sich Fritsch bereits zwei sehr unterschiedlichen Außenseitern über monologische Texte; dem auf dem elterlichen Bauernhof in der Oberpfalz angestellten Knecht Wenzel Heindl, der Fritschs Kindheit prägend begleitete, und der Pop-Ikone Nico. In beiden Texten werden die Traditionen des „Oral Storytelling“ virtuos in Literatur übersetzt. Wenzels eigentümliche Sprache lässt in Buchform eine wahrhafte „Mund-Art“ erstehen, während Nicos Leidensgeschichte die Basis eines weltweit oft aufgeführten Theatermonologs bildet.

Mit Das sind die Gewitter der Natur hat Fritsch nun den über 80-jährigen Wenzel Heindl beim Erzählen gefilmt, dabei ist ein einzigartiges Dokument höchst subjektiver Vermittlung von Zeitgeschichte entstanden. Gerade diese Subjektivität verschafft dem Stoff eine urmenschliche Gültigkeit. Wir können hautnah erleben, wie ein Mensch die eigenen traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts durch Erzählen in einen imaginären, geradezu mythischen Ort überführt und so für sich begreifbar macht.

Fritsch betont immer wieder, dass er durch Wenzel Heindl von Kindsbeinen an das Erzählen gelernt habe. So ist es nur folgerichtig, dass er mit Faust Sonnengesang Wenzels Methode für sich selber anwendet. Der 180 Minuten lange Film ist ein innerer multimedialer Monolog, der Sprache (unter anderem kongenial von Ulrich Matthes rezitiert), betörende Musik und eine reiche Bilderwelt vollkommen gleichberechtigt wirken lässt. Das Material hat er aus in vielen Jahren gesammelten filmischen Lebens- und Reisenotizen montiert. Fritsch schildert sich selber als Faust, der aus einer Zwischenwelt heraus privates Erleben und den Weltenlauf deutet, eine eigene Sprache für diesen Schattentanz suchend. Bei allen assoziativen Sprüngen und fließenden Übergängen ein narrativ stringent aufgebautes Filmgedicht, kühn und inspirierend.