Jana Hensel, Jakob Augstein
08.03.2012 | 07:00 74

Pastor der Unfreiheit

Kirchentag 1988 Akten aus dem Archiv der DDR-Staatssicherheit zeigen, wie Joachim Gauck in Rostock einen „Kirchentag von unten“ verhindert hat

Es sind junge Menschen in Jeans und Lederjacken, Frauen in wehenden Kleidern, Punks mit Nagelketten, linke Skinheads und Langhaarige. Sie sitzen da „wie weiland die 68er-Generation in der Bundesrepublik, und wollen beweisen, dass sie mündig sind, dass sie keine Gängelei von oben mehr ertragen können, dass sie eigenverantwortlich handeln wollen und können.“

So beschrieb die Frankfurter Rundschau im Juni 1987 jene rund 600 Leute, die sich in der Friedrichshainer Pfingstgemeinde trafen, um am Rande des offiziellen Kirchentages der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg einen anderen, einen „Kirchentag von unten“, abzuhalten. Dieser Akt zivilen Ungehorsams machte das Christenfest in der Hauptstadt zu einem wichtigen Datum in der Verfallsgeschichte der DDR.

1988 nun, nur ein Jahr später, durfte sich ein solches Szenario auf dem Kirchentag der Protestanten in Rostock auf keinen Fall wiederholen. In Zeiten von Glasnost und Perestroika fürchtete die Staatsmacht der DDR nichts so sehr wie öffentliche Kundgebungen und Auftritte von oppositionellen Gruppen. Die Menschen, die auf eine Veränderung wie unter Michail Gorbatschow hofften, hätten das als ein Zeichen von Schwäche gedeutet.

So bekam Joachim Gauck als Vorsitzender des Kirchentagsausschusses der Landeskirche eine wichtige Aufgabe. Er sollte einen Kirchentag im Sinne der Kirchenleitung durchführen und dabei alle Konflikte mit dem SED-Regime vermeiden. Wie die Akten aus dem Archiv der Staatssicherheit, die dem Freitag vorliegen, belegen, hat er dabei maßgeblich eine erneute „Kirche von unten“-Veranstaltung verhindert.

Gauck, der vor drei Wochen seine zweite Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten bekanntgab, wurde in den vergangenen Wochen oft als Bürgerrechtler bezeichnet, obwohl er vor dem Herbst 1989 keiner oppositionellen Gruppierung angehörte. Die von der Staatssicherheit über seine Person angelegten Akten zeigen nun, wie er in der Vorbereitung des Kirchentages dem Druck staatlicher Stellen nachgegeben und dadurch die Arbeit von Dissidenten wie Heiko Lietz erheblich behindert hat. „Ich bin während des Kirchentages in meinen Möglichkeiten, mich zu entfalten, massiv eingeschränkt worden“, sagt Lietz dem Freitag, nachdem er zum ersten Mal Einblick in die betreffenden Aktennotizen genommen hat.

In einem IM-Bericht vom 2. November 1987 heißt es: „Zum Kirchentag 1988 in Rostock sagte Gauck eindeutig, dass ,wir‘ keinen sogenannten Kirchentag von unten haben wollen und es in Rostock nicht zu solchen Ausschreitungen wie in Berlin kommen wird. Der gesamte Kirchentag ist ein Kirchentag von unten, aber Missbrauchshandlungen läßt er nicht zu … Rostock ist nicht Berlin – Gäste haben sich zu fügen und einzuordnen.“

Rostock ist nicht Berlin

Die staatlichen Behörden hatten schon früh Kontakt zu dem ehemaligen Stadtjugendpfarrer aufgenommen. Im Rahmen eines bereits im April 1983 begonnenen „operativen Vorganges“ (OV), in dem Gauck der Name „Larve“ gegeben wurde, kam es immer wieder zu sogenannten Informationsgesprächen zwischen Mitarbeitern der Staatssicherheit und Joachim Gauck. Ein OV diente eigentlich dem Zweck der „Feindbearbeitung“; mithilfe dieser Maßnahme sollten strafrechtlich relevante Informationen zusammengetragen und eine mögliche Verhaftung vorbereitet werden.

Von 1974 bis zum Ende der DDR wurde Joachim Gauck von hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit aufs Schärfste überwacht. In seinem Erinnerungsbuch Winter im Sommer – Frühling im Herbst aus dem Jahr 2009 schreibt er, dass ein Dutzend IM über ihn berichtet haben, sein Telefon abgehört und die Post geöffnet wurde, dass zeitweilig Wanzen in der Wohnung eingebaut waren und heimlich Wohnungsdurchsuchungen stattgefunden hatten.

Joachim Gauck und Heiko Lietz kennen sich bereits aus Schulzeiten. Beide haben diesselbe Oberschule in Rostock besucht, später dort gemeinsam Theologie studiert. Enge Freunde waren sie nicht, trotzdem haben sie sich bis zum Jahr 1990, als Gauck nach Berlin zog, nie aus den Augen verloren. Lietz, der 1943 geboren wurde und drei Jahre jünger ist als Gauck, war bereits 1981 aus dem Kirchendienst entlassen worden. Er gehörte neben Hans-Jochen Tschiche und anderen zu den Gründern des DDR-weiten Netzwerkes der Friedensgruppen, Frieden konkret.

Die Mitarbeit an den Vorbereitungen zum Kirchentag wird Lietz anfänglich verweigert. Den bekanntesten Dissidenten Mecklenburgs kann man nicht gebrauchen. In einem Zwischenbericht vom 26. August 1987 heißt es: „Zur inhaltlichen Vorbereitung wurden bereits Arbeits- und Themengruppen gebildet. Hierbei ist erkennbar, dass „Larve“ an keinen Themen interessiert ist, die sich offen gegen die staatlichen Verhältnisse in der DDR richten. Aus diesem Grund hat er den Lietz, Heiko … anfangs nicht mit in den Vorbereitungskurs für den Kirchentag 1988 einbezogen. Erst auf Drängen von Lietz wurde dieser nachträglich in eine Themengruppe integriert und als Themenleiter eingesetzt.“

Nun sind solche Akteneinträge der Staatssicherheit keine objektiven Tatsachenberichte; es lag stets im Interesse der Stasi-Mitarbeiter, ihre Berichte im Sinne der Vorgaben zu verfassen. Dennoch sagt Heiko Lietz zu diesem Eintrag: „So war es. Ich habe sehr genau gemerkt, dass ich von der Kirchentagsleitung ausgebremst wurde. Ich wurde als Vorsitzender der landeskirchlichen Arbeitsgruppe für konziliare Prozesse nicht in den Vorbereitungskurs eingeladen.“

Wenige Tage vor dem Kirchentag wurde Lietz dann als Leiter dieser Arbeitsgruppe abberufen und durch den staatsnahen Pfarrer Dietmar Prophet ersetzt. Prophet wurde nach dem Mauerfall als IM enttarnt. Lietz erinnert sich: „Wir hatten nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, auf dem Kirchentag aktiv zu werden.“

Eine vertane Chance

Heiko Lietz nennt den Rostocker Kirchentag im Nachhinein eine „vertane Chance“, aber fügt gleichzeitig einschränkend hinzu: „Ich hatte auch nie die Erwartung, dass Jochen Gauck jemand ist, mit dem ich mich gemeinsam auf den konfliktreichen Weg in eine bessere Gesellschaft machen kann.“ Fragen nach gesellschaftlichen Veränderungen konnten in Rostock kaum thematisiert werden: „Was nützten Umweltgruppen, wenn sie keine verlässlichen Daten über die wirklichen Zustände im Land erhielten? Was nützten Menschenrechtsgruppen, wenn sie nicht ins Ausland reisen konnten? Was nützten Friedensgruppen, wenn junge Menschen in der DDR den Wehrdienst nicht verweigern konnten?“

In einer Aktennotiz der Geheimpolizei über ein Vorbereitungstreffen vom 9. Mai 1988 heißt es: „Wörtlich äußerte Gauck: ‚Der Kirchentag 1988 ist zum Feiern da und nicht zum Demonstrieren!‘ “ Die staatlichen Behörden jedenfalls waren mit der Art, wie Joachim Gauck den Kirchentag organisierte, zufrieden. In einer Tonbandabschrift vom 27. Juli 1988 ist vermerkt, „… immer wieder bekräftigt Gauck, dass er mit dem Herrn Lietz nichts gemein habe, dass er schon mehrere Gespräche mit Herrn Lietz geführt hat, dass dieser Mann keine Chancen hat, ein Kirchentag von Unten zu organisieren… Im Nachhinein lässt sich eindeutig aussagen, dass die Versprechen, die Gauck gegeben hat, auch von Herrn Gauck verwirklicht wurden.“

Joachim Gauck selbst wollte sich zu diesen Vorgängen gegenüber dem Freitag nicht äußern. In seinen nach dem Mauerfall verfassten Erinnerungen allerdings schreibt er über den Kirchentag: „Wir forderten einen Dialog ohne Beschränkung. Wir wollten die SED zwingen, sich zu unseren friedenspolitischen und zu unseren Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsthemen zu äußern… Doch es kam zu keinem Dialog.“

Den Ost-Berliner „Kirchentag von unten“ von 1987 bezeichnet er fast 20 Jahre später als eine „innerkirchliche Spaltung“, die er „auf jeden Fall verhindern“ wollte. Deshalb habe man sich entschieden, „weder Themen noch Teilnehmer auszuschließen... Und so wurden selbst Ausreiser und Oppositionelle… in den Kirchentag integriert.“

In den Akten der Staatssicherheit liest sich das allerdings ganz anders. Demnach wandte Gauck sich damals „gegen die Ausnutzung des Kirchentages durch Übersiedlungsersuchende und forderte auf, solche Personen zur Abstandnahme möglicher geplanter bzw. spontaner demonstrativer Handlungen zu bewegen.“ Nachträglich erscheint es so, als habe Joachim Gauck 1988 versucht, es allen Seiten recht zu machen. „Er hat mir keinen klaren Wein eingeschenkt“, bedauert Heiko Lietz heute. Einerseits sorgt er für einen reibungslosen Ablauf des Kirchentages ganz im Sinne des Staates, in seiner Predigt auf der Abschlussfeier fand er andererseits zum Thema Reisefreiheit klare Worte: „Wir werden bleiben wollen, wenn wir gehen dürfen.“

Aber es wird noch bis zum Herbst 1989 dauern, bis Joachim Gauck den Mut hat, auch in einer größeren Öffentlichkeit seine Stimme gegen jenen sozialistischen Staat zu erheben, den er in seinem Innern so verabscheut hat. In der Rostocker Marienkirche formuliert er seine Träume: „Ich gehe zur Arbeit und kann sagen, was wahr ist. Ich sitze in der Kneipe, rede, schimpfe und lache und sehe mich nicht um nach der ‚Firma‘. Ich betrete Chefetagen und Ämter der Volkspolizei und werde behandelt wie ein mündiger Bürger.“ Für diese Träume allerdings haben andere gekämpft, nämlich Menschen wie Heiko Lietz.

Kommentare (74)

Herr S. 08.03.2012 | 09:26

Och nö. Herr Augstein, Sie enttäuschen mich. Von Frau Hensel darf man mit Blick auf die eigene Herkunft wohl nichts anderes erwarten? Was soll das nun werden? Der strahlende Held ist gar keiner? Herrje, das ist doch kleinkariert. Ich bin in dem beschriebenen Land, gar der o.g. Stadt geboren und ich war auch nicht im Widerstand. Eher gut behütet wie Frau Hensel... Ich erdreiste mir kein Urteil über die Kraftanstrengung in einer Diktatur aufrecht und widerständig zu sein. Als ich das Alter erreichte, war die Diktatur schon zusammengebrochen. Das es eine Diktatur war, weiß ich aber auch erst seit dem Zusammenbruch. Weiß Frau Hensel das auch?

perlenklauben 08.03.2012 | 09:50

Gauch werde zu Unrecht "als Bürgerrechtler bezeichnet, obwohl er vor dem Herbst 1989 keiner oppositionellen Gruppierung angehörte"? Das ist blühender und arroganter Unsinn. Das Wesen von Diktaturen besteht in der Abwesenheit offizieller Opposition, man kann den Widerstand in der DDR nicht auf die wenigen vorhandenen Gruppierungen beschränken - schon gar nicht, wenn von Kirchenmenschen die Rede ist, die ohnehin in den 80ern das Dach für demokratisierende Bewegungen waren.

Gauck hat, wie Ihr Artikel selbst zeigt, sich alle Mühe gegeben, die verschiedensten Gruppen in die Kirchentage zu integrieren, auf offizieller Ebene. Er hat das getan, obwohl die Kirche ständig unter staatlichem Druck stand. Ob das nun am Ende "Kirchentag von unten" hieß oder keinen eigenen Namen hatte - er hat das Beste erreicht, um allen eine Stimme zu geben. Hätte er zu Demonstrationen ermutigt, hätte er den gesamten Kirchentag riskiert. Dass er dabei versuchte, die Stasi zu besänftigen und in Sicherheit zu wiegen, soll ihm nun angekreidet werden?
Wie allerhöchst albern!

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 10:58

Ausgezeichneter Artikel! Danke dafür.
Darin sieht man die Wahrheit über Gauck. Und er war eben kein Bürgerrechtler! Ganz im Gegenteil, er hat mit dem DDR-Staat nett zusammengearbeitet. Für mehr Demokratie in der DDR hat er sich nicht eingesetzt. Er hat einfach mit dem Staat zusammen gegen die wirklichen Bürgerrechtler gekämpft!
Und so einen wollen wir jetzt also zu unserem Bundespräsidenten machen. Leider!
Wulff war schon schlimm, wird Gauck noch schlimmer?

Gustlik 08.03.2012 | 11:11

Was ist ein Bürgerrechtler? Das haben bisher nur Bürger aus den erfahrenen Ländern definiert.

Einfacher wär gewesen, in den Westen auszureisen, ein Buch über die Opposition im Osten zu schreiben, sich von Spiegel vorabdrucken zu lassen und als Ostexperte den unsterblichen Dissidenten raushängen zu lassen.

Sollte irgendwann in den Stasiakten auftauchen, dass die Ost-Butter eigentlich nicht sooo schlecht war, werden wir das den Westlern aufs Brot schmieren.

Man sollte sich an Gaucks Positionen reiben, nicht an seiner Biografie, die ist eben so... wie xfach in Berlin, Leipzig ,Erfurt oder Nochschlimmerdorf.

Felix K. 08.03.2012 | 11:42

Kein vernünftiger Mensch würde sich an derartigen, vermeintlichen Ungereimtheiten in der Biografie stören, wenn – ja wenn Gauck nicht beständig versuchen würde, sich selbst als Sinnbild für Integrität, Freiheitsliebe und vor Allem DDR-Opposition zu inszenieren. Da er dies aber beständig weiter betreibt, ist es nur gerecht, die Messlatte seinem Ego ein wenig anzupassen.

gokahe 08.03.2012 | 13:15

Finde ich auch, aber wenn ich so nachdenke dann denke ich, war die Aktenlage bei Gysi und anderen,auch anderen Kirchenfürsten nicht ähnlich? Aber die Wirkung in den Qualitätsmedien war eine ganz andere, befeuert und durchgestossen durch die Institution Gauck.
Das Video mit der abwertenden Beurteilung(ein oder zwei Figuren sind.....) von Leuten die ihn im Wissen um seine Vergangenheit nicht für den richtigen halten ist eigentlich Charakterstudie genug!!!!! Und solche Äußerungen zu SEINEN Themen als Bundespräsident, es wird interessant auch für Gabriel und Trittin im offenen Kampf um Hausdienerstelle bei Merkel.

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 13:44

Herr Gauck hat genau das getan, was alle kathogelen Pfaffen und Mitläufer immer getan haben: Sie haben sich mit den Systemen arrangiert, siehe Reichskonkordat.
Suspekt war all diesen Herrschaftssystemen immer die Autonomie der zu Beherrschenden. Insofern hat Gauck in der Tradition gehandelt, mit Demokratie hat dieser Pfaffe aus Tradition schon nichts zu tun.
Kuni

asansörpress35 08.03.2012 | 13:55

Wer in der DDR und mit offenen Augen gelebt, kann sich vorstellen, dass es so gewesen ist.
Gauck hat wohl hinsichtlich der Kirchenarbeit irgendwie versucht das Beste daraus zu machen. Aber er ist offenbar ein Opportunist gewesen. Und ist es heute noch oder wieder. Dass ihm letztlich der Mut fehlte kräftiger Kritik an der DDR zu üben, werfe ich ihm nicht vor. Schließlich müßte ich mir das selbst auch vorwerfen. So einfach war des eben alles nicht. Erst recht nicht wenn man ein Kirchenmann war.

Nur das man den Mann nun zum großen Bürgerrechtler stilisiert, der er - wenn überhaupt- erst ganz am Ende der DDR geworden ist, bzw.: das Gauck selbst dass so sieht ist zu kritisieren und ihm vorzuwerfen.

Wenn diese Geschichte hier stimmt, ist auch Gaucks (ohnehin fragwürdig einzuschätzende) Arbeit als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde noch einmal kritischer zu betrachten.

Wenn ich mir im Vergleich zu Joachim Gauck Friedrich Schorlemmer ansehen, dann entdecke ich da Welten zwischen den beiden Kirchenmännern. Wenn Schorlemmer eher bescheiden zu DDR-Zeiten glaubwürdig für Bürgerrechte eintrat, muss man das loben. Erst recht die Tatsache, dass Schorlemmer das auch heute noch tut!

Gauck dagegen faselt heute etwas von Freiheit als Verantwortung. Soziale Gerechtigkeit kommt bei ihm nur auf Nachfrage dürftig vor.

Wessen Präsident wird (kann) Gauck also sein?

immerfair 08.03.2012 | 14:32

Dem kann ich nur zustimmen,aber oft wurde mit falschen Maß gemessen,viele die sich wie Gauck moderat verhielten wurden von ihm und seiner Behörde kritisiert und in die Ecke IM gebracht.Viele die in den Blockparteien waren und in der Nationalen Front das System DDR aktiv mit trugen, wurden anstandslos in die entsprechenden Parteien der alten BRD übernommen ohne Karriereknick,im Gegenteil.Schorlemmer kannte man in der DDR,von Gauck habe ich erst später gehört.Wieso überhaupt übrigens eine staatliche Behörde Gauck oder Birthler heißen konnte,erschliesst sich mir bis heute nicht,würde bedeuten das Aussenministerium müßte nach Westerwelle heißen.Oder waren diese Leute so eitel?

Georg von Grote 08.03.2012 | 15:02

Schön das zu lesen. Und ich ahnte doch, wenn man nur ein wenig in und um Rostock buddelt, wird man wohl noch mehr finden über den "wahren" Charakter des zukünftigen Bundesmoderators.

Im Prinzip wird es immer deutlicher, dass ihm Protestbewegungen von unten suspekt, unangenehm und lästig sind.
Wir sollten uns klar werden darüber, dass er kein Mann der Bürger ist, schon gar nicht derer, die nicht still dasitzen wollen, sondern die Nähe der Macht sucht und genießt.

Ferdinand Lyon 08.03.2012 | 17:54

Ooh ja, der Freitag packt aus. Anlässlich der Gauck-Debatte werden staubige Akten aus den Archiven geschleppt, über Opposition in der DDR sinniert und Bürgerrechtler interviewt. Geistreiche Fragen werden gestellt: „Sie sind also ein richtiger Bürgerrechtler?“ – Das klingt übrigens so lächerlich wie wenn man heute fragen würde: „Sie sind also ein/e richtige/r Occupyer/in?“ – Aber gut, ein Anfang ist das schon.

Ein weiterer Schritt hin zur medialen Aufarbeitung der oppositionellen Bewegungen der DDR-Gesellschaft Ende der 80er Jahre. Bravo! Das wird aber immer noch sehr tendenziös und verzerrt betrieben: Wessis schreiben über Ossis, Berichte zu entsprechenden Themen erscheinen zu entsprechenden Jahrestagen, kritische Biografiebetrachtungen erscheinen zu gegebenem Anlass – wenn also einer dieser aus dem Osten Bundespräsident werden will. Man findet ihn nicht sympathisch und wirft ihm Regimetreue vor, fragt aber nicht einmal was es rein psychologisch bedeutet, in einer Diktatur oppositionell zu sein. Dazu gibt es in jeder Bewegung konservativere und radikalere, pragmatischere und weniger kompromissbereite Richtungen.

Ehrlicher wäre es, wenn ehemalige Beteiligte der DDR-Widerstandsbewegungen in den Medien öfter einfach mal so zu Wort kämen und über ihre Aufarbeitungsprojekte regelmäßig berichtet würde. Weil ihre Erfahrung wichtig für unsere Gegenwart ist. Weil wir viel von ihnen lernen können und weil dies auch dazu beitragen würde, dass sich die Bevölkerung in Ost und West mehr für einander interessieren würde.

Bleibt zu hoffen, dass der Titelartikel nicht hauptsächlich auf dem Mist des West-Journalisten gewachsen ist und die jüngere Kollegin aus Ostdeutschland nicht nur anlässlich des Weltfrauentages zur Beratung herangezogen wurde.

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 18:21

antares56 schrieb am 08.03.2012 um 09:58
Ausgezeichneter Artikel! Danke dafür.
Darin sieht man die Wahrheit über Gauck.

Ich schliesse mich dem an! Ich verstehe nicht was für ein Sichtweise so manche auf den Artikel und auf Gauck haben. Der Artikel und die Fakten belegen doch eindeutig wie Gauck einzuordnen ist. Gauck ist wankelmütig, bezieht keine eindeutige Position und sucht seine Vorteile in allem. Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die wahre Bürgerrechtler in der DDR gewesen waren. Die polit. eine eindeutige Stellung bezogen, sich für Menschenrechte einsetzten und vorallem auch handelten. Dafür auch Represalien hinnehmen mußten, ja sogar eingesperrt wurden. Gauck ist ein Wendehals wie so viele, die sich verkaufen. Und für mich unehrlich dazu. Ein Bürgerrechtler war er jedenfalls noch nie!

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 18:36

Gustlik schrieb am 08.03.2012 um 10:11

"Man sollte sich an Gaucks Positionen reiben, nicht an seiner Biografie,..."

Die Biografie ist doch der Spiegel des Lebens, der sozialen Rolle, die jemand einnimmt. Dazu gehören auch Werte und Handlungen. Und wie Felix K. so schön schrieb....Gauck selbst bezeichnet sich als "Bürgerrechtler" und geniesst dies Rolle offensichtlich, da er so selbstverliebt ist. Selbstverliebte Menschen, die sich feiern lassen, haben nicht viel Gemeinschaftssinn. Nur ohne diesen geht eine friedliche Gesellschaft doch irgendwann den Bach herunter. Ein Mann der sich lächerlich über Bürgerbewegungen macht, sie nicht ernst nimmt, ist nur an sich selber interessiert. Und verachtet jeden anderen Menschen! Ja wenn die Masse so einen BP will, dann nur zu. Das spiegelt aber wiederum den Zustand und damit jeden einzelnen der Gesellschaft. Mir ist ein Wulff lieber, der auch mal Klartext (Rede in Lindenau) spricht und offen Toleranz anmahnt. Korrput und unehrlich sind Politiker in Führungspositionen doch eh. Und das fängt schon auf Kommunaler Ebene an.

hadie 08.03.2012 | 19:08

Abgesehen davon, dass Gauck evangelisch war und ist, kann ihm rückblickend kaum etwas vorgeworfen werden. Er war eben Vorsitzender des Kirchentagsausschusses, spielte eine andere Rolle als die genau so wichtigen Punks und Ausreiser. Er war "für unser Land", wie es in Christa Wolfs Aufruf hieß, den auch ich unterschrieben habe! Vorwerfen kann man Gauck nur seine heutige Selbststilisierung als Ober-Bürgerrchtler, seine Rolle bei heutigen Pressekampagnen. Gauck verbreitet Zukunftsangst, nicht mehr und nicht weniger.

Ian Bellyn 08.03.2012 | 20:25

@hadie

"Vorwerfen kann man Gauck nur seine heutige Selbststilisierung als Ober-Bürgerrchtler [...]"

Das er ein unverschämter Verleumder der Linkspartei ist, denke ich ist ein wesentlich schlimmerer und leider gleichfalls berechtigter Vorwurf. Gauck ist einer derjenigen die lautstark in das Horn bläst à la: "ihr wollt doch euren Stalinismus zurück."

Gauck ist ein Ignorant. Er hat m.E. auch keine Ahnung wovon er redet, wenn er über Freiheit fabuliert. Er trötet zwar laut; aber fragt ihn doch endlich mal einer nach seiner genauen Definition. Außer Phrasen kommt da nichts bei rum, jede Wette. Gauck ist ein Konservativer durch und durch, ein Traditionalist. Traditionalisten fragen nicht nach Gründen, nach Definitionen. Traditionalisten stampfen mit dem Fuss auf den Boden und brüllen wie ein kleines Kind: "Ich hab recht, weil ich recht hab." Fragt ein Traditionalist nach Gründen, stirbt die Tradition.

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 21:36

Ausgezeichneter Artikel. Er zeigt ganz deutlich, in was für ein Fahrwasser wir hinsichtlich eines Bundespräsidenten gekommen sind. Der eine wurde als Lügner und Schnorrer entlarvt, mußte zurücktreten, weil die Staatswaltschaft hinter ihm her ist. Trotzdem wurde er mit großem Tamtam verabschiedet, ein irrwitziger Vorgang. Der andere und jetzt neue wird als Freiheitskämpfer wie die Geschwister Scholl gefeiert, obwohl nicht das Geringste daran stimmt, ganz im Gegenteil.
Man kommt sich vor wie in einem Panoptikum. Aber das geschieht diesem Staat BRD ganz recht, auf andere Staaten schimpfen und selbst ist man kein Deut besser.

Jörg Friedrich 08.03.2012 | 21:59

Verhalten in einer historischen Situation kann man nicht mit dem späteren Wissen beurteilen. Heute, da wir wissen, dass die DDR nicht ewig existieren musste, kann man über Menschen, die sich mit der Macht arrangierten, um das zu erreichen, was sie für machbar hielten, leicht urteilen und sie als "Opportunisten" bezeichnen. Ich war auch ein Opportunist.

Hier hat jemand geschrieben, dem Gauck seien die Bürger egal gewesen. "Die Bürger" waren keine Bürgerrechtler, sie waren, Opportunisten, die sich arrangiert hatten. Ich bewundere die, die den Mut zu echtem Widerstand hatten, aber es musste auch die geben, die den Alltag erträglich machten, die z.B. einen Kirchentag zu einem Erlebnis für die Teilnehmer machen wollten, die in dem Moment die Bürger waren.

Ich habe noch nicht gelesen, dass Gauck sich selbst als Bürgerrechtler bezeichnet hätte, dass er mehr behauptet hat, als er getan hat. Vielleicht hat er nicht deutlich genug widersprochen, wenn jemand ihn so nannte - auch das ist menschlich, und ich würde einen Menschen als Bundespräsidenten einem Heiligen vorziehen.

Dass Gauck die Occupy-Bewegung nicht lobt sondern sich von ihnen deutlich abgrenzt, das ist in seiner Situation deutlich mutiger als das Gegenteil. Occupy ist doch schick, ist doch in, ein symphatischer Satz zu den Besetzern würde ihm nur Pluspunkte bringen. Dass er es nicht tut zeigt seine Eigenständigkeit. Sein Urteil ist aus meiner Sicht nicht so ungerechtfertigt. Die Occupy-Bewegung hat keine Verwurzelung bei "den Bürgern" so wenig wie die Bürgerrechtler damals bei den DDR-Bürgern verwurzelt waren. Und wir sollten us auch nichts vormachen, die Bürgerrechtler haben die DDR nicht zum Zusammenbrechen gebracht, das waren die Ausreiser. Und die Bürgerrechtler haben auch danach nie die Initiative für das was kommt, in die Hand bekommen, nie die Richtung bestimmt. Kritische Distanz ist also, wenn man ehrlich ist, nicht unbedingt falsch - ach wenn man sich gerade damit keine Freunde macht.

molodjez 08.03.2012 | 22:31

Ich denke, man sollte Gauck nicht vorwerfen, daß er zu DDR-Zeiten kein Widerstandsheld war. Er war sicher in einer schwierigen Situation. Aber heute so zu tun, als sei er ein DDR-Bürgerrechtler gewesen, sagt eigentlich sehr viel über seinen Charakter. Ich war damals Kandidat der SED (übrigens nicht aus irgendwelchen Karrieregründen) aber ich stehe auch heute noch dazu, auch zu meiner damaligen Naivität. Und ich glaube, auch schon damals sehr kritisch gewesen zu sein, denn das konnte man auch innerhalb der Partei, auch wenn das heute keiner hören will. Auch außerhalb der Kirche gab es Menschen, die einen Kopf zum Denken hatten und ein demokratischeres Land wollten.

sprech.sucht 08.03.2012 | 23:28

Schon wieder ein verletztes Ego von den Grünen, das gegen Gauck schießt.
Und ausgerechnet einer, der nach seinem vorherigen Rauswurf bei der Kirche '88 von der Volkssolidarität zur Kirche zurückgewechselt wurde.
Ein eifersüchtiger Ex-Pfarrer aus dem Staatsdienst in Kombination mit Stasiakten dürfte auch beim Freitag nicht als seriöse Quelle durchgehen.

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 23:44

Mein Lieber Herr Friedrich,

das sehe ich als ehmaliger DDR-Bürger doch anders und mit dem menschlichsein ist das so eine Sache. Menschlichkeit hat auch was mit Fehlerberichtigung zu tun. Es ist durchaus menschlich Fehler zu machen, nur sollte man aber diese sich dann auch mal eingestehen und sein Bild , welches man in der Öffentlichkeit hinterlässt, wieder zurecht rücken. Alles andere wäre sonst eine Fälschung und Vortäuschung von Tatsachen. Für mich hat das, was Gauck betrifft, etwas mit Charakter zu tun. Und ich bleibe dabei...Gauck ist nicht ehrlich und nutzt die Gunst der Stunde zu seinen Vorteilen, ist selbstverliebt. Ein Mensch der ehrlich mit sich selber umgeht, Charakter besitzt, besitzt die Courage und stellt Dinge, die seine Person betreffen, richtig. Opportunismus hin-oder her. Und es kommt immer darauf an wie man etwas sagt! Occupy als lächerlich zu bezeichnen zeugt von wenig Achtung und Respekt Andersdenkenden gegenüber. Abgrenzung sieht für mich anders aus. Sachliche Kritik sowieso!

Und auch die Opportunisten waren am einfachen "Bürger" nicht interessiert. Auch in der DDR hatten sich Studierte gerne von den Arbeitern abgegrenzt, wenn auch nicht so offensichtlich wie jetzt in der BRD. Gauck gehörte dazu. Sonst hätte er die Menschen ernst genommen.

Der Kirchentag sollte nur zur Beruhigung der Menschen dienen und von den Opportunisten, von der Unzufriedenheit der Menschen ablenken. So wie jetzt Wulff als Sündenbock herhalten muß.

Malte Krøgergaard 09.03.2012 | 01:46

Herr von Grote, Sie enttäuschen mich ein wenig. Denken Sie wirklich, dass solche, durch zig Filter gegangene Informationen, beamtenmundgerecht geschnitten, etwas Belastbares über den Charakter eines Menschen aussagen können?

Genauso gut könnte man Gaucks Horoskop heranziehen.

Und, davon mal abgesehen, was eine wahre Protestbewegung ist, die lässt sich doch von einem Bundeshansel nicht erklären, was lächerlich ist und was nicht. Meinetwegen soll er die Macht in vollen Zügen genießen. Engagierte Bürger werden ihn inhaltlich herausfordern, nicht charakterlich.

weinsztein 09.03.2012 | 03:20

Es mag sein, dass Joachim Gauck sich selbst niemals als DDR-Bürgerrechtler bezeichnet hat, aber er nimmt in Kauf, dass andere ihn so nennen, auch immer wieder in den Medien.

Die im obigen Beitrag geschilderten Fakten belegen, dass er ganz und gar kein Bürgerrechtler war. Ich bin mir sicher, dass Angela Merkel seit langem ein "Gauck-Dossier" mit solchen und ähnlichen Einschätzungen vorliegt, das vielleicht ihre Skepsis gegenüber diesem Kandidaten begründet, dessen oppositionelles Wirken erst während der DDR-Abwicklung erkennbar wurde.

Unbedingt sollte man Gauck an dem messen, was er demnächst als Bundespräsident sagen wird. Die Wahrhaftigkeit seiner künftigen Reden wird man aber auch auf sein Wirken als Stadtjugendpfarrer und Kirchentagsorganisator oder als gnadenloser Leiter einer nach ihm benannten Behörde beziehen.

Dass Joachim Gauck kein Oppositioneller war, außer zutiefst im Inneren, stört mich nicht an seiner Kandidatur. Mich stört dieser Nimbus, den dieser eitle und ewige Freiheitskämpfer vernebelnd um sich aufsteigen lässt.

Siehe auch: de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Gauck
„Das Schicksal unseres Vaters wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form der Fraternisierung mit dem System aus. Das machen wir nicht, vermittelte uns die Mutter unmissverständlich. Ich hatte dieses Gebot so verinnerlicht, dass ich nicht einmal mehr durch die Freizeitangebote der FDJ in Versuchung geriet. Dafür lebte ich in dem moralisch komfortablen Bewusstsein: Wir sind die Anständigen. Intuitiv wehrte ich das Werben des Regimes für die Akzeptanz seiner moralischen und politischen Ziele ab, denn über uns hatte es Leid und Unrecht gebracht.“
Gaucks Vater war Kapitän und Offizier der Kriegsmarine, die Mutter gelernte Bürofachfrau. Beide waren NSDAP-Mitglieder, die Mutter ab 1932, der Vater ab 1934.

Geierwally 09.03.2012 | 07:11

mit frau klarsfeld macht springer ja nix anderes, da werden plötzlich irgendwelche zusammenarbeiten mit der stasi und sed von vor 40 jahren verbreitet und noch andere schauergeschichten aus der gruft, nur weil die frau es wagt gegen ihren volkstribun anzutreten und sich auch noch von den "verfassungsfeinden " aufstellen zu lassen. eine frau die höchste auszeichnungen im ausland erhalten hat, wird in deutschland diffamiert. was für ein armutszeugnis.

Sisyphos Boucher 09.03.2012 | 09:58

Ist doch Wurscht, was Gauck in der DDR getan hat. Tatsache ist doch wohl, dass er nichts getan hat. Und so hat er auch nichts getan, dass man ihm jetzt zum Vorwurf machen könnte. Es ist dasselbe wie bei Angela Merkel. Beide waren in der DDR keine Mitläufer im Sinne des Wortes, jedoch auch keine Aufbegehrer, sondern nur an sich selbst interessierte Kleinbürger, die im Strom irgendwie mitgetrieben, durch die Wende 1989/1990 unerwartet nach oben gespühlt worden sind und es wohl auf Grund ihres Mangels an Überzeugungen auch deshalb soweit in der Bundesrepublik gebracht haben.

Was sagt uns das über die politische Klasse hierzulande und unser politisches System?

Gauck ist schon der richtige Nachfolger nach einem Christian Wulff und der passende Repräsentant der aktuellen politischen Klasse Deutschlands. Und: Die Mehrheit der Deutschen wird mit diesem Bundespräsidenten zufrieden sein, weil diese Mehrheit im Kern nicht politisch ist und daher in Wirklichkeit kein gesteigertes Interesse an der Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Bundespräsidentenamtes hat. Diese Mehrheit bescheinigt ja Frau Merkel auch eine tolle Euro-Politik... diese Mehrheit hat seinerzeit auch einem Österreicher zugejubelt.

asansörpress35 09.03.2012 | 10:47

Ist Gauck, wie Albrecht Müller von den NachDenkSeiten befürchet, ein "Anti-Hessel"? Jemand der uns unter dem schönen Begriff "Freiheit" pastoral predigt: "Empört euch nicht!"
Ist Joachim Gauck gar "Der falsche Präsident"?

Diesen Titel trägt Albrecht Müllers neuestes Büchlein, das am 16. März beim Westend Frankfurt a. M. erscheint und im Buchhandel zu kaufen ist.

Darin hat sich Müller ("Die Reformlüge", "Macht Wahn", "Meinungsmache") Gedanken über die Person Gauck gemacht. Darin will er sagen, wie Pastor Gauck doch noch der richtige Präsident werden kann.
Buchvorstellung hier:

www.readers-edition.de/2012/03/06/gauck-der-falsche-prasident-wie-er-doch-noch-der-richtige-werden-kann/

luminura 09.03.2012 | 17:11

Lieber Herr Augstein,
überlassen Sie doch bitte die Zeitgeschichtsschreibung Zeithistorikern und bleiben Sie als Journalist bei ihren Leisten.
Die Verwendung der Stasi-Akten dient allein Ihrem ohnehin tendenziösen Blick auf Gauck und möchte ihn als "Staatsdiener" entlarven. Ein erbärmlicher Versuch, der sich in den Dienst der Sicht von IMs stellt. Auch an einem zweiten Punkt scheitern Sie: in der gewissenhaften Betrachtung und Gewichtung von Aussagen von Zeitzeugen. Zwar ist Heiko Lietz ohne Zweifel einem anderen, und wesentlich radikaleren Lager als Gauck zuzuordnen, aber ihm Ihr Unbehagen anhand von Stasiakten in den Mund zu legen, ist aus zeitgeschichtlicher Perspektive unsachgemäß.
Was wollen Sie uns eigentlich vor-gauck-eln?

gokahe 09.03.2012 | 19:36

Lieber luminari es war Herr Gauck,
der solche Akten gerne genutzt bzw. nutzen lassen(mit Hilfe von echten Stasileuten) hat, um ausgewählte Bürger zu diskretisieren, die Betonung liegt auf ausgewählte und sagt nichts über wahr und unwahr aus. Obwohl es in seinen Aussagen immer nur eine Wahrheit gibt und das ist seine, zur der es heute nun wahrlich keinen Mut braucht. Also warum gilt für die Person Gauck nicht der Maßstab den ein Herr Gauck immer und immer wieder für alle setzt(alle steht bekannterweise aber nur für die ihn nicht genehmen).
Warum aber sollen nun gerade diese hier veröffentlichten Fakten verschwiegen werden.
Ich finde Ausdrücke wie "tendenziös" in einer Diskussion um einen Sachverhalt zeigt immer eine gewisse Hilfslosigkeit besonders hier wenn er Verdacht und Scheitern begründen soll. Auch "in den Mund zu legen" gehört dazu.
Es ist Herr Gauck der Bundespräsident werden will und da gehört alles offen gelegt, er darf doch alles(Unterstützung erhält er mit Sicherheit eine Gewaltige) ausräumen.
Zum Schluß, ohne Bezug auf Ihren Beitrag, als Tip hier www.youtube.com/watch?v=Cq0FVDaXITU zuhören und
hier www.nachdenkseiten.de/?p=12460#more-12460 lesen (besonders den offenen Brief) auf das Buch wurde ja schon hingewiesen. All das findet ich merkwürdiger Weise in keinen der sogenannten unabhängigen Qulitätsmedien, wie Spiegel, FAZ, Zeit...... auch die TAZ hat wohl keinen Platz.
gruß gokahe

thbode 09.03.2012 | 22:04

Gauck stilisiert sich selbst zum Inbegriff dessen der unter der DDR litt, auch mit sentimentalen Geschichten wie die vom "weissen Schiff das ohne ihn und seinen kleinen Sohn nach Dänemark fuhr" wie kürzlich bei einem devoten Moderator Beckmann (warum ist er nicht nach Polen gefahren?). Kurzum, es gibt tausend kleine Gründe die sich in der Summe zu einem großen, abstoßenden Gesamtbild fügen, das genügt um ihn als Bundespräsidenten 100% abzulehnen. Aber vor allem natürlich weil er ein Komplett-Versager ist als Ideengeber für die sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit ist.

miauxx 09.03.2012 | 23:39

@Jörg Friedrich

"Occupy ist doch schick, ist doch in, ein symphatischer Satz zu den Besetzern würde ihm nur Pluspunkte bringen. Dass er es nicht tut zeigt seine Eigenständigkeit."

Boah, Wahnsinn - dafür gebührt Gauck schon jetzt der Ehrensold! Wir brauchen mutige Visionäre an der Spitze!

"Und wir sollten us auch nichts vormachen, die Bürgerrechtler haben die DDR nicht zum Zusammenbrechen gebracht, das waren die Ausreiser."

Ausreiser oder Ausreisende? Ach Mist - merke tatsächlich erst in dem Moment, dass das ja doch das gleiche ist ...

miauxx 09.03.2012 | 23:59

@Malte Krøgergaard

Ja, dass Gauck mehr daran gemessen werden sollte, was er zukünftig sagt und tut, sowie, dass dass der "Bürger" Gauck sich ganz bestimmt zum "Staatsmann" Gauck wandeln werde, hörte man schon in diesen Tagen.
Da wir nun gerade einen BuPrä vorzeitig von hinten sehen, der wohl sehr wahrscheinlich die Voraussetzungen für diese Stellung nicht erfüllte, frage ich mich aber, ob jetzt einer eingesetzt werden sollte, dessen vornehmliche Qualifikation offenbar auf einer Legende beruht und dem eine Lehrzeit eingeräumt werden muss.
Ich weiß zwar, dass es in der Art ein sattsam gebrachter Vergleich ist - er drängt sich aber trotzdem auf: Wenn ich mich auf eine Ingenieursstelle bewerbe, ist es auch nicht egal, dass ich zuvor vielleicht nur Laub gekehrt habe.

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Ehemaliger Nutzer 10.03.2012 | 12:03

luminura schrieb am 09.03.2012 um 16:11

"Was wollen Sie uns eigentlich vor-gauck-eln?"

Dann lesen Sie doch mal die Wahrheit über Gauck, die Stasibehörde auf der Taz, wenn Sie JA schon hier so denunzieren. Vorallem aber lesen Sie unbedingt die Kommentare zu den Artikeln auf der Taz! Dort schreiben Leute, die die Wende und Gauck miterlebt hatten. Oder lesen Sie doch mal das Buch von B. Bohley

*Vgl. Nachwort zu Bärbel Bohley, Englisches Tagebuch, BasisDruck 2011, Seite 156

** Vgl. Gauck, Frühling im Herbst, Siedler, 2009, Seiten 235 - 248

Zitat aus einem Kommentar bei der Taz:

"Sicher hat sich auch Jochen Gauck schon zu DDR-Zeiten nach Bürgerrechten gesehnt. Deren Durchsetzung betrieb er allerdings immer nur soweit, wie die Bürgerbewegung dafür den Weg frei machte. Seine Verdienste, die er sich dann als Leiter der BStU erworben hat, sind unbestritten - die Frage, ob die Bürgerbewegung jetzt ins Schloss Bellevue einzieht, kann allerdings mit nein beantwortet werden."

Gauck ist und bleibt ein Heuchler für mich!

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Ehemaliger Nutzer 10.03.2012 | 12:14

@Jörg Friedrich

"Und wir sollten us auch nichts vormachen, die Bürgerrechtler haben die DDR nicht zum Zusammenbrechen gebracht, das waren die Ausreiser."

Die DDR ist mit Sicherheit NICHT an den "feigen" Ausreisern zu grunde gegangen. Sondern an ökonomischen Tatsachen! Und die wurden teilweise auch gesteuert. Als Bsp. möchte ich nur den Ölpreis nennen...Doku auf Phönix.

Sie als Journalist sollten doch mehr investigativ arbeiten, bevor Sie hier Populismus betreiben. Journalisten sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Das wollte ich Ihnen noch mitteilen. Hatte ich doch neulich bei meinem Kommentar ganz vergessen...

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Ehemaliger Nutzer 10.03.2012 | 12:17

miauxx schrieb am 09.03.2012 um 23:11

Nun ja, mag sein ... jedoch greift meine Feindseligkeit auf Erfahrungen zurück, die durch tausendfache Ereingnisse in der europäischen Historie untermauert wird.
Ein Pastor ist zwar auch ein Bürger; aber er sollte sich nicht bei zwei Herren verdingen. Ich kenne da noch so einen ... Pastor ... sitzt im heute Bundestag, fuhr früher mit seiner Studentin nach Bolivien während seine Frau mit den stellv. Bgmst. das Laken teilte und die Falken erwirtschafteten, was Bolivienreisen eben so kosten.
Wenn Pfaffen ins Weltliche abgleiten, entsteht daraus eine sonderbare Mischung aus himmlischer Sendung und weltlicher Versandung. Warten wir es einmal ab. Das BuPräAmt ist schließlich kein STASI-Archiv.

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Ehemaliger Nutzer 10.03.2012 | 12:24

Aus einem Kommentar (Ehrlich) des Taz Artikels

"Aus dem Schatten Gaucks"

von Tom Strohschneider...einer der wenigen guten Journalisten!

"Ich habe diese kurze Zeit zwischen Mauerfall im November 1989 und der Volkskammerwahl im März 1990 als die politisch freieste und menschlich ehrlichste Zeit in Erinnerung, die ich je in einer Gesellschaft erlebt habe. Vor allem der durchgehende Respekt vor Andersdenkenden, diese Abwesenheit von Denunziation und Manipulation als Ersatz für Argumente, wünschte ich mir zurück."

Dem ich mich voll und ganz anschliesse!

ChristianBerlin 11.03.2012 | 03:03

Die Langfassung dieses Artikels (fast zeitgleich als Blog von JA allein erschienen) fand ich ehrlicher, weil da aus den vollständigen Zitaten doch ein etwas anderer Eindruck ergibt als der mit diesem Artikel vorsätzlich erzeugte.

Kaum merklich wurde z.B. der Sinn des folgenden Schlüsselzitates hier ins Gegenteil verkehrt:

JA (solo):

Mit Blick auf die Ost-Berliner "Kirche von Unten" schreibt Gauck: "In Mecklenburg wollten wir eine ähnliche innerkirchliche Spaltung auf jeden Fall verhindern und entschieden uns, weder Themen noch Teilnehmer auszuschließen."

Hier ist noch klar, was sich nicht wiederholen sollte: Die Spaltung bestand darin, dass es in Berlin einen offiziellen und Kirchentag von unten gab, und das wurde wiederum darauf zurückgeführt, dass in Berlin "Themen und Teilnehmer" vom offiziellen Kirchentag ausgeschlossen wurden.

In der Fassung von JH und JA klingt das ganze aber so, als habe Gauck anstelle des offiziellen Kirchentages und seiner Restriktionen vielmehr die Themen und Teilnehmer des Kirchentages von unten für die Spaltung verantwortlich gemacht.

Den Ost-Berliner „Kirchentag von unten“ von 1987 bezeichnet [sic!] er fast 20 Jahre später als eine „innerkirchliche Spaltung“, die er „auf jeden Fall verhindern“ wollte.

Richtig ist sicher, dass Gauck damals Lietz zwar nicht als Teilnehmer ausschließen, aber doch als Leiter oder Referenten nicht so gerne dabeihaben wollte.

Aber der von euch daraus abgeleitete zwingende Widerspruch zu der von Gauck rückblickend propagierten Zulassung aller Themen und Teilnehmer verschwindet durch ein im anderen Beitrag wiedergegebenes Zitat, das dafür eine ganz andere Erklärung anbietet. Einer der Gauck abschöpfenden Spitzel (zu dessen Einordnung leider auch der BlogBeitrag schweigt) gab die folgende freimütige Äußerung Gaucks über Lietz wieder:

"Nach Meinung des 'Larve' hat Lietz zwei entscheidende Fehler: 1. Könne er selten das rechte Maß finden, schießt oft über das Ziel hinaus und stiftet durch sein Verhalten Verwirrung und Unstimmigkeiten. 2. Halte er die getroffenen Vereinbarungen und Abmachungen nicht immer ein und sabotiere dadurch konstruktive Arbeit."

Ehrlich gesagt, jemanden, von dem ich das denke, würde ich selbst heute von einer leitenden oder verantwortlichen Mitwirkung auszuschließen versuchen - ihr vielleicht nicht? Würdet ihr Mitstreiter, von denen ihr denkt, dass sie diese zwei Eigenschaften haben, etwa in die Redaktion des Freitag holen?

Ich kann nicht darüber urteilen, ob Gauck Lietz richtig oder falsch eingeschätzt hat, nur wenn er ihn so einschätzte, dann war sein Handeln konsequent.

Dem Blog zufolge möchte Lietz eigentlich immer noch denken, dass Gauck sein Freund war. Auch das lässt aber keine sichere Entscheidung zu, wer hier wem etwas vormacht.

Das erfordert eigentlich zwingend eine Gegenrecherche zu allen Fakten und Interpretationen. Ihr hättet durch Gegenbestätigung müssen, warum Lietz nicht schon zu den Vorbereitungsrunden eingeladen wurde und warum er später durch Prophet als Leiter der Arbeitsgruppe abgelöst wurde und wie die anderen Teilnehmer darauf reagierten oder nicht reagierten. Schließlich waren diese Vorgänge kein Zwei-Personen-Stück nur zwischen Lietz und Gauck. Wenn letzterer dazu nichts sagen will, hätte Heiko sich mit Sicherheit erinnern können, wer damals in der von ihm geleiteten Gruppe war.

Ein bisschen mehr Mühe mit der Recherche, dann kommt entweder ein Kopf auf den Nagel, oder die Seifenblase zerplatzt - je nachdem. Die These der Headline, dass Gauck ein "Pastor der Unfreiheit" war, sehe ich jedenfalls so (noch) nicht belegt, und vielleicht ist sie sogar falsch. Die Gefahr bei Gauck scheint nämlich nicht zu sein, dass er die DDR zu wenig, sondern zu sehr verabscheut hat und dass ihn das Blind macht für die neuen Formen der Unfreiheit.

LG

Fro 11.03.2012 | 18:09

Ja, die alten Geschichten – wenn man bedenkt, dass er bisher so gut wie keine Kritik an der derzeitigen Politik und ihren Vertretern geübt hat, da lediglich Vermittlungsprobleme sieht, so stellt sich die Frage, ob er überhaupt den nötigen Mut besitzt, den man als Bundespräsident braucht - wenn man den Job zur Zufriedenheit aller Bürger (die ihn genau dafür bezahlen) ausführen will.

Und: Ist er beeinflusst von neoliberalen Beratern oder ist er ein freier lernwilliger Mann, der sich dem Wohl aller Bürger verpflichtet sieht, die nötige Befreiung der Politik vom Einfluss der großen Finanzmarkt-Spieler und der Großindustrie zum Thema macht, die ungleichen Einkommens-und Vermögensverhältnisse - die Entwertung der menschlichen Arbeit - als ein soziales Grundübel sieht. Deutliche Worte gegen einen möglichen Irankrieg spricht, und eine echte Friedenspolitik von den Abgeordneten einfordert...
Diesbezüglich (und mehr) sollte man (z.B. Journalisten) Gauck mal auf den Zahn fühlen.

claudia 11.03.2012 | 19:22

>>...die sich in der Summe zu einem großen, abstoßenden Gesamtbild fügen, das genügt um ihn als Bundespräsidenten 100% abzulehnen.
Aber nein: Es genügt, damit die grosse Mehrheit der Bundesversammlung den Gauck zu ihrem Präsidenten erwählt.

>>Komplett-Versager
Versager?
Der Gauck bietet die Gewähr, sich stets vollumfänglich für die Agenda 2010 und den Sarrazynismus einzusetzen, ja zu kämpfen, wenn es sein muss.

Er ist ein geradezu idealer Repräsentant der BRD-Oberschicht.
Einen Bessern findest du nicht...

paulart 13.03.2012 | 14:34

Kunibert Hurtig (08.03.12.44)

Alle Mitläufer, egal, ob rechte oder linke, haben sich immer versucht, zu arrangieren. Das macht ja geradezu das Mitläufertum aus.

Manche sind auch eher hinterhergelaufen - vielleicht aus Angst oder aus Atemnot.

Und wenige nur sind vorausgelaufen. Das waren Mutige, zuweilen Übermütige oder Leidende.

Schwarz-Weiß

Nur sehr selten wird eine Schwarz-Weiß-Kategorisierung einer individuellen Biografie wirklich gerecht.

Als vor Wulff "gewarnt" wurde, wurde Gauck als der bessere Kandidat gepriesen. Seitdem Gauck jetzt Favorit auf das Amt des Bundespräsidenten ist, wird vielfach vor ihm "gewarnt".

paulart 13.03.2012 | 14:53

Jörg Friedrich,
es scheint fast mutig zu sein, solche Zeilen hier zu publizieren. Zumindest sollte es doch diskussionswürdig sein, hier auch mal abseits des Mainstreams eine These aufzustellen. Und das haben Sie mit Ihren Zeilen getan.

Was ist passiert, seit Gauck sich das erste Mal als Kandidat für das Bundespräsidentenamt aufstellen ließ? Damals hielten große Teile der Medien und der Bevölkerung Joachim Gauck für den geeigneteren Kandidaten. Und heute - kaum zwei Jahre danach? Hier im Forum könnte man den Eindruck bekommen, Gauck habe einen eventuellen bürgerlichen Zwillingsbruder auf die Reise ins Schloss Bellevue geschickt.

Wer so schnell seine Meinung ändert, weil ein paar vermeintliche Meinungsbildner insinuieren, Gauck sei kein Mutiger, kein Protestler und kein Andersdenkender gewesen, der sollte sich m.E. gelegentlich mal an die eigene Nase fassen. 17 Millionen Aufständische und Protestler gab es auch in der DDR zu keiner Zeit.

Horst 14.03.2012 | 02:03

Offener Brief von Gerhard Rein an Joachim Gauck

(Gerhard Rein: 1982 bis zum Ende der DDR als Hörfunkkorrespondent des Süddeutschen Rundfunks in Ost-Berlin tätig)

www.havemann-gesellschaft.de/fileadmin/Redaktion/Aktuelles_und_Diskussion/Maerz-Dezember_2011/Gerhard_Rein.pdf

“Der Präsident der Herzen”
Tobias Ignée im Gespräch mit Gerhard Rein, langjähriger SDR/SWR-Korrespondent in Berlin. SWR2 Journal am Mittag vom 20.02.2012. (7:46 min)

www.swr.de/swr2/programm/sendungen/journal/-/id=659282/did=9320008/pv=mplayer/vv=popup/nid=659282/1b8cmj7/index.html

molodjez 20.03.2012 | 12:43

Das klingt jetzt vielleicht ein wenig komisch. Aber ich beurteile Menschen auch oft mal jenseits ihrer politischen Ansichten einfach nur als Mensch, als Typ. Und da habe ich das Gefühl, das der Gauck alles andere als "kein schlechter Kerl" ist. Er kommt mir sehr selbstgefällig und oberlehrerhaft vor. Auch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er ein ziemlicher Schwätzer ist (was in seinem alten und neuen Job allerdings kein Nachteil war/ist). Also besonders sympathisch ist er nicht. Mir ist klar, dass das keine politische Kategorie ist, aber man solte auch mal das Menschliche am Kandidaten sehen und da erscheint er mir sehr selbstverliebt und nicht besonders intelligent (Denn sonst würde er seine Eitelkeit ein wenig kaschieren).

luddisback 20.03.2012 | 13:25

@christianberlin
zu diesem punkt:
"Ehrlich gesagt, jemanden, von dem ich das denke, würde ich selbst heute von einer leitenden oder verantwortlichen Mitwirkung auszuschließen versuchen - ihr vielleicht nicht? Würdet ihr Mitstreiter, von denen ihr denkt, dass sie diese zwei Eigenschaften haben, etwa in die Redaktion des Freitag holen?"

darum geht es imho nicht! es geht darum, dass gauck seine bedenken mit der stasi bespricht, also denunziert. sind wir das messen mit zweierlei mass (z.b. www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,377389,00.html) so gewoehnt, dass wir nicht mehr sehen, wie andere fuer weniger oder nichts ins gesellschaftliche aus katapultiert wurden? und von wem?

fuer mich ist gauck nicht blind fuer, sondern teil dessen, was sie oben "die neue unfreiheit" nennen. ein meister im erspueren dessen, was die aktuellen herren gerne hoeren wollen. herzlichen glueckwunsch zum wahlergebnis, das ausdruck dieser annaeherung ist.

Fred Thiele 20.03.2012 | 18:55

Danke für diesen Artikel im Meer der Beweihräucherung gegenüber einem Mann des Opportunismus. Man musste nicht, wie Gaucks Vater, einen traumatösen Gulag-Hintergrund besitzen, um Antistalinist in der DDR zu sein. Es genügte die Vorstellung, den latenten Stalinismus dieser Gesellschaft überwinden zu wollen, wie Robert Havemann, der frühe Wolf Biermann oder aber die zahllosen Menschen, die sich versucht haben einzurichten, in dem repressiven System des Vakuums persönlicher Freiheiten und Möglichkeiten - mit der Faust in der Tasche. Im Gegensatz aber gehörte wohl ein stabiler Opportunismus und eine gehörige Portion Eitelkeit dazu, sich dem System mutmaßlich konspirativ verschleiert anzubiedern, um die eigene Machtposition zu stärken, während man sich später als glühender Eiferer wider das System präsentiert.

Zum Glück hat der Westen den Begriff des "Bürgerrechtlers" für Gauck gefunden. Würde man ihn als "Dissidenten" bezeichnen, wie sich die zahllosen Gegner des DDR-Systems der Unfreiheit selbst betrachteten, die dafür ihre Freiheit oder gar ihr Leben ließen, so würde man dies klar als Etikettenschwindel brandmarken können.