Klaus Kosiek
23.05.2013 | 01:00

Sehnsucht im Paradies

Nostalgie Robert B. Parkers Held ist ein Lonesome Cowboy, wie es ihn nicht mehr gibt

Ein Mann, Mitte 30, fährt mit dem Auto 3000 Meilen von Kalifornien nach Massachusetts. Auf seinem Weg nach Osten trinkt er abends in billigen Motels zu viel Scotch und denkt über sein Leben nach. Seine Vergangenheit ist Los Angeles, das Scheitern als Kommissar der Mordkommission von South Central und als Ehemann. Seine Zukunft heißt Paradise, eine Kleinstadt am Atlantik in der Nähe von Boston, wo ihn der Stadtrat zu seiner Überraschung zum Chef der örtlichen Polizei gewählt hat. Als Jesse Stone dort an einem warmen Tag im Juni ankommt, geht er zuerst ans Meer: „Er spazierte am Strand entlang und schaute hinaus auf den Ozean des Ostens. Vielleicht tat er das, um eine Art Kreis zu schließen. Was für ein Kreis das war, wusste er nicht. Aber es schadete ja nichts, einfach so auf das Meer hinauszublicken.“

Der erfahrene Leser erkennt, dieser Held in der Krise steht in der Tradition amerikanischer hardboiled detectives wie Sam Spade, Philip Marlowe oder Lew Archer, und die Provinzstadt mit dem viel versprechenden Namen wird sich todsicher als ein Ort erweisen, in dem Kriminelle ihr Unwesen treiben und die anderen, wie überall, Mühe haben, ihr Leben mit Anstand und Würde zu behaupten. Robert B. Parker kannte sich aus im Genre des amerikanischen Kriminalromans und an den Schauplätzen seiner fiktiven Verbrechen. Er wurde 1932 in Massachusetts geboren und starb dort im 2010 an seinem Schreibtisch, an dem er täglich, außer abends und am Wochenende arbeitete. So kamen in 37 Jahren 65 Bücher zustande, meistens Kriminalromane, alle erfolgreich, viele verfilmt und die Grundlage für populäre TV-Serien. In der Serie um den Polizeichef Jesse Stone übernahm Tom Selleck (Magnum) die Hauptrolle, der mit dem Autor eine lebenslange Liebe zum Schnauzbart teilt. Parker hatte Anfang der Siebziger über Hammett, Chandler und Macdonald promoviert, an der Uni gearbeitet, war dann freier Schriftsteller geworden. Seine Arbeit kommentierte er mit dem für seinen Helden typischen Understatement: „You create interesting characters and put them into interesting circumstances and figure out how to get them out of them.”

Im Bielefelder Pendragon Verlag sind nun die beiden ersten Bände der Jesse Stone-Reihe erschienen: Das dunkle Paradies als deutsche Neuauflage und Terror auf Stiles Island als Erstausgabe. Am Ende der Lektüre ist der Held immer noch Polizeichef in Paradise. Er hat in dieser Zeit immer wieder lange aufs Meer geschaut, viel Scotch getrunken, mit Abby geschlafen und über seine Beziehung zur Ex nachgedacht und natürlich Verbrechen aufgeklärt. Eigentlich keine schlechte Bilanz, wenn da die Melancholie nicht wäre, oder was bedeutet so ein Moment: „Jesse hatte das Gefühl, Luft schnappen zu müssen. Er atmete tief durch. Was ich jetzt brauche, dachte er, ist ein Drink.“

Spannend sind Parkers Krimis um Jesse Stone in einem nostalgischen Sinn. Und schon dafür lohnt die Lektüre. Oder für Stones lakonische Schlagfertigkeit und witzige Ironie: Als Marcy sich über die Biederkeit der Ehefrauen von Paradise beschwert, gibt dieser zu bedenken: „Nun, sie sind ja nicht alle mit Tom Selleck verheiratet.“ Und immer hat Parker einen kritischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft: Das Kapitel, in dem der Stadtrat seine Bürgermiliz antreten lässt und eine Rede über das Recht auf individuellen Waffenbesitz und die Pflicht zum Widerstand gegen Washington und den „Internationalismus“ hält, zeigt, dass Parker ein Mann des liberalen Amerika war.

Ein amerikanisches Magazin zählte Parker zu den „50 crime writers to read before you die“. Was auch nostalgisch klingt.