Marc Ottiker
28.08.2012 | 11:00 11

Zwei Fäuste für einen Blockbuster

Gewalt Unser Autor ist Filmemacher. Nun wurde er in seiner Stammkneipe von einem Großen der Branche umgehauen. Ausgerechnet da!

Zwei Fäuste für einen Blockbuster

Montage: der Freitag, Material: Andrei Kuzmik / Istockphoto

In Berlin zu leben bedeutet, sich in einer mittelgroßen Kleinstadt angesiedelt zu haben. Jeder Kiez ist für sich genommen charakteristisch und originär; so war ich noch nie in Steglitz und würde mich da wahrscheinlich genauso verloren fühlen wie in Braunschweig. Zu den wichtigsten Bezugspunkten des angestammten Habitats gehören natürlich die Kneipen. Manchmal bilden sie sogar allein den Bewegungsradius.

In meinem Fall war bis vor kurzem eine Veteranin aus der Wendezeit wichtigste Anlaufstelle alkoholischer, informativer und sozialer Verköstigung. Leider muss ich diesen Satz im Präteritum formulieren, befinde ich mich doch gerade in der äußerst schmerzhaften Trennungsphase von dieser Institution, die mir Hort stundenlanger Weltbetrachtungen, so jäher wie flüchtiger Erkenntnisse, Quell einiger Liebschaften und vor allem Stelle des morgendlichen Kaffee-Zeitung-Wasser-Erweckungsrituals war. Ich durfte mich zu einer kleinen, eingeschworenen Gruppe von Gestalten zählen, die ohne zu bestellen die Tasse Kaffee, den in Cellophan verpackten Keks und das Glas Wasser (mit Eis) serviert bekam. Fernab der sich nur wenige Straßen weiter Weg bahnenden Touristenströme. Einer der letzten Plätze echter gastronomischer Beständigkeit. Das nur vom Parlando seiner Gäste angetriebene Traumschiff. Und nun soll das alles vorbei sein?

Es begann harmlos. Ich war mit einer alten Bekannten verabredet. Wir wollten uns über die Veränderungen der Lebensumstände auf den neuesten Stand bringen, berufliche Perspektiven ausloten, das eine und andere Glas Wein genehmigen und ganz allgemein den Abend auf uns zukommen lassen. Das kleinstädtische Flair des Lokals macht es möglich, dass auch spontane Begegnungen mit anderen stattfinden können und sollen. Nicht selten kommt es vor, dass ein Zweiertisch sich zu einer veritablen Runde mit wellenartig ineinander übergehenden Themenkomplexen, Gesprächsmodulen, Argumentationsfolgerungen, Assoziationsketten, Flirtrudimenten und so weiter ausweitet. Im besten Fall denkt man am nächsten Tag mit schwerem Kopf an einen inspirierenden Abend.

Plötzlich kam der Ex-Freund

Mit dem Auftreten des (Ex-)Freundes meiner Bekannten nahm jedoch jener Abend einen Lauf, der den schlimmsten Fall heraufbeschwor. Meine Bekannte steckte mit diesem Mann in einer modischen On-Off-Beziehung fest, die ihre Tiefe mit selbstgemachter Vertracktheit vortäuscht. Erst stellte sich der neue Gast an den Tresen. Wir entschieden, heute auf seine Gesellschaft verzichten zu wollen. Er war mir bereits bei anderer Gelegenheit als ein Rechthaber aufgefallen, der Gespräche durch Dazwischengequatsche zu dominieren trachtete. Erschwerend kam hinzu, dass er ein sehr, wirklich sehr erfolgreicher Filmproduzent ist. Nun verhält es sich so, dass die Filmbranche mit Protagonisten bevölkert wird, deren Selbstbewusstsein über jeden Verdacht falscher Bescheidenheit erhaben ist. In diesem Falle jedoch steigert das Übermaß an Könnerschaft, berechtigter Stolz auf Erfolg und damit verbundener warmer monetärer Regen solches Bewusstsein ins Unermessliche.

Tatsächlich stellte er sich zu uns an den Tisch, und verlangte, als meine Bekannte ihm vorsichtig erklärte, den Abend ohne ihn verbringen zu wollen, mehr Unkompliziertheit von „uns“, womit er alle in seinen Augen grundsätzlich verkopften und verklemmten Künstlertypen und Bedenkenträger meinte. Spätestens jetzt wäre der Moment gekommen, entschieden auf – wenigstens vorläufige – Distanz zu beharren, allein die emotionale Verstrickung meiner Bekannten erlaubte dies nicht, und wegen ihm mein Lokal verlassen wollte ich nun auch nicht.

Seine unterhaltsamen Schilderungen eines gerade beendeten Korsika-Aufenthaltes wischten schließlich die Bedenken beiseite. Wer weiß, vielleicht würde ja bei diesem dritten Treffen das Eis brechen? Als eine gute Freundin meiner Bekannten zusammen mit einer mir unbekannten anderen Frau auftauchte und sie sich zu uns setzten, war an einen vorzeitigen Aufbruch ohnehin nicht mehr zu denken. Die Runde war eröffnet und es lag in der Luft, dass sie sich lange würde halten können.

Vergiftetes Wohlwollen

Die Stimmung war gehoben, geradezu versöhnliche Töne waren vernehmbar, sogar ein Umswitchen des Beziehungsstatus von Off auf On schien denkbar. Die gute Laune gipfelte schließlich darin, dass die beiden Männer an dem Tisch – Kollegen im Fach, wenn auch in unterschiedlichen Ligen – sich gegenseitig ihre Werke auf DVD signieren und austauschen wollten. Auch hier kam das kleinstädtische Milieu zupass, denn ich musste mich nur kurz auf mein Fahrrad schwingen und konnte ihm nach wenigen Minuten schon mein kleines Werk voller heruntergespieltem Stolz überreichen, brandneu und signiert. Tatsächlich freute ich mich wiederum auf sein Werk und wollte mich neugierig und aufgeschlossen in die Heerscharen jener einreihen, die es in den Multiplexkinos des Landes bereits beglückte. Er selbst nahm meines freundlich, ja, sympathisch verbindlich entgegen und kündigte an, es sich noch heute Nacht einzuverleiben.

So weit so gut. Bis jemand auf die fatale Idee kam, jedes Mitglied der Runde möge über seine Interessen und Ziele Auskunft geben, worauf die anderen dies dann analysieren sollten. Noch erfahrenere Kneipengänger hätten die Havarie wahrscheinlich bereits erahnt. Wir jedoch fuhren munter voran. Selbstverständlich angeführt vom großen Filmproduzenten, der den Reigen eröffnete. Seine Aufzählung künstlerischer, sportiver und gesellschaftlicher Interessen, unterstützt und ausgeschmückt von meiner Bekannten, deren Unfähigkeit, ihren Partner einen Satz beenden zu lassen, eindeutig darauf hinwies, dass sie den Schalter tatsächlich wieder auf „an“ umgekippt hatte, ließen das abgerundete Bild einer allseits gebildeten und reifen Persönlichkeit fast zu deutlich vor unseren Augen erscheinen, einer Persönlichkeit, die dazu noch „reich, sehr reich“ (O-Ton) war. Einzig Schwierigkeiten mit Frauen wurden beklagt, was anlässlich der offensichtlichen Ehe-Routine als Koketterie durchging.

Als seine Selbstauskunft in dem Urteil mündete, angesichts dieses ganzen Erfolgs, dieses Rundumgelingens des beruflichen Sektors sei er doch eigentlich viel zu „demütig“, nun, da konnte ich mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen. Noch nie hörte ich jemanden von sich sagen, „zu demütig“ zu sein. Noch dazu, ergriffen von dieser „Einsicht“, mit deutlich angefeuchteten Augen. Doch er steigerte sich noch, versicherte, eine große Liebe für Menschen zu empfinden, deren Leben gescheitert sei. Als Beispiel eines gescheiterten Menschen wählte er: mich. Und obwohl ich meinerseits versicherte, nicht das Gefühl zu haben, gescheitert zu sein, schwang er sich weiter hinauf, um, garniert von vergiftetem Wohlwollen, zu erklären, er habe in seinem Leben alles richtig gemacht, während ich von einer Niederlage zur nächsten stolpern würde. Meine Fassungslosigkeit wich nun dem Zorn und ich bedachte ihn mit einem Kraftausdruck, den die deutsche Sprache für diese Fälle bereitstellt.

Wundersam glätteten sich jedoch die Wogen wieder und wir kamen überein, eben in unterschiedlichen Teichen zu fischen. Während sein Film Millionen einspielte und das wegen der gewaltigen Entstehungskosten auch musste, konnte mein bescheidenes Werk sich begnügen, zehntausend Euro zu erspielen und selbst damit seine Verleiher noch glücklich zu machen. Doch die pandorische Filmdose war nun offen. Mein Gegenüber bezichtigte mich von nun an mehrfach des Neides auf Geld und Erfolg. Der Gedanke schoss mir durch den Kopf, dass ich, müsste ich einmal einen sadistischen Schergen besetzen, einen Schauspieler mit den weich konturierten Gesichtszügen dieses Großmauls hier auswählen würde. Eine gefährliche Kindlichkeit ausstrahlend, mental noch immer in der Schulzeit verankert, wo er in der großen Pause nur auf die Schwächsten eingedroschen hat.

Mittlerweile war es drei Uhr morgens und es ging ans Zahlen. Ich bestand darauf, für meine drei Biere selber aufzukommen. Nun läutete der Demütige die nächste Eskalationsstufe ein. Er stopfte mir 40 Euro ins noch halbvolle Bierglas und drohte, mir eine runterzuhauen, worauf ich, immer noch von geradezu schwachsinniger Naivität gelenkt, bemerkte, dass ich das gerne sehen würde, wie er mir eine runterhaue.

To make a long story short: Er stand auf. Ich blieb sitzen. Er forderte mich auf, mit ihm raus zu gehen, um „das“ zu klären. Ich hatte keinerlei Klärungsbedarf. Er platzierte den ersten Fausthieb auf meinem rechten Kinn. Forderte mich ein weiteres Mal, nunmehr brüllend, auf, mit ihm raus zu gehen. Die Geschäftsführerin des Ladens eilte hinter dem Tresen hervor und versuchte dazwischen zu gehen. Ein zweiter Fausthieb traf mich am Jochbein, unterhalb der Schläfe. Die Geschäftsführerin drängte ihn aus dem Laden. Ein Eisbeutel wurde mir wenig später in die Hand gedrückt.

Keine bleibenden Schäden

So verließen nun gewissermaßen zwei Fausthiebe den gleißenden Olymp des kommerziellen Films und stiegen hinab in die Niederungen des „Special Interest Movies“, wo sie im Gesicht eines hoffnungslosen Idealisten landeten – als wollten sie diesem Trottel den Segen des „Kapitalistischen Realismus“ nicht nur anhand seiner prekären Lebensumstände vorführen, sondern ihn auch in seinem Gesicht eingravieren.

Ich habe Anzeige erstattet. Subtil wurde versucht, Einfluss auf meine Entscheidung zu nehmen. Man wollte mich überreden, das Ganze außergerichtlich, „mit einer Flasche Wein“ zu regeln. Seine „Wieder-Freundin“ – jetzt meine Ex-Bekannte – rief mich an, sagte, ich solle mir nicht selber schaden mit dieser Anzeige. Es werden Drohungen ausgesprochen. Er sei immerhin ein „angesehener Geschäftsmann“. Die Geschäftführerin meines Traumschiffs ist plötzlich nicht mehr freundlich.

Auf sehr niedrigem Niveau (ich habe keine bleibenden Schäden und kann auch wieder essen) erlebe ich nun, wie ein Opfer sich mehr und mehr in einen Täter verwandelt. Ich bin plötzlich derjenige, der nervt, der spießig ist, der nicht mannhaft genug ist, die Sache bei einem „Gespräch“ zu regeln, der Leute in „Loyalitäts-Konflikte“ stürzt.

Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Eine Mücke, die beim Fußball immerhin als schwere Tätlichkeit mit Platzverweis und einer langen Sperre geahndet würde. Halt. Das Leben ist kein Spiel. Das ewige Genie des Lichtspiels hat keine Sperre bekommen. Ich jedoch habe die Lust verloren, in meine geliebte Bar zu gehen. Sie ist jetzt nur noch profaner Schauplatz einer Demütigung.

Kommentare (11)

pistoglobal 28.08.2012 | 11:58

Falls der Autor bereit gewesen wäre, die beteiligten Personen beim Namen zu nennen, hätte dieser Artikel vielleicht einen "Gala" Leser befriedigt. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Nicht falsch verstehen, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieses Ereigniss für viel Furore im Leben der Beteiligten gesorgt hat. Ich frage mich jedoch aus welchen Gründen solch eine Geschichte es bis in den Kulturteil der Freitag geschaft hat.

Mehr von der viel besagten Demut würde gut tun.

Klatsch und Tratsch ist recht sinnlose Unterhaltung. Vor allem wenn sie auch noch anonym abgehandelt wird.

Sisyphos Boucher 28.08.2012 | 13:29

Naja, ganz so anonym ist die Geschichte doch nicht. Die Fausthiebe wurden aller Wahrscheinlichkeit nach im Hackbarth's in Berlin Auguststraße ausgeteilt.

Was man hier mitnehmen kann von der (wahren?) Story, ist die traurige Tatsache, dass Geld, verbunden mit Macht, nach wie vor attraktiv(er) macht. 

Der Autor sollte wirklich mal über die Auswahl seiner Bekannten und Freundinnen nachdenken oder darüber, was es über ihn aussagt, dass er soclhe Freunde, die schließlich keine sind, zu haben scheint. :-D 

Cicero 28.08.2012 | 13:48

Wer sich für Daten, Namen und Fakten interessiert, muss hier natürlich enttäuscht zurück bleiben. Doch ist wohl das Bedienen der "Gala"-Instinkte der Leser nicht die Absicht des Autors. Auch handelt es sich hier nicht um einen Leserbrief an den Kummerkasten einer Zeitung. Ich lese ein hochgradig amüsante kurze Reportage über eine Begebenheit in einer Kneipe. Zudem ist das Stück ausgezeichnet geschrieben und die Personen sehr anschaulich gezeichnet. Über das Ende, das in meinen Augen leider etwas larmoyant geraten ist, lässt sich sicherlich streiten. Doch alles in allem eine amüsante Miniature.

pistoglobal 28.08.2012 | 14:00

Vielen Dank "Sisyphos" für das tolle Beispiel, an dem sie uns teilhaben lassen.

Ihr Kommentar zeigt in drei Abschnitten die ganze Bandbreite an Möglichkeiten den Kulturteil einer Zeitschrift schnell und einfach zu banalisieren.

Ich mache mir nur ungerne die Umstände darauf hinzuweisen, dass ,aus solchen Artikeln, die einzige These eine Veralgemeinerung und Platitüde sein kann wie z.B. "...die traurige Tatsache, dass Geld, verbunden mit Macht, nach wie vor attraktiv(er) macht."

Die andere Unart folgt im letzten Abschnitt. Die Beteiligung durch die eigene Meinung am Privatleben des Erzählers: " Der Autor sollte wirklich mal über die Auswahl seiner Bekannten und Freundinnen nachdenken oder darüber, was es über ihn aussagt..."

Ich habe auf dieser Seite, der Freitag, schon den ein oder anderen Kommentar gelesen, den ich sehr geschätzt habe. Das lag vor allem an dem Artikel, welcher dem Kommentar vorlag.

Welch vergoldete Zeit und Müh.

pistoglobal 01.09.2012 | 01:10

Nun gut. Zum allgemeinen Verständniss versuche ich mich nochmals verständlicher auszudrücken.

In dieser Geschichte geht es um nichts weiteres, als dass bei einer abendlichen Begegnung in Berlin sich zwei Männer nicht ganz einer Meinung waren. Wegen ein bischen mehr Alkohol und ein paar Einversüchteleien kam es auch noch zu einer körperlichen Auseinandersetzung. Punkt.

Der versuch diese persönliche, banale Geschichte durch verblümte nichtsagende Nebensetze zu einer interessanten Begebenheit auszuschmücken ist völlig sinnlos. Da kein tieferer Sinn dahinter steckt.

Da hätte ich lieber klare Worte. Und schon wäre der Artikel vier mal so kurz. Ich hätte somit die Essenz der Geschichte und auch die Position des Autors.

Alles andere ist Wichtigtuerei. Wer sich dadurch "fantastisch" unterhalten fühlt, schön für ihn.

Ich werde demnechst ein Artikel schreiben, wie ich in der Badewanne fast ausgerutscht bin, weil ich gerade dabei war mich aufzuregen bei dem Gedanken, dass ich früher in der Schule zu Unrecht von den Anderen gepiesackt wurde...

Und ich freue mich schon jetzt über die Kommentare der leser die mir dann raten, ich solle beim Duschen nicht so viel nachdenken sondern mich duschen.

Als ob es nicht wichtigere Sachen zu klären gäbe, und damit meine ich jetzt nicht den Weltfrieden.

hühnersuppe 09.09.2012 | 16:27

fand den artikel gut. unterhaltsam ist was anderes.

gerade das ende mit dem zum Täter werden (sorry, Mrs.Syntax schläft gerade) ist schön zweischneidig: zum einen wird der autor von anderen zum Täter ernannt, zum anderen nimmt er die rolle mit diesem artikel hier an, was hiermit nicht kritisiert werden soll.

Der Artikel lässt sich doch schön als Fabel lesen, in der als Tiere eine Reihe von Menschen und ein Silberrücken vorkommen.

Helkonie 03.10.2012 | 20:19

Der Beitrag liest sich tatsächlich wie eine Fabel. Ich fand es sehr unterhaltsam zu lesen, und kann zu 100 % verstehen, dass er geschrieben wurde. Leute, die Community ist so groß und so vielseitig, wenn euch ein Artikel schlicht und einfach nicht interessiert, dann ignoriert ihn doch einfach. Kommentare wie alle hier von Pistoglobal sind absolut unangebracht, und zwar nicht, weil ich anderer Meinung bin (das bin ich zwar, aber darum geht es mir nicht), sondern weil sie großkotzig die Wichtigkeit und Berechtigung von Communitymitgliedern herunterstufen und dazu schlicht und einfach beleidigend sind.

In dem Fall stimmt einfach mal Klopfers Spruch: http://www.youtube.com/watch?v=AK1shyOfOZM