Henni Kristin Wiedemann
27.03.2013 | 14:59 8

Fakten schaffen statt Gespräche führen

East Side Gallery Am frühen Mittwochmorgen wurde der Abriss von weiteren Mauerteilen unerwartet fortgesetzt. Der Protest der Bürger wird damit bewusst umgangen

Fakten schaffen statt Gespräche führen

Foto: der Freitag

Um 5.30 Uhr rückten die Bagger an, um 9 Uhr war bereits alles vorbei: In einer Nacht- und Nebelaktion wurden vier weitere Mauerelemente der East Side Gallery am Spreeufer – zuvor durch Proteste gerettet – abgerissen. Unerwartet und ohne Vorankündigung. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Doch der rege Protest der vergangenen Wochen bleibt um sechs Uhr morgens aus.

Uns hat es kalt erwischt. Gestern haben noch alle über Ersatzgrundstücke geredet, heute morgen um sieben Uhr erfahren wir aus dem Radio, dass hier Bagger angerückt sind“, erklärt Sascha Disselkamp. Er betreibt das Sage Restaurant an der Spree, ist im Vorstand der Club Commission und Organisator des Protests. „Für uns sieht es danach aus, dass der Investor genug von den Gesprächen hatte und einfach weiter baut. Er will Fakten schaffen bis der Protest irgendwann abkühlt“. Der Abriss-Einsatz sei bewusst anders abgelaufen als beim letzten Mal, damit sich erst gar keine Menschenmengen bilden und den Abriss stören konnten. Keine Tausend Demonstranten, kein David Hasselhoff. Lediglich am Wohnwagen der am Montag errichteten Mahnwache wehte die Fahne der Initiative „Mediaspree versenken“ im eiskalten Wind.

Eigentlich sollte gestern Abend bei Gesprächen zwischen dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und dem Investor des geplanten Hochhauses, Maik Uwe Hinkel („Living Bauhaus“), über Ersatzgrundstücke für den 63 Meter hohen Luxuswohnturm verhandelt werden. Was genau bei diesen Gesprächen beschlossen wurde, ist den Aktivisten bis zum späten Vormittag noch unklar. „Man hätte schon viel eher Ersatzgrundstücke anbieten müssen“, meint Disselkamp, verweist aber gleichzeitig auf das Unverständnis des Investors, ein weltweit bekanntes Mahnmal für die Überwindung des Kalten Krieges vor dem Bau teurer Luxuswohnungen zu schützen.

Still und heimlich

Gegen Mittag ist das etwa fünf Meter breite Loch in der Mauer bereits mit einem provisorischen Tor verschlossen und wird von Polizeibeamten bewacht. Viel von dem, was dahinter geschieht, ist nicht zu sehen. Nur ein riesiger gelber Bohrer, der Löcher in Boden zu bohren scheint. Und Bagger. Die neu entstandene Lücke soll als Zufahrt für Baumaschinen genutzt werden. Es sind größtenteils Touristen, die mit ihren Kameras den voranschreitenden Bau hinter der Mauer dokumentieren. Manchmal greift einer von ihnen nach einem Flyer der Petition vom „Bündnis East Side Gallery Retten“. Nur vereinzelt ist Protest zu spüren. 

Still und heimlich wird hier weitergebaut“, sagt Norman Guthmann. Der gebürtige Berliner sieht ein Stück eigener Geschichte in Gefahr. Sein Großvater arbeitete zu DDR-Zeiten gegenüber der heutigen East Side Gallery in einer Bäckerei. Der Mauerabschnitt hier sein „ein Ort des Erinnerns“. Neben ihm steht Sylvia Pollow und ärgert sich: „In Rom würde niemand auf die Idee kommen, das Kolosseum zu verkaufen.“ Die Berlinerin arbeitet in der Tourismusbranche und ist sich sicher: „Jeder Tourist will die East Side Gallery sehen.“ Aber Geld stehe eben vor den Interessen der Bürger. Beide haben Kindheitserinnerungen an die Mauer, Norman Guthmann aus Weißensee, Sylvia Pollow aus Kreuzberg. „Heute kommen wir aus Ost und West zum Protest zusammen“, sagt sie. Mittlerweile haben 81 000 Menschen die Petition gegen die Bebauung der East Side Gallery unterschrieben. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage sind mittlerweile 75 Prozent der Berliner gegen den Bau der geplanten Wohnungen.

Aber nicht nur Berliner sind über den unerwarteten Abriss empört. Ein junger Mann, der vor fünf Jahren aus Frankreich nach Berlin kam, sagt: „Es gibt genug Luxusbauten in Berlin, die Stadt darf nicht Millionären gehören.“ Auch für ihn ist die East Side Gallery ein zentrales Denkmal. „Als der Finanzsenator sagte, die Mauer habe keine gesamtstädtische Bedeutung, traute ich meinen Ohren nicht“, erzählt er. Auch wenn er von weiteren Protesten ausgeht: „Die Stadt hat sich längst entschieden.“ 

Für heute sind keine Aktionen mehr geplant. Morgen wird es um 16 Uhr eine Demonstration vor dem Roten Rathaus geben. Aus der Politik hat sich heute bisher nur ein Mitglied des Abgeordnetenhauses der Piratenpartei blicken lassen. Im Wohnwagen der Mahnwache ist man sich einig: Der Senat bleibt tatenlos. Sascha Disselkamp schmunzelt: Wowereit selbst habe gesagt, er fände das geplante Gebäude durchaus „reizvoll“.

Kommentare (8)

B Pecuchet 27.03.2013 | 16:26

Mir fehlt in der Debatte völlig eine ernsthafte Diskussion, welche künstlerische Bedeutung die Eastside Galery für die Stadt eigentlich hat.

 

Historisch gab es Graffitis auf der Mauer. Diese befanden sich allerdings auf der westlichen Seite, die Ostseite war ja nie zugänglich. Diese Graffittis waren oft witzig, bisweilen auch bissig, aber bewußt nicht für die Ewigkeit gedacht. Wer wollte, konnte die Flächen überstreichen und mit neuen Grafittis füllen. Dadurch enstand ein reizvolles "anonymes" Tagebuch der westberliner Befindlichkeiten.

Diesen Charme hat die Eastsidegallery nicht und wird ihn wohl nie haben. Stattdessen sieht man hier professionell ausgeführte Wandbilder mit zum Teil sehr klischeehaften Darstellungen (Breschnew und Honecker beim Kuss), die so eine Art neue Ostfolklore begründen wollen oder sollen. Diese Folklore hat aber weder etwas zu tun mit den Menschen aus dem früheren noch aus dem heutigen Berlin, ist dafür aber sehr beliebt bei Touristen. Ob diese Begründung für den dauerhaften Erhalt des Monuments ausreichend ist, müßte erst noch geprüft werden. Aus künstlerischer und ästhetischer Sicht gibt es sicher auch gute Argumente dafür, diesen Rest der Hinterlandmauer zu entsorgen.

 

 

digitales 27.03.2013 | 21:06

Wiedervereinigungsvolklore, die als Politikone deutsche Provinzler zu erfreuen vermag.

Ähnlich wie Lea Rosh, die allerlei Libeskinder inzwischen zur Restauration in bröckelndem Beton freizugeben scheint.

Früher war auch nicht alles besser.

Reaktionäre bleiben jene, die das Heute zum Besseren erklären wollen.

Diese Mickey-Mouse Wand als Touristen-Magnet für einen  Blick darauf, wie "es mal war": ein Gipfel an kulturpolitischer Dummheit und ein erstaunliches Zeugnis dafür, wie verniedlichend man insgesamt Geschichte zum kulturpolitischen Pixie-Buch zu machen zu gedenkt.

 

Mit Andenken, geschweige denn mit Gedenken hat das ungefähr soviel zu tun, wie Legosteine mit Baukultur.

Ersteres verfügt wenigstens noch über den Anstand, diskret überdacht, im Sinne von Denken, werden zu können.

Aber: es ist nicht meine Zukunft mit der meine Zeitgenossen Geschichtsbilder unnötig simplifizieren wollen.

Was unsere "Helden des Gedenkens" mit ihren Monumentalskulpturen an trauriger Geistesverfasstheit zu dokumentieren gedenken, das bleibt deren Sache.