Katharina Finke
07.03.2013 | 09:00 4

Ich seh mir beim Fliegen zu

Werbekritik Mit der neuen Google-Glass-Brille kann man seine eigenen Erlebnisse in Echtzeit filmen. Aber diese Dokumentation unseres Lebens verändert auch unsere Erinnerung

Ich seh mir beim Fliegen zu

Nicht das Erlebnis zählt, sondern dass es dokumentiert wird - und zwar mit Google Glass

Screenshot: Youtube

Den Fallschirmsprung wie durch die eigenen Augen filmen, ein Foto auf dem Catwalk machen, wenn man in der perfekten Position ist oder ein Video aus der Eigenperspektive von der Skiabfahrt aufnehmen. Dazu alles online stellen, kommentieren oder andere Internetfunktionen nutzen. Alles ist möglich, verspricht das neue Webvideo von Google: Darin stellt der Konzern seine neueste Schöpfung vor: Google Glass – eine Datenbrille mit besonderen Fähigkeiten. Man ruft ihr „okay glass“ zu und kann dann je nach Kommando alles, was man durch die Brillengläser sieht, selbst aufnehmen oder fotografieren.

Visuell gegen digitalisiert

Auf den ersten Blick beeindruckend, genau wie der Preis. Er liegt derzeit bei satten 1.500 US-Dollar, etwa 1.140 Euro. Für eine Brille, deren Nutzung von einer funktionierenden Internetverbindung abhängt. Das wird in dem Spot jedoch nicht thematisiert. Auch die Brille selbst wird nicht gezeigt, was kaum überraschend ist, da sie durch ihr Science-Fiction-artiges Design eher wie ein Fremdkörper auf der Nase wirkt.

Fragwürdiger an Google Glass ist aber, was es mit unserem Leben macht: Sämtliche erlebte Ereignisse können durch die Aufnahmen zu auf ewig verfügbaren Bilddaten werden. Abrufbar für einen selbst, für andere – und vor allem für Google. Man tauscht nicht nur die eigene visuelle Erinnerung gegen eine digitalisierte, sondern füttert gleichzeitig noch den Daten-Riesen. Der wird so noch mächtiger. Bild-Chef Kai Diekmann scheint das nicht zu stören. Er hat angekündigt, seine Erlebnisse im Silicon Valley mit Google Glass festzuhalten.

Kommentare (4)

Walkus 08.03.2013 | 14:51

Hier offenbart sich auf eine weitere Weise, das Wesen der Technik. Es ist nicht etwa so, dass Technik etwas ist, was man nur einfach benutzt. Technik ist veräußerlichte Form der Beziehungen, in denen man lebt. Was sich in der Technik immer wieder neu und auf erweiterter Stufenleiter manifistiert, ist der äußere Spiegel der Beziehungen in denen man eh schon lebt. Würde man nicht der Erinnerung an Erlebnisse eine solche Bedeutung schenken, wie es in unserer nach Erfolg trachtenden Lebenweise der Fall ist, dann wäre  die Akkumulation von Erlebnissen nicht das Baumaterial für etwas, was man für so wichtig hält, und was man "Ich" oder "Selbstbewusstsein" nennt, und solch eine Funktion dieser Brille wäre überhaupt nicht denkbar.

Der Computer und das Internet sind Auslagerungen von Gehirnfunktionen. So wie unser Gehirn funktioniert, konstruieren wir eine äußere Maschine, um dann hinterher wieder das Gehirn selbst mit seinem ganzen Potential durch die Konstruktionselemente der Maschine zu begreifen. Dieser Verschmelzungsprozess, der im intellektuellen Begreifen schon präjudiziert ist, wird vermehrt durch die sinnliche Beziehung mit Computer/Internet weitergeführt, sodass er vermehrt in die sinnliche Wahrnehmung selbst hinein integriert wird, das bis zu dem Punkt hin, an dem sich die Grenzen zwischen Gehirn und Maschine verwischen. Was dabei herauskommt, ist dann aber auch nur etwas, was jetzt schon ist: das mechanische automatische Funktionieren der Psyche. 

Eine Kritik dieser Entwicklung, die daran ansetzt, dass dadurch die Aufzeichnungen von Erlebnissen aus der Intimität und damit den intimen Hoheitsanspruch des Erlebenden in Frage stellen,  dass also Erlebnisse öffentlich werden und damit Substrat eines sich bereichernden Datenriesen, greift einfach zu kurz. Denn das eigentliche mechanisch automatische Funktioneren der Psyche wird nicht in Frage gestellt. Diese Art der Kritik mündet mechanisch in die leidige Missbrauchsdiskussion, in der es dann um Ausgleich von Interessen bzw. Abgleich von Vor- und Nachteilen geht.  Damit wird einer Entwicklung der Boden bereitet, in dem sich der Verschmelzungsprozess von Gehirn und Maschine vollziehen kann, begleitet von dem Gefühl, dass alle daran partizipieren und sich damit anfreunden können.

Sönke Paulsen 10.03.2013 | 11:38

Ahh, Ohh, Super, Geil, WOW...das ist in der Regel das geistige Substrat von solchen Erlebnisaufnahmen.

Erlebnisse brauchen irgendein höherwertiges geistiges Substrat, wenigstens einen Gedanken, der irgendwie originell ist, sonst sind sie austauschbar, wie die Aufnahmen mit der Google-Brille, die eben gerade kein Individuum mehr benötigen, um zu wirken. Leben als Filesharing ist das Gegenteil von Individualität, eigentlich das Gegenteil von Leben.