liz weidinger
13.02.2013 | 15:00

Wider die Eindimensionalität

Musikkolumne Die Münchner All-Girl-Band candelilla ist ganz schön klug. Das beweist sie auf ihrem herausfordenden neuen Album "HeartMutter"

Wider die Eindimensionalität

Foto: Nikolas Fabian Kammerer

Endlich ist HeartMutter offiziell zu haben, endlich schreien die vier Münchnerinnen von candelilla so oft ich will ihre Textefragmente in mein Hirn. Und endlich kann ich ihrer Aufforderung aus Lied Nummer 27 Folge leisten und mir ein Bild vom sorgsam zusammengebastelten, zweiten Studioalbum machen, es mit meinen Gedanken verknüpfen – und doch so gar nicht verstehen.

Im vergangenen Herbst waren sie mit einer streng limitierten und selbstbedruckten Edition der Platte auf Tour und stellten ihre neuen Stücke den Fans vor. Und selbst da war das Album schon gut ein Jahr lang fertig. Und nun ist es also draußen. Produziert wurde es komplett analog im August 2011 bei Produzentenlegende Steve Albini in Chicago – was da so passierte ist nachzulesen und anzusehen in kleinen Blogeinträgen der Band. HeartMutter ist in Ruhe gereift und wird aufgeregt und voller Hingabe live gespielt.

Lieber schwierig

Entstanden ist die Gruppe candelilla schon 2001. Nach einer Pause hat sich die Band im Jahr 2007 unter der heute aktuellen Besetzung aus Mira Mann, Rita Argauer, Lina Seybold und Sandra Hilpold wiedergegründet, um in der bayerischen Hauptstadt gemeinsam für intellektuelle und künstlerische Abwechslung mit ihrer Interpretation von Post-Rock und Grunge zu sorgen: Gitarrenmusik, mit Gitarre, Schlagzeug, Bass – und Klavier.

Seitdem nummerieren die Vier ihre Songs chronologisch durch, statt ihnen eingängige Titel zu geben und unternehmen auch allerhand, um ihre Verweigerungshaltung und ihre Begeisterung für Schwieriges in der Basis der Band festzuschreiben. Denn "hier regiert der Spaß und Spaß im besten Sinne", wie es in der 30 neben vielen anderen tollen Textschnipseln so schön heißt.

Was bei der Band auffällt: Es gibt keine Frontfrau und damit auch keinen mediengerecht gebündelten Aufmerksamkeitsfokus. Alle vier Mitglieder sind gleichberechtigt, schreiben Songs und Lyrics gemeinsam und bekommen 25 Prozent der Gema-Einnahmen. Die drei Frauen an Gitarre, Bass und Piano singen abwechselnd, zusammen und durcheinander, auf Deutsch und Englisch. Eindimensionale Aussagen oder gar ein Lebensgefühl werden so rigoros aus den Liedern und dem Album gestrichen. Widersprüche und Gegensätze vielmehr abgebildet und ausgestellt. Außerdem sucht man vergeblich nach typischen Songstrukturen, nach der Wiederholung von Strophe und Refrain. Vielmehr brechen Gitarrenwände ein, der Rhythmus treibt nur nach vorn und das Klavier geht trotzig dazwischen.

Wirklich?!

Mit dieser Begeisterung für Widerspruch haben sie mich natürlich schnell überzeugt. Wieder aus der 30: "Ist es Lachen, ist es Weinen? Lass es Ungehorsam sein." Die Mühe, die ich jedoch darauf verwende, Zweifel an heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit zu üben, fließt bei den vier Künstlerinnen seit dem Schreiben an HeartMutter in die Auseinandersetzung mit Wirklichkeit – oder das, was mit ihr passiert, wenn man versucht, sie in Kunst zu übersetzen. Zum Beispiel transportieren die künstlichen und konstruierten Wortspielereien im Titeltrack 32, die nicht viel mehr sind als leere Hülsen, deutlich mehr an Erfahrungen und Gefühlen, als das angestrengt ausformuliert möglich gewesen wäre.

Die Vielstimmigkeit der Band und ihr gepflegtes Multikompetenztum zeigt sich nicht nur in der Musik, sondern auch in einer im Sommer 2012 zur Wirklichkeit veröffentlichten Heft- und Videoserie. Entstanden sind ein Wanderführer, der Natur konsultiert, ein Fotografie-Notiz-Buch, ein Essayband und Gedichte als Versuchsaufbau. Verfilmt wurden die Hefte dann auch noch. Hier zum Beispiel Manns Video zu Seybolds Wanderheft But a panoramic view cures heart:

Kreativen und theoretischen Input gibt es also viel bei dieser wichtigen Frauenband – und ausreichend Wut auf vorgegebene Wege und Normen noch dazu. Und die ist schließlich grundlegend für jede Feministin.