Lutz Herden
16.01.2013 | 12:31 19

Tragischer Held Sanogo

Mali Mit ihrem Putsch wollten Militärs im März den Zerfall des Landes aufhalten. Sie wurden von denen geschmäht, die sich jetzt hinter die Intervention Frankreichs stellen

Tragischer Held Sanogo

Bis heute hat Sanogo viele Anhänger in der Armee, die sich mit seinen Zielen identifizieren

Foto: Issouf Sanogo / AFP

Es war schon ein bizarrer Vorgang, der es verdient, im Lichte der französisch Mali-Intervention erinnert zu werden: Am 21. März putschte in Bamako Hauptmann Amadou Sanogo gegen eine korrupte und dekadente Regierung, die der Sezession im Norden und dem Verlust großer Territorien untätig, fast gleichgültig zusah. International stieß der Staatsstreich auf Unverständnis, teils harsche Kritik. Genau jene Staaten-Gemeinschaft, die sich jetzt mit dem Vorstoß Frankreichs identifiziert, reagierte ungehalten bis repressiv. Die Afrikanische Union (AU) und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) setzten Mali krachend den Stuhl vor die Tür und verhängten Sanktionen. Die EU regierte ähnlich. Besonders die Außenminister Deutschlands und Frankreichs – Guido Westerwelle und Alain Juppé – taten sich hervor. Die Aufrührer wurden des fehlenden Respekts vor der Demokratie wie der Verfassung Malis gescholten.

Nur was war die Magna Charta eines Landes noch wert, das zu zerfallen drohte? Sanogo hatte immerhin begriffen, dass Mali als Staat existenziell herausgefordert war, seit Sezessionisten im Norden – seinerzeit zunächst die Tuareg-Rebellen – munter eigene Staaten ausriefen. Sanogo wollte handeln. Da ihm die eigene Regierung Auftrag und Mandat verweigerte, holte er sich, was er brauchte.

Das Exemplarische des Vorgangs

Letzten Endes wollte der aufsässige Hauptmann genau das bewirken, was jetzt Frankreich für geboten hält – ja, halten muss, damit seine Intervention, die inzwischen zum Einsatz von Bodentruppen führt, nicht in den Geruch von Eroberung und Landnahme gerät. „Übergeordnetes Ziel aller Bemühungen“ müsse es sein, so Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, möglichst bald die malischen Streitkräfte zu reformieren und in die Lage zu versetzen, im Norden wieder Präsenz zu zeigen.

Damit ist wohl gemeint, eine aktionsfähige Nationalarmee solle den Franzosen Entsatz verschaffen, das heißt, ihnen als Hilfstrupp den Rücken freihalten und die Flanken sichern. Bis es soweit ist, ersetzt Fremdbestimmung genau das, was Sanogo vor Monaten in freier Selbstbestimmung vollziehen wollte – den weitgehenden Erhalt territorialer Integrität.

Schon bald nach seinem Coup gegen Präsident Amadou Toumani Touré konnte sich der Putschist übrigens durch die Vereinten Nationen bestätigt fühlen. Der Weltsicherheitsrat  hatte nach dem 21. März 2012 bereits drei Mali-Resolutionen verabschiedet, bevor am 21. Dezember 2012 das Dokument Nr. 2085 die African-led International Support-Mission in Mali (AFISMA) ins Leben rief. Deren Zukunft hängt momentan vom Ausgang der französischen Operation ab. Vermutlich wird AFISMA nicht überflüssig sein, aber keinesfalls das Mandat ausfüllen, das ursprünglich vorgesehen war, sondern bestenfalls den Franzosen assistieren dürfen.

Doch das ist nicht entscheidend – das Exemplarische des Vorgangs besteht in der Marginalisierung afrikanischer Krisenreaktionskräfte, denen von der UNO, nicht zuletzt von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, Priorität eingeräumt wurde. Natürlich geschah das nicht ohne Grund. Wenn Senegalesen, Ghanaer oder Nigerianer die Federführung einer Mali-Operation übernommen hätten, wäre ein Einstieg in Verhandlungen mit den islamistischen Kombattanten und ihren Führern in Nordmali vielleicht möglich. Aber glaubt jemand ernsthaft, dass Ansar-Dine-Chef Iayd Ag Ghaly mit den Franzosen verhandelt oder die Franzosen etwa mit ihm?

Peripherie und Zentrum

Es ist bei alldem entschieden der Behauptung zu widersprechen, die seit Beginn der französischen Alleingangs ständig medial kolportiert wird, es gab keine Alternative – es hätte zu lange gedauert, die ECOWAS-Einheiten aufzustellen und zum Einsatz zu bringen. Bis dahin wäre Bamako längst von islamistischen Verbänden der Ansar Dine und der Al-Qaida-Ableger in Nordafrika überrollt worden. Richtig ist, dass im UN-Sicherheitsrat zunächst Konsens bestand, die AFIOSMA erst nach der im März beginnenden Regenzeit in Marsch zu setzen. Sollte es die Lage erfordern, aber notfalls auch früher.

Soviel steht fest, sollte Frnakreichs Militäreinsatz innere Reformen in Mali blockieren, wird er erfolglos bleiben, weil sich dann an den inneren Konflikten des nordafrikanischen Landes nichts ändert. Das beginnt schon mit der Vernachlässigung des Nordens, um dessen Nomadenvölker sich die sesshaften Bambara-Eliten im Süden noch nie wirklich gekümmert haben. Im Bewusstsein, in der Überzeung, das Zentrum zu sein, ließen sie verkommen, was als lästige Peripherie galt. Auch das wollte Hauptmann Sanogo dringend ändern.

Kommentare (19)

perigrens 16.01.2013 | 12:47

Frankreichs Militärs dürften innere Reformen in Mali recht egal sein, wie überhaupt das Opening in die ärmsten Länder der Welt insgesamt als "geopolitisch" vergleichsweise marginal erscheinen dürfte.

Was darauf hinbedeuten könnte, dass die "westliche Welt" auch mit Blick auf auf die UNO mit dem Rücken zur Wand zu stehen scheint.

 

Gewarnt davor wurde bereits beizeiten.

Keiner wollte es hören.

Sie werden nun die Suppe selbst auslöffeln müssen.

np

jjpreston 16.01.2013 | 15:43

@Angnaria

Ach, Sie meinen, die westlichen Demokratien hätten sich so zurückhalten müssen wie beim Putsch in Syrien oder der Revolution in Ägypten? Sie hätten sich so zurückhalten müssen wie beispielsweise die Bundesregierung bei den Protesten in Saudi-Arabien, wo sie demonstrativ die Finger still hielt, während KrausMaffei Wegmann mit den Saudis Panzerlieferungen abmachte?

Diese Zurückhaltung meinen Sie?

Oberham 17.01.2013 | 09:09

... wenn ich den Text lese, den Worten glauben schenke, dann ist die Überschrift in der Tat passend.

Nur, wie könnte je ein aufrechter Mensch in einer Horde von Widerlingen auf Dauer überleben?

Die Afrikaner sind keine besseren Menschen als wir Europäer, hier wie dort lässt sich das Volk knechten, mit dem einzigen Unterschied, die Massen in Afrika leben als Basis auf dem niedrigstgem Level - die sozialen Hirachien gründen nicht überall auf der Welt in den Tiefen der absoluten Armut.

So tragen die Ärmsten alle, werden die Armen von den Ärmsten getragen u.s.f. - das dies so bleibt, bedarf bisweilen auch westlicher Bomben und Raketen, just in dem Moment, wo Gewalt sich erdreistete, eventuell die Pyramide aufzuweichen.

Letztlich fürchte ich, würde es ohnehin nicht passieren - doch schon das vage Risiko lässt die etablierten Kräfte nich zögern, zu handeln.

momine 17.01.2013 | 11:33

Allgemein betrachtet sind natürlich die "Afrikananer" auch nicht besser oder schlechter als die "Europäer", doch das behaupte ich von allen Menschen auf unserem Planeten.

Hierbei geht es um Mali und ich danke Lutz Herden für diesen Artikel, der es mir ermöglicht in eine andere Richtung zu denken.

Ich, die ich 4x  in Schwarzafrika Familien besucht habe, bedauere es sehr, das Teile dieses Kontinents wirtschaftlich ausgeschlossen werden und die Menschen mit ihrem verständlichen Wunsch nach vorgespieltem Luxus, was für sie schwer durchschaubar ist, ein gefundenes Fressen sind für jegliche extremen Richtungen, weltlich wie religiös.   

Oberham 17.01.2013 | 12:17

... in welche Richtung dachen sie vorher?

Wie sie so treffend bemerke - überall auf der Welt sind die Menschen gleich!

Nur - leider - gleich verloren.

Herr Herden hat eine aus einem Blickwinkel beoachtet, der die Tragik offenbart, darum auch der  treffende Titel.

Es könnte ja sein, Sanogo hätte wiklich die etablierten Verbrecher verjagen und eine Regierung, welche die Interessen des Gemeinwohl vertritt, ermöglichen wollen - für den ganzen Staat Mali.

Er hatte nicht die Gelegenheit, es beweisen zu können.

Warum?

Weil das ein Unding in unserer globalisierten Welt wäre, ja in den Regionen der allumfassenden Menschenverachtung gleich mehrfach!

Island konnte nach 2007 seinen Weg gehen, mit Glück und als Feigenblatt - Skandinavien errodier inzwischen auch langsam, doch seine geopolitische Randlage und die Ressourcen erlauben es, die Kultur des Gemeinwesens noch halbwegs zu stabilisieren, Europa errodiert in einer Geschwindigkeit, die selbst die Pessimisten noch überraschen und die Plutokraten erfreuen dürfte.

Bald wird wiklich Gerechtigkeit herrschen, die soziale Emulsion sich deutlicher spalten - überall.

Letztlich führen wir in Mali Krieg gegen uns selbst.

Gestorben wir allerdings  - glücklicherweise - (oder sollten wir uns vorlügen, es sei bedauerlich?) noch immer stellvertretend von den Ärmsten.

Eines Tages holt uns unsere Feigheit ein.

 

 

momine 17.01.2013 | 22:38

Vielen Dank für die ausführliche Darstellung Ihrer Gedanken, die mir weitaus weiter geholfen hat als der erste Beitrag.

Ich war mit meinen Gedanken bei dem letzten Satz des Donnerstag Kommentars von Hans-Ulrich Jörges (nach zu hören auf radioEins.de), der zu dem Schluss kommt "Die Probleme in Afrika müssen die Afrikaner selbst lösen, wir können es nicht." Ich bin mir nicht sicher, ob das so einfach ist. Was meinen Sie? 

Oberham 18.01.2013 | 08:52

Das Schlimme ist, wir (nun hier ist das wir wohl fehl am Platze - oder - nein - wir beide sind Teil dieser Gesellschaft - insofern - wir müssen uns mitverantworten - daher mein Motto - wir tragen Verantwortung, doch unsere Handlunsmöglichkeiten sind im Kontext bedeutungslos, solange wir zur Multiplikatorenfunktion ausserstande sind.)

nochmals also wir verhindern es doch.

Man muss sich nur die Geschichtsbücher vornehmen und die sozialen Struktuen Afrikas im 13 Jhd. also "kurz" vor Beginn der Kolonisierung betrachten.

Sie waren in keinem Falle düsterer als in Europa - ja, es gab Kommunen die weitaus humaner und solidarischer organisiert waren als in Europa.

Natürlich bluten fast 700 Jahre extrakontinentale Terrorherrschaft von Aliens ein Gebiet aus - natürlich können wir heute Afrika nicht einach sich sebst überlassen.

Zuerst müsste man die "Stadthalter" und deren Clans dort entfernen - human, indem man sie in die eigene Firma zurückholt - oder anders.

Dann müsste man Afrika die Schuden zurückzahlen die man dort hat.

Tja, und ich bin mir sicher, ab diesem Moment würden die Menschen in keinem Fall schlechter ihre Gesellschaftsprozesse organisieren als wir dies vermögen - bei uns daheim- unseren Kontinenten.

Ja, vielleicht hätten wir das große Glück - sie lebten die sozialen Utopien - die seit etwa zweieinhalb Jahrtausenden von winzigen Minderheiten erdacht und in ungezählten Varianten, immer das Prinzip des Miteinander - nicht des Gegeneinander - verfolgend, beschrieben wurden.

Es wäre wohl beschämed - doch was bleibt uns heute? - nur die Scham, der Versuch wenigstens selbst nicht aktiv vom Leid anderer zu trinken und die Hoffnung auf den Tag, da der Mensch neben uns auch zur Besinnung kommt.

Oben hatten doch tatsächlich Foristen und der Autor über die Ressourcenproblematik geschrieben, fast so als glaubten sie, es ginge da auch noch um etwas anderes.

Dieses andere in ihren Köpfen, das sollten sie exakter formulieren - ein lauterer Sanogo war eine Möglichkeit - Afrika ist eine Ressource - darum streiten sich alle Nicht-Afrikaner.

Den wirklich Mächtigen, sind die Menschen letztlich völlig egal.

 

momine 18.01.2013 | 10:37

Guten Morgen,

Es sind offensichtlich die letzten Sätze, die mich nachdenklich machen, so schreiben Sie: "Den wirklich Mächtigen, sind die Menschen letztlich völlig egal." Das ist es doch, woran zu erkennen ist, das der Mensch auch nur ein Tier ist, der leider über einen Verstand verfügt, der den Instinkt mehr oder weniger ausschaltet. Die Fähigkeit mit diesem Verstand zu arbeiten wird von Menschen oft missbraucht um andere zu unterdrücken, gefügig zu machen und auszuschalten. Auch das passiert weltweit. In den Ländern, wo die Menschen in vielerlei Hinsicht überwiegend "hunrig" gehalten und gemacht werden ist das offensichtlicher, da hier nicht nur die Mächtigen gegen das Volk arbeiten sondern auch die Menschen untereinander einen Kampf führen, um ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu bekommen. "Fressen und gefressen werden."

Ich denke, wir, Sie und ich, wissen, dass die ideale Art und Weise den Afrikaner zu Seite zu stehen (Miteinander) in weiter Ferne liegt und offensichtlich nicht gewollt ist. Heißt das nun doch Jörges hat recht, ich will es nicht wirklich so sehn.    

Grundgütiger 18.01.2013 | 12:56

Die Formel ist eigentlich immer die Gleiche.

Die "Fundamentalisten" dieser Welt erscheinen, erhalten Zulauf immer dann, wenn größere Gruppen, Ethnien oder ganze Länder dem Elend überlassen werden.

Da schlägt dann noch die krudeste Ideologie alle Vernunft.

Und die Vernunft verliert garantiert, wenn man hungern muß. Und dies ist ja in Afrika der Fall.

Es ist schon ein Unterschied sich über hohe Spritpreise zu erregen, oder die Gewissheit, in drei Tagen nichts mehr zu essen zu haben.

Danke Lutz Herden.

 

 

ibn klaus 18.01.2013 | 13:26

Es ist vollkommen richtig, daß die "westliche" Welt, insbesondere die ehemaligen Kolonialherren, Afrika im allgemeinen und die einzelnen Problemzonen im besonderen nicht " im Regen stehen" lassen sollen (wäre wörtlich gemeint sicher schön). Man hat ja lange genug den Kontinent ausgeplündert, Diktaturen durch andere, genehme, ersetzt und wundert sich über die Radikalisierung und Fundamentalisierung, die vom Maghreb aus den traurigen Siegeszug gen Süden fortsetzt. Ist jetzt allerdings blinder Aktionismus gefragt ? Und die deutsche Regierung konnte nicht schnell genug der französischen beispringen für eine fragwürdige Militäraktion. Man muss aufpassen, hier kein zweites Afghanistan zu produzieren.

Gold Star For Robot Boy 20.01.2013 | 18:50

Hintergründe zum Krieg in Mali

"Die Waffenlager Gaddafis waren eine willkommene Beute für die Milizen und für alle Gruppen, die dort in dieser Region aktiv sind". (Hardy Ostry)

"Those weapons made their way to Mali and created an opportunity for ongoing conflicts in the north to really escalate. So, I think we see these unintended consequences of military intervention."(Emira Woods)

"US Africa Command head,Gen Carter Hamm,has said he is "sorely disappointed" with the conduct of some of the US-trained Malian soldiers.Some of the elite US-trained units are also said to have defected to the Islamist rebels, who they were originally trained to fight. Capt Sanogo has since handed power to a handpicked civilian government, but he remains influential behind-the-scenes."(BBC)

"Al-Qaeda in the Islamic Maghreb'was,according to experts like Professor Jeremy Keenan from SOAS - the most cited academic in the world on North Africa - virtually manufactured in the region by Algerian intelligence services with clandestine US support.(Nafeez Ahmed)

"Langfristig hat Frankreich ein Interesse daran, Bodenschätze in der Sahelzone zu fördern, insbesondere Erdöl und Uran, das der französische Atomkonzern Areva im Nachbarland Niger bereits seit Jahrzehnten gewinnt" (Katrin Sold)