Maike Hank
09.11.2012 | 19:16 7

Krumm und schön

Ernährung Man muss nicht gleich containern gehen, um zum Essensretter zu werden. Ein neues Kochbuch zeigt noch andere Möglichkeiten auf und bricht eine Lanze für Gemüsesonderlinge

Krumm und schön

Handbepackte Misfits-Spieße

Foto: Maike Hank

"Lebensmittelverschwendung ist ja nicht gerade das beliebteste Thema." sagt Gundula Oertel während der mittäglichen Premiere des Buchs Taste the Waste. Rezepte und Ideen für Essensretter, das sie gemeinsam mit Valentin Thurn, dem Macher des Dokumentarfilms Taste the Waste, geschrieben hat. Damit liegt sie offenbar nicht ganz falsch, denn auch die Presse scheint nur mäßig interessiert zu sein: die meisten der Anwesenden sind Menschen, die an der Herstellung des Buches beteiligt waren oder darin porträtiert wurden.  Die Stimmung ist dennoch gut, wir sitzen in einem Kreuzberger Restaurant an Holztischen und lassen uns von den Culinary Misfits Essenshappen reichen, während wir uns etwas über das neue Buch erzählen lassen.

Oertel und Thun lernten sich im Rahmen einer Kochaktion anlässlich des Kinstarts von Taste the Waste kennen. Die Menschen seien nach dem Film, der aufzeigt, wie viel Essen jeden Tag weggeschmissen wird, so verstört gewesen - das Buch solle dem Ganzen nun eine positive Wendung geben.  Keinesfalls jedoch sollte es ein Restekochbuch werden, sondern vielmehr den Blick öffnen für die Verwendung von allem Wertvollen, das man essen kann. Dazu gehören beispielsweise auch krumme, mehrbeinige Möhren, zu große Spitzkohlköpfe, siamesische Tomatenzwillinge oder andere Gemüsesorten, die aufgrund ihres nicht genormten Aussehens erst gar nicht in die Läden gelangen.

Die Culinary Misfits sind in dieser Hinsicht missionarisch auf Berliner Märkten unterwegs und bieten auch ein entsprechendes Catering an. Sie sind die ersten, die im Buch porträtiert werden und wollen demnächst einen Laden eröffnen, für den sie Geld sammeln. Ich bin hin und weg von den leckeren Dingen, die sie uns offerieren.

 

Die Rodelika

Von einem Marktleiter, der seit mehr als zehn Jahren für eine Biokette arbeitet, erfahren wir, dass er angefangen hatte, beispielsweise bei den Möhren auch unförmige Rüben in die Bunde zu schmuggeln und als er merkte, dass die Leute kein Problem damit hatten, gab es fortan auch ganze "Misfits"-Beutel. Ein Prozedere, das für den ganz normalen Supermarkt oder gar den Discounter völlig unmöglich zu sein scheint. Zumal in der Produktion fast überall nur noch Hybridsaaten verwendet werden, die jedes Jahr neu gekauft werden müssen, aber von denen man eben weiß, dass aus ihnen formschönes Gemüse hervorgeht. 

Der anwesende Biobauer schwärmt deshalb fast liebevoll von der samenfeste Rodelika-Möhre. Jetzt, wo ich ihren Namen weiß, fühle ich mich noch schuldiger, denn in letzter Zeit habe ich nicht mehr im Biomarkt eingekauft. Die Rechnung ist einfach: entweder ich lebe umweltbewusst und vernünftig und bleibe ansonsten Kinos, Kneipen, Theatern und Cafés fern - oder ich kaufe beim Discounter ein und habe ein Sozialleben.

Bei uns am Tisch wird deshalb auch sofort darüber diskutiert, wie umsetzbar das Essenwertschätzen, der Kauf von "Misfits", das Kochen von wild wachsendem Gemüse oder Obst überhaupt ist. Unsere Leben sind meist durchgetaktet, oft wohnen wir in der Stadt, haben gar keine Zeit, jeden Tag einkaufen zu gehen, auf dass ja nichts schlecht wird, und schon gar nicht kommen wir hinaus aufs Land, wo wir im Wald herumrobben können, um den Knöterich wiederzuentdecken, Äpfel aufzulesen, für die sich ohnehin niemand mehr interessiert, direkt beim Bauern zu kaufen oder womöglich selbst Obst und Gemüse anzubauen. Es ist nicht einfach, ein besserer Mensch zu werden. Ich war darin auch schonmal besser.

Sanfter Tritt

Das schmälert aber nicht die Freude beim Durchblättern des Buches, ist es doch eine wunderbare Inspiration und ein sanfter Tritt in den Hintern. Alle sollen so viel für die Umwelt und auch sich machen, wie sie können. Das ist mal mehr, mal weniger. Dank der liebevoll gestalteten Berichte über die unterschiedlichen Essensretter sowie ihren ausgefallenen Rezepten, die im Gegensatz zu denen in vielen anderen Kochbüchern erstaunlich einfach sind, möchte ich am liebsten sofort nach der Rückkehr in die Redaktion unser Ressort bekochen. Demnächst geht's los und ich schaue nachher schonmal, ob es in meinem Biosupermarkt auch jene hübschen anpassungsunwilligen Möhren gibt, die zudem viel besser schmecken sollen. Weil ich längst verlernt habe, welche Gemüsesorten gerade wirklich Saison haben, kann ich zudem auf meiner Telefon-App nachsehen, was ich gerade guten Gewissens kaufen kann. Meine Kindheit auf dem Land ist einfach zu lange her. Da fällt mir ein, dass ich gerne mal wieder frischen Sauerampfer essen würde.

Kommentare (7)

thinktankgirl 09.11.2012 | 21:55

 Die Rechnung ist einfach: entweder ich lebe umweltbewusst und vernünftig und bleibe ansonsten Kinos, Kneipen, Theatern und Cafés fern - oder ich kaufe beim Discounter ein und habe ein Sozialleben.

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Unsere Leben sind meist durchgetaktet, oft wohnen wir in der Stadt, haben gar keine Zeit, jeden Tag einkaufen zu gehen, auf dass ja nichts schlecht wird, und schon gar nicht kommen wir hinaus aufs Land, wo wir im Wald herumrobben können, um den Knöterich wiederzuentdecken, Äpfel aufzulesen, für die sich ohnehin niemand mehr interessiert, direkt beim Bauern zu kaufen oder womöglich selbst Obst und Gemüse anzubauen.

Tja, wenn Ihr keine Zeit oder Geld für halbwegs vernünftige Nahrungsmittel habt, dann lebt Ihr im falschen Leben.

Rupert Rauch 09.11.2012 | 22:45

Ja, wobei Obst und Gemüse im Biomarkt nicht zwangsweise besser ist. In unserem gibt es dieselben Sorten wie im Discounter: fader Einheitsgeschmack und viel zu früh geerntet, dafür doppelt so teuer. Mit einigen wenigen Ausnahmen.Ich geh trotzdem gern hin, weil die restliche Produktpalette sich zu über 90% vom Discounter unterscheidet und zum Ausprobieren und Entdecken anregt.

Dass es so wenig gutes Obst und Gemüse gibt, darunter leide ich. Es ist schon ein Glücksfall, mal reifes Obst zu erwischen. Die Sorten sind oft fantastisch, aber wenn man sie zwei Monate vor der Reife erntet und ins Kühllager bringt, schmeckt das Zeug nach Pappe. Leider merkt man es meist erst nach dem Kauf ;-(

Noch ärgerlicher ist es, dass es selten Sortenangaben gibt oder man regelrecht danach suchen muss. Mandarine ist nicht gleich Mandarine, Orange nicht gleich Orange, Kartoffel nicht gleich Kartoffel usw. Buchstäblich jedes Obst und Gemüse hat ein enormes genetisches und damit idR auch geschmackliches Spektrum.

Macht man das nicht offensichtlich, dann verderben die schlechten Billig-Anbieter den Markt und erziehen den Kunden zum Cretin, welches gerade noch zwischen roten, gelben und grünen Äpfeln unterscheiden kann. Dann muss man sich auch nicht wundern wenn Kinder kein Obst und Gemüse mögen...

Ich habe zum Glück einen großen Garten und wohne auf dem Land, umso ärgerlicher aber, dass die EU der Konzerne den freien Verkauf von altem Saatgut finanziell abwürgt:

http://www.taz.de/!97219/