Michael Angele
01.03.2013 | 09:00 21

Amazon und die Buchfee

Medienwandel Jedes E-Book ein Sargnagel für die Buchhandlungen: Der Online-Riese verändert unser Verhältnis zum Buch grundlegend

Amazon und die Buchfee

Illustration: Patric Sandri für der Freitag

Auch als Büchermensch kann man sich eine Welt ohne Amazon kaum noch vorstellen. Wer es dennoch versucht, muss tief in die Vergangenheit blicken oder weit vorausschauen. Wer zurückblickt, sieht vielleicht einen Marktplatz, an dem zwei unabhängige Buchhandlungen in freundlicher Konkurrenz gedeihen. Die Buchpreisbindung sorgt dafür, dass keiner den anderen austrickst, und allseits gebildete Buchhändler beraten den Kunden so fein, dass keine Wünsche offen bleiben. Wir schreiben den Herbst 1997, und da unser Blick auf eine kleine Stadt in der Eifel gefallen ist, kriegt keiner mit, dass im Norden der Republik eine Buchhandlung gerade zur Kette mutiert ist: Thalia. Es ist wirklich ein goldener Herbst, denn man kann erst recht noch nicht wissen, dass sich eine Website namens „telebuch.de“ ein Jahr später in „amazon.de“ umbenennen wird.

14 Jahre später existiert nur noch eine der beiden Buchhandlungen, und die verkauft Bestseller, Krimis sowie ein paar Reiseführer, ansonsten gibt es „non-books“. Aber auch Thalia geht es nicht besser, die Filiale im nahen Trier soll geschlossen werden, die Umsätze sinken bundesweit, und es gilt das Wort von Henning Kreke, dem Chef der Douglas-Gruppe, zu der Thalia gehört: „Amazon ist das Maß aller Dinge“.

Das ist die Parole der Stunde. Jeder sagt es: Verleger, Händler, Käufer, Kritiker. Dabei ist es ja nicht so, dass Amazon den deutschen Buchmarkt komplett beherrscht, sondern bisher „nur“ rund 20 Prozent. Aber Amazon meint eben mehr als Zahlen. Amazon ist ein Symbol. Ein negatives für den, der zurückblickt. Für Roland Reuß zum Beispiel. Der Heidelberger Germanist und Editionswissenschaftler feuert in diesen Tagen aus allen publizistischen Rohren gegen Amazon und ist so etwas wie der personifizierte gebildete Widerstand gegen den vulgären Online-Händler. Er hat den Giganten sogar wegen Hehlerei verklagt.

Keine Abnutzungsspuren

Das heimliche Ziel von Amazon sei es, die Buchpreisbindung zu kippen, warnte Reuß in der FAZ. In Deutschland muss ein neues, in Deutschland verlegtes Buch überall gleich viel kosten. Ein simples Gesetz, das sich positiv auf Zahl und Sortiment der Buchhandlungen auswirkt und die Verlage zur Querfinanzierung anspruchsvoller Titel animiert. Wir verdanken der Preisbindung unsere reiche Buchkultur. Diese Bindung heble Amazon durch seine antiquarischen „Webshops“ schleichend aus, sagt Reuß; „wie neue“ und gelegentlich brandneue Bücher konkurrieren dort mit Neuerscheinungen. Wer etwa den gerade erschienenen Schirrmacher will, kann sich zwischen einem Exemplar zum Festpreis von 19,99 Euro entscheiden und einem für 16,49 Euro: „Gebraucht – Wie neu in Schutzfolie – Privatverkauf.“ Man muss schon sehr naiv sein, wenn man bei diesem Exemplar Abnutzungsspuren vermutet.

Außerdem beherrscht Amazon den Handel mit den klassischen antiquarischen Büchern. Das ZVAB, das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher, gehört ebenfalls der Krake, aber wer weiß das schon. Und als wäre das nicht genug, nimmt Amazon den guten alten Buchmarkt auch von der anderen Seite in die Zange: iTunes und Amazon mit seinem Kindle beherrschen den E-Book-Markt.

Reuß nennt E-Reader „killing machines“. Aber auch moderate Stimmen warnen. Durch die EU-Kartellbehörde sei die Preisbindung für elektronische Bücher faktisch aufgehoben, meint Helge Malchow im Spiegel. Der Verleger spricht vom Ende des „Buchhandels, wie wir ihn heute kennen“. Dennoch kooperiert sein KiWi-Verlag wie fast alle anderen weiter mit Amazon. Nur zwei kleinere deutsche Verlage haben im Gefolge der aktuellen Kritik an Amazon ihre Zusammenarbeit beendet, weil sie die hohen Rabatte satthaben. Zu einem Aufstand dürfte es also nicht kommen.

Das gilt auch für das Gros der Konsumenten: Man schätzt zunehmend die Vorteile des digitalen Buchmarkts, wenngleich oft mit schlechtem Gewissen. Der Kunde muss sich entscheiden, das sagt auch Reuß. Wer seinen Buchladen um die Ecke weiter will, muss eben seine Bücher auch dort kaufen. Das ist eine bewusste Entscheidung. Unter den guten Argumenten für das Buch zielt ein besonders starkes gar nicht auf das Medium selbst, sondern auf seine Bedeutung für den öffentlichen Raum: Wer ins Kino geht, obwohl er den Film streamen könnte, will ein Kino in seinem Lebensumfeld; wer sein Kleid in der Boutique kauft und nicht bei einem Online-Anbieter, will eine Boutique in seiner Nähe; und wer Buchläden um die Ecke will, will auch, dass die kleinen und die großen Städte nicht noch mehr veröden. Man will am Reichtum der digitalen Welt partizipieren, ohne dass die reale Welt verliert. Aber geht diese Rechnung wirklich auf?

Die Riesenmaschine

Jedenfalls hilft es nicht, diesen Reichtum kleinzureden. In seinem Feldzug gegen Amazon hat Roland Reuß auch den Kundenservice dieses „Luxemburger Steuerumgehungskonzerns“ verspottet, namentlich die neuen Sonderkonditionen für Studenten. Es ist nicht besonders klug, sich über einen guten Kundenservice lustig zu machen. Und Amazon tut alles, um diesen Service zu optimieren.

Franz P. kann ein Lied davon singen. P. ist Antiquar in einer westdeutschen Großstadt. 1997, siehe oben, hat er noch ein Antiquariat betrieben, das er im Jahr 2001 geschlossen hat. Eine Weile ist er mit seinen Bücherkisten auf Flohmärkten gestanden, dann hat er sein Geschäft komplett ins Internet verlagert. Zuerst auf diverse Plattformen (abebooks, booklooker und ZVAB), seit ein paar Jahren handelt er ausschließlich auf Amazon. Seine Geschichte mutet wie eine Allegorie auf den Medienwandel an. In Deutschland gibt es vielleicht ein paar hundert Händler wie er, die meisten fahren doppelgleisig und haben noch einen Laden, aber auch für sie dürfte Amazon das „optimale Konzept“ darstellen.

Dafür nehmen sie hohe Provisionen in Kauf. Denn natürlich ist Amazon nicht nur eine elegante Maschine, sondern auch eine kapitalistische. Und auch eine etwas gespenstische: Es gibt dort keine Ansprechpartner, keine Sprecher. Aber das Ganze funktioniert und zwingt die Händler in den Dienst der Kunden, zum Beispiel wird Franz P. sanktioniert, wenn er eine Kundenmail nicht binnen 24 Stunden bearbeitet. Amazon versucht auch immer wieder, die Händler zu überzeugen, ihre Bücher in ein Zentrallager zu übergeben. P würde dann den letzten Rest an Weltbezug in seinem Handel verlieren: Die flüchtige Begegnung am Postschalter und im Hermes-Shop. Aber P. klagt nicht. Er ist ein „digital immigrant“ und in seinen Idealen über Amazon hinaus. Die radikale Alternative zum bestehenden Buchmarkt ist ja nicht das günstigere Exemplar beim Monopolisten, es ist das kostenlose aus den Tiefen des World Wide Web.

Weltangst der Buchhändler

P. ist Buchverkäufer, aber er ist auch ein Literaturliebhaber. Er findet „Spiegelbest“ interessant, wenngleich ambivalent. Spiegelbest ist ein Buchpirat und so etwas wie der vermummte Gegenspieler von Roland Reuß. Spiegelbest bewundert Amazon dafür, dass dort die Digitalisierung des Buchmarkts früh erkannt wurde. Für die Welt, die Roland Reuß bewahren will, hat er nur Spott übrig. Er ächzt über die „Weltangst der Buchhändler“ und höhnt, dass gerade die kleinen Buchläden die Entwicklungen verschlafen haben: „Die Händler hätten zusammen mit ihren Kunden das digitale Lesen entdecken sollen. Jetzt ist es vermutlich zu spät.“

Vielleicht auch nicht. Jedenfalls sollte sich der „Kunde“ seiner Möglichkeiten bewusst sein und sich dazu verhalten. Eine Umfrage der Uni Hamburg unter den Lesern von E-Books hat ergeben, dass 34 Prozent solche Books von „Freunden“ beziehen. „Ob persönlich bekannt oder legal ist dabei fraglich“, heißt es dazu eher rhetorisch. Man kann den neuen Schirrmacher im Web ja nicht nur kostengünstiger haben, es gibt ihn sogar umsonst. Spiegelbest zum Beispiel bietet ihn mit rund 23.000 anderen Titeln an. Sein illegales Treiben kommentiert der in einem Blog, aus dem er auch ein Buch gemacht hat, das auf Amazon als E-Book zum symbolischen Preis angeboten wird. Mittlerweile hat Amazon den Verkauf des Buches gestoppt, der Blog wurde von Google vom Netz genommen.

Es ist nicht leicht, sich zu diesen Dingen zu verhalten. Jeder, der illegal ein E-Book bezieht, schadet ja nicht nur dem Buchhandel und dem Giganten, sondern auch dem Autor. Andererseits will ein Buch nicht nur verkauft, sondern auch gelesen werden. Es ist doch immer das gleiche: Im Netz kann man leicht idealistisch und egoistisch zugleich handeln. Die Lösung wäre vermutlich eine Kulturflatrate. Aber auch sie ersetzte nicht den Buchladen, und auch sie würde Amazon wohl nicht zum Verschwinden bringen.

Kommentare (21)

MopperKopp 01.03.2013 | 09:57

Zwei Bücher, zwei Preise, beide Bücher sind aus 2009.

Frank Schirrmacher, Payback, 2009
17,95 Euro neu
0,56 Euro gebraucht

 

Boris Groys, Einführung in die Anti-Philosophie, 2009
21,50 neu
18,00 Euro gebraucht

 

Das "Buch" von Schirrmacher ist gedruckter Mist, man bekommt nichts für viel Geld, der Preis für gebrauchte Bücher spiegelt genau das wieder. Alle seine Bücher gibt es für ein paar Cent.

Das Buch von Boris Groys ist ein Buch, man bekommt etwas für sein Geld, der Wert bleibt erhalten, auch nach Jahren.

 

Das Angebot war vorher so nicht vorhanden, wenn überhaupt, dann gab es Grabbeltische mit ausgeleierten Büchern. Die anderen Gebrauchthändler (booklooker ... ) hinken in der Präsentation des Angebots weit hinterher, obwohl ich auch bei denen manch ein Buch (wegen der niedrigeren Versandkosten) bestelle.

 

Und nun kommt das eBook. Noch mit DRM, zu unmöglichen Preisen und nicht zum Weiterverkauf. Auch daran wird gearbeitet, all das wird geändert, also dann ohne DRM, marktgerechte Preise und zum Weiterverkauf. Das wird dann der richtige Schocker für das alte Modell und dann werden endgültig alle abwandern, man muss nur hinhören. 

 

Die Innovationsfeindlichkeit bestimmter Verlage ist erschreckend.  Einerseits beten sie den Markt an, andererseits wollen sie eine Buchpreisbindung, eine Kulturflatrate und ein Monopolgesetz, LSR, welches ganz nebenbei Urheber und Autoren entrechtet und enteignet, die sich aber nicht wehren, da völlig abhängig, während zeitgleich gegen das öffentlich-rechtliche Angebot geschossen wird. Verlage wahren nun mal ihre Pfründe mit massivem Lobbyismus und aktiver Politikerüberzeugung.

Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Die kreative Zerstörung des Kapitalismus wird all das aufmischen. Dass dann die Buchvielfalt abnimmt, das ist eine Mär.

Frank R 01.03.2013 | 10:12

Ach, ich denke, dass Amazon vor allem ein Strafgericht fürs Verschlafen ist. Wie oft habe ich in den letzten Jahren von Verlegern und Buchhändlern gelesen, dass man die neuen Trends "aufmerksam beobachte" und dass man ansonsten an das Haptische glaube, das der Leser nicht missen will undsoweiter. Und dann haben sie irgendwann , jeder für sich, kleine Online-Shöpchen aufgemacht. Warum ist kein faires Netzwerk/Portal der Verlage und Buchhändler amazon zuvorgekommen? Warum hat man das Gelände kampflos übergeben? Die technischen Trends waren lange sichtbar. Amazon hat sie früh erkannt und konsequent logistisch erschlossen bis hin zur mutigen Öffnung für Selfpublishing. Wenn ich mich zur Jagd erst tragen lassen muss, sollte ich mich nicht darüber wundern, dass der Platzhirsch munter ist.

anne mohnen 01.03.2013 | 13:28

*****Artikel

Ich kaufe nicht bei Amazon, muss aber einräumen, nicht gewusst zu haben, das ZVA den Geiern auch schon gehört, auch wenn ich da auch noch nicht bestellt habe.

Während meines Studiums in München habe ich erlebt, wie Hugendubel seinen Konkurrenten den Gar aus machte. Eine so große Buchhandlung wie Herder -direkt auf der Leopoldstraße neben der Mensa- musste dran glauben. Inzwischen sind Hugendubel und Thalia Teil des Kampfes „Fressen und gefressen werden“, mit alle den Verwerfungen, die damit einhergehen.

Ich kann mich noch nicht einmal hämisch darüber freuen (Hugendubel hat Lyrik, immer hoch gehalten).

Bin ich las Kundin auch „ein wenig“ Teil des Sytems?

Den Schirrmacher las ich nämlich für „lau und Dussel“ in einem hauptstädtischen Kulturhaus;))

Gekauft habe ich dann in einer Buchhandlung um die Ecke: „Die Zeit gehört uns. Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung.“ Des Sozialethikers und Ökonomen Friedrich Hengsbach. Da geht es auch um das Diktat der Millisekunde, den Finanzkapitalismus und sein zerstörerisches Postulat. Das Buch kam längst vor Schirrmacher im Mai 2012 raus, wurde aber nicht so gehypt.

Und das ist, neben der aussterbenden Spezies, den gutinformierten Buchhändler mit Näschen, mit Fach- und Sachverstand, inzwischen auch Teil des Systems, das sich die großen Verlagen im Zusammenspiel mit Amazon zu eigen machen können. Jedenfalls ist das mein Eindruck. Hier darf das Feuilleton auch nicht seine Zeit verschlafen.

Sehr wichtiger Artikel, Herr Dr. Angele, auch weil Sie auf die Macht des Kunden hinweisen, der  antreibende Faktor  des Ignoranz!!problems ist.

LG am

 

spiegelbest 01.03.2013 | 15:29

"Spiegelbest zum Beispiel bietet ihn mit rund 23.000 anderen Titeln an. Sein illegales Treiben kommentiert der in einem Blog ...der Blog wurde von Google vom Netz genommen."

Kleine Richtigstellung ehrenhalber: Die Seite mit den 23.000 Titel war nach drei Tage wieder online, der Blog - wg Wochenende - nach 10 Tagen. Es war ein kleiner Achtungserfolg, der an besagtem Wochenende vorsichtig optimistische Besprechnungen bei Buchreport bekam.

Keine Ahnung, wer für die Aktion letztlich bezahlt hat. Oder ob er bezahlt hat. Eine Leistung jedenfalls wurde nicht erbracht, so wie ich das sehe.

Frank Linnhoff 02.03.2013 | 08:32

Ich bin E-Book Fan! Warum? Weil ich im fremdsprachigen Ausland auf dem Land lebe und mir meinen Lesestoff auch hier laden kann, weil ich auf meinem E-Book Reader die Textgröße und die Schriftart wählen kann, weil mein E-Book Reader leicht und handlich ist......  etc. etc. Ich habe keinen Kindle und nie ein E-Book bei Amazon geladen, sehe auch nicht ein, weswegen. Kein einziges meiner E-Books ist ein Sargnadel für irgendeine Buchhandlung. War die Erfindung des Rades das Ende des Maultiertreiber-Gewerbes? 

anne mohnen 02.03.2013 | 12:39

@ Angele

FAz.net und Spiegelonleine berichtet auch darüber. So wichtig wie das auch ist, so skeptisch muss man doch bleiben. Gerade die Weltbildgruppe ist bekannt für ihre miese Praxis gegenüber den Verlagen: Preisdruck etc. und Zensur sind hier die Stichwörter!!!

Nochmals, so sehr das zu begrüßen ist, bleibt es ein Kampf zwischen denen, die  um "Monopole" und für die Aldiiesierung kämpfen. Die Nagelprobe wird sein, ob alle, insbesondere die kleinen Verlage, vollumfänglich den Zugang erhalten.

LG am

 

 

MopperKopp 02.03.2013 | 14:09

Die Monopolstellung wird durch einen mittelmäßigen eBook-Reader eben nicht ernsthaft angegriffen. Reader gibt es momentan wie Sand am Meer und die Cloud ist ein alter Hut. Bertelsmann will DRM nicht abschaffen, eBooks nicht weiterverkaufbar machen, das aber sind die entscheidenden Unterschiede. Amazon wird genau diese vorrangigen Kundenwünsche als erster "Buchhändler" realisieren und damit seine Stellung weiter festigen. Die hinterherhinkenden Buchhändler werden weiter sterben. Das liegt aber nicht an den Buchhändlern, sondern an den deutschen Verlagsmonopolisten, die den nationalen kleinen Händlern die Hände binden. Ist es nun deutlich geworden? 

MopperKopp 02.03.2013 | 16:59

Wenn man die Vorstellung liest, sogar heise bringt solch dümmlichen Text wie: "Zur Vorstellung des Geräts am heutigen Freitag in Berlin betonten alle Unternehmensvertreter den offenen Ansatz als wesentliche Differenz zum Kindle. Der Tolino versteht sich mit PDF- und epub-Dateien mit oder ohne Adobe-DRM und kann damit aus beliebigen Quellen befüllt werden.", dann lacht man sich nur schlapp. Jeder eBookreader kann mit DRM-freien Dateien befüllt werden und kann sie lesen, das ist doch nicht das Problem, welch eine Augenwischerei für Dummies. Das Problem ist, dass fast 100% der aktuellen Bücher eben nicht DRM-frei sind und nicht verliehen und nicht weiterverkauft werden können. Außerdem, nur gänzlich uninformierte Trottel lassen sich auf dieses suspekte Firmenkonglomerat ein.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 23:03

Wusste auch nicht, dass ZVAB dazu gehört - ich hielt es bisher für eine "saubere" Konkurrenz. Während ich noch nie bei Amazon was bestellte, bin (war?) ich ein fleissiger ZVAB-Kunde (20-30 Bücher pro Jahr) - der Grund war immer, wenn ich ein spezielles antiquarisches Buch in Berlin nicht im Fahrradumkreis finden konnte. Gibt es ein alternatives Portal, wo ich bei Antiquaren in ganz Deutschland stöbern könnte? Bei Neubüchern kaufe / bestelle ich nur vor Ort, in einer der Lieblingsbuchhandlungen. Nur - ich habe es ja gut, ich lebe in Berlin, wo der Kleinbuchladen-Markt sogar WÄCHST! Aber wie soll jd. aus einer tiefen Provinz ohne Buchhandlung in "Fahrradnähe" sich verhalten?

Columbus 04.03.2013 | 13:21

Ja, lieber Michael Angele, alte Zeiten und dazu linde Trauer, die auch mich befällt, schaue ich auf das Web, als Super-Multiplikator des schon Bestehenden.

Ich teile ihren Schmerz, zumal ich aus der Stadt schreibe, deren Erfinder jener Galaxie, die nun vom schwarzen Loch des globalen Marktes ganz langsam verschluckt wird, den Namen stiftete. Der Anziehungsprozess der Gravitationsfalle führt nicht zu einer Vermehrung und Differenzierung, sondern zu einer globalen Verdichtung und Vereinfachung. Die globalen Bestseller der Zukunft sind „Shades of X“ und weiße Herzen, gelesen von Mumbay bis Nome. - Im Trichter, der auch maßlos beschleunigt, wird vieles wieder gleich, bevor es endgültig zerstrahlt.

Die kleinen Buchhändler, gerade die in den mittleren und kleinen Städten, waren meist nicht die allseits gebildeten Menschen, die einen Überblick hatten. Wie auch? Überblick, das war schon nach 1900 ein Mythos, als noch Hermann Hesse widerwillig und dann wieder willig, Buchhändlerlehrling wurde.

Der Buchmarkt, oder das, was Buchhandel genannt wurde, erwies sich schon lange vor dem Web und dem Handelsgiganten, für gebildete und ungebildete Menschen, als völlig unüberschaubar. 

Der Unterschied: Früher wussten das die Buchhändler und ihre Kunden und daher gaben sich sich gegenseitig viel Mühe, aus der Erkenntnis eine Tugend zu machen. Kunde und Buchhändler erzählten sich was! Die kleinen Buchhändler, die untergingen, sie waren allesamt Spezialisten, weil sie recht eigentlich gar keine richtigen Kaufleute sein wollten. Außer ihnen, stand vielleicht noch eine Studentin der nahen Uni oder eine familiäre oder sonstwie privat organisierte Aushilfe im Laden. Ansonsten waren sie immer da und sie hatten nie geschlossen. Jedenfalls dachte man das, solange es noch ganz normale Ladenöffnungszeiten gab und nicht fast rund um die Uhr Hugendubel und Dussmann.

Viele betrieben ihre Läden, weil sie in der Region, da hinter niederem Soonwald und Hoher Acht, sonst kein Standbein mit ihren kulturellen und politischen Anliegen finden konnten. Einer kartierte die bis dahin unentdeckte Landschaft der Mini-KZs entlang der so bieder harmlosen, lieblichen Moselschleifen, ein anderer schrieb selbst Literatur und betrieb einen Kleinverlag, eine andere entwickelte ihre kleine und eben deshalb feine Buchhandlung zu einem Treff für Intellektuelle und Künstler, wieder andere etablierten das einzig fortschrittliche Kulturprogramm vor Ort. Wieder ein anderer entwickelte sich zum Spezialisten für ein Ausland, eine fremde Sprache oder ein paar fremde Kulturen. - Viele ihrer besten Kunden, wiewohl nicht jene, die den höchsten Umsatz brachten, flohen später aus der Region in jene Städte, die angeblich die Welt bedeuten, weil das so in den Büchern stand, die in den kleinen Buchläden in den Regalen dräuten.

Selbst der kleinste Laden hatte aber keine Chance mehr, als sich plötzlich die Miete am Marktplatz verdoppelte oder Discounter aller Art den Eigentümern freiwillig das Dreifache boten. - Ohne gute Lage gibt es keine Laufkundschaft, und so kann nicht einmal die berüchtigte Henkeltasse mit dem Ortsmotiv oder eine Ansichtskarte geschäftserhaltend verkauft werden.

Amazon, wohl bald auch Bertelsmann, vollenden nur, was vorher schon die Buchhandelsketten in Angriff nahmen, nämlich die zufällige Wildheit und Einzigartigkeit, durch ein aufgeräumt wirkendes, auf die Zwischenbuchhändler und die meistverkauft Listen hin ausgerichtetes, Regalsortiment und die großen Bücher-Wühltische zu ersetzen. Davon lebte Thalia.

Noch einen Schritt weiter gehen die heutigen Buchkaufhäuser, die außer in einigen Fachabteilungen, wenn die Universität nahe liegt und der Druck da hoch ist, gar keine Fachbuchhändler, Büchernarren oder selbstgeschulte Spezialisten in großer Zahl gebrauchen können, weil die den Umsatz drücken und zu teuer sind. Wenn sich Kunden heute weitestgehend selbst bedienen können und wollen, sich da für kompetent genug halten, dann sind Spezialisten nur hinderlich.

Auf Amazon richten es die kundigen Leser, als Kunden, soweit wie möglich selbst. Sie tun das mit erstaunlichem Fleiß, sehr zum Wohle des Versand-Unternehmens, auch wenn sie sich zu 98% recht identischen Kram anempfehlen und dabei durchaus keine Mühen scheuen für Produkte gratis Werbung zu machen, so, wie das im Web auch für andere Artikel eine neue Mode geworden ist. Sie reproduzieren in sehr vielen Fällen die Charts.

Der deutsche Buchhandel kann tatsächlich nur durch die Preisbindung und die Tatsache, dass viele Titel „mitgeschleppt“ werden, eine gewisse Breite halten. Dieses Land übersetzt immer noch fleißig aus fremden Sprachen (ca. 11.000 Titel/Jahr) und über den VLB- Katalog sind bis zu 1,2 Millionen Bücher greifbar. Jedes Jahr kommen ca. 90.000 Neuerscheinungen auf den Markt. Die Zwischenbuchhändler können ca. 300.000 Titel sofort ausliefern. Kein anderes Land der Erde ermöglicht das bisher.

Aber einem Händlermarkt kann das nicht egal sein, denn Händler sind nicht an Inhalten, sondern an verkäuflicher Ware interessiert. Viel effizienter ist, eine kleinere Anzahl an Titeln in großer Menge zu verkaufen. So wuchsen schon vor zwanzig oder dreißig Jahren die Eingangsbereiche der mittleren und größeren Buchhandlungen, mit den Stapeln der Bestseller. Keiner versäumte, die roten Listen der Beliebtheit über die großen Bücherberge zu hängen. Amazon eröffnet durch seine globale Infrastruktur nun den Zugang zu jedem nur erdenklichen Markt dieser Welt, selbst wenn meist nur Bestseller geordert werden. Sogar Negativwerbung schadet diesem Konzern auf Dauer nicht.

In der Frankfurter Rundschau (Harald Jähner, Beichte eines Amazon-Kunden) und in anderen Feuilletons ringen sich die Redakteure (m/w) Begründungen ab, warum ein Leben ohne den Klick und die schnelle Bestellung gar kein verantwortliches Dasein eines modernen Menschen mehr sein kann. Daher schmerzen sie ihre momentanen Skrupel, angesichts der Arbeitswelt im Inneren des Online-Superstores, besonders. - Die Sklavenarbeit wird nach einiger Zeit, mit Mindestlohn und reichlich Öffentlichkeit in den Griff zu bekommen sein. Bücher oder besser, Buchinhalte, Texte, werden zukünftig, so wie es schon auf dem Musikmarkt funktioniert, nur noch als Anschau- und Leserechte, analog den Anhörrechten, auf lizenzierten IT-Endgeräten an die Kunden gelangen. Da muss dann gar nichts mehr verpackt und transportiert werden. Sogar die Elektronik kann anderweitig verkauft werden, zahlen die Kunden für Freischaltcodes.

Der Kunde macht dafür praktisch alles selbst: Die Auswahl, nach ausgiebiger Beratschlagung und Lese der Laienbesprechungen oder gar gekaufter Werberezensionen, die Bestellung und Abrechnung über das eigene Kundenkonto, das Herunterladen der notwendigen Dateien vom Server des Anbieters, auf Vorkasse oder gegen Abbuchung, bzw. auf Rechnung, das Kunden-Feedback, vielleicht gegen einen kleinen Bonus bei der nächsten Bestellung oder die Teilnahme an einem aussichtsreichen Gewinnspiel.

Außer Systemadministratoren, Service-Hotlinern und Mahnabteilungen, eventuell einem Callcenter und einigen Marketingstrategen, braucht man für digitale Lesemedien in Zukunft kein qualifiziertes Personal im Handel.

Größere Verlage, in den meisten Fällen jene, die auf den Chartlisten mit ihren Autoren auch heute schon vorn sind, werden zahlen, um über die großen Web-Portale an der ersten Stelle bei Kunden präsent zu sein. Sie zahlen für Platzierungen, irgendwann auch für Rezensionen und für eigene e-Book-Talks, in denen international bekannte eBook-Kritiker die Medialität der Werke besprechen. Globale Medienhäuser werden ihren eigenen Online-Dienst aufbauen, sei es auch nur, um dem IT-Broker als Händler zu drohen. Die Gesetze der Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit sind kaum auszuhebeln und Kleinheit, Individualismus, persönliches Anliegen, keine wirklich marktfähigen Kritierien

 Beste Grüße

Christoph Leusch

 

Lethe 06.03.2013 | 14:14

Man schätzt zunehmend die Vorteile des digitalen Buchmarkts, wenngleich oft mit schlechtem Gewissen.

Was mich betrifft, völlig ohne schlechtes Gewissen. Und noch nicht mal mit der inneren Notwendigkeit, dafür Gründe zu bemühen

Eigentlich kommt es mir bei der Lektüre eines Textes ja auf den Inhalt an, und nicht auf die Frage, wessen Leben ich mit dem Kauf eines Buches erleichtere oder mit dem Erwerb einer Lizenz erschwere. Sobald ich den Inhalt assimiliert habe, ist das opus in corpore eigentlich nur noch ein Volumenreduzierer. Da stelle ich doch lieber eine Skulptur hin. Und Haptik ist ein Kriterium wofür auch immer, aber sicher nicht für den Kauf eines Buches.