Michael Angele
23.02.2010 | 21:00 62

Die Leiden des Zeitungssüchtigen

Medienwandel Um sich zu informieren, braucht kein Mensch mehr eine Zeitung aufzuschlagen. Warum aber dann? Ein Rettungsversuch

Vorbemerkung des Autors: Idealerweise sollte man diesen Text in der gedruckten Ausgabe des Freitag lesen ...

Nun ist es wirklich vorbei, dachte ich, als ich in einer schäbigen Ecke des Bahnhofs Serkeci vor einem kleinen Kiosk stand und entschieden hatte, eine FAZ vom Vortag für 9 türkische Lira, umgerechnet 4 Euro, nicht zu kaufen. Noch vor kurzem wäre ein solcher Verzicht unmöglich gewesen. Da fuhr man mit dem Bus zwanzig Kilometer in den Hauptort der Zykladen-Insel, um eine FAS zu kaufen und sie vor dem Café To Distrato im Schatten einer Kastanie zu verschlingen.

Schlimm, als die Fähre am darauf folgenden Sonntag ausblieb, weil es zu stark stürmte, denn mit ihr kam auch die FAS nicht. Qualvoller nur noch die Exempel aus der hohen Literatur: Wittgensteins Neffe von Thomas Bernhard, der vergebens durch die österreichische Provinz fährt, um eine NZZ zu kaufen. 350 Kilometer Hass auf „Drecksorte“, in denen es die „Neue Zürcher“ nicht gibt: Geschichten und Stimmungen aus einem Zeitalter, das langsam zu Ende geht. Wer unter Zeitung einfach einen Informationsträger sieht, wird diesen Tod nicht beklagen und sich auf das iPad freuen (oder schon jetzt nur im Internet lesen)

Allianz der Kosmopoliten

So what? Zweifellos sehen nur wenige Menschen den Sinn ihres Urlaubs darin, nach einer Zeitung vom Vortag zu suchen. Und das Verschwinden der Zeitung aus dem Stadtbild dürfte den meisten höchstens einen sentimentalen Seufzer entlocken, wie ihn auch eine vergessenen Telefonkabine oder ein aus der Zeit gefallener Fotoautomat hervorruft. Aber etwas in uns sträubt sich, die Sache so zu sehen. Es stimmt ja; um sich zu informieren, muss niemand mehr eine Zeitung aufschlagen. Aber das war noch nie der einzige Grund. Es ging uns Zeitungssüchtigen doch immer um mehr. Und dieses Mehr macht Sorgen. Es ist noch nicht zu erkennen, dass es in den neuen Medien gut aufgehoben ist.

Zurück nach Istanbul. Anderntags fuhren wir nach Beyoglu, um im Salon des legendären Grand Hotel de Londres einen Kaffee zu trinken. Das Spätnachmittagslicht fiel matt auf die schweren dunklen Schränke, die tiefroten Teppiche und die abgelebten Plüschsofas. Die meisten dieser Sofas blieben frei, in einem aber saß ein graumelierter Mann, der die Zeitung las. Es war eine Ausgabe der Radikal, einer kleinen, aber renommierten linksliberalen türkischen Zeitung, der eine Weile lang Orhan Pamuk als Chefredakteur vorgestanden hatte. Unser Zeitungsleser hätte ein Türke sein können, aber auch ein Engländer oder ein Deutscher. Genau war das nicht zu erkennen. Was war sein Beruf? Kam er hierher, um in Ruhe zu lesen oder wartete er auf jemanden? Wenn ja, auf wen wartete er (vielleicht auf Pamuk)? Wie sieht er das Verhältnis von Türkei und Europa?

Von selbst drängten sich Fragen auf, die alle in eine Sphäre wiesen: die kosmopolitische. Das Kosmopolitische scheint von der Idee der Zeitung kaum trennbar zu sein. Wir tauchen in seine Sphäre ein, wenn wir in New York die New York Times, in Paris Le Monde, in Mexiko City La Jornada oder in London den Guardian kaufen, aber wir bleiben außen vor, wenn wir egal wo in der Welt in einem Internetcafé sitzen und Spiegel Online checken. Dann erleben wir die Globalisierung.

Nichts scheint dem Zeitungsleser als einem Kosmopoliten ferner als dem Bild des Vaters, der sich am Mittagstisch hinter der Zeitung vergräbt und seine Ruhe will. Er liest das Tagblatt, hervorgegangen aus dem Seeländer Boten. Das Tagblatt ist ein Käseblatt. Es ist die Zeitung aus der Provinz, aus der man davongelaufen ist, um auf den Boulevards zu sitzen und die Weltblätter zu lesen. Aber wenn man heimkehrt und im Tagblatt blättert, das da immer noch auf dem Tisch liegt, verwandelt sich das Käseblatt einen Moment lang in einen Boten zurück. Er berichtet von da, wo wir, ganz buchstäblich, zur Welt gekommen sind: Heimat.

Der Moment währt freilich nicht lange. Wenn Thomas Bernhard von Salzburg über Bad Reichhall, Nathal und Steyr bis nach Wels fährt, um vegebens eine NZZ zu kaufen, macht er die Erfahrung eines Mangels, die in dem Satz kulminiert: „Mir ist klar geworden, dass ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, an dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt“. Wem diese Haltung schon fremd geworden ist, kennt vielleicht noch den Entschluss, den man fasst, nachdem man ins Flugzeug eingestiegen ist und keine vernünftige Zeitung vorgefunden hat: Mit dieser Linie bin ich das letzte Mal geflogen!

Es kann vorkommen, dass man die Welt kompakt nehmen müsste, sich dann aber für die Gala entscheidet. Darin, dass sie uns die ferne Welt der Schönen und Reichen etwas näher bringt, unterscheidet sich die Gala ja gar nicht so sehr vom Lesen einer seriösen Zeitung. Der Zeitungssüchtige ist besessen von der Idee, sich mit der Welt zu verbinden. Gibt es etwas Schöneres, als nach einer tiefen Depression wieder Lust auf eine Zeitung zu haben? Ein lebensbedrohlich erkrankter Freund berichtete mir, wie wichtig es für ihn war, sich zum Kiosk des Krankenhauses zu schleppen und eine Zeitung zu kaufen. Es war auch nicht weiter schlimm, dass er sie erst am nächsten oder übernächsten Tag lesen konnte. Ein wenig war es dann schon wieder ein Zustand wie im Urlaub.

Wer liest, schießt nicht

Das Krankenhaus ist insofern ein außergewöhnlicher Ort, als es auf den meisten Zimmern immer noch keinen Zugang zum Internet gibt. Aber es steht für ein prinzipielles Verhältnis zur Welt. Die Welt ist für uns nur dann da, wenn sie nicht ganz da ist, wenn etwas fehlt, weit weg scheint. So gesehen ist das Internet, in dem bekanntlich alles nur einen Klick entfernt ist, ziemlich weltfremd. Und kulturlos, wenn man die Tiefe eines Genusses im Verhältnis zur vorangegangenen Anstrengung begreift. Der Zeitungssüchtige kann diese Anstrengung ja ganz bewusst wählen. Neulich erzählte ein bekannter Künstler und Kulturpolitiker der Freitag-Redaktion von den Tricks, die er bei einer Fahrt im ICE anwendet, um eine Zeitung aus dem Service-Angebot der 1. Klasse in die 2. Klasse, wo er sympathischerweise sitzt, zu schmuggeln. Es gelingt ihm nicht immer. Der Frust sitzt dann tief.

Im Grunde genommen ärgert sich der Zeitungssüchtige ja ganz gerne (es ist gut für den Kreislauf, auch davon berichtete der Künstler). Deshalb liest er mit Vorliebe die so genannte Feindpresse, ein gestandener Linker also die leider nicht mehr in Frakturschrift gesetzten Leitartikel in der FAZ. Aber man muss sich gar nicht auf einen „G.H.“ fixieren, um mit dieser Zeitung in der Hand glücklich zu werden. Das Glücksversprechen an den Zeitungsleser sitzt oft schon in den Rubriktiteln. „Unternehmen und Wetter“ oder „Deutschland und die Welt“ sind Seitentitel von schlichter Großartigkeit. Großartig aber nur in der Zeitung, im Internet wirken sie deplaziert, sinnlos. Es sind Titel, zu denen es rascheln muss.

Wer, so muss man fragen, ersetzt uns dieses Rascheln, wenn es keine Zeitung mehr gibt? Man stelle sich einen großen Zeitungslesesaal vor. Was hört man in Wahrheit? Doch wohl den Flügelschlag der Engel, aber das ist natürlich Geschmackssache. Geschmäcklerisch vielleicht auch die Freude, die mich befiel, als ich vor ein paar Jahren im Zeitungslesesaal der Stanford University tatsächlich den kleinen Freitag entdeckte. Und doch: Es gab dort längst nicht alle deutschen Zeitungen und Zeitschriften, und irgend einem Menschen war halt wichtig, dass der Freitag nicht fehlte. Es war ein Zeichen.

Ich nahm es auch als Zeichen, als ich in Istanbul ein paar Stunden später reumütig zum Bahnhof von Sirkeci zurückkehrte, um mir nun doch die sündhaft teure FAZ vom Vortag zu kaufen, und diese weg war. Ich hatte einen Komplizen. Die Zeitungswelt ist voller solcher Zeichen, die meisten sind gut. Zeitungslesen wirkt zivilisierend. Wer vor dem Rechner sitzt, kann immer auch eine Waffe bedienen, umgekehrt gilt: wer Zeitung liest, schießt nicht. So gehört es zu den wenigen schönen Bildern aus Afghanistan, als nach dem Sturz der Taliban gezeigt wurden, wie in den Strassen von Kabul wieder die Zeitungen zu kaufen waren. Last but not least setzte Joe Strummer, der alte, viel zu früh verstorbene Punkrocker (The Clash), ein erhabenes Zeichen. Er starb, wie es heißt „peacefully“, als er auf seinem Sofa den Observer las.

Kommentare (62)

Fritz Teich 25.02.2010 | 17:34

Ich les ja gerne die FAZ, 20 Jahre hatte ich sie abboniert, erst ein See aus Zeitungsseiten, weil man irgendwas nicht sofort wegwerfen wollte, das letzte halbe Jahr nur noch ein Stapel, allenfalls noch ein Blick auf die erste Seite des Feuilletons und das Fernsehprogramm. www.faz.de oder net ist ok, aber die gedruckte Ausgabe enthaelt viel mehr, kleine Artikelchen mit hohem Informationswert, jedenfalls im Cafe. Diese kleinen Artikelchen sinds, auch ein Grund keinen Spiegel zu kaufen. Am Freitag merkt man, dass man seit Montag hoechsten 5 Minuten darin rumgeblaettert hat. Im Spiegel sind diese Artikelchen ploetzlich mehrere Seiten lang ohne jeden hoeheren Informationswert. Morgens, als der Hausmeister die Tuer zum ... aufgeschlossen hatte, dachte er, wen interessiert das? Inhaltlich ist der Spiegel sowieso nur noch Einsteinforum, also mindestens zur Haelfte erlogen, den Rest liest man eh nicht. Nuetzlich ist allenfalls das Archiv, um nachzuschauen, was die Republik einmal bewegt hat. Angeblich. Jetzt hab ich den Bogen zum Ausgangspunkt vergessen, es gab einen, es ging um Materialitaet.

Streifzug 25.02.2010 | 18:13

wer Zeitung liest, schießt nicht.
Gibt es schlimmere Kriegshetzer als Zeitungsmogule?

Frieden auf Erden wird es erst geben, wenn die letzte Zeitung verbrannt ist.

Bis dahin sei den Papierfetischisten ein frohes Rascheln gegönnt ;)

Ich habe schon Zeitungen gelesen, als der Autor des Artikels noch auf einer Tontafel schrieb :)

Etwas hat sich seither verändert. Zeitunglesen war wie ein Mosaik des Weltgeschehens, jetzt ist es nur noch Strandgut.
Anette Lack 25.02.2010 | 18:43

Danke für diesen wunderbaren Blog, die Atmosphäre...

"zurück nach Istanbul. Anderntags fuhren wir nach Beyoglu, um im Salon des legendären Grand Hotel de Londres einen Kaffee zu trinken. Das Spätnachmittagslicht fiel matt auf die schweren dunklen Schränke, die tiefroten Teppiche und die abgelebten Plüschsofas."

... die Bilder im Kopf enstehen ließ, und Sehnsucht nach Istanbul, nach DIESEM Istanbul zumindest...

und danke für all die Wahrheiten darin, von einer, sagen wir, Zeitlungsliebhaberin.

Es gibt doch sovieles, was ohne Zeitungen bzw. Zeitschriften nicht vorstellbar wäre, gedruckt, wohlgemerkt: Kaffeehäuser (und die Zeitungen müssen an diesen Holzstäben festgemacht sein und an altmodischen Garderoben hängen, den zerfledderte Zeitungen, die in Teilstücken auf verschiedenen Tischen herumliegen, sind ein Graus!)

... und dann diese Verheissung, diese Vorfreude, wenn man ein besonders gutes Magazin mit wunderbaren Bilder hat, oder auch nur Bilder (wie in der VIEW, die sich lohnt!)

... und der Spass an den Zeitungen im Wartezimmer, wo ggf. Zeitschriften herumliegen, die man sich nie kaufen würde, weil a) zur ramschig (BUNTE etc., aber das Lesen macht trotzdem Spass) oder b) weil das Preis-Leistungsverhältnis nicht stimmt, wie bei ELLE und Vogue, und teure Architektur-Zeitschriften, aber hier in HH gibts einige Ärzte, da liegen diese Zeitungen und "hochpreisiger" im Wartezimmer, und da freut man sich auf eine längere Wartezeit...

... und diese Spaß am Voyeurismus, wenn sich im Café sehr schön beobachten lässt, bei welchem Artikel der Leser am Nebentisch hängen bleibt... Und die Psychologisierung, welche Zeitung wird er sich an den Tisch holen, aus Prinzip die TAZ oder doch die MoPo? Und wer verschmäht aus Prinzip die FAZ...?

Pipi 25.02.2010 | 19:59

Das gesamte textliche Medienwesen, gedruckt wie online leidet daran, woran leider auch dieser Artikel über das Medienwesen leidet: an der übermäßigen Weitschweifigkeit, Unproportioniertheit und Unstrukturiertheit der Texte. Die Proportionen von Texten entsprechen nur selten der Wichtigkeit ihrer Inhalte. Warum man noch Zeitungen braucht, ist leider auch diesem Text, zumal bei der Masse von Texten im Internet, nur sehr mühevoll zu entnehmen. Wie wär's denn z.B. mal mit dem Fettdruck der wichtigsten Kernpunkte und Stichworte, mehr Stichpunkte, Heraushebungen und Strukturen. Ich wünschte mir z.B., dass man in einem Text bereits in seiner Struktur die Abfolge seiner Argumente erkennt. Ich glaube, die herkömmlichen Printmedien müssen sich bei ihrem Übergang ins Internet vielmehr dem Rat von Internet- und Kommunikationsexperten, Werbefachleuten u.ä. bedienen, weil das Internet und die Bildschirmnutzung wegen der Masse der Angebote völlig andere Anforderungen an Texte stellen.

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gerhardhm 25.02.2010 | 19:59

ENTSCHULDIGUNG, aber das ist doch kein Artikel. Das ist eine Liebeserklärung. Mit dem dazugehörigen Leiden. Schon in der Überschrift. Schön.

Aber so unschuldig ist das Rascheln natürlich nicht. Nie gewesen. Genau genommen sind sie gefährlich, diese Zeitungen. Sind gar nicht so selten mit Blut geschrieben, hat mal jemand angemerkt. Sollte man beim Lesen niemals außer Acht lassen.
Im Übrigen sind Zeitungen vielfältig nutzbar: Sich wichtig machen. Gebildet tun. Verlegenheit und Langeweile kaschieren. Sich verstecken. Sich zu erkennen geben. Fliegen totschlagen. Oder die Zeit. Übergeschwappten Kaffee aufwischen. Oder vorher die Tasse vom Tisch fegen. Natürlich Flieger und Schiffchen bauen. Mützen und Masken. Beim Malern den Fußboden abdecken. Nasse Schuhe ausstopfen. Fenster putzen. Aufheben für später. Den Ofen anzünden...
Und was, bitteschön, kann ein Klapprechner? Klapprechnen. Gut, und was noch? Das Tastaturgefluppere ist doch kein Kaffeehausgeräusch. Das Rascheln und Knistern schon. Finde ich.

Pipi 25.02.2010 | 20:19

Mmh, dann liegt wohl das Mißverständnis in der Verbindung aus Leiden und Rettungsversuch. Leiden oder das Bemühen von Namen aus dem Vorvor-Internetzeitalter wie Th.Bernhard oder The Clash hat für mich mehr mit sentimentaler Agonie, denn mit Rettung zu tun. Da wird dann allenfalls die Vergeblichkeit der Reanimation längst vergangener Zeiten und Atmosphären beweint.

Fritz Teich 25.02.2010 | 21:19

Das ist so ein bischen wie das Knacken analoger Schallplatten. Es geht aber nicht nur um das Zeitunglesen an sich, sondern auch um die Inhalte. Und da gibts Unterschiede. Wuerd mal die These wagen: es sind die Artikel, die die Blattmacher fuer ueberfluessig halten, was nicht in die Linie passt. Das Lebensgefuehl, was vermittelt werden soll. Die jeweilige Kampagne. Vergleicht es mal. Editieren ist ja Design und dieses Design ist im web 2.0 anders, nicht nur aeusserlich.

Michael Angele 26.02.2010 | 00:08

Lieber GerhardHM, da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Für die Zeitungsleser in der Redaktion liegen die wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften in einer Ecke aus, in welcher sich auch ein recht harter, unbequemer Stuhl befindet. Ebenfalls auf dem Flur gibt es zwei Kaffeeautomaten, einen (schrecklichen) Lavazzo-Automaten und einem für Nespresso (sie kennen Nespresso? Es ist quasi das SpiegelOnline unter den Kaffeeanbietern). Kapseln können zum Selbstkostenpreis bei Micha Pickardt gekauft werden, unserem technischen CVD. Es besteht die Möglichkeit, Milch, die meistens auch Micha kauft, aufzuschäumen.

Fußläufig zur Redaktion liegt das "Meyerbeer", dort gibt es einen halbwegs vernünftigen Kaffee und die Berliner Lokalpresse (Tagesspiegel u. Berliner Zeitung). Es wird vor allem von Studenten der HU fequentiert, die man also auch beobachten und studieren kann. Es ist mir übrigens noch nie passiert, dass die Zeitungen alle in Gebrauch waren.

Sonst bestimmen im Zentrum "Coffee to go"-Läden das Bild. Akzeptabel sind die Einstein-Lokale.
Ich weiß nicht, wie gut Sie Berlin kennen, es ist wirklich keine Kaffeehausstadt. Berlin ist eben keine bürgerlich geprägte Stadt. Das Stammhaus des Einsteins in der Kurfürstenstrasse ist eine Ausnahme, die wie ein Fremdkörper wirkt. Es gibt dort auch die Zeitungen dieser Welt (noch)

Ich hoffe, Sie haben es besser.
Schöne Grüße
Michael Angele

Columbus 26.02.2010 | 01:10

Lieber Herr Angele,

Die These von den gewaltfreien Zeitungen und der pazifizierenden Wirkung des Zeitungslesens ist leider ein feuilletonistischer Traum. - Gerade fleißige Leser, die bei uns ja, vom Philosphen selbst aufgefordert, sich durch Blasen und Sphären kämpften, die bringen nämlich, dem bekannten Philosophen folgend, ihr Mütchen auf die "Zornsparkasse".

Die Folge übertriebener Zeitungslesesucht, ist einmal die "Zerstreuung" im Wortsinne, dann meist kollektiv (noch) harmlos bleibend, und eventuell der sichere Weg nach Hartz-IV(ALG II). Oder aber, mit den emotionalen "Ersparnissen" aus dem "Pulp" und der bürgerlichen Presse im Zustand der Neurose, als ein aufgestauter Wille zur Macht, der sich (noch) in radikalen Scheinlösungen austobt, am Ende der Weg zur schlechten, eher fürs Kollektiv ungesunden Radikalität.

Ein Beispiel (ein schönes historisches Exempel verkneife ich mir):

Die mediale Verzerrung und die Art und Weise der Darstellung von Kriminalität führt, über eine "Stimmung", z.B. "Wir sind beständig bedroht", zunächst zur Forderung nach mehr und härteren Strafen, dann zu radikalen Maßnahmen gegen Individuen und zuletzt zur Suche nach kollektiven Sündenböcken.

In diesem Metier sind die Boulervardzeitungen und die Qualitätszeitungen mit Hang zum boulevardesken Auftritt, mittlerweile führend. - Ein Fall wurde ja jüngst von Herrn Grassmann besprochen.

Ich möchte nicht, auch wenn das vielleicht den einen oder anderen Redakteur an seine Kindheit zwischen Jungfrau, Eiger und Mönch oder an der Binnenalster erinnern mag, Heimatgefühle auslöste, ein "Käseblättchen" lesen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

PS: Bilder und Grafiken sind sowohl im Print- als auch Online, nicht nur aus ästhetischen Gründen wichtig. Wie Ihre kleine Bild-Beigabe zeigt, führt die Zeitungslesesucht auch zur Glatzenbildung (Hormonstau? Mangelnde Triebabfuhr? Kaffeehäuslerische Fehlernährung?) und zur Fehlsichtigkeit (Bleiwüste, Inhaltsleere, die Zeitungsseiten als Feld, Wald und Wiese, der erst die feine Trüffel, aber ohne "Hilfsschwein" oder "Trüffelhund", - das ist ein Feuilletonist, dem man bei Büchern und sonstigen Medien vertrauen kann- , abgerungen werden muss. - Die Krawattierten auf dem Bild wirken nicht gerade so, als hätten sie die Lesefrucht schon gefunden, ausgegraben oder geerntet.

II
Gut, dass bei Ihnen in der Redaktion Expresso oder Cappucino getrunken wird.
Kaffee, ab der fünften Tasse/die, das ist ja wohl nur Durchschnitt, führt nicht nur zum unwillkürlichen Tastentremmolo, sondern auch zu verminderter Denkleistung! Bei Leuten, die drogensensibel sind, kann eine paradoxe Wirkung eintreten. Der Redakteur schläft, selbst bei größter Hektik und schlimmstem Stress, über der Tastatur und mitten im Interview oder Redigat ein.

III
Die Frankfurter Allgemeine und die FAS(OZ) haben derzeit das beste Wissenschaftsfeuilleton. Wer sich da durchliest, lesesüchtig bleibt, der kann auch als Nicht-Naturwissenschaftler mitreden und den Unsinn in der Wissenschaft ebenso verstehen. In diesem Ressort ist die FAZ, FASOZ, wie im Literatur und Kultur-Feuilleton, ideologisch weniger fixiert, als die Ressorts weiter vorn im Blatt. - Aber, das ist wohl Binse für Vielleser. - Ich hatte es vergessen. Auch die Regionalteile der Wochenendausgabe sind journalistisch ganz weit vorn.

IV Was den kritischen Blick auf Regionales und Landesgeschehen angeht, so kommt ein Hesse oder Rheinland-Pfälzer der informiert sein will nicht an der "Frankfurter Rundschau" vorbei.
Die leistet sich investigativen und kritischen Journalismus, ohne dazu Spitzel anzuheuern und Fussmatten präparieren zu lassen. - Wenn ich in diesem Zusammenhang an die Mut-Bambi Walküre und ihren Verleger denke, denke ich mir derzeit einige Dinge, die wirklich nicht gut sind.

weinsztein 26.02.2010 | 03:45

Lieber Michael Angele,

Sie ahnen, wie schwer mir das fällt – aber gut: Ihre Liebeserklärung ans Rascheln habe ich mit Vergnügen und Anteilnahme gelesen.

Wie Ihnen mit der FAS kürzlich in Istanbul geht es mir an der türkischen Ägäis mit der SZ, die ist nämlich noch teurer. Bis zu 14 türkische Lira (sieben €! - Sind die denn bescheuert? Und warum beantworten die meine e-mails zum Türkei-Preis nicht?), ärgert mich jedes mal, das reicht für ein prima Mittagessen zu zweit. Überlege ich zu lange und gehe erst mal Kaffee trinken, ist sie danach weg, die SZ.

Die letzten neun Monate habe ich in der Türkei gelebt und den Freitag nur im Netz gelesen und mich in der Community getummelt. Seit zehn Tagen bin ich zu Besuch in Deutschland, fand mein gestapeltes Freitag-Abo vor. Und begann zu lesen, dass es nur so raschelte, jeden Tag, stundenlang. Viele Artikel kannte ich schon, etliche nicht.

Nun bin ich mir sehr sicher, dass gedruckte Zeitungen überleben werden.
Wenn sie so gut gemacht werden wie der Freitag, neuerdings ja die schönste Zeitung der Welt. Ja, das ist der Freitag wirklich, ich kenne kein schöner gemachtes Blatt. Aufmachung, Layout, Bildauswahl, Grafik – schön. Und Lesespaß. Beiträge, die mich reizen, weiter bilden oder mich amüsieren, ärgern oder sonst was. Der Blick auf eine Freitag-Seite! Nicht isolierte Beiträge samt Kommentaren im blog-Format, sondern Artikel mit Fotos, Grafiken und anderen Artikeln drum herum und alles brillant gestaltet. Dass sich die Freitag-Community mit ihren Beiträgen mehr und mehr im Printprodukt wieder findet und dieses bereichert, tut mir gut, weil mich dieses Konzept von Anfang an überzeugte. Leser und schreibende Leser werden hier wahr- und ernstgenommen.

„Der Koitus ist nur ein ungenügendes Surrogat für die Onanie!“, schrieb Karl Kraus. Genau, trifft auch auf online-Freitag und print-Freitag zu, natürlich will ich beide.

Neun Monate ohne Print-Freitag in der Türkei. Merkwürdig, dort hatte ich nicht das Gefühl, dass er mir fehlt. Das erlebe ich erst jetzt. Ab März wird mir mein Freitag in die Türkei geliefert.

Lob und Hudelei muss auch mal sein.

Gab’s sonst noch was in Istanbul, Michael Angele? Mein Lieblingsautor Ingo Arend war im vorigen Jahr auch da und wusste viel zu berichten. Wie geht es Ingo Arend? Bleibt es beim outsourcing?

Herzliche Grüße
Henner Michels

Pipi 26.02.2010 | 10:29

@Reinard: Einen Artikel wie diesen nachempfinden zu können oder nicht, hat nicht nur was mit dem Alter zu tun, jedenfalls nicht nur was mit dem numerischen. Sagen wir es polemisch: vielleicht auch etwas mit dem geistigen.
Was ich vor allem sagen will: Die Wertschätzung von Artikeln richtet sich vor allem nach dem eigenen Anspruch, den man an sie hat. ICH lese keine Zeitungen, weil ich es toll finde, eine zu ergattern, sie rascheln zu hören oder sonst was für eine Atmosphäre dabei zu verspüren, sondern um mich zu informieren und z.T. auch anregen zu lassen von Kommentaren usw. Dieser meiner Anspruch wird für mich auch mit diesem sentimentalen Geschwa°WArtikel kaum erfüllt.
Wenn man so will, will der Autor des Artikels die Zeitung tatsächlich mit Gefühlen, Atmosphären usw. einer vergangenen Zeit retten. Ich glaube, das KANN im Zuge des stetigen Generationenwechsels langfristig nicht funktionieren.

flup 26.02.2010 | 11:42

bisher unerwähnt blieb die printausgabe des freitag, wo herr angele schrieb: "So gehört es zu den schönsten Bildern aus Afghanistan, als nach dem Sturz der Taliban gezeigt wurden, wie in den Strassen von Bagdad wieder die Zeitungen zu kaufen waren."
wer schreibt, der bleibt, so sagt der volksmund. das trifft zumindest für das gedruckte wort zu.
gleich daneben findet sich in der printausgabe ein "kulturkommentar", in dem aufgezählt wird, wieviel bonbonpapiere, apfelreste usw. auf der strasse herumliegen. interessant? lustig? oder alles nur ein perfider versuch von herrn angele, den freitag auf das niveau seines heimischen "tageblatts" zu bringen?

Pipi 26.02.2010 | 11:47

So eisig finde ich meine Mediennutzung am PC garnicht. Der Vorteil des heimeligen wie mobilen Geklickers und Geklackers ist schließlich, er schafft mir die gesamte Informationswelt dieses Globus' ins Haus, inklusive des gesamten Journalismus der Welt. Dieser millionenfach größere Umfang an Informationen und der mit ihm einhergehende u.a. interaktive Informationsvorsprung, schafft eine ganz eigene Atmosphäre, die ich nicht als eisig empfinde. Nur weil etwas, hier der Verbreitungsweg journalistischer Informationen, besser, komplexer, umfangreicher, interaktiver usw. usf. wird, muß man es und seine Nutzer nicht gleich als "eisig" bezeichnen.
Das Internet + PC schafft in der Tat auch ein Gefühl von einer neuen eigenen Atmosphäre, die von ihren Nutzern in den wenigsten Fällen als eisig, sondern als angenehm vielfältig, komplex, universal, schnell, disponibel, anregend, reizvoll usw. empfunden wird.

Michael Angele 26.02.2010 | 12:00

@flup
Danke für die genaue Lektüre. Die Hauptstadt von Afghanistan heißt Kabul. Mea culpa, ich habe "Bagdad" geschrieben, zwei Korrektoren haben es übersehen, und als es der dritte gemerkt hat, war es für print zu spät - aber nicht für online. Immerhin dafür ist online also gut :)

Es sind in der gedruckten Ausgabe übrigens noch vier weitere Fehler. Davon einer von ähnlichem Kaliber. Ich bin überzeugt, dass Sie sie finden. Es winkt ein Gratisprobeabo online. Und wenn Sie das Wort herausfinden, das mir gerade vorschwebt und mit K anfängt und R endet, gibt's gleich noch ein Printprobeabo obendrein.
Schöne Grüße

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Ehemaliger Nutzer 26.02.2010 | 12:24

Hallo Herr Angele,
ich muss hier auch mal Pipi machen, denn meinem Vorredner schliesse ich mich darin an, dass ich Ihren Text als Liebeserklärung gelten lassen kann, ihn als ausgewiesenen Rettungsversuch - wahrscheinlich als Begeisterungsversuch gegenüber technokratischen Nerds - jedoch verfehlt finde. Als jemand der schon den täglichen vorfrühstücklichen Gang zum Briefkasten zwecks Zeitungsholens als Zumutung empfindet rufe ich Ihnen jovial zu: »Aber Thomas Bernhard ist doch auch schon seit zwanzig Jahren tot, warum sollte es den Zeitungen da anders gehen?«

Ansonsten gute Besserung und: über Berlin wird hier nich jelästert, klar?

Pipi 26.02.2010 | 13:12

Die Atmosphäre eines Mediums und deren Wertschätzung ist viel mehr mit dessen Funktionalität verbunden, wenn nicht gar weitgehend von ihr abhängig, als man allgemeinhin, auch der Autor denkt. Mit besseren Funktionalitäten neuer Medien schwindet auch die Wertschätzung der Atmosphäre früherer Medien, die von jenen neuen Medien verdrängt werden. Wenn man sich online besser, schneller und mehr an Informationen "ernähren" kann, schwindet auch der ästhetische Nährwert des Zeitungsraschelns schnell.
Wobei ich gerne einräume, dass Onlinenews in ihren Funktionalitäten und Formen noch in ihren Anfängen stecken und der weitgehende Übergang von Print zu Online längere Zeit, m.M. noch mindestens zehn Jahre braucht.

Pipi 26.02.2010 | 18:21

Platte und Kassette und auch nichtdigitale Fotoapparate sind heute bereits weitgehend überflüssig. Platte und Kassette nur noch was für Liebhaber, Sammler und Archivare, manuelle Fotodingens ebenfalls noch was für Liebhaber und einige Profis. Beim gedruckten Buch wird man das noch abwarten müssen. Dass wird ebenfalls an den neuen Qualitäten und Vorteilen von E-Books liegen. Gruslig? - Nur in Übergangszeiten, wo viele Leute noch mit den Vorgängermedien aufgewachsen und groß geworden sind. Die heutige Jugend saugt das Internet mit der Muttermilch auf, spätere Generationen vielleicht auch E-Books.

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reflexione-galore 26.02.2010 | 18:50

weiterer rettungsversuch durch leidenschaftliches rascheln aus richtung bernhard:
"ich habe niemals in meinem leben ein einziges buch gelesen, meine art zu lesen ist die eines hochgradig talentierten umblätterers, also eines mannes, der lieber umblättert als liest; aber wenn der mann eine seite liest, so liest er sie so gründlich, wie keiner und mit der größten leseleidenschaft, die sich denken läßt." ich denke, das läßt sich auch auf zeitungen übertragen,
es ist klar: der hauptgrund ist der auditive genuss. ;o)

Anette Lack 26.02.2010 | 19:54

@ Michale Angele:

Bitte "schwafeln" Sie unbedingt weiter! :) Über Spätnachmittagslicht, Kaffeehäuser, Zeitungen, Städte, Zeit und Müßiggang...

Und: ipods "können" neuerdings Videos, ich nutze Sie aber auch für Interviews (eingeb. Micro). Die Reichweite ist zwar noch nicht so doll, aber auf den Tisch gelegt, geht es. Und sieht natürlich besser aus als diese Diktiergeräte, die nach ästhetischen Gesichtspunkten... naja.

Herzliche Grüße

Anette Lack

Columbus 26.02.2010 | 20:20

Lieber Herr Angele,

Gute Besserung.

"Etwas fehl", ist ja nicht ganz daneben. - Aber der Habitus des Zeitungs- und Viellesers ist eben nicht der des Berghain Frequentierers, der allenfalls noch Meldungen über sich selbst sammelt und liest.

Es gibt, darauf kam es mir an, im Print-Bereich durchaus erstaunliche Qualität und vor allem immer noch genügend Redakteure mit einer "Haltung", die dann für Qualität sorgen.

Diese Qualitäten suchen Zeitungsleser, die auch einmal nach den Zeitungsstangen im Kaffeehaus greifen oder bei Bahnfahrten die Abteile und Sitze nach umgeschlagenen, aber eher ungelesenen Qualitätsblättern in der Gepäckablage oder hinter dem Klemmnetz an den Sitzen suchen. - Sie suchen auch die gute Grafik und das wohl gesetzte Bild. - Dafür lesen sie Zeitungen, manchmal sogar mehrere Presseorgane nebeneinander.

Am "Rascheln", an der Rubrizierung, den vermischten Meldungen, sogar am generellen Layout oder Format, kann es bei den Viellesern wirklich nicht liegen. Den "Freitag" las ich, zwar nicht im Abo, schon bevor er optisch gewann und mit dem Bild oftmals auch etwas mehr als nur eine Ästhetik ausdrückte.

Das solche Sachen sogar für Online-Produkte eine Bedeutung haben, das habe ich bei ZEIT-Online gemerkt. Da gab es z.B. vor Zeiten, die witzigen und meist das Thema ironisch oder hintersinnig aufnehmenden Vignetten einer Meike Gerstenberg. Diese Vignetten wären allein für sich schon ein Werk.

Bitte betrachten Sie meinen Beitrag nicht als persönliche Kritik oder gar als fundamentale Kritik an der
"Der Freitag" Redaktion.
Es gilt eben, sich um die Qualität immer mehr Mühe zu machen, als um die Neigung zur Boulevardisierung.

Manche Kritiker ihres Blattes argumentieren ja, es ginge zuletzt zu häufig um Essen und Trinken und zu sehr um Personality und Event-Berichterstattung. Ich finde, diese Kritiker werden Recht behalten, wenn die Art und Weise über das Brot, die Lieder und Spiele zu berichten, sich am durchaus populären, aber sinkenden Niveau der großen Vorbilder orientiert. Dann stehen die Seiten voll mit Prominenten- Kochrezepten, Homestories, gehypten Jungautorinnen-Geburtstagen, Testimonials und eben Rezensionen, in denen vom rezenzierten Werk nichts, aber von der Anschauung des Autors, Redakteurs, Journalisten viel steht. Aber selbst für die, hoffentlich begründete, Meinung reicht der Platz nicht mehr. Am Ende läuft es darauf hinaus, die Kaffeehausbetrachtung und ein find´ ich "geil", find´ ich "blöd", schon für das Feuilleton zu halten. - Ich glaube, gerade Vielleser wollen solchen Journalismus überhaupt nicht.

Ich unterstütze den gedruckten "Der Freitag" gerne. Aber, mit Verlaub, ich hätte ihn wirklich nicht gerne als "Käsblättchen". - Das ist es ja, wie Sie so schön schreiben, wenn nicht mehr nur das "Thuner Tagblatt", sondern auch die NZZ dringlich gesucht und hoffentlich gefunden wird.

Für das Boulevard bräuchte man ja nicht einmal mehr den Status Presseorgan, da reichte ein Dasein als Anzeigenblatt, als Begleitmagazin eines Konzernauftritts oder, wie ihr Kollege und Herausgeber Augstein es formulierte, eine Art besser gestylter Pressesprecherstatus, um neben dem Fertigmaterial der Agenturen nur noch einige Meinungskolumnen laufen zu lassen. Marschiert auf diesem Wege nicht gerade die "Weltwoche" als laute, aber tumbe Trompete der neokonservativen Restauration?

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Michael Angele 26.02.2010 | 22:39

Lieber Herr Leusch, danke, es geht mir schon besser. Nun seien Sie mal nicht so hart zu den Käseblättchen... Aber mir geht es wirklich um etwas anderes. Ich bin der festen Überzeugung, dass es - medientheoretisch gesehen - keinen einzigen substanziellen Grund gibt, Informationen auf Papier zu drucken. Ganz im Gegenteil.

Dass es jetzt noch passiert, hat mit dem Verlagswesen, Vertriebsnetzen, Abonnentenstrukturen etc. etc. zu tun. Es wird sich ändern, da bin ich vollkommen überzeugt. Es verhält sich hier nicht anders als bei der Musik. Es braucht ja auch keine Schallplatte als Tonträger, keine CD, ja, es braucht im strengen Sinn überhaupt keinen "Tonträger" mehr.

Es gibt immer noch Neuerscheinungen auf Schallplatten, hier in Berlin gibt es sogar eine Handvoll neuer Schallplattenläden. Schallplatten sind eine Liebhaberei geworden. Kulturtragend sind sie längst nicht mehr. Ich fürchte, die gedruckte Zeitung wird ebenfalls zur schönen Liebhaberei, teuer, vielleicht sogar prestigträchtig, aber nicht mehr den Zeitgeist (im guten Sinne) bestimmend.

Ich begreife diesen langsame Tod wirklich als Verlust. Diesem Verlust versuchte ich in obigem Artikel Ausdruck zu geben. Insofern ist es kein "Rettungsversuch". Die Sache ist entschieden, meine Generation kann höchstens - mit Koslowski (s.u.) - darauf hoffen, dass es reichlich länger als die von Pipi prognostizierten zehn Jahre dauert. Denn darin hat User Pipi ja Recht: Wir leben in einer Übergangszeit.

Ich wollte also die Verluste bilanzieren, und habe doch gehofft, dass mir jemand überzeugend zeigt, wie diese Verluste im Netz zu neuen Gewinnen werden. Das sehe ich nämlich wirklich noch nicht so ganz. Nochmals: Der Zeitungsleser neben mir im Kaffeehaus bedeutet (mir) eine ganze Welt. Der User vor dem iPad, iPhone oder Laptop nicht. Mir geht es, etwas pathetisch gesagt, um Gesellschaft, Urbanität, Lebensqualität...

Aber natürlich sehe ich die Verluste auch in den Inhalten, besser gesagt, im Stil. Ich tue mich ja sogar schwer, meinen stilistisch bestimmt optimierbaren Beitrag ins Netz zu stellen. Ich glaube einfach, dass die Wahrnehmung von Nuancen beim Lesen am Bildschirm verlorengeht. Zum Beispiel behauptet "Pipi", der Artikel sei "unstrukturiert", das ist natürlich Unsinn, er hat sehr wohl einen Aufbau, Leitmotive, Binnenreferenzen etc.

Aber viel schlimmer wird sein, so denke ich, dass eine Generation, die nur noch im Netz schreibt und liest, eine bestimmte stilistische Qualität gar nicht mehr als solche begreifen wird. So ist doch jetzt schon ein großes Ironieloch in der Blogosphäre festzustellen. Viele jüngere Blogger schreiben nicht nur ironiefrei, sie verstehen sie eben auch gar nicht mehr. Schlagende Beispiele kann ich ihnen gerne liefern. Einen neuen Willi Winkler wird es im Netz vielleicht nicht mehr geben. Schrecklich.

So, nun bin ich fast so lang geworden wie Sie in ihren Beiträgen. Sorry. Schöne Grüße
MA

Pipi 27.02.2010 | 12:30

Die "Welt der Funktionalitäten" ist keine neue Welt, sondern gibt es, seit es Medien und sämtliche andere Gerätschaften gibt. Auch die raschelnde Papierzeitung hat Funktionen und Funktionalitäten, leider viel geringere als das Internet. Wodurch sie jetzt überhaupt nur in Bedrängnis gerät.
"Fettdruck der wichtigsten Kernpunkte und Stichworte, mehr Stichpunkte, Heraushebungen und Strukturen", eine schnelle und funktionale Informationsverarbeitung sind im Internet viel nötiger, weil im Internet viel mehr Texte verfügbar sind. Also auch im Interesse von Onlinemedien selbst, um überhaupt noch gelesen und nachgefragt zu werden.

Pipi 27.02.2010 | 12:47

Die von mir gewünschte funktionalere Informationsverarbeitung ist im übrigen auch im Interesse der Autoren, wenn man ihnen unterstellt, dass sie gelesen und verstanden werden wollen. Was nützt es, wenn man riesige Textwüsten mangels Leserlichkeit angesichts der Textmengen im Internet nur noch vage überfliegen kann oder gleich ungelesen wegklicken muß.

miauxx 27.02.2010 | 15:41

Mann, wenn ich auf einer türkischen Insel weilen würde, fiele mir doch was anderes ein, als deutschen Zeitungen nachzuheulen - zumal der FAZ.
Ansonsten finde ich den Artikel schon ganz nett. Auch wenn ich den ästhetischen Genußaspekt, der hier als das Proargument für Zeitungen herausgestellt ist, vollends nachempfinde, wird er mir doch oft verleidet. Und zwar schlicht darüber, wenn ich etwas lese, dass mich dann auch sehr berührt oder bewegt, weil es sich um etwas handelt, was eben ziemlich unmittelbar mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Das können dann gute, weil investigative Artikel sein, oder auch die reaktionäre Arroganz einer FAZ oder der verkaufsorientierte Boulevardbrüller der BILD u Co. Ein Buch gewährt vielleicht doch schon eher die Verführung zum dekadenten :-), nostalgischen Müßiggang.
Warum gelten Ihnen eigentlich nur die Blätter, welche der müßiggehende Gebildete im Café oder der Geschäftsmann im Flieger oder ICE liest, als Zeitungen?

h.yuren 28.02.2010 | 20:24

vor allem tageszeitungen kosten nicht nur viel geld, sie vernichten seit über hundert jahren auch viel wald und gute luft durch den transport. dem rascheln steht der lärm gegenüber, den die austräger von käse- und qualitätsblättchen zu nachtschlafender zeit verursachen. ein genuss!
aber MA outet sich ja selbst als nostalgiker. ok.
warum heißt das ding newspaper? wenn es jeden tag zu spät kommt, um neuigkeiten zu berichten?

Magda 28.02.2010 | 20:52

Ich hätte auch überhaupt nichts gegen E-Books und E-Paper.

Die Printausgabe kommt mir immer vor wie ein schöner Kassenbeleg fürs Bezahlen.
Aber ich bin auch kein "Sehmensch" und habe nicht soviel Sinn für Ästhetik.

Wenn man überlegt, wie leicht so ein Lesegerät sein kann und - für mich mit schwachen Augen gut - wie unterschiedlich man die Buchstabengröße einstellen kann. Ich bin da ziemlich unsentimental.

I.D.A. Liszt 02.03.2010 | 19:00

@ Michael Angele:

Es gibt in der Druck-Ausgabe nicht vier, sondern sieben weitere Fehler rechtschreiblicher, syntaktischer und semantischer Art - mal abgesehen vom sinnlosen Denglisch und den markanten falschen Silbentrennungen.

Zusammen mit der anderen von flup angeführten Kolumne (die ich der Verdeutlichung halber einmal folgendermaßen in Anführungszeichen setzen möchte: "Kultur"kommentar) bietet die erste Seite des Kulturteils des Freitag einen Anblick mit hohem Peinlichkeitswert.

data-meining 05.03.2010 | 23:33

Und noch zur Grundfrage:
Als einer, der sich beruflich praktisch ausschließlich mit dem Internet beschäftigt, und auch alle netzferneren Themen hauptsächlich online recherchiert - ich mag Zeitungen immer noch gerne, gerade, um mal nicht am Rechner zu sitzen, sondern im Sessel, am Küchentisch etc.

Besonders mag ich Zeitungen, die sich sehr ansprechend um ihre Gestaltung bemühen. Da ist der Freitag wirklich sehr gut dabei, die Jungle World hat in puncto Gestaltung auch schon einiges geleistet, auch wenn Design-Auszeichnungen wie beim European Newspaper Award von anderen Medien gerne mal verschwiegen werden.

Michael Angele 06.03.2010 | 12:51

@data-meining. Ihrem letzten Satz entnehme ich, dass Sie tatsächlich die Zeitung gelesen haben (siehe ihr zweites Posting) ;)
Zum K Wort: Der kleine Wettbewerb läuft ja noch; es kann allerdings nur user "flup" teilnehmen, der allerdings schweigt, evtl. weil er glaubt, die richtige Antwort sei "Korinthenkacker". Das wäre aber falsch. Es ist aber auch nicht "Kultur", wie Sie meinen.
MA

Closer 22.03.2010 | 19:24

Ich habe schon längst aufgehört, gedruckte Tageszeitungen zu lesen.

Nachbarn stecken uns ab und an den Regionalteil zu, in dem wir z.B. das lesen:

Man kann auch mit vollem Mund singen.
Diebe erbeuten Münzen.
Einbruch missglückt.
Tier löst Zusammenstoß aus.
Geparkten Wagen beschädigt.
Drei neue Mitglieder verstärken den Verein.
Kleintierzuchtverein: Die Wahlen sind der Höhepunkt.
Wahrzeichen mit 300 Eiern verschönert.
Wirkunsvoll werben im Wirtschaftsraum.

Soll ich um ein Medium trauern, das in der Vergangenheit (meist gekürzte) Leserbriefe als äußerste Form der Kommunikation mit Lesern ansah?