Michael Jäger
14.02.2013 | 13:30 46

Am Anfang war die Politik

Öffnung Die katholische Kirche müsste sich auf ihre politischen Ursprünge besinnen, um in der modernen Welt noch eine Rolle zu spielen. Aber das wird ihr schwerfallen

Der Papst tritt zurück: Was hat Benedikt, der XVI., geleistet, wird überall gefragt. Was hätte er denn leisten sollen? Aber ist die Frage so wichtig? In Europa jedenfalls gehen Religiosität und Einfluss der Kirchen, auch der katholischen, seit langer Zeit immer mehr zurück. Bald soll ein neuer Papst den Ostersegen spenden: „Urbi et orbi“, der ganzen Welt und besonders der antiken Kaiserstadt Rom. Die Tagesschau wird wieder die Stelle herausgreifen, die er auf Deutsch vorträgt. Spielt das eine Rolle? Die außerkirchliche Welt hört gleichgültige Worte des Repräsentanten einer Institution, die in letzter Zeit durch den Missbrauschsskandal auffiel.

Aber es gibt zu denken, dass ein großes US-Wirtschaftsmagazin in Papst Benedikt die fünftmächtigste Person der Welt sah – nach Barack Obama, Angela Merkel, Wladimir Putin und Bill Gates. Das mag damit zusammenhängen, dass die Papstkirche nicht überall so einflusslos ist wie hier. In Europa mit Massenaustritten konfrontiert, ist sie in ärmeren Weltteilen immer noch ein Magnet, gewinnt neue Anhänger und wird sogar manchmal verfolgt, also jedenfalls ernst genommen.

Tatsächlich fällt die Bilanz des Papstes, dessen Pontifikat im Jahr 2005 begann, auf dem Gebiet der globalen religiösen Beziehungen noch am positivsten aus. Eine Würdigung Benedikts in zwei Sätzen könnte so aussehen: Teils gute Arbeit im Verhältnis zu anderen Religionen, meist schlechte im Verhältnis zur eigenen Kirche (keine Zustimmung zur Ordination weiblicher Priester, zur homosexuellen Lebensgemeinschaft, keine neue Haltung zum Zölibat trotz des Missbrauchsskandals). Gescheitert, aber eher tragisch gescheitert – weil es über die Kräfte eines Einzelnen geht –, im Verhältnis zur außerkirchlichen Welt.

Gewaltakt im Zentrum

In Benedikts Dialog mit dem Islam, dem Judentum und sogar mit dem Protestantismus hat es kleine Fortschritte gegeben. Eins der markantesten Ereignisse seines Pontifikats war die Regensburger Rede im Jahr 2006, in der er sowohl dem Islam als auch dem Protestantismus gegenüber klar Stellung bezog. Klar im Sinn von abgrenzend, aber das war gerade gut, denn hinterher sah man, dass es dem Dialog diente. Die Rede kreiste um die Eintracht von Glauben und Vernunft, sein Lebensthema, das er als Professor, als Präfekt der Glaubenskongregation und dann als Papst nie aus den Augen verlor. Dem Islam gegenüber lag ihm daran zu betonen, dass weder Glaube noch Vernunft gewaltsam vorgingen. So einen Ansatz zu wählen, war zwar ein Missgriff. Selbst wenn er die bösartige Äußerung des byzantinischen Kaisers Manuel über Mohammed und dessen Verbreitung des Islam mit dem Schwert nicht zitiert hätte, wäre es einer gewesen. Denn in der Rede ging vollkommen unter, dass gerade das Christentum ein konstitutives, wenn auch negatives Verhältnis zur Gewalt unterhält. Steht doch im Zentrum dieser Religion der Gewaltakt einer Kreuzigung.

Die Frage, wie man sich zu weltlichen Mächten verhält, damals der römischen Besatzungsmacht in Israel, ist damit aufgeworfen. Aber auch wie man zu George Bush steht, der seine Kriege als christliche „Kreuzzüge“ ausgab. Wie reimten sich Christus und Bush zusammen, der zur Zeit der Regensburger Rede noch amtierte? Christus predigte Gewaltlosigkeit, legte sich mit der Gewalt aber an, wohl wissend um die Gefahr, in die er sich damit begab. Bush hingegen – war seine Mentalität nicht eher die eines römischen Kreuzigers?

Dies als Thema des christlich-islamischen Dialogs wäre naheliegend gewesen. Doch das Kreuz kam in der Rede nicht vor. Trotzdem war sie ein nützlicher Anstoß. Denn nach wütenden Massenprotesten in der islamischen Welt gegen das Manuel-Zitat reagierten hohe islamische Würdenträger mit einer Gegendeklaration, die zum Gespräch einlud, zu dem es dann auch kam. Als der Papst bald darauf in die Türkei reiste, konnte er Brücken bauen. So verlaufen echte Gespräche.

Dialog? Nein Danke!

Benedikts wichtigste Tat überhaupt dürfte seine Reise nach Israel im Jahr 2009 gewesen sein, bei der er sich als Papst und Deutscher für die Shoah entschuldigte. Das war gut, auch wenn die Geste durch sein Anbändeln mit der Pius-Bruderschaft überschattet und kraftloser wurde – nicht nur weil er sich dabei versehentlich mit einem Holocaust-Leugner versöhnte, sondern auch weil er eine schon abgetane Form der Liturgie der reaktionären Bruderschaft zuliebe wieder zuließ, obwohl ihr Text teilweise antisemitisch war. Die jüdische Seite kritisierte das, stellte aber trotzdem Benedikts positive Rolle im christlich-jüdischen Dialog heraus. Dass eine Institution wie die römische Kirche zu Israel wie zum Islam gute Beziehungen unterhält, ist auch weltpolitisch ein wichtiger Faktor.

Schon in der Regensburger Rede hatte Benedikt auch den Protestantismus gereizt. Schroff verkündete er, von Luther bis Kant sei ein falscher Weg der Individualisierung beschritten worden. Auch später wiederholte er gern seinen Unmut angesichts einer Konfession, in der man glaube, man könne sich sein Christentum „selbst machen“. Auch da tat er einen Missgriff, und auch das war ein nützlicher Anstoß. Denn wie spannend wäre es geworden, wenn nun hohe protestantische Würdenträger sich ein Beispiel an den islamischen genommen hätten, auch mit einem Manifest hervorgetreten wären, das Benedikt keine Wahl als den öffentlichen Dialog gelassen hätte. Konnten sie sich nicht auf Paulus berufen, der geschrieben hatte, dass man allenfalls durch das „erlöst“ werden kann, was man selbst „glaubt“? Das war ja die urprotestantische Frage. Man müsste, nüchtern gesagt, in der Lage sein, sich das biblische Rettungsangebot im eigenen Kopf erst einmal überhaupt zusammenzureimen; nur so kann sich die Frage anschließen, ob man womöglich auch noch zustimmt. Nur dann hätte man etwas davon. Läuft das aber nicht auf Individualisierung hinaus?

Zum Dialog ist es hier nicht gekommen, auch nicht bei anderer Gelegenheit, als Benedikt den Protestanten vorwarf, sie seien keine richtige Kirche, sondern nur eine kirchliche Gemeinschaft. Dies Versäumnis, meine ich, ist eher den Protestanten anzulasten, denen es an Selbst- und Sendungsbewusstsein fehlte, den Fehdehandschuh in der öffentlich angemessenen Form aufzuheben. Offensiv und öffentlich zu sagen, was die Eintracht von Glauben, Vernunft und Individualität sei, wäre ihre Aufgabe gewesen.

Aber nicht nur Selbstbewusstsein, auch mehr Fremdbewusstsein der Protestanten hätte dem Dialog gut getan. Das hatte Benedikts Islamdebatte gezeigt. Es war freilich schwierig, denn der päpstliche Antiindividualismus wird vom katholischen Kirchenvolk nicht geteilt, und es will, anders als er, die Ökumene mit gemeinsamem Abendmahl. Das Fremde wird also gar nicht anschaulich, und doch ist es da, denn die römische Kirche ist nun einmal eine Amtskirche: Man kommt um ihre Priester nicht herum, weil sie kein Priestertum aller Gläubigen kennt. Das ist ja auch der Grund, weshalb Benedikt Ökumene und Zusammenschluss eher mit der orthodoxen Kirche und sogar mit der Pius-Bruderschaft suchte – die zwar das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, am römischen Amts- und Priesterverständnis aber umso verbissener festhält –, als mit den Protestanten.

Gerade beim Thema Individualisierung wird unübersehbar, wie fremd sich Vatikan und Protestantismus immer noch gegenüberstehen. Denn darin steckt die Generalfrage, wie sich das Verhältnis der Papstkirche zur modernen Welt entwickelt. Der Protestantismus steht ihr schon so nahe, dass er fast von ihr aufgesogen wird, Benedikt aber hielt in vieler Hinsicht Distanz. Dabei hat er vor 50 Jahren zu den Reformkräften gehört, die im Vatikanischen Konzil eine erste große Öffnung der Kirche zur Welt hin durchgesetzt hatten. Damals junger Theologieprofessor, war er Berater von Kardinal Frings gewesen, einem Anführer der Reformkräfte. Über den Impuls von damals scheint er aber nie hinausgekommen zu sein, ja schlimmer noch, er ist hinter ihn zurückgefallen. Glaube und Vernunft, sein Lebensthema, ist das Thema des Konzils gewesen. Während noch das Erste Vaticanum die moderne Vernunft bekämpfte, sprach sich das Zweite für die Wissenschaft aus. Es kam auch der modernen Individualisierung entgegen, besonders indem es den Anspruch der Kirche, politischen Autoritäten übergeordnet zu sein, aufgab und so mit der politischen Demokratie endlich Frieden schloss.

Die Krux mit den 68ern

Sogar die Frage, ob die Kirche nicht für eine andere Gesellschaftsordnung eintreten solle, die demokratischer und gerechter als die vorhandene wäre, taucht, wenn auch nur am Rand, in den Konzilsdokumenten auf. An ihr aber entschied sich, dass der spätere Papst hinter das Zweite Vaticanum zurückfallen sollte. Es fiel in eine bewegte Zeit, die 68er-Revolte schloss sich unmittelbar an. Da erlebte der junge Professor Ratzinger, wie marxistische Studenten Vorlesungen stürmten. Ihr Umgang mit ihm war vermutlich nicht schonend. Der Verfasser dieser Zeilen hat es nicht miterlebt, erinnert sich aber noch gut an den vergleichbaren Fall des katholischen Professors Alexander Schwan, der damals zum Berliner politologischen Institut, dem „OSI“, berufen worden war – Gesine Schwan, die er im Seminar kennenlernte, ist seine Witwe – und mit dem besten Willen zum „christlich-marxistischen Dialog“ sein Amt antrat. Man ließ sich nicht auf ihn ein. Wenige Jahre später veröffentlichten er und seine Frau ein Buch, in dem sie ihrer Partei, der SPD, empfahlen, den Marxismus als unvereinbar mit dem Demokratischen Sozialismus anzusehen.

Wenn Menschen wie Schwan oder Ratzinger aufgrund solcher Erfahrungen die Fühlhörner wieder einziehen, muss man sich nicht wundern. Vielleicht konnten auch die Studenten nicht anders. Auch sie folgten ja, wie die Kirche, manch altem Muster, statt in jeder Hinsicht zeitgemäß zu sein. Ratzinger führte die alte Liturgie wieder ein, die Studenten kehrten zur Organisation der KPD der zwanziger Jahre zurück. Beide Seiten waren vom historischen Kairos überfordert, es ging alles zu schnell, und vielleicht darf man sagen, dass eine Chance vertan wurde.

Als Ratzinger jedenfalls den Geist der Revolte in der eigenen Kirche wiederfand, wurde er zum Gegner, der sich durch nichts mehr beirren ließ. Sein Feldzug gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie, von der man sagen kann, dass sie auf dem Konzil geboren wurde, ist bekannt.

Das ist eine tragische Entwicklung – aber gerade hier kehrt die Frage zurück, ob es überhaupt eine wichtige Entwicklung ist. Welche Bedeutung hat es denn, ob diese Kirche, die so alt ist, noch die Kurve kriegt oder nicht? Was können Revoltierende, aber auch (andere) Demokraten vom „urbi et orbi“ eines Papstes gewinnen? Dabei hat der Papst, der jetzt zurückgetreten ist, in einem sicherlich recht: Wenn der Welt nicht genau der kirchliche Glaube etwas wert ist, dann hat sie auch sonst nichts von der Kirche. Deshalb war er ja Gegner der Befreiungstheologen: weil er meinte, sie glaubten nicht mehr, stattdessen sei der Marxismus in ihre Köpfe eingedrungen. Ausgerechnet der alte Glaube soll es also machen.

Wenn dies aber bei modernen Menschen Kopfschütteln auslöst, ist das selbst wieder eine tragische Entwicklung. Denn über die Frage, ob er denen noch etwas zu sagen hat, würde sich eine Debatte durchaus lohnen. Das Christentum, wir haben es schon gesagt, zentriert sich um Christi Kreuzigung. Da hat jemand einen Kampf geführt, obwohl er die Übermacht der Gegner sah: Er wollte durchaus nicht ihr Gewaltopfer sein, wich der Gefahr aber nicht aus und erlag ihr schließlich. In seinem Kampf lässt sich das Religiöse vom Politischen gar nicht trennen. Wenn er die Händler aus dem Tempel verjagte, kämpfte er damit auch gegen Geldwechsler römischer Münzen. Und wenn die Bibel schon Christi Geburt unter das Zeichen der „Gottessohnschaft“ stellt, wiederholt sie nur, was der römische Staatsdichter Vergil von der Geburt des ersten römischen Kaisers geschrieben hatte. Christus oder der Gott Augustus, das war die Frage. Im Übrigen kommen Händler auch in der Johannes-Apokalypse vor, römische diesmal, und wer denkt nicht an heute, an uns, wenn er das liest: „Deine Händler waren die Großen der Erde, denn von deinen Zauberkünsten wurden alle Völker in Irrwahn geführt.“

Die christliche Botschaft würde keinen Sinn machen, wäre sie nicht politisch und schlösse sie nicht den Kampf für eine bessere Gesellschaft ein. Der Glaube ist zentral, das Zentrale am Glauben liegt aber darin, gegen den „Fürsten dieser Welt“ zu kämpfen – die böse Gewalt –, ohne selbst gewaltsam zu werden. Dazu gehört, dass man Gewaltsame „liebt“, noch während man sie zu besiegen versucht, aber auch danach.

Stichwort: „Feindesliebe“. Man traut ihnen die Umkehr zu, statt sich an ihnen zu rächen. Könnte nicht eine Kirche, die mit diesen Glaubensforderungen an den politischen Kämpfen teilnimmt, eine wichtige Rolle beim Übergang zu einer neuen Gesellschaft spielen? Man versteht ja, dass Joseph Ratzinger zu solchen Fragen nicht mehr fähig war. Leider ist da auch von einem neuen Papst nichts zu erwarten. Aber wenn es anders wäre, hätte „die Welt“ einen Gewinn.

Kommentare (46)

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Ehemaliger Nutzer 14.02.2013 | 15:47

Diese Kirche ist eine Organisation der Macht und nicht der Religion!

Dass "Liebe deine Feinde" hat nie regiert, nur das "Aug um Aug".

Es gibt zwei Arten von Religonen auf der Erde, die Einen machten aus einer Erfahrung ein Buch und prügelten es in die Köpfe der Leute ein, die Anderen schrieben ein Buch, mir dem man eigene Erfahrungen machen kann, so man sie sucht.

laubfrosch 15.02.2013 | 13:18

hmm ....

ich denke das ganze ausmaß des rücktritts wird erst langsam sichtbar werden.

 

ratzinger hat eine entscheidung getroffen, nämlich nicht gesund genug zu sein um die kath. kirche zu regieren.

nicht geistig und nicht physisch die notwendigen vorausetzungen zu haben.

daran wird sich jeder zukünftige papst messen lassen müßen.

 

aber auf einer metaebene führt das sogar noch weiter. ratzinger macht das amt petri menschlich, und damit auch fehlbar und politisch.

die unfehlbarkeit des papstes als stellvertreter gottes weicht damit einem ganz anderen selbstverständnis; das wird enorme folgen für die institution römisch katholische kirche haben.

eine größere revolution hätte er anders kaum auslösen können ...

J.Taylor 15.02.2013 | 13:18

Gott ist so etwas wie ein Investmentbanker. Er erschafft ganze Welten aus dem Nichts und verspricht eine Lebensrendite für den Tugendhaften, allerdings ist die Auszahlung erst nach dem Tod. Der Papst ist sein oberster Dealer auf Erden, und alle folgen ihm, denn wer es glaubt wird selig!

Vielleicht ist die Wahrheit einer Existenz des Menschen auch dann simpel und einfach, wenn man dazu realisieren muss, dass der Mensch auf einem durch das Universum torkelnden Steinhaufen sitzt und an seiner gefühlten unendlichen Einsamkeit nichts ändern kann. Einen Papst, der Kettenbriefe eines Investmentbankers verkauft, bräuchte es jedenfalls nicht.

Lukasz Szopa 16.02.2013 | 11:44

Mir stellen sich bei Bewertungen alter und neuer Päpste zwei Fragen: Erstens, ist das Wirken eines Papstes - für die Angehörigen der Katholischen Kirsche wie für alle anderen Menschen - wirklich so bedeutend? Vor allem wenn man sich einerseits die (kleine) "Macht des Vatikans" vor Augen führt, und anderseits theologisch die Tatsache, daß es nur ein Mensch ist der kurze Zeit eine Organisation führt - auf der anderen Seite aber die Ewigkeit Gottes steht? Die zweite Frage ist die des Vergleichs und der Erwartungen - in Bezug auf die Vorgänger (eines Papstes). Aus dieser Sicht sehe ich das Wirken und Leistungen Ratzingers als Papst geringer als die von Wojtyla (ich weiss, ich schreibe es als Pole...): Sei es in Fragen der Ökumene und der Kontakte mit anderen Religionen, sei es in Vergangenheitsbewältigung der Kirche (Inquisition, Galilei), sei es in der Wandlung des Amtes des Papstes (vom getragenen Papst-Thron zum Küssen des Erdbodens, Reisen, die PR-Strategie der großen Messen, die Aufwertung der außereuropäischen Gläubigen). Oder auch das Thema des Antikapitalismus, der Mahnungen gegen das Konsumleben und für Arbeitsethik. Bei Themen wie Priesterheirat, Sexualität, AIDS-Bekämpfung, Befreiungstheologie, Rolle der Frauen und der Laien, in der Ökumene war Ratinger kaum "fortschirttlicher" oder "reformfreudiger" nicht nur als Wojtyla, sondern - auch nicht als andere Päpste davor.

Kann es vielleicht sein, dass wir bei jedem neuen Papst zu viel erwarten? Dass wir unsere Erwartungen auf einen neuen Nachfolger Petri zu gewaltsam projizieren? Die Kirche und deren Leute sind doch immer sehr konservativ, dogmatisch, traditionsgebunden gewesen - und nur in Ausnahmen "reformfreudig". Zumindest ist der Grad der "Modernität" oder der "Reformwünsche" in der "allg. Bevölkerung" (ob katholisch oder generell) immer weitreichender als in der Kurie oder im Konzil. Es ist ein bisschen so, als wären wir immer wieder enttäuscht, dass die US-Republikaner immer noch so wenig "links" sind, oder dass Nordkorea immer noch so bleibt wie es ist. Oder dass die FIFA immer noch keinen Video-Beweis einführen will. Denn - zurück zu den Päpsten: egal wie stark man Ratinger, Wojtyla & co. für denen "Rückschrittlichkeit" und "Reform-Unwillen" kritisiert (zurecht oder nicht): Kann man wirklich davon ausgehen, dass ein Johannes XXIII oder ein Paul VI für Homoehe, Frauen als Priester, Befreiungstheologie etc. offen wären? Vaticanum II war ohnehin eine Riesenausnahme - doch geschichtlich betrachtet ist es Unfug, von alten wie neuen Päpsten wie von der ganzen Katholischen Kirche irgendwelche "Reformen" oder eine Anpassung an die Wünsche des "Mainstream-Menschen" zu ertwarten. Denn die Kirche betrachtet sich nicht als ein Verkünderin der theologischen Liquid-Democracy, sondern als eine Hüterin der Wahrheit, also wie ein dogmatischer Philosoph oder nicht weiter forschender Wissenschaftler: "Es ist so wie es immer war, und in Ausnahmen sehen wir ein, dass manches nach Jahrhunderten leicht revidiert werden kann."

Daher bitte, bei Päpsten wie der ganzen Kirche: Entspannt euch Leute, weniger Erwartungen und damit weniger Kritik. Bestenfalls ist ein Papst ein kluger Theologe (Ratzinger) oder ein internationaler Popstar (Wojtyla). Ob man das eine wie das andere für einen Glauben an Gott braucht, kann sich jeder Mensch selber fragen.

Scaramouchè 16.02.2013 | 12:02

Ich bin einigermaßen über diesen schlechten Artikel von Michael Jäger entsetzt, weil der Autor von der katholischen Kirche keine Ahnung hat, aber sich schon über sein Nicht-Wissen ein Urteil gebildet hat. Aufgrund der Fülle an Fehlern und Vorurteilen werde ich mich nur auf sehr wenige konzentrieren.

1. Der Papst ist niemals der "Stellvertreter Gottes" auf Erden - das wäre ein absolutes Sakrileg und gegen jegliche religiösen Gefühle von Christen und aller anderen Religionen. Er wird als Stellvertreter Jesu auf Erden bezeichnet - und selbst das ist schon eine sehr schwierige und diskutable Bezeichnung, die Ratzinger für sich noch nicht einmal in Anspruch nimmt.

2. "Steht doch im Zentrum dieser Religion der Gewaltakt einer Kreuzigung." Im Zentrum des gesamten Christentums steht nicht der Gewaltakt der Kreuzigung, sondern die Wiederauferstehung und die Nächstenliebe. Das Kreuz ist symbolisch als Zeichen der Wiederauferstehung und nicht als Zeichen einer Gewalttat umgedeutet.

3. "... sondern auch weil er eine schon abgetane Form der Liturgie der reaktionären Bruderschaft zuliebe wieder zuließ, obwohl ihr Text teilweise antisemitisch war." Die fragliche Textstelle ist nur in der Karfreitagsliturgie in einer Fürbitte formuliert. Die gesamte Karfreitagsliturgie des Außerordentlichen Ritus darf in der katholischen Kirche nicht gefeiert werden. Auch wenn man erwähnen muss, das der gesamte Außerordentliche  Ritus, den Ratzinger wieder eingeführt hat, theologisch gesehen, sehr fraglich ist und mit recht von vielen aufgrund theologischer Begründungen abgelehnt wird.

Man muss zur Pius-Bruderschaft aber auch erwähnen, das es nicht zu einer Einigung zwischen der katholischen Kirche und der Pius-Bruderschaft bisher gekommen ist und sie sogar auf Eis gelegt ist.

4. "Man kommt um ihre Priester nicht herum, weil sie kein Priestertum aller Gläubigen kennt." Das Priestertum aller ist mindestens seit dem zweiten Vatikanischen Konzil (also vor fast 50 Jahren) das Credo der katholischen Kirche. Im Taufritus wird der Täufling als Priester der Kirche gesalbt und berufen.

 

Ich könnte noch einige solche aus meiner Sicht eklatanten Fehler aufzählen, dies würde aber zu weit führen. Mich stört gewaltig, das der sonst so journalistisch hervorragende Freitag einen Autor diesen Artikel überlassen hat, der augenscheinlich gar keine Ahnung von katholischer Kirche hat und darüber hinaus auch noch zynisch Gewalt und Mord an Christen mit solchen Sätzen abtut:  "In Europa mit Massenaustritten konfrontiert, ist sie in ärmeren Weltteilen immer noch ein Magnet, gewinnt neue Anhänger und wird sogar manchmal verfolgt, also jedenfalls ernst genommen."

Der Autor trifft bei aller Kritik zum Ende aber trotzdem den Nagel auf den Kopf, wenn er die Nächsten- bzw. die Feindesliebe als die Glaubensforderung der Kirche in den politischen Kämpfen fordert. Und natürlich ist die Priesterschaft der Frau, die Anerkennung von Homosexuellen usw. wichtige Forderungen, die die katholische Kirche nur bereicheren.

eldorado 16.02.2013 | 12:13

Die katholische Kirche müsste sich auf ihre politischen Ursprünge besinnen, um in der modernen Welt noch eine Rolle zu spielen. Aber das wird ihr schwerfallen 

Allein, wenn ich diesen Satz lese, kommt mir der Gedanke, wie weit sich die katholische Kirche vom Ursprung der Botschaft entfernt hat. Liest man das NT wirklich ernsthaft, kann man unschwer feststellen, dass die Botschaft dort heisst, dass diese nicht von dieser Welt ist.

Wir täten gut daran darüber zu diskutieren, was denn der Glaube noch mit dieser Kirche zu tun hat.

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Ehemaliger Nutzer 16.02.2013 | 14:27

"Könnte nicht eine Kirche, die mit diesen Glaubensforderungen an den politischen Kämpfen teilnimmt, eine wichtige Rolle beim Übergang zu einer neuen Gesellschaft spielen? Man versteht ja, dass Joseph Ratzinger zu solchen Fragen nicht mehr fähig war. Leider ist da auch von einem neuen Papst nichts zu erwarten. Aber wenn es anders wäre, hätte „die Welt“ einen Gewinn."

Nun, ich denke das nicht. Die Idee geht an dem Punkt vorbei, dass ein Mangel an Ethik immer eine Mangel von einem Individuum ist und nicht ein Mangel einer Gesellschaft. Eine Gesellschaft ist ebenso ethisch nicht fassbar wie z.B. eine Rasse oder eine Nation.

Wenn die RKK einer Moral nachgeht, die man auch eine politische Moral nennen kann, dann geht das auch an dem möglichen Mangel an Ethik von einem Individuum vorbei. Eine individuelle Unbalance im ethischen Handeln ist auch nicht übertragbar oder handelbar, denn sie ist untrennbar mit dem Individuum verbunden. Das, was Politik machen kann ist wenig. Lao=Tsu schreibt vor ca. 2500 Jahren in seinen 81 Sprüchen dem Tao teh Ching:

Die besten Herrscher waren kaum gekannt - die folgenden geliebt und geehrt •
die folgenden gefürchtet - die letzten verachtet •
Wer selbst kein Vertrauen hat wird auch kein Vertrauen finden •
Wählt er seine Weisung mit Bedacht werden die Werke vollendet • 
dem Willen willfahren und das Volk sagt: Wir sind frei •

Wird der rechte Weg verlassen entstehen Güte und Moral •
Wissen und Klugheit kommen auf und große Heuchelei folgt • 
Zerbricht die Eintracht der Familie entsteht Kindespflicht und Elternliebe •
Wenn das Land in Wirren und Chaos gerät treten ergebene Staatsdiener auf •

Wenn der Herrscher die Welt leicht nimmt - wird er leichtfertig  • Verliert er den Halt - wird er rastlos - verliert er die Herrschaft •
Wer auf dem rechten Weg den Herrscher berät ist - gegen Waffengewalt •
Unter Waffen gehen - heißt untergehen•
Hinter den Heeren - wachsen Disteln und Dornen •
Große Armeen - bringen große Armut •
Erreiche dein Ziel - das ist genug  - vertraue nicht den Waffen •
Erreiche dein Ziel - ohne Stolz - ohne Prahlen - ohne Hochmut - aus Notwendigkeit - aber hüte dich vor der Gewalt•
Denn nach dem Sieg - folgt der Niedergang - ohne den rechten Weg •  
Ohne den rechten Weg - geht es rasch zu Ende • 

Waffen sind Werkzeuge des Unglücks - bei allen Geschöpfen verhasst •
Wer den rechten Weg geht - der lässt sie liegen •
Der Weise liebt - das Schöpferische 
Der Krieger liebt - das Zerstörerische 
Waffen sind Werkzeuge des Unglücks - und nicht Werkzeuge des Weisen •
Er verwendet sie - wenn er keine Wahl hat•
Ruhe und Friede sind ihm das Höchste - ein Sieg ist kein Grund zur Freude - Freude am Siegen ist Freude am Töten •
Wer jedoch Freude am Töten hat - wird in der Welt keine Erfüllung finden•
Wenn viele Menschen getötet werden - müssen sie voll Kummer betrauert werden - darum ist jeder Sieg eine Trauerfeier •

Diese aufgeschriebenen Einsichten kannte auch Kung=Tse (Konfizius) und Lao=Tsu sagte zu ihm: "Die Philosophen, von denen Du sprichst, sind längst verwest, wenn auch ihre Lehren als Ausdruck ihrer Zeit uns geblieben sind. Was zu wissen ist, ist zeitlos. Wenn die Verantwortlichen ihrer Zeit gerecht werden, sind sie Führer und ein Segen für ihr Volk; wenn nicht, bleiben sie Getriebene, die Fortschritt und Vollendung der Menschen aufhalten. Vergeblich jeder Versuch, Menschen und Völker durch äußere Reformen zu ändern. Zähme darum Deine Eitelkeit, lass fahren Dein fahrlässig Wissen! Lass ab vom Trug der schönen Programme, die dem Volke nicht helfen! Das Volk erneuert sich aus sich selbst, wenn es frei sich selbst regiert. Der Mensch veredelt sich selbst durch sein Selbst: durch das ihm innewohnende Streben nach Selbstverwirklichung. Alles Übrige ist eitel und unnütz. Dein Weg ist der Weg der Menschen; mein Weg ist der des Himmels. Ihn gehen heißt zum Frieden finden und zur Vollendung. Dein Weg entspringt der Zeitlichkeit und endet in ihr. Mein Weg führt vom Zeitlosen zum Ewigen: Zur Erfüllung des Sinns des Lebens. Dein Weg ist der Weg der Geschäftigkeit. Mein Weg ist der Weg des Nicht-Tuns, bei dem nichts ungetan bleibt: Der Weg der Stille und Ruhe, aus dem das rechte Bewegtsein entspringt." 

Natürlich kann Politik die Dinge der Stadt regeln, wie den Rechtsverkehr oder den öffentlichen Brunnen, aber nicht das, das das des Anderen ist, denn das verunfreit den Anderen. Die Politik der RKK basiert nicht auf zeitlosen ethischen Prinzipien, wie der Unantastbarkeit der Würde des Individuums, was eine Unantastbarkeit der Freiheit des Individuums impliziert, und auch nicht auf den Lehren des Jesus aus Bethlehem,  sondern auf den definierten Gehorsamsansprüchen des Paulus, welche seit dem die Menschen verunfreien, die im politischen Machtbereich der RKK geboren werden. Weil Freiheit eine essentielle Voraussetzung für das regeln der individuellen Mängel ist, was das Fehler machen einschließt als notweniger individueller Lernschritt, kann Kirche keine Rolle übernehmen bei einer ‚neuen Gesellschaft’. Vielmehr können ihre Anhänger sich vom Schaf emanzipieren zu freien Individuen und ihre Freiheit ausüben und sich ihrem individuellen Schicksal stellen.  Das würde die leidvollen Interferenzen in dieser Welt wahrscheinlich verringern. Aber es werden wahrscheinlich nur Wenige sein, denn Macht ist geil.   

 

Michael Jäger 16.02.2013 | 16:00

Ja, hier darf jeder schreien, wie er will, auch Sie. 1. Sie werfen mir was von „Stellvertreter Gottes“ vor, was ich nicht geschrieben habe – ein Thema, das mich im Moment auch gar nicht interessiert -, vielmehr ein Kommentator hier. 2. Wenn Sie meinen, das Kreuz in Symbolik auflösen zu können – ich möchte nicht drangehangen haben -, bitte sehr. Soll das eine „Kritik“ an meinem Text sein? Sind Sie Doketist? 3. Was Liturgie und die Pius-Prüderschaft angeht, bestätigen Sie, was ich geschrieben habe, es ist trotzdem „Kritik“. 4. Zum Priestertum aller Gläubigen, das Dokument des Konzils, das Sie anführen, handelt von den Priestern mit „Vollmacht“, während das Kirchenvolk knapp in der Einleitung erwähnt wird mit der Bemerkung, daß alle Gläubigen zur Priesterschaft „werden“ und insofern auch „Anteil“ an Christus haben. Die Erstgenannten sind aber schon Priester, sie sind „eingesetzt“! Das soll eine Priesterschaft aller Gläubigen sein? Als Witz vielleicht. Fragen Sie mal die Frauen, die nicht ordiniert werden dürfen.

Scaramouchè 16.02.2013 | 17:24

Ich hätte schwören können, das heute Vormittag der "Stellvertreter Gottes"-Unsinn in ihrem Beitrag zu lesen war. Sorry da habe ich mich getäuscht. Oder sie haben es wieder aus dem Artikel genommen?

Aber egal. Kritik an und grundlegende Veränderungen der katholischen Kirche sind sehr wichtig und wesentlich, aber bitte nicht auf diesem RTL/SAT1-Niveau wie in diesem Artikel. (Oh, habe ich schon wieder geschrieen?) Wenn sie ständig Argumente zusammentragen, um ihre für mich doch sympathischen Forderungen zu untermauern, muss dies aus meiner Sicht Hand und Fuß haben und es sollten nicht irgendwelche eigenartigen Behauptungen aufgestellt werden.

Leider haben sie Herr Jäger noch nicht einmal meine Einwände verstanden, oder wieso kommen solch verwurrene Scheinargumente zusammen?:

A "2. Wenn Sie meinen, das Kreuz in Symbolik auflösen zu können – ich möchte nicht drangehangen haben -, bitte sehr. Soll das eine „Kritik“ an meinem Text sein? Sind Sie Doketist?"

Sie haben in ihrem Artikel behauptet, dass das "Christentum ein konstitutives, ... Verhältnis zur Gewalt unterhält" und dies damit begründet, das der "Gewaltakt einer Kreuzigung" im Zentrum dieser  Religion steht. Aber das stimmt nicht. Nicht der Gewaltakt der Kreuzigung sondern die Wiederauferstehung stehen im Zentrum des Christentums. Ihre ganze Argumentation ist an dieser Stelle für mich hinfällig und auf sehr steinernen Füßen.

B "3. Was Liturgie und die Pius-Prüderschaft angeht, bestätigen Sie, was ich geschrieben habe, es ist trotzdem „Kritik“."

Ich bestätige ihnen gar nichts! Denn sie haben in ihrem Artikel nicht recht, wenn sie behaupten, das Ratzinger einen antisemitischen Text im Außerordentlichen Ritus zu gelassen hätte. Das stimmt einfach nicht, weil der beanstandete Text des Karfreitags ausdrücklich nicht erlaubt ist und das von Anfang an. Übrigens ist der Außerordentliche Ritus nie in der katholischen Kirche abgeschafft wurden. (Leider!!!) Und es ist auch nicht die Liturgie der Pius-Brüder.

C "4. Zum Priestertum aller Gläubigen, das Dokument des Konzils, das Sie anführen, handelt von den Priestern mit „Vollmacht“, ... "

Hier reden sie, wie an anderen Stellen auch Unsinn! Im Lumen Gentium wird ständig vom Priestertum aller gesprochen. z.B.: "Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, ..." Der ganze Text ist davon voll. Sie haben die Frechheit in ihrem Artikel zu behaupten, das die katholische Kirche das Priestertum aller nicht kennt, das stimmt aber wiederum nicht, wie das Lumen Gentium und die Taufen der kath. Kirche beweist.

Die Frage ist eher, wie wird das Priestertum aller von den Gläubigen und Amtsträgern gelebt und praktiziert. Das muss man kritisieren, aber doch nicht falsche Behauptungen aufstellen.

 

Die katholische Kirche muss sich dringend reformieren, an erster Stelle steht für mich gerade der Umgang mit Homosexualität und das Priestertum der Frau, weil sie ihr eigener Katechismus weg von den Menschen bringt, um die es Jesu ging. Aber die Diskussion sollte mit Niveau und nicht mit falschen Behauptungen geführt werden!!!

 

 

Michael Jäger 16.02.2013 | 19:05

„Oder Sie haben es wieder aus dem Artikel genommen?“ Das würde eigentlich schon für eine Beleidigungsklage reichen, ich meine, wenn Sie satisfaktionsfähig wären. Ich weiß gar nicht, weshalb ich mich überhaupt noch mit Ihnen unterhalte, Sie Flegel. Auch das ist schön: „Sie haben in ihrem Artikel behauptet, dass das ‚Christentum ein konstitutives, ... Verhältnis zur Gewalt unterhält‘", mit Auslassung also des Wortes „negatives“, damit man den Unsinn Ihrerr „Kritik“ nicht sieht. Das Christentum unterhält ein „negatives“, also kein zustimmendes, sondern ablehnendes Verhältnis zur Gewalt, dieses ist konstitutiv („Und Friede auf Erden“, „Selig sind die Friedfertigen“ usw.) und wird auch nicht in die Luft gesprochen, sondern eingreifend in die Gewalt. In diesem Zusammenhang zu bestreiten, daß das Kreuz im Zentrum dieser Religion steht, das ist schon eine reife Leistung. Haben Sie mal Paulus gelesen, den maßgeblichen Autor im Neuen Testament? Stellt der etwa nicht „das Wort vom Kreuz“ ins Zentrum (1. Kor. 1, 17 ff.)? Er sagt seiner Gemeinde, er sei zu ihr gekommen in der Absicht, „unter euch von nichts wissen, außer von Jesus dem Messias – und von ihm als Gekreuzigtem.“ (2, 2) Und da das Kreuz im Zentrum steht, steht es im Zentrum der Nachfolge, das Kreuz auf sich zu nehmen: „wir [...] werden mit Fäusten geschlagen und sind ohne Heimat“, illustriert er (4. 11). Ich kann mir vorstellen, daß Sie das alles gern überspringen würden, um lieber instantly zur „Auferstehung“ zu gelangen, und deshalb wahrscheinlich auch über Paulus wütend sind, daß der nicht immer, wenn er das Wort Kreuz in den Mund nimmt, die „Auferstehung“ gleich folgen läßt und das eine mit dem andern quasi vertauscht. „Die Auferstehung auf sich nehmen“ ist jedenfalls leichter als das Kreuz auf sich nehmen, das glaube ich Ihnen. Zur Sache mit der Liturgie und der Pius-Proderschaft spare ich mir die Worte, weil man sich in diesem Fall sehr gut bei Wikipedia informieren kann. Schließlich die von Ihnen zitierte Textstelle zum Priestertum: Die Getauften „werden zu einem heiligen Priestertum geweiht“, ja, das kann man hinschreiben – zu „einem“ Priestertum! -, aber sie sind danach nicht Priester mit Priestervollmacht. Das ist als wenn Sie sagen „alle Deutschen sind Bundeskanzler, was Sie nur nicht mit den Bundeskanzlern mit Vollmacht verwechseln dürfen, denn davon gibt es nur eine(n)“.

Kcolk Netsrot 16.02.2013 | 21:24

Hallo,

 

die Kirche im allgemeinen sitzt in einem Dilemma.

Man verlangt von ihr "mit der Zeit zu gehen" und gleichzeitig auch "sich auf ihre Ursprünge zu besinnen".

In dem Artikel geht es zwar  nur um die angesprochenen "politischen Ursprünge" aber dieses ist m.M.n. genau dewegen unfair.

Man kann sich nicht nur das schöne und warme für's Herz aus der Botschaft Christi heraus suchen und die Sachen,die einem Magenschmerzen bereiteten werden einfach negiert,belächelt und evt. sogar noch bekämpft,da "unzeitgemäß".

So funktioniert das nicht.

Dann bleibt von der christlichen Botschaft nicht als ein "Wie komme ich gemütlich durch's Leben"-Ratgeber...man schaue auf Teile der evangelischen Kirche.

Jesus kam als Messias der Juden in diese Welt.So war sein Selbstverständnis.Die ganze Geschichte war  am Anfang eine innerjüdische Angelegenheit und wurde im Lauf der Jahre global.

Warum sich heute z.B. manche Christen hinstellen und bspw. den Islam als gleichberechtigte Religion ansehen ist mir schleierhaft.

Ein Vorkommentator mahnte in seinem Beitrag eine Änderung im Umgang mit Homosexuellen an.

Warum?

Da steht:"Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel."

Inwieweit lässt sich das uminterpretieren?

Und wenn...was sieht man dann noch in der Bibel ,in dem "Wort des allmächtigen Gottes,dem nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann"?

Was für ein Gottesbild entsteht,wenn man sich sagt dass die Bibel sowieso nur ein  durch Menschenhand entstandenes Märchenbuch ist,aus dem man aus Maistream-Gründen mal dieses oder jenes weglassen kann?

MfG

 

Scaramouchè 17.02.2013 | 01:57

Lieber Michael Jäger, ihre paulinische Kreuzestheologie stammt eher einer protestanitischen Sicht des Christentums. Sie haben aber keinen Artikel über den EKD-Vorsitzenden geschrieben, sondern über das Oberhaupt der katholischen Kirche. Für die katholische Kirche steht, um das für sie noch einmal zu wiederholen, nicht der Gewaltakt Kreuzigung im Zentrum des Glaubens, sondern die Auferstehung - also das im Tod Leben liegt. Da wird nicht, wie sie mir es unterstellen, das Kreuz weggewischt oder einfach übersprungen, sondern das Hauptaugenmerk ist einfach nur ein anderes. Sie schreiben einen Artikel über den Papst und kennen noch nicht einmal die zentralen Glaubensaussagen der katholischen Kirche? Da kann man sich natürlich auch beschweren, das er das angebliche christliche Glaubenszentrum "Gewaltakt Kreuzigung" nicht zum Thema seiner Rede gemacht hat.

Dieses Verständnisproblem zieht sich durch ihren gesamten Artikel (siehe z.B. das Sie das Priestertum der Gläubigen auch wieder nur aus protestanitischer Sicht be- und vorurteilen) und macht es schwierig eine sinnvolle Diskussion zu führen.

Übrigens Paulus wird von der katholischen Kirche auch nicht als der maßgebliche Autor des NT angesehen (da blitzen wohl zuviel Luther und Barth bei ihnen durch?). 

Scaramouchè 17.02.2013 | 02:06

Ich hoffe, dass sie kein Schweinefleisch essen, sich koscher ernähren und alle Reinungsvorschriften streng beachten. Achja, und hoffentlich gehen sie mit ihren Haussklaven auch gut um.

Die Bibel wird nicht zum Märchenbuch, wenn man sie als den Ausdruck vieler unterschiedlicher Menschen, die Gott begegnet sind, betrachtet. Und diese Menschen haben Gott sehr unterschiedlich erlebt und wahrgenommen. 

Und ihre Meinung über den Protestantismus sollten sie auch noch einmal stark überdenken.

Scaramouchè 17.02.2013 | 02:06

Ich hoffe, dass sie kein Schweinefleisch essen, sich koscher ernähren und alle Reinungsvorschriften streng beachten. Achja, und hoffentlich gehen sie mit ihren Haussklaven auch gut um.

Die Bibel wird nicht zum Märchenbuch, wenn man sie als den Ausdruck vieler unterschiedlicher Menschen, die Gott begegnet sind, betrachtet. Und diese Menschen haben Gott sehr unterschiedlich erlebt und wahrgenommen. 

Und ihre Meinung über den Protestantismus sollten sie auch noch einmal stark überdenken.

Scaramouchè 17.02.2013 | 02:06

Ich hoffe, dass sie kein Schweinefleisch essen, sich koscher ernähren und alle Reinungsvorschriften streng beachten. Achja, und hoffentlich gehen sie mit ihren Haussklaven auch gut um.

Die Bibel wird nicht zum Märchenbuch, wenn man sie als den Ausdruck vieler unterschiedlicher Menschen, die Gott begegnet sind, betrachtet. Und diese Menschen haben Gott sehr unterschiedlich erlebt und wahrgenommen. 

Und ihre Meinung über den Protestantismus sollten sie auch noch einmal stark überdenken.

Reinold Ophüls-Kashima 17.02.2013 | 09:47

Ich fand es sehr angenehm, einen Artikel zu lesen, in dem das Handeln des Papstes nicht einfach in Bausch und Bogen verurteilt, sondern genau und abwägend beurteilt wird. Ein irischer Kollege von mir an der Sophia-Universität Tokyo, ein Priester nebenbei, meinte auf Facebook, dass der größte Fehler dieses Papstes die Unterdrückung der Befreiungstheologie gewesen sei, weil dadurch der katholischen Kirche eine Möglichkeit, den Kapitalismus, die Zustände in dieser Welt zu kritisieren, verloren gegangen sei.

momine 17.02.2013 | 11:12

Wer bist Du?

Deinen Kommentar hat mich sehr beeindruckt und ich danke Dir dafür. Er entspricht einem Ideal, dem ich gern folgen. Mit zunehmenden Alter habe ich mich auch damit abgefunden, dass nur wenige diesem Weg folgen, "denn Macht ist geil."

Vielleicht war diese Erkenntnis einer Gründe des Rücktritts, denn irgendwann, der Eine früher, der Andere später, ist ein "geiles Lebensgefühl" nicht mehr notwendig.

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Ehemaliger Nutzer 17.02.2013 | 11:45

Es ist schwer zu sagen, wer ich bin. Ich glaube es ist auch nicht wichtig. Neun Jahre Volksschule, fünfzig Jahre Arbeit in Hochfrequenztechnik bis 2008, nie bei Wahlen meine Stimme abgegeben, parteilos, Astrologe, Klimaforschung, Religionen, nie Mitglied in einer Religionsgemeinschaft gewesen seit dem Austritt aus der ev. Kirche in 1962. Musik, Malerei, Poesie, Gott. 1956 hörte ich J. Krishnamurti in Hamburg, Jahre später habe ich ihn verstanden. 

'Der Freitag' find ich gut! 

Robert Zion 17.02.2013 | 13:24

Warum wundert mich das nicht? Wie Martin Heidegger und Carl Schmitt, so muss auch dieser deutsche Papst des Spinozismus gehasst haben:

 

„Wer die Philosophie nicht von der Theologie zu trennen vermag, streitet, ob die Schrift der Vernunft, oder umgekehrt die Vernunft der Schrift untergeordnet sein solle; d.h. ob der Sinn der Schrift der Vernunft, oder ob die Vernunft der Schrift anbequemt werden müsse. Letzteres wollen die Skeptiker, welche die Gewissheit der Vernunft leugnen; Ersteres die Dogmatiker. Beide irren in hohemMaasse, wie aus dem Bisherigen erhellt; denn in beiden Fällen muss entweder die Vernunft oder die Bibel verderbt werden. Denn ich habe gezeigt, dass die Bibel keine philosophischen Dinge, sondern nur Frömmigkeit lehrt, und dass Alles, was in ihr enthalten ist, dem Verstände und den vorgefassten Meinungen der Menge angepasst ist. Will man sie daher der Philosophie anpassen, so muss man den Propheten Vieles andichten, an das sie nicht im Traume gedacht haben, und man wird ihre Meinung falsch verstehen. Macht man aber die Vernunft und Philosophie zur Dienerin der Theologie, so muss man die Vorurtheile des niederen Volkes aus alten Zeiten wie göttliche Dinge behandeln und damit seinen Geist anfüllen und verdunkeln. So werden beide Theile Unsinn reden, der eine mit Vernunft, der andere ohne solche.“ [Baruch Spinoza: Theologisch-politischer Traktat, 1670, 15. Kapitel, Beginn].

Kcolk Netsrot 17.02.2013 | 14:06

Hallo Scaramouche,

 

da Sie sich hier als der große Zampano hervortun muss ich Ihnen leider sagen dass ihr Polemik bzgl. Speisevorschriften ect. etwas plump daherkommt.

Da habe ich schon bessere Argumente in ähnlichen Diskussionen zu hören bekommen.

Um ehrlich zu sein muss ich Ihnen sagen dass ich diese -ihre-Hoffnungen bzgl. meiner Person eher lächerlich finde.

Und wenn ich von Theologen höre dass die Bibel eh nur ein von Menschen geschriebenes  Buch ist,dass man Dinge die da drinnen stehen aus heutiger Sicht verurteilen muss und danach die Andacht noch mit:"Guter Gott,gute Göttin" beginnt, dann brauche und will ich meine Sicht über Teile des Protestantismus-so eine Show wie eben berichtetet z.B.- nicht noch einmal überdenken.

 

MfG

 

Michael Jäger 17.02.2013 | 17:53

Nun reden Sie endlich wie ein zivilisierter Mensch, und man kann sich mit Ihnen um das streiten, worum es geht.

Es ist wahr, ich denke eher protestantisch und habe „trotzdem“ über den Papst geschrieben (-> credo unam ecclesiam). Wobei man übrigens als Protestant auch gar nicht grundsätzlich etwas gegen die Papst-Institution haben muß, siehe Pannenberg. Aber das ist nicht worum es geht. Ich denke auch, wir werden uns noch einigen, daß sich Protestantismus und Katholizismus nicht danach scheiden lassen, daß die eine Konfession das Kreuz über die Auferstehung, die andere die Auferstehung über das Kreuz stelle. Es ist vielmehr Gemeingut beider Konfessionen („protestantische Kreuzestheologie“ natürlich inbegriffen), daß Kreuz und Auferstehung untrennbar zusammengehören. Wobei ich den Ausdruck „Auferstehung“ in meinem letzten Kommentar deshalb in Gänsefüße gesetzt habe, weil das eine Leerfloskel ist, wenn nicht gesagt wird, was damit gemeint ist; weil ich Ihnen das nicht durchgehen lasse, die „Auferstehung“, hier paßt das Wort, wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Ich finde es schon seltsam, daß Sie sich so hartnäckig weigern, über die Kehrseite der Auferstehung zu reden, das Kreuz eben, unter welchem sich wenigens alle etwas vorstellen können, etwas Konkretes.

Mein Artikel hat nun mal einen Gegenstand, bei dem es mehr um das Kreuz geht als um dessen Kehrseite Auferstehung. Und das ist vielleicht schon das ganze Problem: daß in meinem Verständnis das Christentum Gegenstände hat, irdische Gegenstände, die es sozusagen durchzuarbeiten gilt, während wenn jemand wie Sie nur über „die Auferstehung“ reden will, er sich womöglich nur an der Vorstellung eines jenseitiges Trostes erbaut und die 26.000 Hungertoten, die es täglich gibt, oder welches andere Beispiel man anführen mag, da liegen läßt, wo sie eben liegen. Denn wenn man, statt das zu tun, vielmehr eingriffe, würde man zwar sicher zuletzt zur „Auferstehung“ gelangen, aber womöglich auf dem Umweg über das Kreuz, d.h. die Kreuzesnachfolge, die eigene - „obwohl“ das Kreuz doch „gar nicht im Zentrum steht“.

Aber nicht einmal darum geht es in meinem Artikel. Es geht darum, daß der Papst einen Ansatz gewählt hat, mit dem Islam zu reden, wo er gemeint hat, ihm eine Version von Christentum entgegenhalten zu können, in der nicht auf das Kreuz Bezug genommen wird. Ich habe darauf hingewiesen, daß dieser Ansatz angesichts der realen Geschichte, durch welche Christentum, inclusive der George Bush-Variante, und Islam miteinander verbunden sind, im höchsten Grade unangemessen ist, denn hier jedenfalls – selbst wenn Sie das Kreuz sonst totschweigen wollen, wofür ich ja Verständnis habe, da es wirklich schwer zu ertragen ist – muß man es, wenn man nicht blind ist, als das eigentliche Gesprächsthema erkennen. Der Papst, habe ich geschrieben, hat es nicht erkannt: nicht weil er, wie Sie, vom Kreuz überhaupt gar nicht reden will, er tut das ja bei anderer Gelegenheit; sondern weil er zu sehr von seinem Thema „Glaube und Vernunft“ eingenommen war.

Sie sind von all dem meilenweit entfernt. „Auferstehung, Auferstehung“: Meinen Sie denn, der Papst hätte noch besser getan, wenn er, der in dieser Rede weder von der Auferstehung noch vom Kreuz gesprochen hat, gleich nur das Auferstehungsverständnis in Christentum und Islam verglichen und so etwa – verzeihen Sie mir den Spaß - die Frage, was von Huris im Paradies zu halten ist, ventiliert hätte?

Scaramouchè 18.02.2013 | 13:59

Komisch und ich war die ganze Zeit davon überzeugt, das ich wie ein zivilisierter Mensch rede.

Natürlich sind wir eine Kirche, aber mich verdutzt es immer wieder, und in ihrem Artikel steigt es sehr stark hervor, wenn die katholische Kirche oder der Papst mit einer sehr stark protestantischen Sichtweise beurteilt wird. Denn dadurch schrammt der Beurteilende fasst automatisch an den eigentlichen Problemen und Ursachen vorbei, so wie ich es für Ihren Artikel konstatieren muss. Wir sind eine Kirche, aber mit unterschiedlichen Kulturen, Ausprägungen des Glaubens - was ich persönlich als absolut werfrei betrachten möchte, man kann die eine Kultur aber aus meiner Sicht nicht mit der anderen Kulturbrille be- bzw. verurteilen.

Sie haben recht, wenn Sie Auferstehung und Kreuzigung als untrennbar zusammengehörend bezeichnen. Das habe ich übrigens nie bestritten, auch wenn sie mir das immer wieder unterstellt haben. Aber weder in ihrem Artikel noch in ihren weiteren Ausführungen haben sie dies erwähnt. Im Gegenteil dem Christentum generell ein konstitutives Verhältnis (ob negativ oder positiv, war mir persönlich übrigens völlig egal) zur Gewalt unterstellt, natürlich mittels ihrer protestantischen Kulturbrille. Das Kreuz und damit die Gewalt haben sie sogar als Zentrum dieser Religion bezeichnet. Wie sie selbst festgestellt haben, war dies aber nur die eine Hälfte. Ich habe dialektisch gesehen, die andere ergänzt bzw. gegenübergestellt.

Die Betonung der katholischen Kirche liegt auf der Aufstehung und nicht so sehr auf dem Kreuz. Damit wird das Kreuz weder negiert noch weggewischt. Es wird nur lediglich artikuliert, das das Kreuz nicht alles und erst recht nicht das Letzte ist.

Hier haben wir wieder diese beiden verschiedenen Kulturen, die zwar zusammengehören, aber unterschiedliche Akzente setzen. Oder um mit dem ehemaligen Protestanten Nietzsche zu sagen: "Dionysos gegen den Gekreuzigten." Dieser kleine Satz bringt für mich das (wie ich denke) protestantische Problem der Überbetonung des Kreuzes (eingeschlossen sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen) auf den Punkt und stellt ihm sogleich mit Dionysos ein (wie ich denke) menschlicheres Gegenmodell gegenüber.

 

An diesem kleinen Beispiel konnte ich hoffentlich nun aufzeigen, welches Problem ich zusammen mit meiner katholischen Kulturbrille mit Ihrem Artikel habe. Er schrammt generell an die eigentlichen Probleme vorbei, weil er sie nicht sieht bzw. sehen kann.

 

Übrigens hätte, was sie auch nicht beachten, Ratzinger den Ansatz "Kreuzigung/Gewalt" in seiner Regensburger Rede, die ich persönlich sehr gut und durchdacht finde, überhaupt nicht bringen können, weil sie von der islamischen Welt nicht verstanden wurden wäre. Für sie ist Jesus nicht am Kreuz gestorben, laut Koran, es schien ihnen (den Beteiligten) nur so. Und da haben wir noch eine ganz andere Gruppe mit ihrer eigenen Kulturbrille und ihrem eigenen Verständnis von Glauben - auch wenn wir alle an denselben Gott Abrahams glauben.

philmus 18.02.2013 | 20:22

Was für ein Gottesbild entsteht,wenn man sich sagt dass die Bibel sowieso nur ein  durch Menschenhand entstandenes Märchenbuch ist,aus dem man aus Maistream-Gründen mal dieses oder jenes weglassen kann?

Ja, was denn nun für eins?

Womöglich ein humaneres, für moderne Zeiten passenderes?

Daß Gottesbilder eine Geschichte haben und sich verändern, können Sie zwar ablehnen, aber wem ist damit geholfen?

Michael Jäger 18.02.2013 | 20:56

Zur Erläuterung also: Der beschreibende Satz, um das erst einmal zu sagen, ist arg zusammengezogen, ausführlicher müßte man schreiben, Ratzinger sei damals, um 1968 herum, durch Erfahrungen geprägt worden, die ihn in eine eher „reaktionäre“ Richtung trieben, so daß er später die alte Liturgie... Während die Studenten ja fast sofort nach 1968 diese Rückkehr zur politischen KPD-Form betrieben haben. Das war aber ebenfalls die Folge davon, daß die Dinge anders gelaufen waren, als sie erwartet hatten: 1967/68 schien etwas Neues zu entstehen, das dann bald, nachdem es sich natürlich nicht gleich durchsetzen konnte, von den Akteuren in einer falschen Fehleranalyse als falsches Spontitum usw. falsch interpretiert wurde. Jedenfalls ging man deshalb zu einer scheinbar bewährte(re)n politischen Form zurück. Das war ein Rückfall und die Akteure erkannten es bald genug, viele nahmen ja dann am grünen Projekt teil.

Das Vergleichbare ist, daß Ratzinger es sich zur Hauptaufgabe machte, sicherheitshalber die Amtspriesterkirche in ihrer überkommenen Form zusammenzuhalten und eben teilweise (Pius-Brüderschaft) sogar zu restaurieren, und daß auch die Studenten sicherheitshalber lieber eine ältere Tradition ausbauen als weiter mit dem neu Entstandenen experimentieren wollten.

Damit wurde „ein historischer Kairos verpaßt“, und er konnte nach Lage der Dinge nur verpaßt werden: Die Kirche war durch das Konzil offen genug geworden, den Dialog mit dem Marxismus zu versuchen, und er wurde teilweise versucht, im Marxismus andererseits war ebenfalls, abseits von den vorhandenen Staats- und Parteibürokratien, eine neue Suchbewegung entstanden. Autoren, die in der KPD-Zeit als häretisch galten oder von vornherein „nicht dazugehörten“ wie Korsch, Reich oder Benjamin, wurden neu gelesen. Rudi Dutschke immerhin war ein Christ. Es gab also auf beiden Seiten Ansätze, die auf die Möglichkeit einer Verbindung der rebellischen mit der religiösen Tradition wiesen, nur waren sie, natürlich, viel zu schwach.

Michael Jäger 18.02.2013 | 21:29

„Die Betonung der katholischen Kirche liegt auf der Aufstehung und nicht so sehr auf dem Kreuz.“ Und in der protestantischen Kirche sei es umgekehrt. Wie wollen Sie das eigentlich belegen? Meine Diagnose ist anders: Beide Kirchen verstehen das Verhältnis von Kreuz und Auferstehung auf dieselbe Weise. Es gibt aber in beiden Kirchen solche, die sich politisch nicht mitverantwortlich fühlen, was oft damit korreliert, daß sie das Kreuz lieber in den Hintergrund treten lassen, und solche, die sich so weit verantwortlich fühlen, daß sie notfalls auch die eigene Haut riskieren; die werden sich dann etwa auf Karl Rahner (Katholik) berufen, der geschrieben hat: "Wer einmal eine sittlich gute Entscheidung auf Leben und Tod getroffen hat, radikal und unversüßt, so daß daraus absolut nichts für ihn herausspringt als die angenommene Güte dieser Entscheidung selbst, der hat darin schon jene Ewigkeit erfahren, die wir hier meinen" und die durchaus nicht "als ein zeitliches Weiterdauern 'hinter' unserem Leben sich hinzieht", oder auf Karl Barth (Protestant), der geschrieben hat, Jesu Christi "wie die aller anderen Menschen einmal geschehene Geschichte bedurfte keiner, auch keiner jenseitigen Ergänzungen und Fortsetzungen". Er hatte ja seine „sittlich gute Entscheidung auf Leben und Tod“ getroffen! Ich persönlich kenne mehr Katholiken, denen das Kreuz vor Augen steht, als Protestanten. Zum Beispiel meinen Freund Ludger Weckel vom Institut für Theologie und Politik, dessen Buch Um des Lebens willen. Zu einer Theologie des Martyriums aus befreiungstheologischer Sicht, Mainz 1998, Sie einmal lesen sollten.

Auch wie Sie schreiben können, es wäre von der islamischen Seite „nicht verstanden worden“, wenn Benedikt vom Kreuz gesprochen hätte, ist mir schleierhaft. Der Islam hat doch die Lehre, daß „der Messias leiden mußte“, gekannt und ihr bewußt widersprochen. Das kann man doch erst einmal respektieren. Das sind keine Heiden, die zu wenig wissen, als daß sie unseren geistigen Höhenflügen folgen könnten. Und vor allem ist dem Islam sehr bewußt, was „Kreuzzüge“ sind. Ich kann ihr Argument nur so verstehen, daß Sie meinen, wenn es schwere Verschiedenheiten der Meinung oder Sichtweise gibt, solle man sie lieber nicht thematisieren. Da lobe ich mir Benedikt! Denn das wenigstens war nicht seine Auffassung.

Kcolk Netsrot 19.02.2013 | 11:09

Hallo Philmus,

 

ja,was entsteht denn dann für ein Gottesbild?

Eines welches ich persönlich ablehnen muss.

Warum?

Weil es mir nicht hilft.

Ich verstehe allerdings nicht,welches "humaneres" Menschenbild entstehen soll als eines,in dem Gott dem Menschen soweit entgegen kommt dass er ihm quasi die Hand entgegenstreckt....sozusagen in "Vorleistung"geht.

Im vorchristlichen-vorpaulinischen- Judentum war dies noch umgekehrt. Da war Gott der,dessen Unmengen an Geboten man peinlichst erfüllen musste um die evt. Chance zu bekommen ein "Gerechter" zu werden...einer wie Abraham,Isaak oder Jakob es waren und dann-erst am Ende-wurde abgerechnet.

Dies ist mit der Ostergeschichte ins Gegenteil gewandelt worden.

Das Urteil steht quasi am Anfang...man muss nur zupacken und sein "Angebot" nutzen und an Ihn glauben.

Abschließend...das Bild des gekreuzigten Jesus ist für viele Christen der Knackpunkt.

Da sehen sie einen der aussah wie sie selbst-einen Menschen,der menschliche Gefühle-wie Angst- hatte(wie in den Evangelien nachzulesen ist)und trotzdem auch göttliche Eigenschaften in sich trug.

Also für mich gibt es kein humaneres Gottesbild.

 

MfG.

 

 

Merkurlino 19.02.2013 | 13:32

In allen Chefetagen, besonders aber im Vatikan, immer dort wo es vermeintlich um größte Macht und Einflussnahme geht, sammeln sich zielgerichtet nur die härtesten Wölfe! Manches Mal offen, meistens aber eher raffiniert versteckt, wird dort innerhalb des eigenen Rudels ständig um die Oben-Position gekämpft und jeder der eine Schwäche zeigt, wird von den anderen angefallen und gerissen. Sanftere Typen werden hier gar nicht zugelassen, sie könnten das böse Spiel um die Macht ja behindern. (Frauenquote? Bitte bloß nicht!)
Das mag nun den Gut-Menschen irritieren! Schauen Sie bitte genau hin:  Der unerbittlich harte Kampf der katholischen Kirche um den Allein-Anspruch in der Welt, zeigt  unwiderlegbar, dass es auch hinter den Kulissen gar nichts anderes ablaufen kann! Wie innen - so außen!
Im Zuge dieser Einsicht wird vieles nun verständlicher: Als bekannt bissiger Wolf wird Josef Ratzinger von den Kardinälen auf den Stuhl Petri gesetzt. Während seiner Amtszeit unterliegt er natürlich deren Beobachtung, er wird ausspioniert, man will ihm Fehler nachweisen. Der kollegialen Bedrohung, der Benedikt nun vermehrt ausgesetzt ist, unterwirft sich der Hardliner aber nicht wirklich. Er geht nicht in die Unten-Position, wird nicht krank wie sein Vorgänger, (vergl. u.a. „Krankheit oder die Angst vor dem Partner“, Frederich). Mitnichten! Als der Druck für ihn zunimmt, begegnet er vielmehr seinen „Brüdern im Herrn“ mit einer gnadenlosen Macht-Finte, die ihn für immer in der Oben-Position halten wird.
In einem Überraschungsangrifft informiert er die Kardinäle von seinem Rücktritt, bringt unwiderruflich dadurch die öffentliche Vorstellung einer Heiligkeit des Petri-Stuhls zum Kippen und setzt somit alle seine potentiellen Nachfolger in ihrem Wunsch nach unbegrenzter Macht und Besonderheit in die Unten-Position. Die Kardinäle schäumen!
Den internen Machtkampf hat Benedikt unfehlbar gewonnen!
Augstein und Blome üben noch.

Mei Nung 20.02.2013 | 22:34

"Die größte Leistung dieses Papstes wird in der Rückbetrachtung sein Rücktritt gewesen sein", hätte ich vor einer Woche noch geschrieben.

Inzwischen denke ich da schon wieder ein wenig anders, angesichts der Tatsache, dass er seinen Rücktritt schon länger geplant hatte und seinen Adlatus Georg Gänswein im Amt des Präfekten lässt.

Er behält also auf alle Fälle noch einen Fuss in der Tür, und damit Einfluß. Und schon sieht seine "große Geste" gleich wieder ganz anders aus.

Aber auch ohne Gänswein hat Ratzinger noch genügend Gefolgsleute im Konklave. Daher , aber nicht nur allein daher, glaube ich kaum, dass die Kirche künftig irgendeine bedeutende Rolle beim Übergang zu einer wie auch immer gearteten neuen Gesellschaft spielen wird

Vielleicht tue ich Ratzinger ja unrecht, und er hat wirklich noch die redliche Absicht ( obwohl nichts danach aussieht!), sein ursprünglich geplantes Projekt durchzuziehen, und zwar sein Anliegen, den Glauben mit Vernunft auf eine festere Basis zu stellen ( aber nicht mit der Vernunft zu versöhnen!) und "der Aufklärung nicht nur nachzugeben, sondern sich an ihre Spitze zu setzen."  (Rainer Stephan in der Süddt. Zeitung vom März 2000:. Im selben Artikel werden sogar Parallelen zwischen Ratzingers Vernunft-Offensive und der Kritischen Theorie von Habermas gezogen.) Ratzingers Satz : "Was ich angreife, ist eine Selbstverschließung der Sprache in ihrer historischen Bedingtheit, in der sie dann gar nicht mehr über sich hinausgreift und ihre Wirklichkeitsfähigkeit verliert.", zeigt zwar seinen hohen intellektuellen Impetus; mit diesem Satz hätte Ratzinger zugleich aber auch sein eigenes Scheitern als Papst beschreiben können. Er war zwar ein Papst des Wortes, aber dennoch nicht wortmächtig.

Es fehlte ihm an Klarheit, bis zuletzt.

Und die war angesichts der Riesenskandale in der Kirche tausendmal wichtiger als sein ureigenes Anliegen.

Und zur Botschaft der Auferstehung bzw Erlösung noch ein Satz von Bertrand Russell: "Das Notwendigste, was die Welt braucht, um glücklich zu werden, ist Einsicht."

Am besten, die selbsternannten Weltbeglücker fangen damit bei sich zuerst an, das wäre ein guter Neubeginn.

 

philmus 20.02.2013 | 23:50

Das ist ja alles gut und schön - nur: warum die ganze Geschichte nur funktioniert, wenn die sog. "Gesetze" buchstäblich befolgt werden und nicht in ihrer historischen Bedingtheit gesehen werden und eventuell relativiert werden, erklären Sie nicht. Sondern weichen ins große Ganze aus.

 

PS es wäre fein, wenn Sie für direkte Antworten die Kommentarfunktion direkt unterm Kommentar benutzen würden - dann erfährt man von der Antwort in den Benachrichtigungen und nicht durch Zufall irgendwann...

El Primero 23.02.2013 | 21:57

Zitat: Aber wenn es anders wäre, hätte „die Welt“ einen Gewinn.

 

Hätte-wäre-wenn, hat es nur leider nicht.

 

Solange es Menschen gibt denen es einfach bequemer ist zu Glauben anstatt zu Wissen, ist dies leider nur ein frommer Wunsch (Vorsicht, Wortspiel ;-) ).

 

Nichts auf dieser Welt hat zu mehr Elend, Leid, Tod und Stagnation geführt als „DER Glaube“, völlig egal welcher Religion angehörig.

 

Nach mehreren Jahrtausenden Menschheitsgeschichte sollte man eigentlich meinen die Menschen hätte daraus gelernt, das Glauben sie mehr ins Verderben führt als aller Unglaube dies je könnte.

Das Problem ist nur, „DER“ Mensch ist nun mal mehrheitlich nicht Rationell genug um zu begreifen, was er sich selber mit Glauben eigentlich antut, und das Tag für Tag.