Simon Reynolds
23.12.2012 | 09:00 5

Diagnose: Retromanie

No Future Simon Reynolds hat das Standardwerk über den Vergangenheitswahn der Popkultur geschrieben. Warum, erzählt er hier

Was hat mich bewogen, ein Buch darüber zu schreiben, dass die Popkultur von ihrer eigenen Vergangenheit besessen ist? Im Verlauf der Nullerjahre ist die Popkultur zunehmend retro geworden. Das gilt nicht nur für die Musik, wo es unzählige Reunion-Touren, Revivals, Deluxe-Neuauflagen und Live-Aufführungen ganzer Album-Klassiker gab. Youtube entwickelte sich zu einem gigantischen Archiv im Netz, die Filmbranche setzte auf Remakes … ganz zu schweigen von obskuren Nischen wie der seltsamen Welt des Retro-Pornos: Alles deutete darauf hin, dass wir krankhaft auf das Gestern fixiert sind. Wenn ich aber eine bestimmte Veröffentlichung nennen müsste, die endgültig den Ausschlag für Retromania gab, so wäre es das Beatles-Remixprojekt Love. Die 26 Songs des Albums wurden 2006 von dem ehemaligen Beatles-Produzenten George Martin und dessen Sohn Giles für das gleichnamige Cirque-du-Soleil-Spektakel in Las Vegas aufgenommen. 130 Alben, Demos und andere Aufnahmen der Fab Four wurden dafür zusammengeschnipselt.

Nacherleben und Nachkaufen

Love wurde als radikale Neubearbeitung gehypt. Dabei war es alles andere als ein interessantes Hörerlebnis: Es klang größtenteils einfach falsch, so wie restaurierte Bilder zu bunt und zu grell aussehen. Aber es führte mich zu der Frage, woher eigentlich der Drang kommt, die Popgeschichte nachzuerleben – und nachzukaufen. Und warum wir digitale Technologien nutzen, um die Vergangenheit neu zu arrangieren und den Anschein von Neuartigkeit zu erwecken.

Retro ist natürlich kein vollkommen neues Phänomen. Revivals und kreative Zerrbilder der Sounds von Gestern waren schon immer Teil der Popkultur. Die gegenwärtige Retromanie unterscheidet sich davon insofern, als dass sie mit etwas einhergeht, was ich „Total Recall“ nenne. Durch das Internet können wir alle Aufnahmen abrufen, und zwar sofort und im Original. Der kreative Spielraum ist dadurch allerdings enger geworden: Fantasievolle Neuauflagen sind doch immer gerade erst durch Fehlinterpretationen und Mutationen entstanden. Man denke nur an frühe Antikenkulte, wie zum Beispiel das Gothic-Revival im 19. Jahrhundert. Die digitalen Technologien werden immer billiger, gleichzeitig wissen wir heute ganz genau, wie bestimmte Aufnahmen entstanden sind. Eine Band kann heute mühelos eins zu eins den Klang einer beliebigen Zeit nachahmen. Sei es der Schlagzeugsound, den Ringo Starr mit Hilfe der Abbey-Road-Techniker erzielte, oder ein bestimmter Synthie-Sound von Kraftwerk: Alles lässt sich reproduzieren.

Was mich bei den Recherchen zu Retromania am meisten irritiert hat, ist das Paradox, dass ausgerechnet die Subkultur am eifrigsten die Vergangenheit umgräbt. Wie kommt es, dass eben jene Leute, die früher allen voran neue Wege beschritten (Typ: Early-Adopter-Boheme), zu Antiquaren und Kuratoren geworden sind? In der Subkultur scheint an die Stelle der Kreativität die Recreativity getreten zu sein: Da wird geborgt und zitiert, hyperreferenzielle Ironie wird mit ehrfürchtiger Nostalgie gemixt.

Ein Teil der Musik, die in diesem Geiste entsteht – von Ariel Pinks Haunted Graffiti bis hin zu dem, was bewusst nostalgisch orientierte Plattenlabels wie Ghost Box und Not Not Fun so machen – gehört mit zum unterhaltsamsten und intellektuell anregendsten, was es zur Zeit gibt. Mein Buch ist kein larmoyanter Abgesang auf qualitativ anspruchsvolle Musik – noch gibt es interessante Talente da draußen. Ich mache mir allerdings Sorgen, dass eine bestimmte Qualität der Musik verschwindet: Das Gefühl, etwas noch nie gehört zu haben. Die Ekstase und Orientierungslosigkeit, die Musik auslöst, die aus dem Nichts zu kommen scheint und auf eine strahlende Zukunft verweist. Oder zumindest auf etwas bislang ungekanntes.

Für junge Musiker scheint die Vergangenheit heute ein wichtigerer Quell der Inspiration zu sein als die Zukunft. Aller Zauber scheint nun von dem auszugehen, was verloren geglaubt wird. Hip ist seit den Nullerjahren, wer etwas findet, das sich neu beackern lässt: Es geht darum, anders abzuleiten – originell zu sein in der eigenen Unoriginalität.

Abhängig wie vom Öl

Die klassischen Ressourcen wie Krautrock oder Acidfolk sind längst abgegraben. Künstler wie Oneohtrix Point Never, Hype Williams oder die LA Vampires plündern deshalb inzwischen den Mainstreampop der Achtziger und Songs von Megastars wie Sade. Der Mainstream von gestern klingt für sie heute bereits exotisch. Doch da auch diese Quellen bald erschöpft sind – die Analogie zur Abhängigkeit des Westens vom Öl liegt auf der Hand – wendet sich die Avantgarde der Vergangenheit anderer Länder zu. Unter den Coolness-Jägern aus Los Angeles wie Ariel Pink oder Puro Instinct ist sowjetische New Wave-Musik der neuste Schrei. Auch die findet man ganz einfach bei Youtube.

Die Retromanie grassiert nicht nur in der Popmusik. Foto-Apps wie Hipstamatic und Instagram verleihen Schnappschüssen die Patina der siebziger und achtziger Jahre. Womit wir beim Kernproblem wären: Wir haben diese ganze futuristische Technik zur Verfügung, die uns alle möglichen Dinge ermöglicht, die uns im Jahr 1972 absolut unglaublich erschienen wären. Und was tun wir? Wir benutzen sie als Zeitmaschine, die uns ins Gestern befördert oder um die Überbleibsel längst vergangener Zeiten neu zu mischen und zu teilen.

Wir leben in der digitalen Zukunft, aber wir stehen unter dem Bann unserer analogen Vergangenheit. Wenn wir irgendwann einmal ins frühe 21. Jahrhundert zurücklauschen, was hören wir dann? Etwas, das diese Epoche geprägt hat? Oder nur reproduzierte antike Sounds und Stil-Denkmäler?

Kommentare (5)

Verwendungszweck 24.12.2012 | 10:19

Pop nimmt das Naheliegende und verarbeitet es zu Spaß. Das war so mit dem Banjo. Das war so mit der E-Gitarre. Und den Synthesizern, Casios und den PC-Studios. Das war so bei Rock, Disco, Punk, Rap und Techno.

Heute schwimmen die Leute in allgegenwärtiger und in endloser Menge vorhandener Musik. Aus dem Wave-Sampling der 90er wurde das Style-Sampling der 0er. Die technische Perfektion der digitalen Musik erweckte das Interesse am Störgeräusch. Die glatten Frequenzgänge der Wiedergabeketten lenkten das Interesse auf Bandgefiltertes.

Das ID3-Tag für dieses Genre existiert seit Eric Kemp die erste Meta-Tag-Erweiterung für MP3-Dateien 1996 programmiert hat: Nummer 71, Lo-Fi.

Zwar gab es schon immer Musiker, die es verstanden, mit den technischen Einschränkungen ihres Equipements bewusst zu spielen, die Rückkopplungen der E-Gitarristen sind eines der lautesten Exempel, aber die bewusste Entscheidung für Lo-Fi für Spaß-Musik, für Pop ist noch nicht durch. Und ich find’s klasse.

Möglich, dass die Pop-Musik heute angelangt ist, wo die Ernste Musik bereits Anfang des letzten Jahrhunderts anlangte. Die naheliegendsten Ideen für konsumerable Musik sind durch und die neuschöpfende Avantgarde schafft es allenfalls noch kleine Nischen initial auszuleuchten.

Neuen Pop wird es erst wieder geben, wenn neue Instrumente erscheinen, neues Equipement für die Erzeugung und die Wiedergabe verfügbar wird. Derzeit schwelgen alle noch in den unübersehbaren Tiefen ihrer MP3-Sammlungen und die witzigen Ideen stürzen von überall und in unbewältigbarer Menge auf die gestandenen und angehenden Pop-Produzenten ein.

Martin Gebauer 24.12.2012 | 15:23

Unter denjenigen Menschen, denen ich im Laufe der Zeit und über die Jahre hinweg, immer wieder begegnete, ist niemand, dessen Bewusstsein sich vom Ich-Ich wegbewegt, sondern ich empfinde, dass jedwedes gegenwärtiges Menschsein, mit sehr wenigen Ausnahmen, festgefahren, in einem System, das es selbst erschaffen hat, - eine postmoderne Mono-Kultur, innerhalb äußerer Vielfältigkeit (Außen-Toleranz, erwirkt gleichzeitig Innen-Intoleranz) in der sich alles, nur um das eigene Ich dreht. Innerhalb des Ich-Ich windet die Retro-Manie, (gesehen aus der Unendlichkeitssymbolik heraus ist festgelegt im System) und zeichnet sich selbst auf, unendlich, wie eine liegende 8, bis das System, bedingt durch einen vom System erzeugten Evolutionären Sprung, eine neue Gestalt zeichnet (annimmt)

Retromanie ist Systembedingt, Teil des postmodernen Systems in dem wir leben und arbeiten und je mehr das postmoderne System “objektiviert“, um so Retro-Manischer die Zeitzpanne in der wir sie (die Retro-Manie) leben bis hin zum Extrem und landen so bei einem Zitat von Heraklit, “dass zum Extrem getriebene Dinge in ihr Gegenteil verkehren, die Harmonie wendet und fließt (schießt) in die entgegengesetzte Richtung bis zum nächsten Extrem (diametrale), wie ein Pendel hin und her schwingend. Das Ich-Ich entwickelt sich hin in einem erweiterten Seinzustand den man “Wir“ nennen wird/kann. Sozialnetzwerke entstehen und lösen das Ich-Ich auf. - Nur nicht in dem Sinne, wie sich Esoteriker das gerne erträumen. Individualität ist, in der jetzt schon eingetretenen Zukunft, destruktiv - und wird folglich (in Zukunft) bestraft werden. Individualität ist jetzt schon subversiv. Eine unheilvolle Zukunft, besonders für diejenigen, die außerhalb des postmodernen Systems aufbegehren, weil Freiheit eine andere Dimension innehat, die nur diejenigen verstehen können, die wissen und fühlen, dass es, etwas nicht erklären kann, was außerhalb der Matrix (Dimension), des leiblich erfahrbaren Systems liegt.

 

Martin Gebauer 24.12.2012 | 15:55

Um meinen Kommentar besser zu verstehen, poste ich hier, ein aktuelles Beispiel:

Internationale Pop-Sensation PSY http://www.nasa.gov/centers/johnson/home/jsc_gangnam_style.html schrieb einen Song namens "Gangnam Style" und machte ein Tanz Musik-Video, das für immer die Herzen und Köpfe von Millionen von Menschen erobert hat. (mittlerweile eine Milliarde)

Johnson Space Center Teammitglieder, darunter Astronaut Clayton Anderson, schlossen sich in dem Video an und tanzen. Etwa eine Woche nach dem ersten Shooting, wurde ein ein-Minuten-Clip produziert. ... Viele weitere Mitarbeiter zeigten Interesse und präsentieren ihre Arbeit bei der NASA und weitere Standorte für Dreharbeiten. Viele Parodien von "Gangnam Style" wurden gemacht, einschließlich Videos von der US Naval Academy, der US Military Academy und Massachusetts Institute of Technology. Aber JSC Schöpfung mit ihren pädagogischen Aspekt, unterscheidet sich von denen. Mit extra Unterstützung von JSC Public Affairs Officer Nicole Cloutier und vielen Dank an die JSC-Team, kann das Video nun auf dem ReelNASA YouTube-Kanal als "NASA Johnson Style (Gangnam Stil gefunden werden . Parody) " Sehen Sie das Video jetzt an: http://go.nasa.gov/ZmRigo

Martin Gebauer 25.12.2012 | 00:16

Gestorben, Sitar Guru Ravi Shankar

In den Vereinigten Staaten, starb Ravi Shankar - der berühmteste indische Musiker, Sitar-Virtuosen und Guru des Beatles-Gitarristen George Harrison. Er starb in der kalifornischen Stadt San Diego im Alter von 92 Jahren, berichtet der Fernsehsender CNN. 

R.Shankar verbracht über 60 Jahre auf der Bühne und verewigte sich im Guinness World Records als der längsten internationalen Karriere. Er war das kreative Spiegelbild die Seele des berühmten Musikfestival "Woodstock" im Jahr 1969. und gab später Konzerte mit dem amerikanischen Geiger und Dirigenten Yehudi Mehuninom. Als Berühmtester Sitaristen wurde er drei Mal mit dem "Grammy" ausgezeichnet und war auch für die Auszeichnung im Jahr 2013 nominiert. Seine Popularität war groß besonders in der Sowjetunion: die Musik R.Shankara, insbesondere, hatte einen erheblichen Einfluss auf die Arbeit der "Aquarium". Darüber hinaus wurde er der Held des Liedes Victor Tsoi "Sitar-Spiel."

Ihn jetzt, zufällig zu hören, auf einer russischen Webseite, durch die Nachricht von seinem Tod, ist für mich, eine kleine Retro-Manie. -Zumindest für den Augenblick.

http://top.rbc.ru/society/12/12/2012/836115.shtml?autoplay