Omar Ashour
12.07.2013 | 06:00 29

Die letzte Machtprobe kommt noch

Ägypten Seit dem Putsch gegen Präsident Mohammed Mursi liegt der Schatten eines Bürgerkriegs über dem aufgewühlten Land. Erinnerungen an Algerien 1992 werden wach

Die letzte Machtprobe kommt noch

Foto: Ed Giles / Getty

Nieder mit der Militärherrschaft“ lautete auf dem Tahrir-Platz die am häufigsten skandierte Forderung, als der Oberste Rat der Streitkräfte (SCAF) nach dem Sturz Hosni Mubaraks das Land regierte. Das ist vorbei. Seit dem 4. Juli wird an gleicher Stelle ein Militärputsch gefeiert. Ein Teil Ägyptens begrüßt die Unterdrückung des anderen. Warum ist der Coup gegen den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Anlass zum Jubel?

Dies zu erklären, hat nur dann einen Sinn, wenn man in Betracht zieht, aus welchen Gruppen sich das Lager der Mursi-Gegner zusammensetzt. Vereinfacht gesagt gibt es vier Hauptakteure: die Armee, die Polizei, die Felol (wie die Eliten aus der Zeit Mubaraks genannt werden) und die „nicht-islamischen revolutionären Kräfte“. Stärkster Matador von allen ist die Armee, ihr Eingreifen ließ die Kräftebalance zugunsten der Mursi-Gegner kippen. Kaum weniger mächtig sind die Felol. Sie verfügen noch immer über gewaltige Ressourcen, über Medienunternehmen und Verbindungen mit staatlichen Institutionen, denen sie größtenteils auch noch angehören. Sie haben einflussreiche regionale und internationale Alliierte. An letzter Stelle stehen die nicht-islamistischen Revolutionäre – mit beschränkten Ressourcen und kaum Waffen, doch voller Enthusiasmus und Energie. Ich erwähne das aus zwei Gründen. Erstens um zu zeigen, dass sich die Generalität zivilen Politikern gegenüber noch immer überlegen fühlen kann. Zweitens soll angedeutet werden, wie sehr sich die Lage verschlechtert haben muss, wenn die gleichen Leute, die einst „Nieder mit der Diktatur“ riefen, heute einen Putsch und eine Junta bejubeln.

Staat im Staat

Wie war dieser Sinneswandel möglich? Entscheidend waren Inkompetenz und unerfüllte Erwartungen. Wie man im Westen sehr wohl weiß, bringt die Demokratie nicht immer die Kompetentesten und Charismatischsten ins Amt. Um Ägyptens wirtschaftliche und politische Konflikte einzudämmen, reicht ein einziges Jahr nicht aus. Doch mit Sicherheit hat Mursi durch sein Verhalten, seine Rhetorik und unverzeihliche Fehler zusätzlich Öl ins Feuer gegossen.

Er erwies sich nicht nur als unfähig, den ökonomischen Kollaps aufzuhalten. Enttäuscht wurde auch die Hoffnung auf eine Regierung der nationalen Einheit, die Menschenrechtsverletzungen aufarbeitet, wie es sie während der Militärherrschaft gab. Noch mehr: Dieser Präsident zeigte sich unwillig, Polizeioffiziere vor Gericht zu stellen, die für Folter und Tod zahlreicher liberaler Aktivisten verantwortlich waren, und er gestand der Armee fast alles zu, was sie verlangte. Deren Wirtschaftsimperium blieb ebenso unangetastet wie das Recht, Land zu konfiszieren, auf Sonderzölle rechnen zu dürfen, Steuerfreiheit zu genießen und über eine nahezu kostenlose Armee wehrpflichtiger Arbeitskräfte zu verfügen.

Felol und die Polizei schlugen gern Kapital aus der legitimen Wut der nicht-islamischen Kräfte und der allgemeinen Empörung über Mursis Unvermögen. Sie annullierten einfach die Ergebnisse von landesweiten freien, fairen und demokratischen Wahlen sowie der Referenden über eine Verfassungserklärung vom März 2011 und eine Verfassung im Dezember 2012. Aus allen diesen Voten gingen stets die gleichen Gewinner hervor, wie sie auch immer dieselben Verlierer hatten, von denen einige unablässig über „Demokratie und Gerechtigkeit“ redeten. Während Mohammed Mursi gestürzt wurde, standen sie hinter Militärchef Abdel Fattah al-Sisi.

Das Muster Türkei

Was wird als Nächstes geschehen? Von einem bestimmten Raster ist auszugehen: Wenn gewählte Organe, die eine gewisse Unterstützung genießen, mit Gewalt beseitigt werden, ist der Kollateralschaden für die Demokratie enorm und beabsichtigt. Es geht demnach um die offene Militärdiktatur oder eine militärische Dominanz der Politik, um einen Bürgerkrieg oder eine Mischung aus diesen Möglichkeiten. Die schlimmsten Szenarien für Ägypten 2013 stellen Algerien 1992 oder Spanien 1936 dar. In beiden Fällen kamen Hunderttausende in blutigen Bürgerkriegen ums Leben. Beide Male wurden sie von Generälen ausgelöst, die eine Demokratisierung durch einen Putsch unterbinden wollten.

Ein anderes Szenario hingegen ergäbe sich durch das Muster Türkei 1997, als eine Gruppe von Generälen des Nationalen Sicherheitsrates (MGK) Premier Necmettin Erbakan schriftlich zum Rücktritt aufforderte. Dessen Regierung wurde gestürzt, aber anders als jetzt in Ägypten das Parlament nicht aufgelöst und die Verfassung nicht außer Kraft gesetzt. Man erlaubte Ablegern von Erbakans Wohlfahrtspartei sogar, an den darauffolgenden Wahlen teilzunehmen. 2002 gewann mit der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) einer dieser Nachfolger die Mehrheit und regiert seither die Türkei.

In Ägypten allerdings ist das Parlament aufgelöst und die Verfassung ausgesetzt. Die Führer der Partei, die vor einem Jahr die Parlamentswahl gewonnen hat, wurden teilweise verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Muslim-Bruderschaft verboten wird. Mit anderen Worten, der Schatten von Algerien 1992 hängt über dem Land. Dort brach der Bürgerkrieg nicht sofort nach dem Putsch im Januar 1992 aus, sondern erst neun Monate später. Wenn General al-Sisi und seine Junta sich verhalten wie einst Khaled Nezzar in Algier, ist mit einer gewaltsamen Kraftprobe zwischen der Armee und den Anhängern Mursis zu rechnen – mit verheerenden Folgen. Die ägyptische Bevölkerung ist dreimal so groß wie die Algeriens in den frühen Neunzigern. Das Land grenzt an instabile Nachbarn wie Libyen und den Sudan, an den Gaza-Streifen und Israel. Alle Parteien haben ihre externen Verbündeten, die sie um Hilfe ersuchen werden.

Wenn es aber der Junta gelingt, den Ausschluss der Muslim-Brüder sowie die politische und mediale Repression rückgängig zu machen, ist auch eine innere Befriedung wie in der Türkei nach 1997 möglich. All dies ist ungewiss. Sicher ist nur, dass die Zukunft der ägyptischen Demokratie alles andere als sicher ist.

Übersetzung Holger Hutt

Kommentare (29)

Sinan A. 12.07.2013 | 10:16

Der droht ja ziemlich unverhohlen. Die Muslim-Brüder sind für ihn völlig selbstverständlich eine legitime Kriegspartei während er die nicht-islamischen Kräfte nicht ernst nimmt, denn die haben ja "kaum Waffen".

Es ist halt immer dasselbe mit den Islamisten. Wenn sie Wahlen gewinnen, reden sie von Demokratie. Wenn nicht, von Bürgerkrieg.

J.Taylor 12.07.2013 | 10:52

Ein guter Freund in Kairo beruhigte mich einmal mit den Worten, dass sich Ägypter nur in dem Punkt einig sind sich nicht einig zu sein. Vielleicht hat er auch damit recht, und wenn, dann wird sich aufgrund der politischen Einzelinteressen der verschiedenen Gruppen, die sich weniger am Gemeinwohl als am eigenen Vorteil zu orientieren scheinen, das Schauspiel noch Jahre mit wechselnden Farben und Regierungen abspielen. Ein Ende ist aus meiner Sicht nicht absehbar, unabhängig davon, wer wem was in Ägypten sagt. Ich sehe dort niemanden, dem das Gemeinwohl wichtiger ist als sein eigenes Interesse.

Hans Springstein 12.07.2013 | 11:16

Hm, da ist z.B. der Islam mit seiner Orientierung auf das Gemeinwohl und der Verpflichtung zu sozialer Gerechtigkeit ...

Das Problem ist bloß, dass auch der Islam politisch benutzt wird, eben von Islamisten, um andere Interessen zu folgen. Das zeigte u.a. Volker Perthes von der regierungsfinanzierten Stiftung Wissenschaft und Politik in einem Interview mit der Wirtschaftswoche: "Islamisten kommen sehr oft aus dem kaufmännischen und gewerblichen Mittelstand. Solche kleinen und mittleren Unternehmer unterscheiden sich natürlich von den eher kosmopolitischen, auf Globalisierung orientierten Unternehmern in diesen Ländern. Sie interessieren sich sehr für die Entwicklung des jeweiligen Hinterlandes außerhalb der Hauptstädte. Sie erstreben einen freien Markt mit wenig Intervention der Behörden und in bestimmten Fällen natürlich auch Kooperation mit entwickelteren Volkswirtschaften, ..."

elisRea 12.07.2013 | 12:09

"Stärkster Matador von allen ist die Armee, ihr Eingreifen ließ die Kräftebalance zugunsten der Mursi-Gegner kippen."

Damit kommt zum Ausdruck, dass es völlig egal ist, wer gewählt wurde und wird, denn die eigentliche Regiertungsmacht wäre in diesem Fall sowieso die Armee.

Soll man sich unter diesen Umständen wundern, wenn viele Ägypter nicht zur Wahl gehen?

".... Zweitens soll angedeutet werden, wie sehr sich die Lage verschlechtert haben muss, wenn die gleichen Leute, die einst „Nieder mit der Diktatur“ riefen, heute einen Putsch und eine Junta bejubeln."

Drei Fragen:

1. Sind es wirklich die gleichen Leute?

2. Für wen hat sich die Lage inwiefern verschlechtert?

3. Was sind die tatsächlichen Ursachen für diese Verschlechterung?

elisRea 12.07.2013 | 12:36

"Wie war dieser Sinneswandel möglich?" 

Mir ist nicht klar, ob tatsächlich ein Sinneswandel statt gefunden hat oder ob hier nicht mehrheitlich Leute agieren, die bereits vor der Wahl gegen die Gruppierungen der Wahlgewinner waren. Aufgrund welcher nachprüfbaren Fakten soll man diese Behauptung für wahr halten?

"Entscheidend waren Inkompetenz und unerfüllte Erwartungen. Wie man im Westen sehr wohl weiß, bringt die Demokratie nicht immer die Kompetentesten und Charismatischsten ins Amt"

Wer beurteilt das und nach welchen Kriterien?

Ich kann mir vorstellen, dass unterschiedliche Leute hinsichtlich von Kompetenz und Charisma anderer, unterschiedliche Auffassungen haben.

"Unerfüllte Erwartungen"? Wer kann in einem so kurzen Zeitraum unter den gegebenen außen- und innenpolitischen Umständen (wessen ) Erwartungen ( und alle) erfüllen? Möglicherweise könnte dies nicht einmal ein absoluter Diktator wie der Papst oder ein sonstiger absoluter Diktator. Jedenfalls nicht, was die Erwartungen aller betrifft.

Das sollte "MAN" im Westen auch wissen. Wenn nicht, kann oder sollte das m.E. den Ägyptern auch egal sein.

"Um Ägyptens wirtschaftliche und politische Konflikte einzudämmen, reicht ein einziges Jahr nicht aus."

Höchstwahrscheinlich ist das so.

"Doch mit Sicherheit hat Mursi durch sein Verhalten, seine Rhetorik und unverzeihliche Fehler zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Er erwies sich nicht nur als unfähig, den ökonomischen Kollaps aufzuhalten. Enttäuscht wurde auch die Hoffnung auf eine Regierung der nationalen Einheit, die Menschenrechtsverletzungen aufarbeitet, wie es sie während der Militärherrschaft gab. Noch mehr: Dieser Präsident zeigte sich unwillig, Polizeioffiziere vor Gericht zu stellen, die für Folter und Tod zahlreicher liberaler Aktivisten verantwortlich waren, und er gestand der Armee fast alles zu, was sie verlangte. Deren Wirtschaftsimperium blieb ebenso unangetastet wie das Recht, Land zu konfiszieren, auf Sonderzölle rechnen zu dürfen, Steuerfreiheit zu genießen und über eine nahezu kostenlose Armee wehrpflichtiger Arbeitskräfte zu verfügen."

Mag sein. Nur ist Mursi weder Gott, noch ein absoluter Monarch bzw. Diktator mit Zauberstab. Und schrieben Sie nicht selbst, dass die Armee und gewisse andere Kräfte die wirklich Mächtigsten in Ägypten seien. Wie soll ein Mann gegen eine solche Übermacht die Dinge, die Sie nennen durchsetzen können, selbst wenn er das wollte?

Fakt ist nach wie vor: es hat eine Wahl gegeben, die in mir bekannten großen Medien als demokratisch bejubelt wurde. Es waren Neuwahlen angekündigt und die hätte man auch durchführen können - wenn man es gewollt hätte. Auch mit Hilfe der Armee und sonstigen Machthabern.

Warum also sollten Neuwahlen NICHT die optimale Lösung sein? Wären die Machtverhältnisse danach möglicherweise nicht die gewesen, die sich mancheiner WERAUCHIMMER gewünscht hätte?

elisRea 12.07.2013 | 12:46

"Die Führer der Partei, die vor einem Jahr die Parlamentswahl gewonnen hat, wurden teilweise verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Muslim-Bruderschaft verboten wird."

Wieso soll kurz nach ihrem Wahlerfolg eine Partei verboten werden, die vorher erlaubt und zur Wahl zugelassen war?

Und wieso nur die Moslembrüder für das Desaster verantwortlich gemacht und nicht ihre Verbündeten.

Was ist mit der salafistischen (islamistisch genannten) "Partei des Lichts"?

J.Taylor 12.07.2013 | 13:04

Der Islam, würde er so gelebt, wie ihn die Mauren vor langer Zeit nach Spanien getragen haben, könnte eine Bereicherung sein, denn ohne den Islam wäre in Europa im Mittelalter keine Wissenschaft entstanden. Leider haben fanatisierte Irre den Islam entdeckt und nutzen ihn als Waffe gegen alles und jeden, der nicht ihrer Meinung ist.

Bleibt das, was man als common minds oder Identität bezeichnen würde. Hier wirkt störend, dass die ägyptische Gesellschaft in Familien und Clans denkt, was die Sicht auf das Ganze erheblich einschränkt.

Hoffnung sehe ich momentan nicht, denn erkennbar niemand wird zum Wohl des Ganzen handeln. Und was nutzt schon ein freier Markt, wenn die Gewinne bei wenigen Menschen akkumuliert werden?

Hans Springstein 12.07.2013 | 13:38

Ja, es gibt anscheinend wenig Anlass zur Hoffnung, aber wir sollten uns nicht endgültig von ihr verabschieden ...

Es gab mal eine Zeit der Hoffnung in der arabischen Welt, auch in Ägypten. Hussein Agha und Robert Malley haben daran in ihrem Text "Der Islamismus lebt auf" in Heft 99 (2012) von Lettre International erinnert: "Ein Video macht die Runde: Nasser erzählt darin der Menge von seiner Begegnung mit dem damaligen Oberhaupt der Muslimbrüder, das ihn bittet, die Frauen zum Tragen des Schleiers zu bringen. Der ägyptische Führer entgegnet: „Trägt Ihre Tochter einen Schleier?“„Nein.“ „Wenn Sie ihre Tochter nicht im Griff haben, wie erwarten Sie dann von mir, Millionen ägyptischer Frauen zu sagen, was sie tun sollen?“ Er lacht, und die Menge lacht mit ihm. Das war Anfang der fünfziger Jahre, vor über einem halben Jahrhundert also. ..."

Sie schreiben aber auch: "Inmitten von Chaos und Ungewißheit haben allein die Islamisten eine vertraute, authentische Vision für die Zukunft zu bieten. Sie mögen ins Schwanken geraten oder gar scheitern – aber wer wird übernehmen? Liberale Kräfte haben keine Tradition und wenig Rückhalt bei der Öffentlichkeit; mit der organisatorischen Aufgabe wären sie überfordert. Die Reste des alten Regimes haben zwar Erfahrung mit Macht, scheinen aber ausgelaugt und erschöpft. Falls die Instabilität sich ausbreitet, falls die wirtschaftliche Not zunehmen sollte, könnten sie von einer Welle der Nostalgie profitieren. ...
Sollten die Muslimbrüder die nationalistischen Gefühle der Bürger nicht ernst genug nehmen, ihre Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit ignorieren oder an der Regierung scheitern, es könnte sich eine Lücke auftun. Dann könnte das nationalistischere progressive Weltbild doch noch ein Comeback erfahren. ..."
Der vollständige Text von Agha und Malley kann bei Interesse in einer anderen Übersetzung auf der Website der Zeitschrift Internationale Politik nachgelesen werden.

Ein interessanter Text zum Aufkommen des (politischen) Islamismus stammt auch von Sahar Khalifa auf qantara.de: "Wer steckt hinter der Burka?"

J.Taylor 12.07.2013 | 14:42

Die Texte werde ich mir ansehen, vielen Dank für die Links.

Bei mir bleibt aus Erfahrungen der letzten Jahre nicht viel Hoffnung, dass die arabischen Staaten bei der schieren Anzahl der religiös fanatisierten Irren in der Gesellschaft einen Weg in die Zukunft finden, der diesen Namen verdient hat. Im Gegenteil würde ich nach 35 Berufsjahren in vielen Krisenländern der Welt eher dafür plädieren die drei monotheistischen Gewaltphilosophien um des friedens willen wegen fortgesetzten Aufruf zum Hass zu verbieten.

tlacuache 12.07.2013 | 15:13

..."in vielen Krisenländern der Welt eher dafür plädieren die drei monotheistischen Gewaltphilosophien um des friedens willen wegen fortgesetzten Aufruf zum Hass zu verbieten"...

Das ist der Schlüssel, aber bei 5 Milliarden Gläubigen oder so hapert es ein wenig am "Willen", das war ein hartes Stück Arbeit der Fundis aller religiösen Gemeinschaften in den letzten Jahren.

;-(

Gruss

Bastian Borstell 12.07.2013 | 18:37

Es erscheint hier sinnvoll, nochmal zu erinnern, was für eine "Demokratie" da vom Militär gestürzt wurde und welche Fernsehsender abgeschaltet wurden:

 

"Aufhebung der Gewaltenteilung

Mursi hat bei der Präsidentschaftswahl im ersten Durchgang 25 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können. Bei der Stichwahl siegte er mit 51 Prozent denkbar knapp und auch nur deshalb, weil das Gros der nicht-islamistischen Wähler den mit dem alten Regime verbandelten Gegenkandidaten Ahmed Shafik um jeden Preis verhindern wollte.

Dennoch ließ Mursi im August 2012, nur sechs Wochen nach seinem Amtsantritt, neben der exekutiven auch die gesamte legislative Macht vom Militärrat auf sich selbst übertragen.[3] Im November 2012 setzte er auch die Judikative außer Kraft und ermächtige sich selbst, jedes Gerichtsurteil per Veto blockieren zu dürfen. Gleichzeitig verbot er den Gerichten, die von ihm erlassenen Dekrete anzufechten.[4] Spätestens jetzt konnte von Demokratie in Ägypten keine Rede mehr sein.

Verfassungsputsch

Es waren die Muslimbrüder und die noch radikaleren Salafisten, die Ende November 2012 den Entwurf einer Verfassung formulierten. Man merkte dies schon an ihrem Artikel 1, der die Bürger Ägyptens nicht länger als „Teil der arabischen Nation“ – wie in der Verfassung von 1971 – sondern als „Teil der arabischen und islamischen Nationen“ definierte, was Angehörige anderer Religionen per se zu Bürger zweiter Klasse machte.[5] „Diese Verfassung möchte aus Ägypten ein neues Afghanistan, ein Saudi-Arabien machen“, klagte der ägyptische Autor Alaa al-Aswani in einem Interview mit der „Zeit“. „Nach dem jetzigen Entwurf dürfen Kopten kein Alkohol trinken, Frauen wären nur halb so viel wert wie Männer, und Schiiten – von denen es zwar nur wenige in Ägypten gibt – würden als vom Glauben Abgefallene gelten, die den Tod verdienen.“[6]

Obwohl der Verfassungsentwurf massive Proteste auslöste, ließ ihn Mursi bereits am 15. Dezember 2012 per Referendum „verabschieden“, wobei die Muslimbrüder alles taten, um die oft analphabetisierte Landbevölkerung zu einem „Ja“ zu veranlassen: Man erklärte Wahlenthaltung und Nein-Stimme zur religiösen Sünde und schüchterte zudem die Besucher der Wahllokale ein. Dennoch lag die Wahlbeteiligung bei lediglich 31 Prozent, von denen nur 64 Prozent der neuen Verfassung zustimmten. Dies bedeutet, dass sich weniger als 20 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung zur neuen Verfassung bekannte.[7]

[...]

Unterdrückung der Meinungsfreiheit

Schon zu Beginn seiner Amtszeit setzte Mursi die Chefredakteure der staatlichen Zeitungen ab. Für die Ernennung neuer Chefredakteure wurde der Schura-Rat, das von der Muslimbruderschaft dominierte Oberhaus des Parlaments, verantwortlich gemacht.[13] Doch auch die nichtstaatlichen Medien hatten zu leiden: Wegen einer angeblichen „Beschädigung des Präsidenten durch gesetzlich strafbare Sätze und Wörter“ wurde eine Ausgabe der oppositionellen Tageszeitung „Al Dustur“ beschlagnahmt. Wegen „Beleidigung“ des Präsidenten wurde gegen den Inhaber eines TV-Senders ein Ausreiseverbot verhängt.[14]

Mehr noch: Gegen den deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad sprach das Regime eine Todesfatwa, aus, die in den Medien der Muslimbruderschaft Verbreitung fand. „Er muss getötet werden, und seine Reue wird nicht akzeptiert“[15], erklärte Assem Abdel Magid, ein Mitglied der Gruppe Al Gamaa al Islamija und radikaler Islamist, den Präsident Mursi nach jener Aussage nicht nur empfing, sondern am 15. Juni 2013 vor laufender Kamera demonstrativ umarmte.[16]" http://www.matthiaskuentzel.de/contents/wer-weint-der-muslimbruderschaft-eine-traene-nach

 

Der Muslimbruderschaft mangelt es grundsätzlich an demokratischen Geist, die Struktur der Partei kann durchaus als faschistoid bezeichnet werden. So berichtet ein Aussteiger:

 

"Die Struktur der Muslimbruderschaft ist pyramidenförmig aufgebaut. Der oberste Führer und das Leitungsbüro stehen an der Spitze und kontrollieren die gesamte Struktur bis in die kleinste Zelle. Das Leitungsbüro ist die dominierende Einheit, die kontrolliert, alle Entscheidungen trifft, plant und mit Außenstehenden verhandelt.

[...]

Die Muslimbruderschaft ist eine Organisation, die auf bedingungslosem Gehorsam beruht. Ein Mitglied kann niemals Nein sagen, weil jede Anordnung aus dem Leitungsbüro als Befehl Gottes verstanden wird.  [Hervorhebung B.B.] Das ist die Ideologie der Muslimbrüder, wie sie Hassan al-Banna festgelegt hat." http://www.welt.de/politik/ausland/article117806369/Verglichen-mit-Muslimbruedern-ist-al-Qaida-armselig.html

 

Nach ihrem Sturz hatten die Muslimbrüder äußerst interessante Theorien, wer denn dahinter stecken würde:

 

"'Muslim Brotherhood claims interim Egyptian president is Jewish'

Washington Post: MB website said Israel, US backed Mansour as part of conspiracy to eventually install ElBaradei as president.
[...]
The Post quoted the article as saying that ElBaradei had turned down an invitation to participate in a conference that denied the Holocaust as "a token gesture offered to the Jews by ElBaradei so that he can become President of the Republic in the fake elections that the military will guard and whose results they will falsify in their interests. All with the approval of America, Israel and the Arabs, of course.”" http://www.jpost.com/Middle-East/Muslim-Brotherhood-claims-interim-Egyptian-president-is-Jewish-318877

 

Solche Theorien lassen natürlich daran zweifeln, ob der Friedensvertrag mit Israel dauerhaft bestand haben könnte. Denn auch die Person Mursi ist da nicht ganz unbefleckt:

 

"Noch hässlicher und noch eindeutiger judenfeindlich hat sich Ägyptens gewählter Präsident Mohammed Morsi ausgedrückt. In einem kürzlich aufgetauchten Video von 2010 bezeichnet Morsi Juden als „Blutsauger und Kriegstreiber und Nachkommen von Affen und Schweinen“. Über Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinenser hatte er in jenen Tagen folgendes zu sagen: „Sie (die Israelis) müssen von ihrem Land vertrieben werden. Deshalb müssen diese Verhandlungen ein für alle Mal aufhören. Alle müssen den Widerstand unterstützen.“ Wohlgemerkt: Noch Ende letzten Jahres hatten viele westliche Medien Morsi noch als "Vermittler" zwischen Israelis und Palästinensern gefeiert; und manche Beobachter schrieben ihm eine Schlüsselrolle auch in künftigen Friedensverhandlungen zu." http://mareikes-nahostblog.blogspot.de/2013/01/die-verpasste-antisemitismus-debatte.html

 

Der Antisemitismus gehört zu den Kernbestandteilen der Ideologie der Muslimbrüder:

 

"Für den Islamismus sollte sich die Neudeutung des Djihad durch Hassan al-Banna als bis heute wirkungsmächtig erweisen. Im Mittelpunkt dieser Deutung steht die Erklärung eines heiligen Krieges, welcher gegen die Ungläubigen geführt werden solle. Die ursprünglich vorherrschende Auffassung einer alleinigen Anstrengung für den Glauben wurde durch al-Banna militärisch umgedeutet. In seinem Artikel „Die Todesindustrie“ von 1938 legt al-Banna dieses Konzept dar. Er glorifiziert dort die „Liebe zum Tod“ und erklärt, dass Gott derjenigen Nation ein stolzes Leben gäbe, welche die Industrie des Todes perfektioniere. Er schaffte damit die ideologische Grundlage für die Opferung durch den Märtyrertod gegen die Feinde des Islam. Ziel dieser lebensverachtenden Agitation waren neben der von ihnen als korrupt und dekadent gebrandmarkten Regierung auch die ägyptischen Juden. Diese lebten bis 1937 in relativer Sicherheit und Wohlstand in Ägypten und gestalteten das politische Leben mit. Doch es begann sich dieser Zustand zu ändern, als die Muslimbrüder 1936 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen. Im Zusammenhang stand dies auch mit einer zunehmend judenfeindlichen öffentlichen Meinung unter Einflussnahme der Nationalsozialisten aus Deutschland. Al-Banna machte sich dabei insbesondere den Konflikt in Palästina geschickt zu Nutze, um seine Idee des Djihad zu propagieren. Der Kampf für ein „judenfreies Palästina“ wurde so für eine islamistische Massenmobilisierung instrumentalisiert.

[...]

Verschwörungsideologischer Antisemitismus
Als wirkungsmächtigster Verfechter dieses islamistischen Antisemitismus entwickelte sich der Muslimbruder Sayyid Qutb. Dieser nahm die djihadistische Idee al-Bannas auf und verband sie noch stärker als zuvor mit den Kampf gegen das „Weltjudentum“ als erklärtem Hauptfeind. Dabei kommt den verschwörungsideologischen Elementen eine zentrale Bedeutung zu. Qutb imaginierte eine „jüdische Verschwörung gegen den Islam“, die er mit Stereotypen des originär europäischen Antisemitismus, wie dem antisemitischen Pamphlet der Protokolle der Weisen von Zion, anreicherte. In seiner bis heute einflussreichen Schrift „Unser Kampf mit den Juden“ von 1950 entwickelte Qutb programmatisch seine antijüdische Ideologie. Er spricht dort von einem Krieg, den die Juden gegen den Islam angezettelt hätten und folgert: „Von ihrem ersten Tag an waren Juden die Feinde der muslimischen Gemeinschaft.“ In ideengeschichtlicher Ähnlichkeit zum völkischen Antisemitismus deutscher Provenienz stellt er eine harmonische gewachsene Gemeinschaft gegen einen vermeintlich zersetzenden Einfluss der „volksfremden“ Juden. Qutb führt in diesem Zusammenhang aus:

 

„In der jüngsten Ära sind Juden an jedem Punkt dieser Erde die Anführer des Kampfes gegen den Islam geworden. […] Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus steckte ein Jude; hinter der Doktrin der animalistischen Sexualität steckte ein Jude; und hinter der Zerstörung der Familie und der Erschütterung der geheiligten Beziehungen in der Gesellschaft steckte ebenfalls ein Jude."

 

Diese wahnhaften Vorwürfe, deren Stereotype aus der NS-Propaganda erschreckend bekannt wirken, sind verbunden mit der antisemitischen Figur des jüdischen Verschwörers, der im geheimen agiert. Dazu heißt es weiter:

 

„Diesen jüdischen Konsens würde man niemals in einem Vertrag oder auf einer offenen Konferenz ausgesprochen finden. Es handelt sich stattdessen um eine stille Übereinkunft zwischen dem einen Agenten und dem anderen hinsichtlich des wichtigen Ziels.“

 

Die Propagierung dieser Dichotomie einer muslimischen Gemeinschaft gegen Juden in der Gesellschaft sollte sich bis heute als dominant für den Diskurs innerhalb der islamischen Welt erweisen. Insbesondere die Vorstellung einer Verschwörung der Juden gegen den Islam wurde ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen common sense. Eine Kontinuität dieser wahnhaften Ideen findet sich heute in der Terrororganisation der Hamas." http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/der-islamismus-der-muslimbruderschaft-und-der-antisemitismus-ein-historischer-ueberblick-2917



"Die Juden werden als das Weltübel par excellence halluziniert und nicht nur für die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg, sondern auch für den Zweiten Weltkrieg, die Ausbeutung der Dritten Welt durch den Imperialismus und den Drogenschmuggel verantwortlich gemacht. Folgerichtig definiert sich die Hamas* als „universelle“ Bewegung und als „Speerspitze und Avantgarde“ im Kampf gegen den „Weltzionismus“, folgerichtig gilt ihr der Djihad gegen Israel als lediglich erste Etappe eines weltweiten islamischen Kriegs, der die Juden vernichten will, um die Welt zu retten.
Die Art und Weise, wie Juden getötet werden, gibt Auskunft auf die Frage, warum sie getötet werden. Es ist diese Ankopplung an eine wahnwitzige Reinheits- und Erlösungsmission, die den Antisemitismus der Islamisten zum eliminatorischen macht, die den Hass auf Juden größer werden lässt, als die Furcht vor dem eigenen Tod und die den suizidalen Massenmorden der Hamas ihr Motiv verleiht. Es ist die Enthumanisierung der Juden und ihre Dämonisierung zum Menschheitsfeind, die Islamisten veranlasst, als „jüdisch“ markierte Menschen unterschiedslos in überfüllten Bussen, Restaurant, Diskotheken, Musicals oder Wolkenkratzern zu töten und jede noch so vage Gelegenheit für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts mit immer neuen Massakern zu torpedieren." http://www.matthiaskuentzel.de/contents/sprache-der-vernichtung

*sowohl die ägyptischen Muslimbrüder als auch die Hamas sind von Sayyid Qutb beeinflusst.

Bastian Borstell 12.07.2013 | 18:57

Hier muss ich Ihnen teilweise beipflichten, die Tatsache aus welchen gesellschaftlichen Klassen die Muslimbruderschaft sich rekrutiert ist im höchsten Maße interessant.

 

An welche historische deutsche Partei errinnert das?

Die Antwort:

nsdap.gif (10760 Byte)

"Wie man diese Grafik lesen soll (Beispiel):

Der Anteil der Arbeiter an den Mitgliedern der NSDAP betrug 28,1 %, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung 45,9 %.

Setzt man ihren Bevölkerungsanteil gleich 100, ergibt sich ein Anteil von 61,2 %. Bei den Selbständigen ergibt das die Zahl 230. Diese Gruppe ist also überrepräsentiert." http://www.floerken.eu/keun/zeitg/ns1930.htm

 

Und nicht nur bei der Zusammensetzung der Mitgliedschaft, sondern auch bei den Wählern gibt es (vermutlich) starke Parallelen:

 

"Fragt man nach der sozialstrukturellen Zusammensetzung der NSDAP-Wählerschaft, so modifiziert und ergänzt die Studie von Falter auch hier unser bisheriges Bild. Die Anfälligkeit der Arbeiter für den Nationalsozialismus war nicht so gering wie gemeinhin angenommen und die der Angestellten nicht so hoch; sie zeigten eine eher „unterdurchschnittliche Sympathie“ für die NSDAP. Lediglich eine Mehrheit des „alten“ Mittelstands, also der (protestantischen) Geschäftsleute, Handwerker und Bauern votierte für die Nazis. Zusammen machte der Anteil des „alten“ und „neuen“ Mittelstands an den NSDAP-Wählern gleichwohl rund sechzig Prozent aus; doch bis zu vierzig Prozent von ihnen kamen aus Arbeiterhaushalten, wobei diese Zählung neben den zumeist gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, die nur in einem geringeren Maße NSDAP wählten, die große Zahl von Landarbeitern einschloß." http://www.zeit.de/1992/13/die-erste-deutsche-volkspartei/komplettansicht

elisRea 12.07.2013 | 19:45

Frage von Forist Schneider:

"Welcher arabische Staat bzw. welche arabischen Staaten haben eigentlich im Völkerbund gegen die Gründung des Staates Israel gestimmt?"

Antwort von Forist B. Borstel:

"Waren das nicht so ziemlich alle?"

Kommentar von Herrn Schneider:

"Der Völkerbund ratifizierte am 24. Juli 1922 die Mandate welche zur Teilung Palästinas führen sollten. Welcher arabische Staat war denn am 24. Juli 1922 Mitglied des Völkerbundes?"

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Frage von Forist Borstel:

"Warum sollte Isreal zulassen sollen, dass einie riesige Anzahl von Arabern ins Land kommt, die zu großent Teilen Israel nur aus den Geschichten ihre Eltern oder Großeltern "kennen" dürften, die die jüdische Besvölkerung wahrscheinlich mojorisieren würden. Warum sollte sich Israel abschaffen und seine Bevölkerung "ausliefern"? [Fettformatierung von mir]

 Antwort von Forist Schneider:

"Ein Großteil der israelischen Einwanderer kannte Israel auch nur aus Geschichten."

Undsoweiterundsofort .....

https://www.freitag.de/autoren/bastian-borstell/die-zwei-staaten-loesung-muss-sein

 

elisRea 12.07.2013 | 20:06

"Vereinfacht gesagt gibt es vier Hauptakteure: die Armee, die Polizei, die Felol (wie die Eliten aus der Zeit Mubaraks genannt werden) und die „nicht-islamischen revolutionären Kräfte“. Stärkster Matador von allen ist die Armee, ihr Eingreifen ließ die Kräftebalance zugunsten der Mursi-Gegner kippen. Kaum weniger mächtig sind die Felol. Sie verfügen noch immer über gewaltige Ressourcen, über Medienunternehmen und Verbindungen mit staatlichen Institutionen, denen sie größtenteils auch noch angehören. Sie haben einflussreiche regionale und internationale Alliierte."

Stimmt das oder stimmt das nicht?

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1. Warum muss bzw. soll die Partei der Moslembrüder verboten werden, bevor es, wenn überhaupt, Neuwahlen gibt?

2. Wenn die Stimmung in der Bevölkerung tatsächlich zu deren Ungunsten umgeschlagen ist und es großen Massen schlechter geht als zuvor, müssten dann nicht auch Massen (statt zu Demonstrationen) zur nächsten Wahl strömen und eben nicht die Moslembrüder wählen?

3. Was wäre gewonnen, wenn die salafistische "Partei des Lichts" die Stimmen der Moslembrüderanhänger bekäme?

elisRea 12.07.2013 | 20:21

Das Problem ist m.E., dass von bestimmten Kräften (und bezahlten Desinformanten) Menschen(gruppen) nach dem Motto: "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte." gegeneinader ausgespielt und aufgehetzt werden, Heteros gegen Homos, Juden gegen Juden, Juden gegen Moslems, Moslems gegen Juden .... alle religiösen und sonstigen Fanatiker gegen Nichtreligiöse, erst recht, wenn diese links sind...

Und das autonome Rechtsradikale Attribute von Linken, Juden, Türken, Arabern, Israelis.... nutzen, um zu täuschen, Verwirrung zu stiften, Chaos zu erzeugen, sich selbst zu tarnen ...

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Von Ihnen erwarte ich eigentlich Engagement für friedliche Konfliktlösungen. Wie komme ich darauf ???

Bastian Borstell 12.07.2013 | 21:38

"Stimmt das oder stimmt das nicht?"

 

In Bezug auf die Säkurlar(er)en Kräfte dürfte das stimmen. Da bin ich mir mit dem Autor sogar einig.

 

"1. Warum muss bzw. soll die Partei der Moslembrüder verboten werden, bevor es, wenn überhaupt, Neuwahlen gibt?"

 

Ob Parteienverbote sinnvoll sind, ist immer ine interessante Frage. Meiner Meinung nach hätte Mubaraks NDP auch nicht verboten werden sollen. Im Demokratieabbau (bzw, Nicht-Aufbau oder Verhinderung) standen die Muslimbrüder der NDP allerdings, wie oben dargelegt, in nichts nach. Keine Gewaltenteilung, alle Macht beim Präsidenten, ein Verfassungsreferendum, an dem viele wegen der religiösen Drohungen wohl nicht teilgenommen haben usw.

 

Die Muslimbrüder bringen außerdem insofern ein Ungleichgewicht ins System, weil sie eine große, straf geführte Organistation mit einem imaginierten Führer, vertreten durch das Leitungsbüro, sind. Nach Verbot der NPD können da wohl nur wenige "mithalten" (oder wollen dies überhaupt).

 

2. Wenn die Stimmung in der Bevölkerung tatsächlich zu deren Ungunsten umgeschlagen ist und es großen Massen schlechter geht als zuvor, müssten dann nicht auch Massen (statt zu Demonstrationen) zur nächsten Wahl strömen und eben nicht die Moslembrüder wählen?

 

Das weiß man nach den nächsten Wahlen.

 

3. Was wäre gewonnen, wenn die salafistische "Partei des Lichts" die Stimmen der Moslembrüderanhänger bekäme?

 

Das wird wohl so nicht passieren. Das Spektrum der Islamisten wird wohl eher weiter zerfallen. So wohl im Lager der Salafisten als auch der Muslimbrüder gibt es gerade Grundsatzdiskussionen, wie mit der Situation umzugehen sei.

Ein "zerlegtes" Islamistenlager macht es wahrscheinlicher, dass sich eine Koalition zwischen (einigen) Islamisten und (einigen) Säkularen bildet. Das wäre wohl dass sinnvollste, um die Wähler der verschiedenen Gruppen zu versöhnen.

Hans Springstein 12.07.2013 | 22:12

Das sehe ich nicht anders: Das Problem ist m.E., dass von bestimmten Kräften (und bezahlten Desinformanten) Menschen(gruppen) nach dem Motto: "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte." gegeneinader ausgespielt und aufgehetzt werden,

Ihre Erwartung an mein Engagement ehrt mich. Ich hoffe, mit keinem meiner Worte hier habe ich den Eindruck erweckt, für eine nichtfriedliche Konfliktlösung zu schreiben. Der Versuch einer friedlichen Lösung der erneut zugespitzten revolutionären Situation hat mich ja nachlesbar erfreut, ganz unabhängig davon, wie das weitergeht und wer da an der Gewaltspirale dreht. Manches Mal beschränke ich mich allerdings auf das Beobachten und Beschreiben und den Versuch der Analyse, da von meinem Engagement per Wort leider nicht abhängt, was aus einem Konflikt wird, wer diesen wie auflöst ...

Bastian Borstell 12.07.2013 | 22:12

Ich glaube, Sie verkürzen die ganze Lage ein wenig.

 

Ein Beispiel für eine weitere Interessensgruppe:

 

Die "Partei des Lichts" wird vor allem von Saudi Arabien und Katar finanziert. Saudi Arabien und Katar wollen Ägypten nun Milliarden geben...

http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-07/aegypten-saudi-arabien-milliarden-hilfe

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1429757/Warum-die-Saudis-Aegyptens-Armee-den-Islamisten-vorziehen

 

Die "islamistisch-republikanischen" Muslimbrüder sind innerhalb der sunnitisch-islamistischen Bewegungen eine starke Konkurrenz für das "islamistisch/salfistische-monarchische" Modell. Von einem Scheitern der Muslimbrüder profitieren die Golfmonarchien vielleicht sogar doppelt:

Das Modell der "demokratischen Muslimbrüder-Theokratie" scheitert in seinem Heimatland Ägypten. Es verliert dadurch an Strahlkraft, denn die Muslimbrüder könnten den Golfmonarchen innenpolitisch gefährlich werden.

Durch die fremdfinanzierte "Partei des Lichts" erhalten die Golfstaaten darüber hinaus vielleicht sogar mehr Einfluss.

 

Ein andere Akteur verliert dadurch eventuell:

Geopolitisch könnten die AKP-Türkei und Ägypten nun wieder auseinanderrücken. Der Einfluss der Türkei, denn die spätfeudaln Herscher gewiss nicht schätzen, wird so zurückgedrängt.

 

Ich glaube nicht, dass Israel einen Bürgerkrieg in Ägypten schätzen würde. Der israelischen Regierung dürfte durchaus klar sein, dass dadurch Waffen in Hände geraten würden, die weitaus israelfeindlicher eingestellt sind als das Militär.

Eine Militärdiktatur könnte eher im Interesse Israels sein. Allerdings dürften die Israelische Regierung wissen, dass das Militär bei den Islamisten im Verdacht steht, eine "zionistische Marionette" zu sein. Langfristig dürften (erfolgreiche) Verhandlungen mit einer zivilen ägyptischen Regierung über eine Fortsetzung der friedlichen Nachbarschaft eher im Interesse Israels sein, was den israelischen Eliten gewiss auch einleuchtet.

 

Zuletzt ist eine Rückkehr zur Militärdiktatur ohne Bürgerkrieg unwahrscheinlich. Aus der derzeitigen Situation erscheinen mir eher zwei andere Möglichkeiten ein, wie sich die Geschichte in Ägypten nun fortsetzen könnte:

"Algerisches Modell": Bürgerkrieg und anschließende (wahrscheinlich Militär-) Diktatur

"(Altes) Türkisches Modell": Säkularisierung und "Modernisierung" unter starken Einfluss "westlich" orientierter Militärs, die in "einem gewissen Rahmen" demokratische Prozesse zu lassen,

 

Im Moment sieht es nach Variante "Türkisches Modell" aus. Hoffen wir, dass es so bleibt.

 

Ein islamistisches Regime wäre aus vielerlei Gründen zu meiden. Wahlen machen noch keine Demokratie. Mursi bzw. die Muslimbrüder waren dabei, ein autokratisches Regime ohne Gewaltenteilung einzuführen und jegliche Ansätze einer bürgerlichen "Zivilgesellschaft" zu beseitigen. Vgl. Mein Beitrag oben: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-letzte-machtprobe-kommt-noch#1373647074525735

 

Auch wenn ich damit z.B. bei EliSrea auf Unverständnis stoße, stelle ich die einfache Frage:

Ist die relativ leichte Verletzung des Rechts einer (auch noch knappen!) Mehrheit auf die (schwach) demokratisch-legitimierte politische Führung schlimmer, als weitreichende Einschränkungen und Unterdrückung der Minderheit?

Bastian Borstell 13.07.2013 | 00:27

Übrigens, viele in der Bewegung, die neben dem Militär am Sturz Mursis beteiligt war, glaubt, Mursi wäre eine Marionette der USA gewesen und das Militär hätte nun die "nationale Souveränität" verteidigt:

 

"

Der Sprecher der Bewegung, Mahmoud Badr, hat recht, wenn er in einem am 26. Juni auf Youtube veröffentlichten Interview mit der Journalistin Dina Hussein sagt: »Tamarod schafft kein Phänomen, es offenbart eines.« Zweifellos ist es ein Phänomen, wenn nahezu jeder Angesprochene sich überzeugen lässt, mitzumachen. Dass die Mehrheit der Ägypter, die eine Unterschrift leisteten, vor allem Mursi loswerden wollte, ist naheliegend. Aber was genau haben die Menschen unterschrieben? Und warum?

 

Mahmoud Badr spricht von Demokratie und Verfassungsmäßigkeit. Eingängig und in einfachen Worten erläutert der 28jährige Journalist das Anliegen der Bewegung: den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Man glaubt ihm, dass er das Gute will. Aber von Demokratie steht gar nichts in dem Aufruf, den die 22 Millionen unterschrieben haben sollen. Auch nichts von verfassungsrechtlicher Ordnung. Die Erfinder der Kampagne haben einen hoch populistischen Text formuliert: Mursi solle das Vertrauen entzogen werden, weil die öffentliche Sicherheit auf den Straßen nicht zurückgekehrt sei, weil die Armee immer noch nicht ihren Platz habe, weil man immer noch im Ausland betteln müsse, weil die Märtyrer der Revolution nicht zu ihrem Recht gekommen seien, weil das Land keine Würde habe, weil die Wirtschaft zusammengebrochen sei und weil Mursi sich den USA unterordne.

[...]

Das Argument, Mursi müsse gehen, weil er sich den Amerikanern unterordne, kann der Armee nicht behagen. Sie bezieht jährlich 1,3 Milliarden US-Dollar Militärhilfe von den USA. Der Friedensvertrag und die Kooperation mit Israel stehen für die Armeeführung nicht zur Debatte. Das dürfte aber der Punkt sein, den Tamarod mit der Kritik an Mursi meint. Der Muslimbruder nahm zwar das Wort »Israel« nicht einmal in den Mund, aber die Kooperation mit israelischen Sicherheitskräften verbesserte sich deutlich im Laufe seiner Präsidentschaft. Das Militär verstärkte die Truppen im Sinai und ging gegen Jihadisten und Schmugglertunnel nach Gaza vor.

 

Der Antiamerikanismus der Oppositionsbewegung ist ihr bedenklichster Programmpunkt. Dahinter verbirgt sich ein diffuser Antiimperialismus und Antisemitismus, der immer den anderen die Schuld gibt. Allein drei von sieben Kritikpunkte an Mursi spielen darauf an: Neben seiner behaupteten Unterordnung unter US-Interessen dürften die meisten Unterzeichner auch die Bettelei im Ausland und die fehlende Würde des Landes mit den USA assoziieren.

 

Über Jahrzehnte haben sich arabische Oppositionelle selbst gelähmt, indem sie immer die USA, den Westen und Israel für ihre Misere verantwortlich machten und erst in zweiter Linie und oft nur sehr leise auch etwas Kritik an Unterdrückung und Korruption durch ihre eigenen Regime übten. Abgesehen davon, dass dieser Antiimperialismus oft auf verdrehten Fakten und Verschwörungstheorien basierte, diente er, selbst wo er Wahrheiten aussprach, allein dazu, nichts zu tun. Wer meint, erst müsse die Weltherrschaft der USA abgeschafft werden, bevor auch nur der kleinste Missstand im eigenen Land behoben werden könne, bleibt politisch bedeutungslos.

[...]

Auch die Muslimbrüder bedienen sich bekanntlich ausgiebig der Xenophobie, Verschwörungstheorien und Israel-Feindlichkeit. Das war allerdings immer schon fester Bestandteil ihrer Ideologie. Dass auch Teile der antiislamistischen Opposition nun wieder darauf zurückgreifen, kann indes nur eines bedeuten: Sie haben die Hoffnung auf Veränderung aufgegeben. So offenbart der Protest vor allem eine diffuse Wut auf die Verhältnisse, an denen man anderen die Schuld gibt. Vor zwei Jahren noch standen Forderungen nach Freiheit, Demokratie und sozialen Verbesserungen im Zentrum der Proteste, die Tamarod-Bewegung jedoch hat bisher vor allem auf rein populistischer Grundlage die Massen versammelt. Ein Fortschritt ist das nicht." http://jungle-world.com/artikel/2013/28/48047.html

 

 

"Natürlich stellen auch Mursis Opponenten keine geschlossene Gruppe dar. Als Verteidigungsminister Abdul Fattah el Sisi die Absetzung Mursis verkündete, saß nicht nur der bekannte Antiamerikaner Mohammed el-Baradei als Vertreter der Liberalen mit im Raum, sondern auch ein Sprecher der salafistischen Al-Nour-Bewegung, die den Sturz von Mursi forderte, weil dieser den „göttlichen“ Gesetze der Scharia zu wenig Bedeutung beigemessen habe.

 

Von einer im westlichen Sinne „progressiven“ Bewegung kann schon gar nicht die Rede sein. So zählte die millionenfach unterstützte Unterschriftenliste der „Tamarrud“-Bewegung, die für den 30. Juni mobilisierte, als eine der Mursi-Sünden dessen vermeintliche „Handlangerdienste für die USA“ mit auf, eine Unterstellung, die den Stellenwert der Verschwörungstheorie auch für dieses Lager illustriert.[2] Es war aber nicht allein die Wirtschaftskrise, die so viele Millionen auf die Straßen trieb, sondern ebenso die Skrupellosigkeit, mit der die Muslimbrüder der ägyptischen Gesellschaft ihrer Vorstellungen aufzuzwingen suchten. Ich möchte nur einige Beispiele für das, was man in Ägypten als Akhwna, als die schleichende „Vermuslimbruderisierung“ bezeichnet, erwähnen." http://www.matthiaskuentzel.de/contents/wer-weint-der-muslimbruderschaft-eine-traene-nach

sven 13.07.2013 | 09:32

Ich möchte an dieser Stelle an einen text von mir erinnern: https://www.freitag.de/autoren/sven/arabische-kindheit-arabischer-winter

Mir scheint, dass die größte Gefahr für diese Region ist, dass das "Opfer" in den Menschen erwacht. Der äußeren Spaltung, Haltlosigkeit und Identitätssuche der Nation folgt das innere Chaos und das innere Chaos beeinflusst an sich natürlich auch den äußeren Rahmen der Nation. Die meisten Ägypter sind als Kind schwer traumatisiert worden, durch elterliche Gewalt. Dies hat Folgen.

elisRea 13.07.2013 | 11:28

Weder ist eine Militärdiktatur noch ein Bürgerkrieg in Ägypten im Interesse von ISRAEL, sondern es ist im Interesse von Kriegsprofiteuren, denen das Wohl und Wehe der Bevölkerung von Israel,  von Ägypten und allen anderen Ländern völlig schnuppe ist.

"Um sich Rohstoffe und Weltmärkte zu sichern ist sie... nunmehr bereit, kleine, sogenannte taktische Atomwaffen ... gegen Befreiungsbewegungen und Länder der Dritten Welt einzusetzen, die selber keine Atomwaffen besitzen....

Die USA weisen Europa die Funktion eines Puffers zu ... "

Daniel Ellsberg, vormaliger Präsidentenberater und Atomkriegsexperte des US-Verteidigungsministeriums, in einer Rede an der TU Berlin am 29.Juni 1981

Gibt es irgendwelche Indizien dafür, dass unser amerikanische Freund damit Recht haben könnte?