Tom Strohschneider
21.12.2011 | 14:51 5

Von Sackgassen und Irrwegen

Historiker Warum die Deutschen? Warum die Juden? Wenn Götz Aly und Hans-Ulrich Wehler streiten, ist an publizistischen Blutgrätschen kein Mangel

Götz Aly und Hans-Ulrich Wehler sind das, was man schrumpfende Großhistoriker nennen könnte – immer noch wortmächtige Exponenten eines Faches, dessen Bedeutung für gesellschaftspolitische Diskurse und feuilletonistische Selbstvergewisserung heute allerdings nur noch ein Schatten früherer Jahre ist. Vielleicht liegt es daran, dass die überragenden Themen der deutschen Historiografie entweder auserzählt erscheinen (Nationalsozialismus) oder sich Apparate der Geschichtspolitik ihrer bemächtigt haben (DDR). Einen Resonanzboden, auf dem das Reden über die Krise, die Möglichkeit einer ökosozialen Zukunft und dergleichen schwingen könnte, haben die hiesigen Historiker derzeit jedenfalls nicht im Angebot.

Was nicht heißt, dass die Zunft nichts zu bereden hätte. Eine späte Rezension Wehlers, der Alys jüngstem Buch über die mentalitätsgeschichtlichen Pfade, die zum Holocaust führten, attestierte, ein „Flop“ zu sein, hat jetzt den Dauerstreit der beiden innig verfeindeten Männer neu entfacht. Es ist ein Zwist, in dem es nicht nur um Fragen der Methode geht, um die richtigen Erklärungen und falschen Schlüsse. Der seit Jahren immer einmal wieder neu geführte Schlagabtausch gründet mehr noch auf einem Generationenkonflikt, auch auf politischer Haltung. Und dabei, was für das Publikum nicht unwichtig ist, geht es stets direkt zu, polemisch, verletzend, justiziabel – kurzum: unterhaltsam.

Aly versucht in Warum die Deutschen? Warum die Juden? (siehe auch hier) die Radikalisierung des deutschen Antisemitismus' mit einem Neid an den gut integrierten, schnell aufsteigenden und sozial wie wirtschaftlich erfolgreichen Juden zu erklären, von dem eine ängstliche, risikoscheue und freiheitsfeindliche Mehrheitsbevölkerung zerfressen war. Wehler wirft ihm vor, jegliche vergleichende Perspektive etwa mit dem Antisemitismus im Frankreich der Dreyfus-Affäre ausgelassen zu haben und die soziale Mobilität im historischen Deutschland ebenso zu unterschätzen wie „die von Hitler inspirierte und durchgesetzte Vernichtungspolitik“, ohne die es einen Holocaust Wehler zufolge nicht gegeben hätte. Alys wissenschaftliches Mantra zielt in die entgegengesetzte Richtung: Ohne eine zur Mittäterschaft an der Vernichtung bereite Mehrheit in Deutschland, ohne all die kleinen Profiteure, wäre Auschwitz nicht geschehen.

Kalter Kaffee, Faktennebel

Man könnte das als interessante wissenschaftliche Kontroverse lesen – wenn es denn in erster Linie eine solche wäre. Dass aber die Verbissenheit, mit der Wehler und Aly sich seit Jahren gegenseitig historiografisches Scheitern nachsagen, rein fachliche Gründe hat, wird niemand glauben. In ihren Streit sind alle möglichen gesellschaftlichen Kontroversen eingeschrieben: Wehler, der die Nazivergangeheit seines Lehrers Theodor Schieder als „moderate Form“ eines „Honoratioren-Antisemitismus“ herunterhängt, nachdem Aly diesen als eifrigen Nazi outete. Aly, der gegen Wehler juristisch vorging, weil der ihm unterstellte, seine Vergangenheit als „Edelmarxist“ ebenso zu verdrängen wie den angeblichen Versuch, den Politologen Alexander Schwan dereinst drohend aus dem Fenster im vierten Stock eines FU-Gebäudes gehalten zu haben. Wehler über Alys Volksstaat: "Kalter Kaffee", "engstirniger Materialismus". Aly über Wehlers vierten Band der Gesellschaftsgeschichte: "Faktennebel", "gescheitert".

Und so geht es auch diesmal weiter. Wehler hat in der Frankfurter Allgemeinen vorgebracht, Aly befinde sich auf einem „neuen Irrweg“. Der so Kritisierte schlägt nun im selben Blatt zurück, Wehler bewege sich „in der Sackgasse“. Das „zentrale Problem“ sieht der nicht mehr ganz so junge in der ahistorischen Zielsetzung des Altmeisters („fleischgewordener Antiliberalismus“): Wehlers Credo sei, Geschichtswissenschaft habe „nach demjenigen Sinn zu fragen, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen“. (Hier verweist Aly auf Bernhard Schlink, der im Sommer einen Essay über "Die Kultur des Denunziatorischen" im Merkur veröffentlicht und darin auch, allerdings eher am Rande, auf Wehler zu sprechen kommt.) Weil aber der Holocaust „unter theoretischen Gesichtspunkten von heute“ alles nur eben keinen „Sinn“ annehmen könne, scheitere Wehler dabei, den Mord an den europäischen Juden historisch zu integrieren. Was Wehler letzten Endes sagen wolle, so Aly: „Weder mein Vorbild Schieder noch meine Verwandten, noch das deutsche Volk haben die Grundlagen mitgeschaffen, die Auschwitz ermöglichten! Wer diese Einbildung pflegt, der braucht sich um die Entstehung des modernen deutschen Antisemitismus nicht zu kümmern, der will es bei Pseudoerklärungen belassen und erträgt es nicht, wenn jemand wie ich feststellt: Doch“.

Man darf auf Wehlers Antwort gespannt sein.

Kommentare (5)

Magda 21.12.2011 | 18:22

Oh herrje, das sind ja Drohkulissen. Die Hintergründe kannte ich in den Details gar nicht. Aber ich neigte in dem Streit eher zu Wehler, obwohl der auch immer so rigoros ist, wenn ich an die Fußnoten-DDR-Debatte denke. Aly mit seiner - nebenher immer mitgelieferten Denunziation des Sozialstaates - will mir noch weniger behagen.

Ich fand Wehlers Hinweis auf die so verschiedenen Wurzeln des Antisemitismus einleuchtend und mir auch erinnerlich aus anderen Hintergründen. Meine eigene Mutter, völlig aktiv antinazististisch, aber katholisch betete die Formel von den Juden, die Jesus ans Kreuz genagelt haben, geläufig runter.

Außerdem: Alys Unterton von den Deutschen, die nur "neidisch" gewesen seien - hat was verkleinernd-kindisches. Überall in allen Ländern wurden Aufsteiger kritisch besehen und erstmal gebremst.
Bei den archaischen Wurzeln, die der Antisemitismus hat, ist Neid ein verhältnismäßig unwesentliches Gefühl. Rivalität spürt man aus Thomas Manns Äußerungen zu Alfred Kerr und nicht nur dazu. Es hat da sicherlich ein gesellschaftliches Klima gegeben, das den deutschen Juden zuviel geistigen Einfluss unterstellte. Aber, das gabs sicherlich auch in anderen Ländern.

Außerdem: Es waren am Ende nicht die gut gestellten und intellektuellen Juden, die das Feindbild abgaben, sondern jene, die es zu nichts gebracht hatten, die "Kaftanjuden" aus Osteuropa mit dem reichen Kindersegen (sic!), die ausgestellt wurden als Gefahr.

Joachim Petrick 21.12.2011 | 18:38

@Tom Strohschneider

Danke für den Artikel!

"Deutschen? Warum die Juden? (siehe auch hier) die Radikalisierung des deutschen Antisemitismus' mit einem Neid an den gut integrierten, schnell aufsteigenden und sozial wie wirtschaftlich erfolgreichen Juden zu erklären, von dem eine ängstliche, risikoscheue und freiheitsfeindliche Mehrheitsbevölkerung zerfressen war"

Was für ein blendend daherkommend verblendeter Satz.
Dabei wurde die Mehrheitsbevölkerung nicht gefragt, ob sie risikoscheu, denn sie lebte täglich voll im Risiko, brauchte die Mehrheitsbevölkerung die Freiheit nicht zu hassen, denn sie hatte keine eigenene Freiheit noch eine Vorstellung von der erworbenen wie angemaßten Freiheit der Anderen?.

Wer aus dem Holocaust hsitorisch wirklich Lehren für unsere Gegenwart und Zukunft ziehen will, wird schnell bei Zusammenhängen des Spannungsbogens von Gläubiger- und Schuldnerstaaten landen und nicht umhin können, anzuerkennen, dass der Holocaust, angesichts allzu bereitwillig vorwärts kooperienrender Administrationen, Regierungen in den vom Deutschen Reich, der Deutschen Wehrmacht besetzen Gebieten, ein euopäische Projekt auf deutschem Ticket war.

Selbst Spanien, das nicht von Hitler besetzt war, schickte zigtausend Juden über Frankreich auf den Transport zur Vernichtung nach Auschwitz.
Wie läuft heute eigentlich die Debatte über den Holocaust in Spanien u. a. europäischen Ländern?

siehe:

12.09.2011 | 13:50
Ein seltsam schräger Historiker, dieser Götz von Aly.
götz_aly aktenverbichtung joschka_fischer das_amt nazismus kriegsverbechen wehrmacht hans_apel reichsbank volksstaat

Historiker Götz Aly erfindet Gründe für Archivvernichtung

koslowski 21.12.2011 | 18:49

Guter Artikel, ich nehme mir vor, das Buch von Aly demnächst zu lesen.
Aber schade, dass Sie die fachlichen Differenzen zwischen Aly und Wehler nur andeuten und die Unterschiede in den Positionen eher auf persönliche Animositäten oder auf Unterschiede der Generationen oder der politischen Haltung zurückführen.
Und schade, dass Sie die Gedanken Alys zur Verantwortung der Sozialdemokratie für die Verbreitung des Neids auf Juden in der Arbeiterbewegung des ausgehenden 19.Jahrhunderts nicht referieren. Der Rezensent der FAZ ( bit.ly/upjdPT ) zitiert:
„Mit den kollektivistischen Begriffen Klasse, Klassenkampf, Klassenhass und Klassenfeind gewöhnten Sozialisten ihre Anhänger an ein politisches Denken und Handeln, das die Eindeutigkeit der Freund-Feind-Optik bevorzugte.“
Er erkennt in der Position Alys den Ausdruck eines neoliberalen Weltbilds und kommt deshalb zu dem Schluss, das Buch wäre besser als „Pamphlet“ der Friedrich-Naumann-Stiftung erschienen, „nur dass die Parteistiftung der FDP, wenn es nach Aly ginge, nicht mehr nach Naumann, dem Autor des „National-sozialen Katechismus“ von 1897, heißen dürfte.“
Wenn Wehler dem jüngeren Kollegen seinen sozialpsychologischen Erklärungsansatz und dessen Betonung der marxistischen Rhetorik für die Komplizenschaft der Deutschen mit dem Holocaust um die Ohren haut, hat er dafür meine Sympathie.

Achtermann 21.12.2011 | 19:06

Der Götz Aly, der ist eitel. Im August dieses Jahres trennte der Kolumnist sich von der Frankfurter Rundschau u.a. mit folgender in der Zeitung veröffentlichten Begründung:

Seit eineinhalb Jahren schreibe ich an dieser Stelle. Nun sind andere dran. Die Kolumne ging mir leicht von der Hand, an Themen fehlte es nie. Warum dann aufhören? Ganz einfach: Am vergangenen Freitag ist mein neues Buch erschienen „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 – 1933“. Es handelt vom speziellen, am Ende mörderischen Antisemitismus der Deutschen. Diese Zeitung hat das Buch in die Tonne getreten, die Süddeutsche Zeitung, der Tagesspiegel, Die Welt, die Mitteldeutsche haben es hoch gelobt.

Wer rumpoltert, wird wahrgenommen. Darauf kommt's an.

www.fr-online.de/meinung/kolumne-ich-mach-dann-mal-pause,1472602,9538904.html