Ulrike Baureithel
07.12.2012 | 15:46 2

Vorboten einer Revolution

Gesundheit Mit den neuen Unisex-Tarifen wird die Private Krankenversicherung für viele noch einmal teurer. Zeigt sich darin bereits das nahende Ende dieses Systems?

Transparenz gehört zu den Tugenden des digitalen Zeitalters. Insbesondere Verbraucher wünschen sich im Angebotsdschungel mehr Übersicht. Doch gerade an Kreuzungen, wo Lebensentscheidungen getroffen werden, ist es mit Wegweisern schlecht bestellt: In der Privaten Krankenversicherung (PKV) buhlen 32 Privatkassen mit 1.567 Tarifkombinationen und 250.000 unterschiedlichen Preisen um die Gunst der Wechselwilligen. Und das Angebot dürfte noch unübersichtlicher werden, wenn ab 21. Dezember die von der EU geforderten Unisex-Tarife gelten, also die Vorgabe, Männer und Frauen in allen Versicherungen gleich zu behandeln.

Welche exakten Folgen der Unisex-Tarif auf das Prämiensystem haben wird, ist noch nicht absehbar. Klar ist aber: Es wird für Frauen nicht wie versprochen wesentlich billiger, für Männer dagegen spürbar teurer werden. Denn die Unternehmen ziehen nicht einfach einen Mittelwert aus den bisherigen Tarifen, sondern kalkulieren andere Faktoren gleich mit, vor allem die sinkenden Zinsen an den Kapitalmärkten.

Weil sie die Verzinsung der Milliarden-Rücklagen für ältere Versicherte nicht mehr mit 3,5 Prozent, sondern nur noch mit 2,75 Prozent ansetzen können, müssen sie höhere Beiträge nehmen. Alleine das schlägt mit sechs bis acht Prozent höheren Prämien zu Buche. Hinzu kommen stetig steigende Ausgaben. Inzwischen nehmen die jährlichen Beitragsschübe Ausmaße an, dass sich die Wolken am privaten Versicherungshimmel bedrohlich zusammenziehen: Mittelfristig könnte die PKV im Sinne der bisherigen Vollversicherung vor dem Aus stehen. Und damit die Zweiklassenmedizin in Deutschland.

Denn auch Versicherte mit bereits laufenden Verträgen müssen sich nächstes Jahr wieder einmal auf Beitragserhöhungen um bis zu 25 Prozent einstellen. Was ursprünglich einmal Zwangsversicherung für Beamte und Selbstständige war oder ein Schnäppchenmodell für junge und gut verdienende Männer, die sich aus der Solidarität der gesetzlichen Krankenversicherung verabschiedeten, wird für viele Versicherte nun immer mehr zu einem Kostenbumerang.

Die Qual der Wahl

Die PKV kalkuliert ihre Prämien nicht nach Einkommen, sondern nach Alter, Krankheitsrisiko und bislang eben auch Geschlecht. Die Beiträge steigen, wenn die Versicherten älter werden. Gar nicht zu reden von der Ehefrau und vom Nachwuchs, die extra abgesichert werden müssen. Da es keine Rückkehrmöglichkeit in die gesetzlichen Kassen gibt, müssen die älter und kränker werdenden Versicherten die exorbitanten Beiträge schultern – oder in den Basistarif wechseln, den die PKV seit 2009 anbieten muss, oft unter Verlust ihrer Altersrückstellungen.

Ganz aktuell haben die Kunden nun erst einmal die Qual der Wahl: Sollen sie in ihrem bisherigen Versicherungsvertrag bleiben oder wechseln? Sollen sie schnell noch einen Vertrag nach bisherigen Bedingungen abschließen oder doch lieber auf Unisex warten? Verunsichert sind aber nicht nur die Kunden. Der Unisex-Tarif hat die seit Jahren schwelende Krise der Branche nur wieder einmal virulent gemacht.

Während die Anbieter in den vorausgegangenen Jahren mit Kampfangeboten den Markt abfischten, bricht das Neugeschäft seit 2012 ein: Im ersten Halbjahr verzeichnete die Branche 15.300 weniger Abschlüsse für Vollversicherte. Zwar versuchen manche Unternehmen noch das Geschäft mit den „Schlussangeboten“ bis Ende Dezember mitzunehmen. Doch an der schwierigen Situation ändert das wohl nichts, auch wenn Verbandschef Volker Leienbach „keine Alternative zum PKV-System“ sieht. Er spielt damit auch auf die „korrektive“ Funktion an, die die Leistungen der Privaten für die gesetzlichen Kassen angeblich haben.

Studie aus dem Giftschrank

Wie die gesetzlichen Krankenversicherungen kämpfen auch die Privaten mit einem älter werdenden, kostspieligeren Kundenstamm. Die Zinsrückgänge für deren Rückstellungen im Verbund mit immer höheren Kosten für die medizinische Versorgung drücken auf die Renditen der Konzerne. Die Ausgaben für Versicherungsleistungen der PKV stiegen vergangenes Jahr um 3,2 Prozent, was gerade noch von einem Plus bei den Einnahmen aufgefangen wurde. Für dieses Jahr erwarten die Versicherer, dass die Ausgaben darüber liegen werden.

Ganz unerwartet dürften die Schwierigkeiten die Privaten nicht treffen. Eine lange im „Giftschrank“ des Bundeswirtschaftsministeriums zurückgehaltene Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) in Berlin bezweifelte schon vor zwei Jahren, dass die PKV auf Dauer wettbewerbsfähig sein kann. Nicht nur zahlen die privaten Unternehmen für vergleichbare Leistungen höhere Preise. Sie können die Kosten auch kaum dämpfen – im Unterschied zu den gesetzlichen Kassen, die durch Kollektivverträge und Mengenrabatte sparen können.

Außerdem hätten die Anbieter, so schrieb IGES damals, in den letzten Jahren aus Wettbewerbsgründen relativ günstige Tarife angeboten mit der Folge, dass die Prämien nun überproportional steigen. Der Basistarif – vergleichbar etwa mit den Leistungen der Gesetzlichen – werde dagegen wenig in Anspruch genommen, zumal dabei die angesparten Altersrückstellungen teilweise verloren gehen. Ein funktionsfähiger Versicherungsmarkt müsse Wechsel jederzeit möglich machen. Bei der PKV sei das nicht gegeben, lautete das kritische Fazit.

Abgesänge aufs System

Dass die Vorstände der gesetzlichen Kassen angesichts der Verwerfungen in der PKV wieder einmal ihre Abschaffung fordern, ist wenig verwunderlich. Barmer-Chef Ulrich Schlenker und AOK-Vorstand Jürgen Graalmann halten die PKV für „nicht lebensfähig“. Norbert Klusen von der Techniker Krankenkasse, der ohnehin gerne mehr operativen Spielraum für die Gesetzlichen hätte, macht sich für die Aufweichung der „starren Grenzen“ zwischen GKV und PKV stark.

Da trifft er sich mit dem gesundheitspolitischen Sprecher der Union, Jens Spahn, der die gesetzlichen Kassen den privaten rechtlich gleichstellen will. Dafür sei es aber notwendig, dass die PKV eine Mindestleistung anbietet und sich künftig auch um das Versorgungsmanagement kümmert.

Die PKV, orakelt dagegen der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, werde „sich selbst abschaffen“. Dass die Unternehmen die ursprünglich positiv gemeinte Unisex-Richtlinie nun offenbar zum Vorwand nehmen, ihre unseriös kalkulierten Tarife zu bereinigen und den Zinsverfall am Markt aufzufangen, gehört zu den Zynismen der Marktwirtschaft. Die Versicherten sollten sich von der Tarifvernebelung nicht verunsichern lassen, raten Verbraucherschützer.

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