Wolfgang Walkiewicz
22.12.2012 | 08:20 10

Das Kaffeehaus als zweite Heimat

Glosse Im City-Café sitzt der Weltgeist jedenfalls nicht mehr. Anmerkungen zum Verfallsprozess des öffentlichen Lebens

Das Kaffeehaus als zweite Heimat

Das Kaffeehaus ist wesentlich mehr als nur ein Ort, um heiße Getränke zu bestellen

Foto: ZFMG

Fabian saß im Café Limberg, trank einen Kognak und machte sich Gedanken“, lesen wir gegen Ende von Erich Kästners Roman Fabian. Ich sitze im City-Café, dem einzigen übrig gebliebenen Café in meiner Stadt (früher gab es fünf), und mache mir ebenfalls Gedanken. Ein Cognac steht nicht auf meinem winzigen Bistrotisch, dafür ein mit gewissen Pausbackenengeln bedruckter Becher. Der Kaffee ist viel zu dünn. Dass ich mir die Finger verbrenne, ist nicht weiter schlimm, denn es gibt hier keine Zeitung, in der zu blättern sich lohnte. Allerdings wird der Stapel Bild auf der Theke über den Sahneschnitten immer dünner.

Nein, ich bin keiner dieser ergrauten Exrevoluzzer, die wie ihre Väter alles mit „früher“ vergleichen. Aber die Gedanken, sie kommen einfach. Darüber, dass zum Beispiel ein Eduard Devrient sich 1839 über die freie und politische Pariser Café-Kultur wunderte, die dem Theatermann für die deutschen Zustände „unerreichbar“ schien. Darüber, dass schon um 1700 ein Coffee-House auf 200 Einwohner kam. Jedes von ihnen bedeutete antifeudale Freigeistigkeit, Liberalismus im besseren Sinne. Ohne Kaffee keine Revolution (und kein Kapitalismus, ich weiß). Ich denke an die kaffee-basierte Kulturentwicklung, zu der auch distinktive Fingerübungen an Untertasse und Henkel gehörten. Der Tisch war oval, die Decke aus weißem Damast. Ein Porzellanschälchen für den Kaffeesatz stand darauf. Platz für viele, auch für den, der allein in der Welt, aber nicht einsam sein wollte: die zweite Heimat also für Journalisten, Schriftsteller, Philosophen, Politiker.

Selbst die konservative „Fraktion“ der Paulskirchenversammlung traf sich im Café Milani. Im selben Jahr 1848 aber entfalteten in patriotische Wallung geratene Bürger Paduas im Café Pedrochi die Tricolore und marschierten ins Risorgimento. Café und Politik – eine, nicht mehr, unendliche Geschichte. Ich denke an die Weimarer Zeit mit ihren Cafés als „Wartesäle der Literatur“ (Hermann Kesten) und natürlich an Sartre und den kaffee-berauschten Geist des Paris von 1968.

Die heroische Phase ist passé. Was geblieben ist, sind Spuren im Privaten: der Morgenkaffee mit seinem Duft und dem Röcheln der neuesten Espressomaschine, das der Marie Antoinette abgerungene Croissant (das Volk isst jetzt statt Brotmischung „Harry’s Aufbackhörnchen“) und die Tageszeitung als Fenster zur klein gewordenen, aber unverstandenen Welt. Und dies trotz und wegen der „deutschen Kaffee-Ideologie“ (Wolfgang Schivelbusch) mit ihrem Kaffeekränzchen als Öffentlichkeitsersatz für die „tüchtige Hausfrau“, ihren Torten und diversen Ersatzkaffees.

Und selbst diese Spuren verschwinden im Nichts. Wie die schönen Tassen. Wie die Zeitungen aus totem Holz. Wie der Qualm von Zigarren. Es gibt keine Bürger mehr. Nicht einmal mehr Kleinbürger. Es gibt Antiraucher-Gesetze. Und es wird weiter gehen. Als nächstes lernen wir: Koffein schadet der Gesundheit. Und gesund ist man, wenn man gerne arbeitet. Ohne Kaffee.

Ja, ich weiß. Wie jeder Nostalgiker habe ich den Fortschritt vergessen: Im City-Café ist zum Beispiel die Bedienung abgeschafft, die Kunden, die nicht mehr Gäste heißen, holen selber ihr Geschirr zum schnellen Verzehr und entsorgen es auch. Und wenn man die Location verlässt, ruft mindestens einer aus dem dreiköpfigen City-Café-Team: Schönen Tach noch!

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 22.12.2012 | 09:28

Ja, damals im Turm von Babel, das Café Revanche ...

"Als die Nachricht eintraf, der König von Spanien sei zum Chef eines deutschen Ulanenregiments ernannt, befand ich mich gerade im Café Revanche in der rue de Strassbourg. (Mit Recht liest man hier das Wort rüde an allen Straßenecken.) Das war ein Hiobstelegramm. Die ältesten Leute trauten ihren Ohren nicht. »Wir sind verrathen!« schrie Alles, »aux armes!« (sprich: aux armes!). Man war wie vom Donner zu Thränen gerührt. Wer sich irgendwie wälzen konnte, wälzte sich zum Bahnhof. Die Fama, welche bekanntlich aus jedem Elephanten einen Dickhäuter macht, hatte den Irrthum verbreitet, der König komme an der Spitze des verliehenen Ulanenregiments nach Paris. Aengstliche Eltern brachten ihre zwei Kinder in Sicherheit. Auf den Straßen rannte Alles wie in einem Irrenhause wild durcheinander, kurz, es herrschte ein unbeschreiblicher Thurm von Babel."

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 3 - Kapitel 10

MopperKopp 22.12.2012 | 13:19

An meine Wiener Kaffeehauszeit erinnere ich mich gerne zurück, insbesondere wegen einer anregenden Durchmischung des Publikums. Diese Geste wird auch in einigen Hauptstädten Deutschlands gepflegt, allerdings handelt es sich um eine verschwindende Minderheit bezogen auf die Gesamtsumme der Kaffeehäuser. Die meisten sind muffige, nach Nikotin stinkende, dunkle, trübe Lokalitäten, mit grauenhafter Innenausstattung, einer Bestuhlung, deren Polsterqualität unzumutbar ist, zerfledderten Zeitungen und einem Publikum, welches ein degoutantes Hautgout verströmt. So gesehen können etwas hellere, nüchterne Kaffeehäuser mit leichten Modifikationen und einer besseren medialen Ausstattung durchaus ein Anknüpfpunkt an das werden, was damalige Kaffeehäuser als Treffpunkt attraktiv machte.

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Ehemaliger Nutzer 22.12.2012 | 20:36

es liegt nicht an der fehlenden Zeit, die könnte man sich nehmen. Es liegt an der Blindheit des Autors, dem gewendeten Zeitgeist, der Gentrifizierung und steigenden Mieten. Die Zusammenhänge benötigten einen eigenen Blog.

Als einer der letzten Bohemiens bzw. Randgruppenkulturstreuner habe ich natürlich einen breiten Zugang und jede Menge Adressen wo die freie Denkungsart noch situiert bzw. logiert.

Dem Beitrag / Autor merkt man an, daß er nicht wirklich weiss worüber er schreibt - ihm fehlt das Gespür, die Kontakte und die Lebensart. Ich treffe, gerade in Berlin, oft genug Leute in der U-Bahn oder auf Plätzen, die mit mir spontan ins Gespräch kommen und mir den einen oder anderen Geheim-Tipp in Sachen Café, Kneipe, Lounge usw. geben.

Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht schlicht darin, daß sich diese schrägen Etablissements nicht mehr für alle als zugänglich zeigen, sondern nur für ausgewählte Kreise.

Mopperkopp bspw hätte keine Chance.

Das hat nichts Elitäres an sich, es ist einfach nur so, daß sich die Szene gegenüber dem weit verbreiteten intellektuellem Flachwichsertum abgeschlossen hat.

Der Nachwuchs ist übrigens leider überwiegend männlich. Die von den intellektuellen Voraussetzungen passenden Frauen von heute sind - im Unterschied zu früher - bildungsmäßig dermaßen überengagiert, humorlos und statusbewusst, daß es ein Kreuz ist.

Dennoch kann der Bohemien auch bei diesen, in deren "schwachen" Stunden mit der inhabitierten Paarung von Intellekt und Eros punkten. Aber mitnehmen in seine Kreise oder gar heranführen an seine künstlerische Arbeit mit anderen zum Quadrat wird er keine.

Aus gutem Grunde.

Johannes Renault 22.12.2012 | 22:07

In Zeiten des zweifelns, ob ich hier richtig sei, lernte ich in einem ziemlich weit im Norden liegenden Cafes nicht nur die Cafe-macherin kennen, sondern auch ihren Freundeskreis. 

Ich kann nur sagen: setzen Sie sich in ein Cafe. Warten Sie zehn Minuten, und alles wird sich finden.

Die äusserlichn Prozeduren mögen sich ändern, das Prinzip der Inkonntakt-nahme wie der des Romanischen-Cafes  nicht.

Viele Skärgården-Bohemians sind seit dem - mit ihren Sektgläsern in den Händen zwischen Felsen im Meer, ziemlich stark am Start.

Da reicht der Kontakt zur einzigen Bediensteten im Halbschatten.

lebowski 23.12.2012 | 22:13

Ihre Wehmut teile ich. Kaffeehäuser waren die letzten Flecken, wo die Müßggänger und die Nutzlosen stundenlang herumsitzen konnten.  In Münster sind die Yuppietränken mit fünfzig verschiedenen Kaffesorten inzwischen weit in der Mehrheit.

@Mopperkopp

Die Kaffeehäuser, von denen hier die Rede ist, hatten traditionell eine miese Innenausstattung. Die Sessel waren durchgesessen und die Stühle hart. So musste es sein.