Red Bavarian

Blog von Red Bavarian

14.10.2010 | 13:30

Rechtsextremismus oder Mitterextremismus?

Der Freitags-Artikel 'Für Diktatur und Führer: Neue Studie zu rechtsextremen Denkmustern' geht auf eine Studie ein, die in mir als Linker sowohl meine Befürchtungen verstärkt, wie auch meinen Widerstandsgeist aktiviert.

Ich habe zunehmend ein historisches Deja-Vu-Gefühl, als wären wir mitten in einer Zeitschleife, die das erste Drittel des 20. Jahrhunderts wiederholt. Freilich ist es keine exakte Wiederholung, aber die Muster decken sich beängstigend. Neben den inneren Denkmustern sind auch die äußeren Sachverhaltsmuster da: multiple Krise, Großkonkurrenzdenken, Krieg, Sozialdarwinismus, Sündenböcke, Rechtsruck.

Es ist heute eine derartige Flut von negativen Entwicklungen, dass ich hier der Prägnanz wegen nicht extra darauf eingehe und auf die informativen und interessanten Nachdenkseiten verweise.

Dort wird auch ein Begriff hervorgehoben: die Gegenöffentlichkeit. Eine Bevölkerung mit einem politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und medialen Bewusstsein für die eigentlichen Probleme und Problemerzeuger. Der Schlüssel zur Lösung ist die breite Bevölkerung. Dergestalt sehe ich einen Begriff und Sachverhalt als essenziell: den Extremismus der Mitte (Mitterextremismus). Siehe dazu den entsprechend interessanten Freitags-Artikel 'Das Fürchten gelehrt'. Weiters interessant ist der Freitags-Artikel 'Das Wuchern der Mitte'.

Da liegt denke ich der Hase im Pfeffer. Mit dem relativ kleinen Prozentsatz der Rechtsextremisten, Linksextremisten und religiösen Fundamentalisten käme eine funktionierende Demokratie zurecht. Wenn eine Demokratie jedoch deutlich mitterextremistisch wird, dann schafft sie sich selber ab. Die Weimarer Republik war dergestalt eine defizitäre Demokratie, die BRD betrachte ich ähnlich.

Eine gefestigte Demokratie ließe sich durch Rechtsextremismus, Linksextremismus und religiösen Fundamentalismus nicht aus den Fugen bringen. Eine gefestigte Demokratie ließe sich auch nicht zu Mitterextremismus hinreißen. Eine gefestigte Demokratie bewahrt sich durch fortlaufendes positives Engagement aller nicht-extremistischen und nicht-fundamentalistischen Bürger.

 
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Kommentare
sozenschreck schrieb am 14.10.2010 um 14:08
@Red Bavarian
...
Eine gefestigte Demokratie bewahrt sich durch fortlaufendes positives Engagement aller nicht-extremistischen und nicht-fundamentalistischen Bürger.
...
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Für ein historisches Déjà-vu Gefühl aus der NS-Zeit sind Sie sicherlich nicht alt genug.
Ihre Déjà-vu Gefühle könnten auch von einer linken Propaganda herrühren, meine ich.
Mitteextremismus soll wohl ein neuer linker Propagandabegriff dazu sein?!
Extrem können nur die Außenseiten politischer Strömungen sein (links- oder rechtsextrem).

Trotzdem stimme ich Ihnen zu, dass eine Demokratie durch Engagement aller nicht-extremistischen und nicht-fundamentalistischen Bürger gewahrt bleiben kann.

Deshalb sehe ich z. B. das extrem linke FC-Geschwurbel vieler Linksextremer auch ganz gelassen.
Ebenso, wie beispielsweise das Rechtsgeschwurbel z. B. im politically incorrect Blog.

Diese extremen und tlw. fundamentalistischen sowie realitätsfernen Ansichten sind nur zu einem relativ kleinen Prozentsatz in der Bevölkerung vorhanden und werden von der (nichtextremen) Mitte locker weggesteckt.

Die Demokratie wird sicher weiterleben!

Gefährdet wird sie nur dann, wenn die Ökonomie versagen sollte oder vielleicht, wenn unsere islamischen Kulturbereicherer erfolgreich unsere Lebensart zerstören oder überfordern würde! :-(
Exilant schrieb am 14.10.2010 um 14:49
@Red Bavarian: Es gibt in der Tat verblueffende Aehnlichkeiten.
Nur, wenn die Demokratie gefestigt waere, gaebe es diesen "Mitterextremismus" nicht. Denn auch die - nach heutigem Sprachgebrauch - "Mitte" der Gesellschaft hatte sich mit Hitler identifiziert.
In den 60er Jahren gab es auch eine enorme Fremdenfeindlichkeit. Italienische Gastarbeiter wurden als "Spaghetti-Fresser" oder "Itaker" diffamiert. Der Unterschied war eben: Es ging staendig wirtschaftlich bergauf.
In der 68er Zeit hatte sich die Arbeiterschaft, im Gegensatz zu ihren franz. Kollegen, zu der herrschenden Politik und der Springer-Presse gesellt - in Frankreich waren sie auf Seite der Studenten.
Was ich zum Ausdruck bringen will: Es ist nach wie vor eine vom Wilhelminismus gepraegte Mentalitaet. Wie anders ist es denn moeglich, dass es "locker vom Hocker" gelingt, HartzIV-Betroffene und Geringverdiener gegeneinander auszuspielen - mit einem Mindestlohn wie in anderen Laendern auch, ginge dies nicht. Und auf der anderen Seite: Die Bevoelkerung haftet fuer die dreistellige Milliardenschulden, insbes. der HRE-Bank - und schweigt.
So gibt es noch andere Beispiele, die man anfuehren koennte.
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