07.08.2011 | 09:15

drübergeschielt – Das geht auf keine Kuhhaut

Zur Not wird in Bayern der Zugang zur Natur freigeschossen, ob sie will oder nicht - eine Story über Rindviecher

Bayern und Naturschutz, das ist ein wirklich ernstes Thema. Gemeinschaftsleben ist das, kulturelle Überlieferung, steht in der Verfassung geschrieben. Und: „Staat und Gemeinde sind verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten“. „Notfalls mit einer Knarre“ wird zwar nicht erwähnt, aber schon mal gern in die Tat umgesetzt. Jüngstes Beispiel: Die Yvonne.

Yvonne („die, die zu kämpfen weiß“) ist eine Kuh. Seit sie vor ein paar Monaten von einem Viehanhänger in Aschau am Inn gesprungen ist und sich in den oberbayerischen Wäldern aufhält, gibt es kaum ein Klischee, das ausgelassen wurde: Für den örtlichen Jägerverband „die Kuh, die ein Reh sein will“, weil sie sich tagsüber im Wald versteckt; für den Gnadenhof Aiderbichl ihre „Rettung ein Symbol und Appell für eine neue Wertschätzung auch unserer sogenannten Nutztiere“; für die Behörden eine “Problemkuh“, weil sie ausgerechnet vor einem Polizeiauto eine Straße überquert hatte. Und da solche Ordnungswidrigkeit mangels Adresse anders nicht geahndet werden kann, droht demnächst endgültige Vollstreckung. Nur unsere Yvonne vom Stamme des Fleckviehs hat sich bisher dazu nicht geäußert.

Spätestens seit Bruno („der Braune“) ist bekannt, dass alle Romantik und Beseeltheit nichts hilft, wenn es dem Menschen vom Stamme der Bajuwaren an die eigene oder die Freiheit seiner zahlenden Gäste geht. Denn als der Problem-Braunbär, der eigentlich Jay-Jay-One hieß, sich 2006 in der Gegend zwischen Oberbayern und Tirol den Spaß erlaubte und bei einer Jagd per Mountain-Bike einfach den Spieß umdrehte, war klar: Freies Betreten der Natur gilt immer für die in knackigen Höschen und geschmackvollen Hemden; auf eigene Gefahr aber nur für die Fauna, vor allem wenn sie Reißer und Klauen trägt. Brunos Fell steht seitdem stumm und ausgestopft im Münchner Museum für Mensch und Natur.

Nun wäre zu behaupten, dass in Bayern auch die Jagd einen besonderen Stellenwert genießt - wenn schon nicht explizit in der Verfassung dann doch als Brauchtum in kultureller Überlieferung. Was folglich auch für Behörden gelten würde. Oder wie wäre sonst die stete Verehrung für den Wilderer Georg („Girgl“) Jennerwein zu erklären. Wenn da nicht der Umstand wäre, dass die Legende um den Problem-Girgl mit seiner Auflehnung gegen damalige Jagdprivilegien und Obrigkeit zu tun hat und das heutige Wildern wiederum Privileg Weniger ist: Per Jet in Sibirien, Nordindien oder in irgendeinem afrikanischen Becken. Die Jagd dagegen, mittlerweile volksnahe in Pachten aufgeteilt, ist Hegeschau, bei der es erlegte Gehörne zu prämieren gilt und in der Sprache der Staatsregierung „angewandter Naturschutz“.

Wir lernen daraus: Das Entstehen von Geschichten, Geschichte und Verfassungen ist öfter eine Viecherei, als es Sommerlöcher oder Hoaxe gibt. In diesem Sinn, Mädel, schwing die Hufe und zeig denen, wo die Zitze hängt. e2m

[In der nächsten Folge: Das revolutionäre Potential von Kuno, dem Killerkarpfen]

zuerst erschienen in die Ausrufer

 
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Kommentare
Magda schrieb am 07.08.2011 um 11:05
ed2murrow schrieb am 07.08.2011 um 11:25
Danke, Magda, für die wechselseitigen Verlinkungen. Leider funktionieren innerhalb von freitag/community pings nicht.
hardob schrieb am 07.08.2011 um 11:06
Da muss man fast froh sein, dass nicht ein freilaufendes Kind auf die Straße vor dem Polizeiauto gelaufen ist.
ed2murrow schrieb am 07.08.2011 um 13:52
Den Eltern kann man doch einen OWi-Wisch zukommen lassen?! Wegen fahrlässigen Nichtanlegens eines Laufgeschirrs oder so.
Schachnerin schrieb am 07.08.2011 um 13:19
Da wird es kompliziert mit der Bewegungsmeldung in der Rinderdatenbank, dem Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere (HIT). Die Kuh stammt aus Österreich und wurde zum Mästen an einen bayerischen Landwirt verkauft. Der österreichische Landwirt hat sie abmelden und der bayerische anmelden müssen. Jetzt muß sie der wieder abmelden und Gut Aiderbichl kann sie nicht anmelden, weil sie nicht bei denen im Stall steht. Die können nur den Tierpaß im Bestandsbuch abheften.
ed2murrow schrieb am 07.08.2011 um 13:51
Eine interessante Variante des Freizügigkeitsprinzips von Schengen: Ausbüxen und Papiere zurücklassen. Gilt bis auf Weiteres nur für Hornträger.
Schachnerin schrieb am 07.08.2011 um 21:36
und der Wolf?
Letztes Jahr ist im Wendelsteingebiet ein Wolf aufgetaucht. Er hat Schafe gerissen. Jetzt ist er nicht mehr da, der Problemwolf.
www.sueddeutsche.de/bayern/bayrischzell-wer-hat-angst-vorm-boesen-wolf-1.1021586
Was macht jetzt die Wolfsbeauftragte?
www.br-online.de/bayerisches-fernsehen/unser-land/landwirtschaft-und-forst-umwelt-wolf-ID1306404458517.xml
ed2murrow schrieb am 07.08.2011 um 22:31
Die Frage ist doch: Wenn eine Kuh zum Problemfall wird (und das in Bayern!), wohin dann mit Auswilderungen?
Bruno war einer von elf, nur zwei sind noch "nachweisbar".

Es soll da eine Werbung geben: Lebe lieber gefährlich ...
luggi schrieb am 07.08.2011 um 22:16
Y. scheint ein schlaues Rindvieh zu sein; das größte freilaufende verblödete Rindvieh in OBB scheint ein gewisser Anton zu sein. Ein Zusammenhang mit einem gewissenlosen Anton Kathrein ist nicht gewollt aber naheliegend.
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