kay.kloetzer

robinson

05.02.2012 | 16:05

Ein Buch, das niemals untergeht

Das gedruckte Buch ist bedroht vom Gerede vom Ende des gedruckten Buches. Da laufen die Leser gedruckter Bücher Gefahr, als die letzten ihrer Art auf die Arche befohlen zu werden. Jeder darf zwei Romane, zwei Krimis, zwei Gedichtsammlungen, zwei Lexikonbände (Buchstaben nach Wahl), zwei Biographien und je ein Buch von Charlotte Roche und Eckart von Hirschhausen bei sich führen.

Doch was, wenn die MS Gutenberg der Küste Beliebiens zu nahekommt? Wenn irgendein  Angeber den Dampfer in flache Gewässer manövriert? Oder wenn ein Shitstorm der E-Book-Reader das meiste über Bord spült?

 Dann gibt es noch diese Errungenschaft der von Normalität überforderten Zivilisation: Das Wannenbuch aus der Edition Wannenbuch. „Originell, kurzweilig und garantiert durchgelesen in 15 Minuten.“ Es ist nicht größer als eine CD, quadratisch, gelb, aus Gummi und hat alles in allem acht Seiten. Es ist zwar schadstofffrei, dennoch „für Kinder ungeeignet“ und übrigens „printet in China“. Also gedruckt, irgendwie. Im Meer der Neuerscheinungen ausgesetzt von der Koch & Strietzel GbR in Chemnitz.

Chemnitz ist ja wirklich sehr seit weg von Spanien. Da kann einem so etwas schon mal einfallen: „Sonne, Sex und Sangria“ nämlich heißt das, nun ja, Buch. Es vermittelt „Spanien-Wissen für die Wanne und den Strand“. Wer braucht denn in der Wanne Spanien-Wissen? Am Strand hingegen kann der Ernstfall schon mal eintreten, sofern es nicht der Strand von Hiddensee ist.

Autor Ramon Barquez ergänzt knallharte Fakten („500 000 deutsche Staatsangehörige leben mindestens drei Monate im Jahr in Spanien“) mit Sprachschätzen für die Praxis: „Quiero salir de aquí. – Ich will hier raus.“ Oder: „Nosotros somos el pueblo. – Wir sind das Volk.“ Knapp wird erklärt, was Tapas sind, wieviele Welterbestätten das Land hat und seit wann Juan Carlos I. König ist. („ A su servicio. – Zu Ihren Diensten.“)

Dieses Buch ist, Literatur-,  Spanien- und  Wannenfreunde werden es bemerkt haben, vor allem Spaß. Genauso wie das gummierte Italienwissen „Pizza, Papst und Panna cotta“, abwaschbare Roman „Yachttrip ins Glück“ oder der unsinkbare Krimi „Blume des Herzens”.

Spaß ist wichtig, wenn alles den Bach runtergeht. Schon, weil er oben schwimmt. Denn wenn alle Strände belegt, alle Witze gemacht, alle Bücher digitalisiert sind, werden wir merken, dass das Wannenbuch noch da ist. Und unsere Tränen werden an ihm abperlen wie Sangria am Stolz der spanischen Krone. „¿Cuánto tiempo más va a tardar? – Wie lange dauert das noch?“

(zuerst unter www.lvz-online.de)

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 17:17
Ja, lesen in der Badewanne,
vielleicht sogar vorlesen,
dagegen verblasst das Paradies von Borges
(aber acht Seiten sind viel zu wenig!)
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 17:17
Ja, lesen in der Badewanne,
vielleicht sogar vorlesen,
dagegen verblasst das Paradies von Borges
(aber acht Seiten sind viel zu wenig!)
kay.kloetzer schrieb am 05.02.2012 um 23:00
so richtig saisonal ist das natürlich nicht. gut wäre jetzt ein buch mit kufen. und wenn man das badezimmer unbeheitz lässt, läuft's auch in der badewanne.
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 23:13
Ist das Badezimmer unbeheizt
nur das heiße Wasser reizt....

knittelt
archie
kay.kloetzer schrieb am 05.02.2012 um 23:35
jaja:
liegt die badewanne tiefer
riecht der latsch sofort nach kiefer

(pardon)
goedzak schrieb am 05.02.2012 um 19:01
Ich habe heute (immerhin ist Sonntag, und dann die Uhrzeit, bald ist TatOrt&-Zeit) noch keine einzige Buch-Zeile gelesen. Ich sprang aus dem Bett, in Tram, Bahn und Bus, verschwatzte eine gute (im doppelten Sinne des Wortes) Stunde mit einer Dame auf dem Hbf. in Leipzig, ging dann was erledigen, und wollte danach, zurück auf dem Bahnhof in der dortigen Ludwig-Buchhandlung das mir von besagter Dame ans Herz gelegte 'Wannenbuch' käuflich als Geschenk erwerben. (Zum eigenen Gebrauch kauft sowas ja kein Mensch, und das wissen die 'Verleger' ja auch, da bin ich mir sicher.) - Leider war es ausverkauft!
(Nee, nee, war jetzt 'n Scherz...:))
kay.kloetzer schrieb am 05.02.2012 um 22:58
ach was. und was hast Du in tram, bahn und bus getan, wenn nicht gelesen? hm? wofür schreiben all die jahre all die autoren all die bücher, wenn Du dann in tram, bahn und bus sagst: nö? das ist der untergang! nur das wannenbuch schwimmt oben ...
goedzak schrieb am 06.02.2012 um 10:35
Ich habe in Tram, Bahn und Bus aus dem Fenster gesehen, die Sonne schien schon so schön. Sonnenbrillen wollen schließlich auch gele..., äh, getragen werden.
h.yuren schrieb am 06.02.2012 um 09:06
was soll ich mit einem wannenbuch, wenn ich in meiner fastwunschwohnung gar keine wanne habe? unter der dusche liest sich so ein wasserfestes werk auch nicht wirklich erquicklich.
von wegen unsinkbar. buch ist doch holz und müsste eigentlich, wenns nicht allzu veredelt ist, schwimmen. das deutsche ist da aber wieder mal etwas verschwommen. es kann bestenfalls an der oberfläche treiben. und das tun die meisten drucksachen ja auch.
im äußersten wilden westen sinkt der stern gutenbergs schon seit längerem. soll ich mir darum nun ein ebook zulegen oder nicht? das ist die hamletfrage.
niederländisch zu "de hamvraag" verkürzt.
paulart schrieb am 06.02.2012 um 13:32
Liebe kay.kloetzer,
sehr schön be- und geschrieben!
Aber ein Buch braucht Blätter, sprich Buchseiten. Zum Umblättern. Sonst wäre es wie ein Baum, dessen Blätter im Herbst nicht von den Ästen fallen können.
Machen Sie mal ein Eselsohr in ein Wannenbuch!
;-)
kay.kloetzer schrieb am 08.02.2012 um 22:01
das ist wohl wahr, das mit dem eselsohr. andererseits: man kann sein ganzes leben lang eselsohren machen, immer wieder, jedes wannenbad ein neues machtspiel ...
Calvani schrieb am 14.02.2012 um 16:07
In meiner Wanne wird nur geträumt, geschäumt, geplätschert... trotzdem: Ein schöner Text, wenn auch über Bücher, die meine Welt nicht braucht.
kay.kloetzer
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Logbuch
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