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Die aktuelle Reformdebatte zwischen Totalrevisions-Rhetorik und Zwangsarbeits-Forderung – unvollständiger Versuch, sich einen Überblick zu verschaffen:
Fünf Jahre nach Inkrafttreten von Hartz IV, dem Kernstück des sozialpolitischen Umbaus der rot-grünen Regierung, pochen Wohlfahrtsverbände auf eine „Totalrevision“, hält die Linkspartei an ihrer Formal „Hartz muss weg“ fest, strebt der nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers eine "Grundrevision" an, denkt dessen Parteifreundin und zuständige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen über eine „Totalveränderung“ nach und werben die Städte und Gemeinden um eine Korrektur des bürokratischen Monsters (mehr unter anderem hier). DGB-Chef Michael Sommer will die Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose und die Ein-Euro-Jobs "auf den Prüfstand" stellen. Wird nun alles besser oder zumindest neu?
Damit ist kaum zu rechnen. Wenn neuerdings von Hartz-Reformen die Rede ist, sind nicht mehr jene gemeint, mit denen die rot-grüne Bundesregierung seit 2002 „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ durchsetzte. Es geht inzwischen um die Reform der Reform - wobei vereinfachend gesprochen die politische Frontlinie zwischen jenen verläuft, die mehr oder weniger deutlich auf re-formatio drängen, also auf eine Wieder-Gestaltung hin zu früher existierenden Regeln. Und die anderen unverhohlen eine Weiterentwicklung, man könnte auch sagen: Verschärfung der Armutsgesetze anpeilen.
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Die Debatte reicht vom Vorschlag des hessischen Berufsprovokateurs Roland Koch für eine Arbeitspflicht bis zur Forderung der Linkspartei („Hartz muss weg“). Sie ist aufgespannt in einem großen Raum, vollgestellt mit den unterschiedlichsten Motiven: Mal geht es um wahlpolitische Sozialfolklore vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, mal um parteipolitische Richtungskämpfe oder die Sorge, klientelistische Steuerentlastungen könnten ohne Absenkung sozialpolitischer Leistungen nicht zu finanzieren sein. Nicht selten treibt aber auch tatsächlich der Wille zur Änderung des grassierende Armutsproblems und seinen herunterziehenden Wirkungen auf den Arbeitsmarkt an - häufig soll freilich auch nur eine „bessere Performance“ der Sozialbürokratie erreicht werden. Kleiner Versuch, sich einen unvollständigen Überblicks zu verschaffen:
„Abteilung Vorurteile“: Nicht nur Roland Koch fordert eine Arbeitspflicht als Gegenleistung öffentliche Unterstützung, ähnliche Vorschläge tauchen immer wieder auf, zuletzt unter anderem vom „Wirtschaftsweisen“ Wolfgang Franz, der zugleich zu einer drastischen Regelsatz-Senkung auf 251 Euro riet. Worum es hier geht, hat CDU-Mann Koch in aller Deutlichkeit erklärt - um eine Art soziale Bestrafung: Man müsse „Instrumente einsetzen, damit niemand das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansieht“. Der Vorstoß hat viel Empörung ausgelöst, DGB-Chef Sommer sagte, offenbar sei Koch „in der Klausurtagung der CDU auserkoren worden, in der ,Abteilung Vorurteile der Stammtische' im Trüben zu fischen“.
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Reform der Reform: Eine große Koalition, die von der FDP bis zur CSU reicht, strebt verschiedene kleinere Korrekturen am Hartz-System an: Dazu gehört unter anderem die Anhebung des Schonvermögens. Dies ist bereits im schwarz-gelben Koalitionsvertrag vereinbart - künftig sollen danach nicht mehr 250, sondern 750 Euro pro Lebensjahr für die Altersvorsorge unantastbar bleiben. Die SPD-Spitze fordert inzwischen eine Lösung, nach der ältere Erwerbslose ihr Vermögen komplett behalten dürfen, wenn sie 30 oder mehr Jahre gearbeitet haben. Allerdings gibt es weitergehende Forderungen aus einigen sozialdemokratischen Landesverbänden - etwa aus Hessen. Agenda-Architekt Frank-Walter Steinmeier hat vorsichtshalber vor einer „Rolle rückwärts“ gewarnt. Auch der Vorstandschef der Nürnberger Arbeitsagentur, CDU-Mitglied Frank-Jürgen Weise, hat vor einem "Totalumbau" gewarnt, weil das die "gute Entwicklung am Arbeitsmarkt" gefährden würde.
Diskutiert wird auch über die Erhöhung der Hinzuverdienstgrenzen - der schleswig-holsteinische FDP-Sozialminister Heiner Gerg beispielsweise wird mit den Worten zitiert: „Wer arbeiten geht, sollte bis zu 50 Prozent seines Verdiensts behalten dürfen.“ Weiterhin steht die Reform der Jobcenter an, die nach einem Urteil des Bundesverfassungsgericht unumgänglich ist. Und schließlich die Anpassung der Hartz-IV-Regelsätze: Bundesarbeitsministerin von der Leyen hat Hoffnungen auf eine rasche Erhöhung gedämpft, man wolle erst den Spruch aus Karlsruhe abwarten. Dieser könnte eine völlig neue Berechnung der Leistungen nach sich ziehen. Die Grüne Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer fordert dagegen eine schnelle Erhöhung, die Forderung wird auch bei Gewerkschaften und der Linkspartei erhoben. Auch die Wohlfahrtsverbände streben eine schnelle Anhebung an - von 359 auf 420 Euro.
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Die Städte und Gemeinden haben vorgeschlagen, die Unterkunftskosten pauschal und entsprechend dem regionalen Mietspiegel inklusive der Nebenkosten festzusetzen. Die Jobcenter, so heißt es, müssten sich dann nicht mehr mit einzelnen Strom- und Gasrechnungen befassen. Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund warnte inzwischen vor zunehmender Altersarmut. Die ohnehin schwierige Lage der Langzeiterwerbslosen verschärfe sich, da sich die Monatsrenten für ein Jahr Bezug von Arbeitslosengeld II nur noch um 2,09 Euro erhöhten - 2009 waren es noch 2,17 Euro.
Alternativen: Die Linkspartei hat vor einer „Aufschiebung der Hartz-IV-Reform bis 2011“ gewarnt. Fraktionsvize Klaus Ernst erklärte: „Das Arbeitslosengeld I muss in der Krise auf 24 Monate verlängert werden, damit weniger Menschen in Hartz IV fallen. Wir brauchen endlich den Mindestlohn. Wenn niemand weniger als zehn Euro pro Stunde verdienen würde, dann wäre sicher gestellt, dass jemand mit einem Vollzeitjob nicht zusätzlich Hartz IV beantragen muss. Gleichzeitig müssen die Hartz IV-Sätze deutlich angehoben werden. Und wir brauchen strengere Regeln für zumutbare Arbeit, damit Arbeitslose nicht mehr gezwungen sind, für jeden Hungerlohn zu arbeiten. Diese Änderungen wären schnell und ohne großen Aufwand umsetzbar. Das ist lediglich eine Frage des politischen Willens.“
Ernst hat allerdings auch darauf hingewiesen, dass letztlich „Hartz IV nicht reformierbar“ sei. In der Linkspartei werden neben Sofort-Forderungen unter anderem zwei sozialpolitischen Alternativen debattiert - eine bedarfsgerechte Grundsicherung und das Bedingungslose Grundeinkommen. Die Grünen „wollen eine wirkliche Grundsicherung“ - mehr dazu hier und hier. Beim DGB findet man diverse Stellungnahmen und Papieren zum Thema Hartz IV. Gleiches gilt für die Sozialverbände - hier beispielswiese zum SOVD, hier beim Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Es gibt selbstverständlich auch weiter gehende Forderungen - etwa aus dem Bündnis der Krisenproteste (mehr hier) und im Umfeld von Attac. Abschließend, und ohne sich der Illusion hinzugeben, dass damit schon alles gesagt wäre, sei an Georg Fülberths "Pink, Grey, Red, Blue - Revolution" erinnert, verstanden als eine erste Etappe einer grundlegenden sozialen Transformation: Eine Umwälzung zugunsten der Jungen, der Rentnern, der von Lohn- oder Transfereinkommen Abhängigen und der Antikriegskräfte, deren ökologische Dimension vorausgesetzt wird. Nachzulesen unter anderem in diesem Sammelband.
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Danke Herr Strohschneider,
Das ist knapp und auf den Punkt der Sachstand. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Die Sündenbock-Rolle, die heute die Hartz-IV-Empfänger spielen, spielten vor wenigen Jahren noch die Sozialhilfe-Empfänger. Das populistische Stereotyp, Arbeitspflicht gegen vermeintliche Faulheit der Hilfeempfänger, ist gleichgeblieben; das charakterlose politische Personal in der Ankläger-Rolle weitgehend auch. Im August 2001 wollte Ministerpräsident Koch die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Hessen per Arbeitsverpflichtung halbieren. Der ihn jetzt kritisierende Sigmar Gabriel antwortete damals als Ministerpräsident Niedersachsens: „Der Vorschlag von Roland Koch zur Kürzung der Sozialhilfe bei Arbeitslosen, die eine Aufnahme von Arbeit verweigern, ist ein alter Hut und wird in Niedersachsen bei unseren Kommunen längst praktiziert“ (Staatskanzlei, 7.8.01).
Gabriels Vorgänger im Amt war bekantlich Gerhard Schröder. Der hatte, um seine Bemühungen, Kanzlerkandidat der SPD zu werden, zu unterstreichen, 1997 einen wirtschaftspolitischen Leitantrag vorgelegt. Darin wird Sozialhilfeempfängern einerseits ein höherer Zuverdienst in Aussicht gestellt, andererseits gesetzlicher Druck angedroht, ihnen angebotene Arbeitsplätze anzunehmen. Der damalige SPD-Parteivorsitzende, Oscar Lafontaine, war ganz auf Linie und unterstrich, dass alle diejenigen, die eine zumutbare Arbeit ablehnen würden, ihren Anspruch auf Unterstützung „verwirken“ würden (SZ, 14.10.97). Einige Jahre später erklärte der inzwischen zum Kanzler gewählte Schröder: „Es gibt in dieser Gesellschaft kein Recht auf Faulheit“ (Mannheimer Morgen, 10.2.2001). Das ließe sich, zwar nicht endlos, aber doch eine ganze Weile fortsetzen. Diese Scheibe wird immer wieder aufgelegt und abgedudelt, die ist so alt wie der Kapitalismus. Christoph Sachße und Florian Tennstedt vermerken für die Situation in deutschen Städten im 16. Jahrhundert: „Nur wer in der Stadt beheimatet und arbeitsunfähig oder unverschuldet arbeitslos war, konnte Unterstützung beanspruchen“. Und für die im 17. und 18. Jahrhundert entstehenden Zucht- und Arbeitshäuser: „Die Disziplinarfunktion der Anstalten zielte keineswegs nur auf die faktischen Insassen, sondern stets vor allem auch auf die potentiellen Züchtlinge und arbeitsfrommen Untertanen draußen“. (Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung, S. 15, 21f.) Die „draußen“ sind heute diejenigen, die „drinnen“ sind, im Arbeitsprozess. Aber die sind „vor allem auch“ gemeint. Die sollen die Angst vor Hartz IV verinnerlichen. Denn auch wenn es für die Finanzeliten schon wieder und weiter bergauf geht, so müssen jene die Zeche der Banker und Spekulanten doch noch abzuarbeiten versuchen. Schön ruhig bleiben, heißt also die Devise: nach oben führt sowieso kein Weg, aber das mögliche Abrutschen in Hartz IV soll gegen sogenannte „soziale Unruhen“ immunisieren. |
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schrieb am
18.01.2010 um 07:53
Eine geschichtlich kompakte Zusammenfassung.
Dazu ein Zitat von Joseph Campbell: "Und ich kann keinen Grund erkennen, warum man annehmen sollte, dass dieselben, oft ge- hörten Motive nicht weiterklingen werden ... genutzt von vernünftigen Menschen zu vernünf- tigen Zwecken oder von Wahnsinnigen zu Unfug und Verderben. (Vorwort zu The Masks of God: Primitive Mythologie) |
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Hallo Tom Strohschneider,
besten Dank für diesen Artikel. Meiner Meinung nach der erste wachsende Artikel aus der Redaktion :) |
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Schön, wenn Fragen beantwortet werden, ohne dass man sie stellen musste.
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Hallo Tom Strohschneider,
vielen Dank für diese verlässliche Angebotspalette in Sachen Agenda 2010/Hartz IV. ich fürchte, es geht gar nicht mehr um Arbeitspflicht, wie diese Roland Koch meint, utrabrutalst einfordern zu müssen, sondern um den Aufbau von konstruierten Argumenten für lokale Arbeitsmarkt Gefahrenlagen, angesichts der Globalsierung im dereguliert monetären wie Dienstleistungbereich von Systemanbietern für den schlagenden Beweis, dass Zwangsarbeit im Namen der Region, der Nation in Zeiten von Konjunkurtälern, Krisen, Kriegen, Katastrophen Not tut. Aus einigermaßen auskömmlichen Löhnen, Gehältern werden so befristet, wie unbefristet "projektbezogen" Niedriglöhne des erbärmlichen Niveaus von Sold auf der Suche nach dem Gold, dem angeblich verschollenen Reichtum der Völker. tschüss JP Joachim Petrick warnt vor dem „gröberen Bruder von Hartz IV“ |
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Lieber Tim Strohschneider,
zwar bin ich beim Lesen von Roland Koch´s Vorschlag ziemlich entsetzt, aber gleichzeitzig dankbar für das wichtige Hartz IV-Summary. Machtpolitisch ist neoliberal leider noch ganz und gar nicht am Ende. Mir kommt das vor wie so ein böser Wolf, der jetzt im kalten Winter ganz laut knurrt und man kann auch nicht davon ausgehen, dass er er damit so schnell wieder aufhört. Für mich war Hartz IV nie ein Sachzwang, es war politisch gewollt. Zwar habe ich nie versucht der FDP zu glauben, aber als ich im letzten Jahr Guido Westerwelle zu seinen Steuersenkungsplänen im Wahlkampf in Reckinghausen sagen hörte, dass ihm niemand erzählen sollte, dass kein Geld für die Steuersenkungsvorhaben der FDP da sind , hat meines Erachtens das neoliberale Raubtier ganz definitiv seine hässliche nur auf Raffgier bedachte Fratze gezeigt. Sie als Zeitung können entgegen dem Print-Mainstream um die Deutungshoheit der Sprache kämpfen und darauf achten, dass diese von der Vernunft und nicht von der neoliberalen Ideologie beherrscht ist, wie sie sie das bisher beim Freitag ja auch in vortrefflicher Weise tun. Dafür ein Extra-Danke. ;O) Herzliche Grüße por Herzliche Grüße por |
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@ alle: da hat sich viel danke hier angesammelt - dafür sag ich dann auch einmal danke.
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Hartz IV ist im Kern verrottet, das größte staatliche Erziehungsprogramm („Fördern und Fordern“) seit dem Ende der DDR gescheitert.
Wahr ist: Unser heutiger Sozialstaat fordert Anwesenheitspflicht und fördert gleichzeitig die Abhängigkeit seiner „Kunden“. Grundrechte bleiben dabei auf der Strecke. Ein Grundeinkommen hingegen wird das Prinzip der Wertschätzung wieder in den Mittelpunkt stellen und die Menschen zur Eigenständigkeit befähigen. „Zuhören statt belehren“ und „bestärken statt beschämen“ sollten die neuen Maximen eines menschengerechten Sozialstaates sein. Wir fordern das Ende des „offenen Strafvollzuges“ und die vorbehaltlose Anerkennung eines jeden Bürgers, als Teil einer Gemeinschaft, die auf Vertrauen und Ermutigung statt Kontrolle und Demütigung setzt! Kölner Initiative Grundeinkommen www.bgekoeln.de |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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